„Ich habe nicht gemerkt, dass die Mannschaft dieses Spiel wo wollte, wie wir es hätten nehmen müssen. Da müssen wir alles hinterfragen und sehen, woran das liegt.“ Das sagte Horst Hrubesch sichtlich desillusioniert nach dem 2:3 beim VfL Osnabrück, der damit nach 13 Spielen das erste Mal wieder zuhause gewinnen konnte. Der HSV war mal wieder ein Serienbrecher. Aber zurück zu Hrubesch, der mit seinen Worten eine klare Botschaft sendete: Diese Mannschaft hat nicht den Charakter, den es braucht, um Erfolg zu haben. Und so ist es leider auch.
Ich werde den heutigen Blog leider nicht sachlich schreiben können. Daher lasse ich das auch und beschreibe nur kurz, wie unfassbar beschämend dieser Augenblick ist. Nicht für mich – aber für jeden einzelnen, der heute für den HSV auf dem Platz stand. Denn wäre ich ein Konkurrent der Osnabrücker im Abstiegskampf, ich würde es Wettbewerbsverzerrung nennen, was der HSV da angeboten hat. Was ein Bakery Jatta in der ersten Halbzeit gezeigt hat, glich einem Offenbarungseid. Selbst der SC Paderborn, für den es nun wirklich um gar nichts mehr ging, war aggressiver als dieser HSV, der seinerseits gewinnen MUSSTE!
Nein! Das war charakterlos. Das war unerträglich schlecht.
19 Punkte in bislang 16 Rückrundenspielen – das darf nicht passieren. Und deshalb habe ich auch absolut keinen Bock, heute noch aufzuschreiben, was „sportlich“ auf dem Platz passiert ist. Stattdessen erkenne ich heute vollständig an, dass der HSV ein Zweitligist ist und das komplett zurecht auch bleibt. Auch, weil Hrubesch heute einen ganz entscheidenden Fehler gemacht hat: Er hat Gideon Jung gebracht. Dass der überhaupt im Kader stand war schon der erste Fehler. Ihn dann aber mit seiner „Null-Bock“-Verweigerungshaktung auch noch zu bringen – Katastrophe. Aber egal wie unterirdisch Jungs Zweikampfverhalten (Lächerlich, wie er bei den Gegentoren hingeht!) ich wäre zu nett, wenn ich jetzt nur Jung an dieser Stelle nennen würde. Denn heute haben alle versagt. Leider auch das Trainerteam.
Die Einzelbewertungen lasse ich mir aber nicht nehmen.
Ulreich: Fehler- und schuldlos an den Gegentoren. Aber mit seinen Unsicherheiten über die sicher auch ein ganz entscheidender Faktor, weshalb der HSV nicht aufsteigt.
Gyamerah: Fiel mir das erste Mal auf, als er ausgewechselt wurde.
Leistner: Als Säulenspieler und Innenverteidiger muss er hinten den Ton angeben und seine Mannschaft sortieren. Das ist ihm in keiner Phase des Spiels gelungen. Hier muss der HSV zur neuen Saison dringend nachbessern.
Heyer: Hippelig, unsouverän, schwach.
Leibold: Der Mannschaftskapitän hat sich komplett versteckt heute. Und nach 30 Minuten schien er schon keine Luft mehr zu haben. Unfassbar! Trotz des Tores war er nach Jung und auf Augenhöhe mit Jatta und Terodde für mich der schwächste Mann auf dem Platz. Alle Osnabrücker mit einberechnet.
Onana: Er wollte, grätschte und machte wenigstens mal Tempo. Das war längst nicht gut heute, aber er war noch einer der besseren – und verletzte sich. Mit seiner Auswechslung (bzw. der folgenden Einwechslung) ging das Spiel endgültig verloren.
Kinsombi: Neben Onana und Meißner einer von Dreien, die wollten. Dass er ausgewechselt wurde, hat mich sehr gewundert. Und er selbst darf es als persönliche Beleidigung werten, dass er raus musste, während Jung trotz seiner Minusleistung auf dem Platz bleiben durfte.
Jatta: Frechheit. Unternahm nicht einmal den Versuch, seiner Mannschaft zu helfen.
Kittel: Er lief, dribbelte, schoss – aber er blieb unglücklich. Führung ist von ihm eh nicht zu erwarten, egal wie oft die Verantwortlichen das auch immer sagen mögen. Seine Qualität ist technisch – war aber heute leider nicht genug zu sehen.
Meißner: Er traf zum zweiten Mal im zweiten Spiel – starke Quote. Er sollte zwingend dabei bleiben und über weitere Spielzeit entwickelt werden. Aus ihm aber jetzt schon einen Hoffnungsträger formen zu wollen, macht mir auch deutlich, wie wenig Potenzial ansonsten in diesem aktuellen HSV steckt.
Terodde: Ich hätte ihn heute gebracht. Er hätte dem HSV sicher helfen können, wenn er mitgespielt hätte. Bitter, dass selbst er beim HSV schlechter wird. Aber es wäre nur zu erwartungsgemäß, wenn er in der neuen Saison wieder zu alter Stärke findet – im neuen Umfeld.
Narey: Bemüht und wirkungslos.
Dudziak: Hat zuletzt gezeigt, dass man sich auf ihn eben nur dann verlasen kann, wenn es gut läuft. Wirkte noch vergleichsweise bemüht, blieb aber komplett ohne gute Szene.
Kwarteng: Er tat mir leid, in so ein Spiel eingewechselt zu werden.
Wintzheimer: Bereitete einen Treffer vor und war damit schon besser als Terodde, Jatta und Kittel zusammen.
Jung: Wäre es nicht schon beschlossene Sache gewesen, hätte man heute allerallerallerallerallerspätestens fordern müssen, dass er den HSV verlässt. Seine Einwechslung war nach seiner Kadernominierung Hrubeschs größter Fehler. Seine Leistung auf dem Platz ist mit Worten nicht ohne Beleidigung zu beschreiben, die Note, die er von mir bekommen würde, gibt es im Benotungssystem gar nicht. So sehr ich ihn als Mensch auch leiden kann, er demonstrierte heute eine Bocklosigkeit, für die er sich schämen sollte! Ich hoffe nur für ihn selbst, dass er ab Sommer bei einem neuen Klub unbefangen einen Neuanfang machen kann. Denn in der aktuellen Form ist er nicht Profifußball-tauglich.
Und damit beende ich das Dilemma für heute. Was für ein Sch….tag!
Wie gern hätte ich morgen eine Auswärtscouch angeboten. An einem so spannenden wie wichtigen Spieltag macht es einfach mehr Spaß, in einer Gruppe gleichgesinnter Freunde zu schauen. Dazu ein paar Kaltgetränke und dann – Fußball in Reinkultur. Zwar auf Zweitliganiveau und nicht wie heute auf Erstligaebene. Aber eben auf andere Art interessant, denn Horst Hrubesch und seine Jungs haben noch immer die Resthoffnung, einen Relegationsplatz zu erreichen. Wobei das auf der einen Seite nur bei eigenen Siegen möglich ist, aber selbst dann noch nicht, wenn die Konkurrenz nicht patzt. Oder anders formuliert: Wenn an diesem Spieltag der SC Paderborn nicht Fürth Punkte abnimmt. Denn die Spielvereinigung hat noch drei Punkte Vorsprung auf den HSV und kann sowohl noch den direkten Aufstiegsplatz wie auch einen Nichtaufstiegsplatz erreichen. „Wir wollen das verhindern, wollen gewinnen. Auch die Spieler wollen sich mit Sieg verabschieden. Wir müssen Vollgas geben, gegen eine spielerisch gute Mannschaft, die sehr kontinuierlich gespielt hat.“
Hamburgs größter Hoffnungsträger ist ausgerechnet einer, der dem HSV gerade in Sachen Trainerjob einen Korb gegeben hat: Steffen Baumgart. Der bekennende HSV-Sympathisant („Der HSV war in meiner Kindheit mein Verein aus dem Westen. Seit 1980 fiebere ich da auch immer etwas mit, habe mich dem Verein immer sehr nah gefühlt.“) wird sich nicht wie von den HSV-Verantwortlichen gewollt dem HSV anschließen, sondern ab der neuen Saison als Trainer des 1. FC Köln arbeiten. Vorher aber will er seinen Abschied aus Paderborn mit Bravour und dementsprechend einem Sieg gegen Fürth angehen. Und trotz der Tatsache, dass es für den SCP tabellarisch um fast nichts mehr geht, hat Baumgarts eine klare Ansage an alle beim SC Paderborn vor dem letzten Heimspiel der Saison: „Wir haben die Pflicht, alles für den SC Paderborn rauszuhauen.“
Paderborn verspricht Einsatz bis zum Schluss
Das alles wird dem HSV allerdings nicht helfen, wenn er seinerseits seine Hausaufgaben nicht macht. Und dasc wird schwer genug beim VfL Osnabrück, der nach 13 punktlosen Spielen zuhause gegen den HSV seinerseits nicht nur einen guten Abschied von der heimischen Bremer Brücke gestalten, sondern zudem versuchen will, den Abstieg doch noch zu vermeiden. Und das ist bei nur einem Punkt Rückstand auf sowohl den Relegationsplatz (Eintracht Braunschweig) als auch den ersten Nichtabstiegsrang (SV Sandhausen) absokut noch realistisch. Von daher: Auch diese Konstellation verspricht Spannung.
Weniger spannend ist indes die Startaufstellung des HSV, aus der Horst Hrubesch gar nicht erst ein Geheimnis machen will. Wie schon vor dem Nürnberg-Spiel hat der 70-Jährige auch diesmal der Mannschaft schon zwei Tage vor dem Spiel die Aufstellung verraten. Und die sieht die Startelf der vergangenen Woche inklusiver Jan Gyamerah als positionsgetreuen Ersatz für den verletzten Josha Vagnoman vor.
Nebenbei: Genau diese Art des Machens ersetzt für mich in Perfektion das viele Gerede aller Hrubesch-Vorgänger. Denn während alle Trainer beim HSV zuletzt nimmermüde den (sinngemäß nicht mal falschen) Satz „wir müssen nur auf uns schauen“ raushauten, macht Hrubesch das. Er demonstriert mit der offengelegten Aufstellung nicht nur seinen Spielern sondern auch dem Gegner, dass er keine Geheimnisse und/oder Überraschungen braucht. Er verzichtet – wie 1982 bei seinem entscheidenden Elfer im WM-Halbfinale gegen Frankreich – auf Psychospielchen und macht einfach…
Hrubesch-Style statt unsouveräne Kampfansagen
Wobei es jetzt natürlich erst noch funktionieren muss. Aber ich bin wie gesagt sehr froh, dass dieser HSV aktuell weniger sabbelt. Eigene Kampfansagen hatten in den letzten Jahren zumeist zu Enttäuschungen geführt, von daher ist dieser Hrubesch-Style „lasst die anderen sabbeln – wir machen“ für mich genau richtig. Denn zu viel Gerede vor den Spielen ist oft auch ein Zeichen von Unsicherheit und wirkt unsouverän. Auch jetzt, wo aus Osnabrück die Kampfansagen („Wir müssen den Kampf in den Vordergrund stellen, müssen sie bekämpfen, sozusagen aufessen“) den HSV eigentlich ebenso nur heißer machen dürften.
Insbesondere übrigens die unglaublich dämliche Ansage aus Braunschweig. Da hat Präsident Christoph Bratmann mit einer unschönen Läster-Attacke für etwas Stimmung gesorgt. „Ich hoffe, der HSV erspielt sich in Osnabrück eine gute Ausgangsposition, um sie dann gegen uns wieder zu verspielen. Das ist der Plan. Da sollte sich der HSV auch treu bleiben. Ich würde den HSV gerne in der nächsten Saison in der 2. Liga sehen – mit uns.“
Worte, die eigentlich das eigene Scheitern verdienen, so gern ich den Traditionsklub aus Niedersachsen auch mag, dass sein Präsident als Tabellen-16. So auf die Kacke haut, ist an Dummheit kaum zu überbieten. Zumindest hat er dem HSV ein Zitat geliefert, dass ich den Spielern vor dem letzten Saisonspiel an die Kabinentür nageln würde. Das allein dürfte schon Anlass genug für jeden HSV-Spieler mit Ehre sein, die Eintracht dafür zu bestrafen und ggf. sogar in die Dritte Liga zu schießen.
Hrubesch lobt – und warnt zugleich
Ich halte es da mit Hrubesch. Der Pragmatiker spricht seiner Mannschaft eine gute Trainingswoche aus und warnt zugleich davor, irgendwas auch nur einen Millimeter zu locker zu nehmen. Seine Jubelwarnung („Wir sollten weniger jubeln und effektiver bei der Torausbeute werden“) macht deutlich, worauf Hrubesch am meisten Wert legt: Auf das Ergebnis. Oder, wie sagte es Dr. Olaf Ringelband in einem seiner Kommentare zuletzt ganz richtig: „Horst Hrubesch verkörpert für mich perfekt das, was ich ‚Hochleistungskultur‘ nenne: wie er nach dem Spiel schweißgebadet sagte, ‚wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig‘. Auch was er über seine Arbeit sagte – er hat jedem Spieler seine Stärken deutlich gemacht, aber auch dass er nur bei 80% ist und hart arbeiten muss, um besser zu werden. Schade, dass Hrubesch nur für drei Spiele bleibt.“
Dennoch bzw. gerade weil Hrubesch jetzt noch da ist, scheint gerade angesichts der letzten Leistung gegen Nürnberg Optimismus zumindest zulässig zu sein. Denn der HSV hat endlich wieder mutig nach vorn gespielt, die Umstellung auf zwei Spitzen hat funktioniert. Und auch ich glaube tatsächlich daran, dass der HSV unter Hrubesch weiter erfolgreich spielt, wenn Ulreich, Leistner, Leibold, Terodde und Co. weiter an ihr eigenes Limit gehen.
Mit dieser Startelf wird Hreubesch aller Voraussicht nach beginnen: Ulreich – Gyamerah, Leistner, Heyer, Leibold – Jatta, Onana, Kinsombi, Kittel – Meißner, Terodde. Und ich hoffe, dass unser Orakel am Ende Recht behält:
Ich freue mich auf jeden Fall auf das morgige Spiel bzw. den gesamten Spieltag. In diesem Sinne, bis morgen! Dann wieder mit Blog und Blitzfazit!
Holstein Kiel hat durch das 3:2 im Nachholspiel gegen Regensburg den direkten Aufstieg für den HSV unmöglich gemacht. Die nächste (allerdings hier zu erwartende) schlechte Nachricht für den HSV in dieser Woche, in der schon die Absage von Trainerkandidat Steffen Baumgart hinzunehmen war. „Klar ist das ein Trainer, mit dem man sich beschäftigt. Der Vertrag ist ausgelaufen, sie haben einen ansehnlichen Fußball gespielt“, sagte Sportdirektor Michael Mutzel bei einer Presserunde heute am Platz. Dass der HSV-Fan Steffen Baumgart in Köln anheuert, sei dessen „gutes Recht“. Mit einer schnellen Entscheidung, sagte Mutzel weiter, sei beim HSV sowieso nicht zu rechnen: „Wir gehen die Thematik sauber und klar an, machen uns Gedanken und arbeiten das ab. Wichtig ist, dass wir am Ende eine gute Entscheidung haben.“
Versöhnliche Worte, um einen Misserfolg zu beschreiben, der sich lediglich an das Sportliche Erreichen in dieser Saison anschließt. Denn wenn es ums Sportliche geht, muss man ebenfalls anerkennen, dass dieser HSV aktuell nicht erste Wahl ist. Wer in den letzten 14 Tagen mitverfolgt hat, wie sich Holstein Kiel durch das Mammut-Nachholspielprogramm durchgefightet hat, der muss neidlos anerkennen, das das eben einfach besser ist, als das Angebot des HSV in Summe. Ich persönlich hoffe jetzt darauf, dass Kiel direkt hochgeht – sich, damit der HSV noch Dritter werden kann. Denn bei sieben Punkten Vorsprung sind die Störche für den HSV nicht mehr einzuholen.
Grund genug, dass wir uns einmal folgende – und im Anschluss von unserem Psychologen Dr. Olagf Ringelband beantwortete Frage stellen: Was läuft schief beim HSV? Und für alle, die das noch nicht wussten: Unser Blogfreund Olaf hat sich nach seinem erfolgreichen Studium der Psychologie und Philosophie sowie der Promotion in Kognitionspsychologie seit nunmehr über 25 Jahren auf die Diagnostik von Führungskräften und Top-Management spezialisiert und berät hierbei internationale Top-Konzerne wie Audi, VW, die Otto Group und viele mehr, wenn es um die Besetzung von Spitzenpositionen geht. Er wollte nicht, dass ich das alles erwähne, aber ich mache es noch einmal, um zu zeigen, wie ernst seine folgende Analyse zu nehmen ist, die ich zu 100 Prozent unterschreibe. Danke dafür, Olaf!
Ein Kommentar von Dr. Olaf Ringelband
Was läuft schief beim HSV? Das bin ich in den letzten Wochen häufig gefragt worden – wie es sein könne, dass eine Mannschaft, die teilweise fantastischen Fußball spielen kann und den teuersten Kader der zweiten Liga hat, in der Rückrunde mit einer langen Folge katastrophaler Leistungen den Aufstieg mal wieder verspielt. Mich haben auch einige Mitglieder der „Moin Volkspark“-Community per E-Mail kontaktiert, die meine Beiträge über die fehlende Hochleistungskultur gelesen haben und die dieses Prinzip ganz genau verstehen wollen.
Wer nur wissen will, was jetzt aus meiner Sicht zu tun ist, kann ruhig die nächsten Abschnitte überspringen und direkt beim Abschnitt „Was tun?“ weiterlesen. Im Folgenden geht es erst einmal um Organisationspsychologie im Allgemeinen, also weder um Fußball noch um den HSV.
Organisationen leben durch unbewusste Regeln
Der Mensch ist ein soziales Wesen, das ist fest in unseren Genen verankert, da wir in unserer Evolutionsgeschichte als Menschen die meiste Zeit in kleinen Gruppen verbracht haben. Von daher ist es ein tief sitzendes Bedürfnis, Teil einer Gruppe zu sein und sich in Gruppen schnell einzugliedern.
Jeder kennt die Situation, wenn man neu in eine Gruppe kommt – eine Schulklasse, eine Firma oder einen Verein. Man nimmt aufmerksam wahr, was die ungeschriebenen Regeln sind, an die sich alle halten: morgens begrüßen sich alle mit einem Handschlag, wer Einkaufen geht, fragt die anderen, ob er etwas mitbringen soll, wer die letzte Milch nimmt , besorgt neue und so weiter. Nicht alle Regeln sind so offensichtlich, manche bekommt man erst mit, wenn man sie verletzt. Ich erinnere mich an einen meiner ersten Studentenjobs im Hafen, als mich nach der ersten Schicht ein Kollege beiseite nahm und freundlich, aber bestimmt sagte, „Jung, du bist wohl neu hier – arbeite mal nicht ganz so eifrig, Du versaust uns den Akkord“.
Andere Regeln lernt man aus Geschichten, die erzählt werden, z.B. „mit der Sache musst du gar nicht erst zum Chef gehen, der reißt dir den Kopf ab, das hat letztes Jahr mal jemand gemacht, der hatte danach hier kein schönes Leben mehr“ oder „neulich hat mal jemand aus Versehen auf dem Parkplatz der Geschäftsleitung geparkt, der hat sofort eine Abmahnung erhalten“.
Die Summe all dieser ungeschriebenen Regeln nennt man die Kultur einer Organisation. Interessanterweise überdauert die Kultur den Wechsel von Personen – selbst wenn der Chef in den obigen Beispielen längst ein anderer ist, leben die Überzeugungen und Regeln weiter und werden durch das Erzählen von Geschichten und Verhalten von Menschen am Leben gehalten.
Viele dieser Regeln und Glaubenssätze sind harmlos – ob man sich nun morgens mit Handschlag begrüßt oder nur freundlich zunickt, ist für die Leistung einer Firma irrelevant. Es gibt aber Regeln und Überzeugungen, die die Leistung und die Resultate beeinflussen. Überzeugungen, die leistungsverhindernd sind, muss man identifizieren und durch leistungsfördernde Überzeugungen bei den Mitgliedern der Organisation ersetzen. Wenn ich „man“ sage, meine ich: das Top-Management, denn Kulturveränderungen funktionieren nur top-down und nicht von unten oder aus dem Mittelmanagement heraus.
Wie man eine Unternehmenskultur verändert
Wie so eine Kulturveränderung aussehen kann, will ich an einem (nicht ganz ausgedachten) Beispiel erklären: ein Unternehmen hat Qualitätsprobleme in der Produktion, deshalb wurden vor einigen Jahren Elemente des (japanischen) Lean Production-Ansatzes eingeführt, der mit sich bringt, dass jede/r Arbeiter/in am Band die ganze Linie anhalten kann (und soll), wenn er/sie ein Qualitätsproblem entdeckt. Praktisch passierte das aber selten. Als man dann mit den Arbeiter/innen sprach, erfuhr man, dass die Leute am Band durchaus von den Qualitätsproblemen wussten, aber folgende Glaubenssätze verinnerlicht hatten: „es kümmert keinen, wenn die Qualität nicht stimmt, wir verkaufen die Produkte trotzdem“, „so gut wie XY (der Wettbewerber mit einer besseren Qualität) werden wir sowieso nie werden“, „dem Management ist es egal, die wollen Stückzahlen sehen“, „wer mal wirklich die Linie anhält, bekommt Ärger, weil die Stückzahlen gefährdet sind, also lieber schön stillhalten“.
Als man dann mit der Produktionsleiterin sprach, hörte man, dass diese ebenfalls unter starkem Druck durch die Geschäftsleitung stand, denn von dort wurden Qualität und Stückzahlen erwartet, den Druck gab die Produktionsleiterin an die Mannschaft weiter.
Die Leitung muss vorangehen
Die Geschäftsleitung akzeptierte, dass sie die wichtigste Rolle bei einer Kulturveränderung spielen muss und beschloss, eine Woche am Band mitzuarbeiten. Schon in der ersten Stunde am Montag tauchten Qualitätsprobleme auf und die technische Geschäftsführerin stoppte sofort das Band. Gemeinsam mit den Arbeiter/innen der Linie wurde diskutiert, wie man das Problem lösen könne und die Person, die eine Lösungsidee hatte, wurde von der Geschäftsführerin gelobt. In dieser Woche wurde die Linie noch zwei Mal angehalten, der-/diejenige, der/die das Band stoppte, wurde jedes Mal gelobt und es wurden Lösungen gefunden, die das Wiederauftreten der Probleme verhinderten – u.a. besorgte ein Mitglied der Geschäftsleitung spontan LED-Taschenlampen für alle, um eine bestimmte problematische Stelle an einem verdeckten Teil des Produktes besser erkennen zu können.
Was alle nach dieser Woche gelernt hatten: 1. Die Geschäftsleitung will höchste Qualität und tut etwas dafür 2. Jede/r muss Verantwortung übernehmen; wer Verantwortung übernimmt wird belohnt, nicht bestraft 3. Wir müssen offen über Probleme und Fehler reden, um permanent besser zu werden. 4. Stückzahlen und Qualität sind kein Widerspruch, wenn man nur will, kann man beides haben.
Nach dieser Woche verbesserte sich die Qualität kontinuierlich, die Geschäftsleitung beschloss, jeden Monat einen Tag am Band mitzuarbeiten, um die Probleme am Band genau zu kennen und schnell bei Problemlösungen zu unterstützen.
Leistungskultur im Fußball
Wer selbst einmal Fußball gespielt hat weiß: jeder will gewinnen und niemand bringt absichtlich schlechte Leistung. Und es gibt Tage, da läuft es einfach, man gewinnt Zweikämpfe, die unmöglichsten Dinge klappen plötzlich, man versteht sich blind und man gewinnt das Spiel mühelos. Aber es gibt auch Tage, da klappt es nicht, der Gegner steht einem permanent auf den Füßen, kaum ein Pass kommt an, und eh man sich versieht, liegt man hinten. Was dann? Während im ersten Fall die Kultur egal ist – ob man sich gut versteht oder nicht, ob der Trainer ein Idiot, die Taktik eigentlich bescheuert ist, das alles spielt keine Rolle, denn es läuft einfach. Aber wenn es nicht läuft, wenn Probleme auftreten, dann schlägt die Kultur erbarmungslos zu.
Denn dann wirken die (weitgehend unbewussten) Regeln und Überzeugungen, man erinnert sich an Geschichten (die man nicht einmal selbst erlebt haben muss) und Erlebnisse. Dann zeigt sich, ob es eine Kultur der Verantwortungsübernahme und der Höchstleistung gibt oder nicht.
Glaubenssätze beim HSV
Leser der „Moin Volkspark“ haben mich – zurecht – gelegentlich darauf hingewiesen, dass ich mich mitunter mit meinen Aussagen über den HSV auf das glatte Eis der Spekulation begebe, da ich den Verein (wie die meisten, die hier mitlesen) nur von außen kenne. Deshalb sage ich kurz zur Einschränkung, dass es sich bei dem Folgenden definitiv um Spekulationen handelt. Psychologisch halbwegs fundierte Spekulationen, aber eben Spekulationen.
Was also meiner Vermutung nach bei dem einen oder anderen Spieler im Kopf vorgeht:
„der HSV steigt sowieso nicht auf“, „warum soll ich mir den Arsch aufreißen, die Mitspieler spielen ja auch alle nur Alibifußball und ich könnte mich verletzen, wenn ich mich voll reinhänge“, „die Saison ist bald zu Ende, da will ich mich nicht vor Saisonende verletzen“, „mein Vertrag läuft noch ein Jahr – es reicht, wenn ich in den Wochen vor der Vertragsverlängerung Vollgas gebe, das hat bei XY auch immer geklappt“, „dem Verein ist es egal, ob wir aufsteigen oder nicht“, „eine glorreiche Vergangenheit ist wichtiger als aktuelle Leistung“, „kritische Themen beim Trainer anzusprechen bringt nur Ärger“, „Hauptsache, wir sind ein gutes Team und wir verstehen uns“, „wenn wir wirklich aufsteigen, bin ich nicht gut genug für die erste Liga, dann holt der Verein sowieso einen anderen für meine Position“.
Wie gesagt, Spekulationen. Ich hoffe, dass ich komplett falsch liege und alle im Verein – vom Platzwart bis zum Vorstand – von dem Gedanken erfüllt sind, individuell jeden Tag etwas besser zu werden, den Verein in seiner Leistungsfähigkeit zu verbessern und dass jeder den anderen täglich vorlebt, was „Höchstleistung“ ist.… aber ich befürchte, dass das nicht der Fall ist.
Der Weg nach unten ist langsam, aber stetig
Ich glaube, wir sind uns einig, dass das Thema „Aufstieg“ für diese Saison abgehakt ist. Nur mit sehr viel Glück kann es für den HSV noch klappen. Das heißt, man muss ab jetzt für eine weitere Saison in der Zweiten Bundesliga planen. Leider ist Profifußball kein Glücksspiel, in dem alle die gleichen Chancen haben und man es nur lange genug probieren muss, bis man mal Erfolg hat, sondern im Fußball erzeugt Erfolg häufig weiteren Erfolg und Misserfolg weiteren Misserfolg. Ich habe neulich schon einmal beschrieben, wie über die Jahrzehnte die Ansprüche des Vereins an sich selbst langsam immer weiter heruntergeschraubt wurden – von „man muss nicht immer international spielen“, „Hauptsache, nicht abgestiegen“ zu „man kann auch über die Relegation wieder aufsteigen“. Wenn das so weitergeht ist man beim HSV bald froh, wenn man sich im Mittelfeld der zweiten Liga etabliert, ohne in Abstiegsnot zu geraten. Aber wir ahnen, wo dieser Weg hinführen kann…
Was tun?
Ich habe es weiter oben geschrieben: die Kultur einer Organisation kann nur von oben nach unten geformt werden. Zuerst gilt es, die leistungshemmenden Glaubenssätze und die dahinterstehenden Erlebnisse zu identifizieren um dann durch Vorleben und konsequentes Umsetzen von Leistungsprinzipien eine Hochleistungskultur aufzubauen. Das wird nicht einfach und nicht ohne schmerzvolle Konsequenzen abgehen.
Der Trainer alleine kann die Kultur nicht ändern, der ist wie die Produktionsleiterin im obigen Beispiel gefangen zwischen den Erwartungen (und der fehlenden Unterstützung) des Top-Managements und den Bedürfnissen der Mannschaft.
Deshalb meine schon häufig geäußerte Forderung an das Top-Management des HSV, aktiv einen Kulturwandel einzuleiten. Was Vorstand und Management des HSV konkret tun können, kann ich nicht sagen, denn da gibt es keine Patentrezepte. Ob das nun darin besteht, dass der Vorstand sich selbst (vereins-)öffentlich bestimmte Ziele setzt, ob der Vorstand (mit Einverständnis des Trainers) jedem Spieler die Möglichkeit für ein individuelles Leistungssteigerungsprogramm gibt, ob Spieler, Trainer und Management sich in Klausur zurückziehen und gemeinsam überlegen, wie jeder 20% mehr aus sich herausholt – Möglichkeiten gibt es viele. Wichtig ist nur, dass man viel miteinander kommuniziert und sich bewusst mit dem Thema „Verantwortungsübernahme“ beschäftigt, jeder ist dafür verantwortlich, seine eigene Leistung und die des Vereins kontinuierlich zu verbessern.
„Wer wird es denn nun? Wer wird der neue Trainer, wenn Steffen Baumgart abgesagt hat?“ Diese Fragen werden mir aktuell mehr gestellt, als die Frage nach dem Ausgang dieser Saison. Und ginge es nach meinem Freundes- und Bekanntenkreis, hätte Horst Hrubesch in etwas eine zehnprozentige Wahrscheinlichkeit, entgegen aller anderslautenden Ansage doch auch über die Saison hinaus Trainer des HSV zu bleiben. Ein unglaublich charmanter, weil sympathischer Gedanke, aber weder für die Klublegende noch für den Klub halte ich diese Idee für ratsam. Im Gegenteil: Angesichts des hohen Verschleißes auf der Position des Cheftrainers wäre die Wahrscheinlichkeit nur unnötig hoch, den letzten verbliebenen Unantastbaren im Klub zu verheizen. Denn Fakt ist: Scheitert Hrubesch als Cheftrainer, ist er auf keiner anderen Position mehr wirklich unbeschadet einsetzbar.
Von daher: Macht, Hotte – und dann kümmere Dich wieder darum, dass die Jungen beim HSV eine Zukunft haben. So, wie es aktuell bei Robin Meißner funktioniert hat, kann es immer wieder passen. Den Angreifer hatte Hrubesch zuletzt einfach mal in die Startelf geschmissen und wurde für diesen Mut belohnt. Meißner spielte nach holprigem Start zunehmende besser und traf nicht nur einmal, sondern bereitete einen weiteren Treffer vor. „Jetzt kennen sie ihn“, warnte Hrubesch nach dem Spiel, „jetzt wird er sich beweisen müssen.“
Trainersuche muss zeigen, was der HSV will
Hrubesch hat ein großes Plus, das sich in dieser verkrampften Schlussphase für den HSV positiv auszahlen könnte: Er muss nichts mehr beweisen, sondern kann eigentlich nur noch gewinnen. Schafft er noch den Relegationsplatz, gleicht das einem Wunder. Schafft er es nicht, wird jedermann seinem Vorgänger diesen Misserfolg anlasten. Das lässt einen auch etwas entspannter überraschende Entscheidungen treffen. Und trotzdem: Gut, dass Hrubesch diesen Weg geht. Denn es kann ein wichtiger Fingerzeig werden für alles, was jetzt noch kommt.
Vor allem kann dieser Weg ein wichtiges Kriterium für die Trainersuche sein. Den n bei allem, was ich an Steffen Baumgart schätze und gern hier in Hamburg gesehen hätte, muss man auch zugeben, dass der Trainertyp Baumgart ein gänzlich anderer als Daniel Thioune ist. Soll heißen: Die Gefahr, dass hier wieder einmal alles auf Null gestellt und neu angefangen wird, wäre da gewesen. Und ganz ehrlich: Genau DAS muss die HSV-Führung endlich verhindern. Hier muss endlich auf das Gute der letzten Wochen und Monate aufgebaut werden – und parallel das Erfolglose minimiert werden. Denn nur so schafft man es, dem Verein endlich eine Philosophie einzuimpfen, die unabhängig von Namen über allen und allem für den HSV steht.
Wer das sein könnte? Das ist echt schwierig im Moment. Es gab tatsächlich vor ein paar Wochen mal das – von mir aber ob seiner Unwahrscheinlichkeit vernachlässigte – Gerücht, der HSV hätte sich bei Holstein Kiels Ole Werner erkundigt und sei dort auf Interesse gestoßen. Ich indes glaube, dass die Quelle hier etwas verwechselt hat und nicht der aktuelle, sondern ein ehemaliger Trainer Kiels ein Kandidat war bzw. eventuell noch ist: Tim Walter. Denn Werner wäre schon ziemlich bescheuert, um es mal beim Namen zu nennen, wenn er nach dem Aufstieg mit Kiel nach Hamburg wechselt.
Wichtiger als alles das ist also, dass der HSV die nächsten Tage und Wochen dazu nutzt, um alle Trainerprofile abzugleichen und nach dem Trainer zu suchen, der den HSV-Weg gehen will. Also, wenn es diesen auch tatsächlich gibt. Aus meiner Sicht würde das bedeuten, der Trainer muss….
….Talente entwickeln können
….auch den Mut haben, junge Spieler ins kalte Wasser zu werfen, um a) zu zeigen, dass der HSV für junge Spieler eine sportlich betrachtet gute Adresse ist und b) die jungen Spieler ausreichend Zeit bekommen, sich auf dem Platz zu entwickeln
….das Nachwuchskonzept des HSV mittragen und es aktiv unterstützen
….den Mut haben, weniger auf Namen denn auf Potenziale zu setzen
….dem Umfeld den Zahn ziehen, dass dieser HSV auch nächstes Jahr aufsteigen „MUSS“…
Und das ist nur ein kleiner Auszug dessen, was passen muss. Entscheidend bei alledem ist für mich, dass der HSV aufhört, immer wieder alles neu bauen zu wollen. Auch deshalb will ich unbedingt Horst Hrubesch wieder im Nachwuchsbereich als Verantwortlichen arbeiten sehen.
Hrubesch Art greift – es wird wieder viel gelacht
Und während Hrubesch mit Jonas David zuletzt einen Youngster gar nicht erst für den Kader nominierte, muss ein anderer im Saisonendspurt (vorerst) passen: Josha Vagnoman hat sich einen Muskelfaserriss zugezogen und dürfte damit für die letzten beiden Spiele ausfallen. Bitter für den Rechtsverteidiger, dessen Abgang im Sommer immer wahrscheinlicher wird. Und das noch nicht einmal, weil der Spieler selbst unbedingt weg will. In diesem Fall muss der HSV zusehen, dass er Spieler im Sommer verkauft, um sich das nötige Kleingeld für etwaige Neuverpflichtungen zu erlösen. Ein Weg, den wir hier in diesem Blog sowie dessen Vorgängern seit einigen Jahren schon als alternativlos erachten. Von daher werde ich an dieser Stelle auch nicht lange darüber diskutieren, ob ein Vagnoman nun besser gehalten werden sollte, oder nicht. Denn diese Entscheidung ist ohne wundersame und aktuell nicht erkennbare Extraeinnahmen nahezu alternativlos.
Ambrosius, Hunt, Vagnoman fallen also in Osnabrück aus. Der Rest der Mannschaft bereitet sich ab heute in der vorgeschriebenen Trainingslager-Quarantäne auf die letzten beiden Spiele vor. Im Hotel von HSV-Sponsor Eugen Block werden die Tage rund um die Trainingseinheiten bis Osnabrück verbracht. Nach dem Spiel beim VfL zieht die Mannschaft vom Grand Elysee in das alte Mannschaftshotel „Treudelberg“ vor den Toren Hamburgs um. Zeitintensives Beisammensein auf engstem Raum (sofern man das bei den Luxushotels so sagen kann…) für die Mannschaft, und Zeit für Hrubesch, seine Kernkompetenz auszuspielen: Teambuilding. Wenn man die Eindrücke aus den Trainingseinheiten gepaart mit dem Nürnberg-Ergebnis sieht, dann scheint die Lockerheit im Team zumindest erreicht. Es wird viel gelacht, wie nicht nur auf dem Titelfoto zu sehen ist/war…
Ich indes werde mal schauen, ob ich morgen noch viel zu lachen habe, nachdem ich heute meinen ersten Impftermin hatte. Noch ist bei mir alles tiptop, von daher bin ich ähnlich optimistisch, morgen wieder voll für Euch da zu sein, wie ich noch auf das „Wunder von und mit Horst“ hoffe.
Der HSV hat in seinem ersten Spiel unter Interimstrainer Horst Hrubesch die Minimalchance auf die Rückkehr in die Fußball-Bundesliga gewahrt. Mit dem 5:2-Heimsieg gegen den 1. FC Nürnberg rückt man nach zuvor fünf sieglosen Spielen mit numehr 55 Punkten vorbei an Fortuna Düsseldorf auf Platz vier der 2. Liga vor. Greuther Fürth auf dem Relegationsplatz liegt drei Punkte vor den Hamburgern, könnte von ihnen in den verbleibenden beiden Spielen aber noch abgefangen werden. „Das war eine riesige Woche, hat Spaß gemacht“, sagte der erschöpfte Hrubesch, „vielleicht haben wir noch eine Chance.“ Die Nürnberger mussten nach sieben Spielen ohne Niederlage die erste Pleite seit dem 7. März hinnehmen. „Eine verdiente Niederlage“, sagte FCN-Torhüter Christian Mathenia, „der HSV hat viel Leidenschaft reingepackt.“
Und das stimmt. Sie wollten alle, das sah man. Alle liefen, jeder wollte seinem Nebenmann helfen und es war laut auf dem Platz – aber es wirkte gerade die ersten 20 Minuten noch alles etwas unsortiert, unkontrolliert. Aber sie wollten wenigstens und verdienten sich so ein wenig Spielglück. Nicht, dass man defensiv allzu viel auszustehen hatte, dafür waren die Nürnberger trotz eines wie ich finde Riesentalentes wie Robin Hack einfach nicht zwingend genug. Der schussstarke Johannes Geis versuchte es zwar immer wieder mal aus der Ferne, fand aber in Sven Ulreich zunächst noch seinen Meister (10.). Der HSV? Offensive so gut wie nicht zu sehen, obgleich Horst Hrubesch wie erwartet mit Robin Meißner eine zweite Spitze neben Terodde gebracht hatte.
Der HSV wartet nicht – er sucht und findet seine Chancen
Und dennoch, der HSV erarbeitete sich das, was er zuletzt nicht hatte: Spielglück. Der HSV geht in Führung! Es fängt bei einer Balleroberung von Leistner an. Über Kinsombi landet die Kugel dann links im Strafraum bei Kittel, der zurück auf Meißner legt. Der Stürmer zieht aus zwölf Metern ab, Sörensen fälscht die Kugel ins Tor ab. Der Schuss wäre zwar rechts vorbeigegangen – aber im Gegensatz zur DFL hätte ich hier wie früher bei uns auf dem Bolzplatz im Park die Schusskraft zählen lassen und dem Youngster seinen ersten Zweitligatreffer attestiert. Leider soll es aber ein Eigentor von Sörensen gewesen sein. „Er ist 75 Minuten marschiert, hat ein Tor gemacht“, lobte im Anschluss auch Hrubesch seinen Youngster – und wenn Hrubesch sagt, dass es Meißners Tor war, dann ist das so!
Aber, und das war das Wichtigste, der HSV führte – vor allem auch mal länger als 90 Sekunden. Man legte sogar nach. Und das richtig gekonnt! Der immer stärker werdende Amadou Onana setzt sich auf links vehement durch, der Abpraller landet über Kittel, Leibold und Meißner rechts im Sechzehner beim völlig frei stehenden Bakery Jatta, der mit links und mit Hilfe des Innenpfostens ins lange Ecke trifft. Das 2:0 in der 36. Minute vom bis hierhin besten HSVer, wie ich fand. Vor allem schen es jetzt endlich mal wieder eines dieser Spiele werden, wo man nicht zittern muss, denn der HSV blieb jetzt dran, blieb feldüberlegen.
Aber, und auch das ist in dieser Saison einfach zu oft – wie aus dem Nichts fing sich der HSV den Anschlusstreffer. Und dabei sieht Ulreich mal wieder nicht besonders gut aus. Geis zieht aus der Distanz ab, der Keeper wehrt den Ball unglücklich nach vorne ab, wo Nürnbergs Shuranov problemlos ins rechte Eck einschieben und somit verkürzen kann (41.). Unmittelbar vor dem Halbzeitpfiff hatte der FCN-Torschütze sogar den Ausgleich auf dem Kopf – verfehlte das Tor aber (45.).
Ganz wichtig: Teroddes Treffer mit Halbzeitpfff
Dafür traf der HSV! Kittel erobert per starker Grätsche auf links den Ball. Anschließend flankt Leibold auf Terodde, der sich den Ball zu weit vorlegt und von Mühl geblockt wird. Aber über Kinsombi prallt die Kugel wieder zu Terodde, der aus kurzer Distanz vollstreckt. Das 3:1 in der Nachspielzeit der ersten Hälfte. Ein ganz wichtiger Treffer für den HSV und ein vergleichsweise beruhigender Halbzeitstand. Egal wie, dieses Spiel zeigte auf, wie wenig mehr es gebraucht hätte, um dieses Jahr mehr als die drei Siege zu holen, die man bisher in der Rückrunde hatte holen können.
Und es wurde noch besser. Denn der HSV legte weiter nach. Personell unverändert kam der HSV zu weiteren gefährlichen Torraumszenen. Terodde (47.) und Vagnoman (51.) scheitern beide nur knapp und Meißners Volleyschuss aus 18 Metern kann der Ex-HSV-Keeper Christian Mathenia gerade noch an die Latte lenken (62.). Der HSV hatte diese Partie jetzt endgültig im Griff und kam über die bärenstarken Kittel und Jatta immer wieder gefährlich vors Nürnberger Tor. Weil man endlich direkt spielte, schnell spielte, und mutig war. Manchmal sogar etwas zu mutig, wie beispielsweise Ulreich in der 66. Minute, als er Shuranov als letzter Mann einfach mal den Ball in die Beine schob… Aber – heute hatte der HSV wie beim Lattenschuss von Krauß auch das Spielglück, das man zuletzt so oft vermisst hatte. Diesmal aber hatte man es sich auch redlich verdient – weil hart erarbeitet.
Apropos verdient – der HSV traf weiter. Der eingewechselte Gyamerah per Querpass auf den wie außergewöhnlich kampfstarken Kittel, und der Feinfuß schiebt die Kugel unbedrängt flach ins rechte Eck (76.). Kurz darauf wird der ebenfalls eingewechselte Wintzheimer gefoult und Terodde verwandelt sicher zum 5:1 – spätestens jetzt (80.) war dieses Spiel entschieden, obgleich der FCN in der letzten Minute noch per sehr schönem Tor von Rosenlöcher zum 5:2 (90.).
„Wir wollten das Gefühl zurückbekommen, Spiele zu gewinnen. Das ist uns heute gelungen. Der Trainer hat sich die Jungs gepackt, die er für die Startelf eingeplant hat, und ihnen verdammt viel Selbstvertrauen gegeben, indem er sie starkgeredet hat. Man hat gesehen, dass das heute gefruchtet hat“, so Toni Leistner nach dem Spiel über den Mann, dem ich auch für heute das letzte Wort überlassen möchte: Interimstrainer und Mann des Tages, Horst Hrubesch: „Es war eine riesige Woche, sowohl für mich – es hat echt Spaß gemacht – als auch für die Mannschaft, die richtig toll mitzieht. Mal sehen, was in den verbleibenden beiden Spielen noch geht. Es geht jetzt darum, eingespielt zu sein. Die beiden Spiele werden nicht leicht. Schon am kommenden Sonntag an der Bremer Brücke brauchen wir mindestens das, was wir heute abgerufen haben. Wir werden nichts geschenkt kriegen.“
Stimmt. So einfach ist das eben. Und eben manchmal auch echt schön anzusehen. In diesem Sinne, bis morgen, wo die Mannschaft übrigens trainingsfrei bekommen hat, ehe es ab Mittwoch dann ins Quarantäne-Trainingslager geht. Bis dahin Euch allen eine gute Nacht!
Hätte Düsseldorf ein Tor mehr und Fürth eines weniger – es wäre noch besser gewesen. Und obgleich ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis schon einige habe, die es gern anders gesehen hätten, weil sie sich einfach nicht mehr an die theoretische Chance klammern wollen, bleibt dem HSV . Sie wollen lieber WISSEN, dass der Aufstieg futsch ist, als sich noch ein paar Wochen an die minimale Hoffnung und auf die anderen Mannschaften zu hoffen. Zu letzterem zähle ich nicht. Im Gegenteil: Ich war und bin ein Wettkampftyp und würde nie aufgeben, bevor es nicht auch rechnerisch vorbei ist. Von daher werden wir ob der heutigen Remis von Fürth und Düsseldorf auch über Montag hinaus noch theoretische Chancen haben.
Und das wiederum freut mich vor allem für Horst Hrubesch, der mit seinen 70 Jahren ganz sicher andere Pläne hatte, als jetzt noch einmal als HSV-Trainer in der zweiten Liga am Rand zu stehen. Nicht, dass er meckert – das würde ein Horst Hrubesch niemals machen. Aber letztlich ist es ein Gefallen, den er seinem HSV macht. Und vor seinem ersten Spiel als Cheftrainer musste Hrubesch heute nach dem Ausfall von Aaron Hunt auf den zweiten zentralen Mittelfeldspieler verzichten. Jeremy Dudziak, der zuletzt mit einer Grippe flachlag und Antibiotika nehmen musste, fehlte heute auf dem Platz und trainierte nur individuell im Kraftraum. Sein Einsatz am Montag gegen Nürnberg ist gefährdet. Interessant ist, dass Hrubesch in der vermeintlichen A-Elf lässt wie schon am Donnerstag wieder mit zwei Spitzen trainieren ließ. Robin Meißner durfte dabei neben Simon Terodde im Sturm ran. Hier scheint der einstige Bundesliga-Torschützenkönig die erste Veränderung zu planen. Wobei morgen noch eine Einheit ansteht, in der es auch schon wieder ganz anders aussehen könnte.
Apropos, beim nächsten Gegner sieht es personell echt mal recht übel aus. Nicht, dass das irgendwas zu bedeuten haben muss – aber Fakt ist, dass dem 1. FC Nürnberg etliche Spieler fehlen. Das kündigte Coach Robert Klauß an. Neben den bereits bekannten Verletzten Pascal Köpke, Noel Knothe, Felix Lohkemper, Fabian Nürberger und Manuel Schäffler fallen auch Hanno Behrens, Paul-Philipp Besong und Dennis Borkowski am 32. Spieltag aus. Ein Einsatz von Abwehrspieler Georg Margreitter ist zudem noch unklar. Schäffler werde wegen seiner Innenbandverletzung in dieser Saison nicht mehr spielen, berichtete Klauß. Behrens muss wegen eines befürchteten Haarrisses im Mittelfuß passen. Bei Borkowski sei eine Weisheitszahn-Operation unausweichlich. Nachwuchsstürmer Besong zog sich im Training eine Bänderverletzung zu.
Fakt ist, dass Hrubesch sich reinhaut und versucht, das Beste aus der schlechten Situation zu machen. Aus-Prinzip-Nörgler Felix Magath hatte sich bei meinen Kollegen von der BILD jüngst das erste Mal seit Ewigkeiten positiv über den HSV geäußert – wobei das wiederum auf seine Freundschaft zu Hrubesch zurückzuführen sein dürfte. Magath: „Es war die zu 100 Prozent beste Entscheidung, Horst Hrubesch für die letzten drei Spiele zum Interimstrainer zu machen. Ich bin total überzeugt, dass Horst die drei verbleibenden Partien alle gewinnen wird.“
Haben wir hier schnelles vorausgesehen…
Das wiederum muss der HSV auch, wenn er am Ende tatsächlich noch auf den Relegationsplatz klettern will. Aber egal wie unrealistisch das auch ist, die Hoffnung stirbt zuletzt. Und der Satz: „Der HSV hat das nicht verdient“ nervt einfach nur. Denn am Ende wird die Tabelle genau das wiederspiegeln, was die Mannschaften über die 34 Spieltage hinweg geleistet haben. Das gilt übrigens auch in dem Fall, wenn der HSV mal etwas erreichen sollte.
Ebenso sicher ist, dass in den letzten Spielen fast egal ist, wer am Rand das Zepter schwingt. Es ist sogar fast egal, wer am Ende zuerst auf dem Platz steht. Denn Fußballspielen können sie alle – und worum es geht ist an der Tabelle bis ins letzte Detail abzulesen. Das zu erkennen würden sogar drei Schimpansen hinbekommen. Und dementsprechend freue ich mich darüber, dass Hrubesch seine Rolle genau so annimmt, wie man es sich von ihm erhofft hat. Immer Karo einfach. Ohne jede Show, ohne Pseudo-Psychotricks – eben einfach einfach. Einfach Hrubesch halt
Denn so ist es auch. Gegen Nürnberg muss die Mannschaft von der ersten Sekunde an bei 100 Prozent sein, um dem Gegner sofort zu demonstrieren: „Hier gibt es nichts zu holen. Und wenn ihr das nicht hinnehmt, tut es weh.“ Also in etwa das, was die Mannschaft in den letzten Jahren fast nie hinbekommen hat. Aber okay: Der kurzzeitige Trainereffekt mit einem zweifellos etwas anderen Typen wie Hrubesch ist spannend. Er ist für mich ehrlich gesagt sogar das spannendste an diesem Montag.
Nicht, weil Hrubesch der beste Trainer ist. Auch nicht, weil er besser ist als Thioune, das glaube ich nämlich nicht einmal. Nein, nur, weil ich glaube, dass er für diese Situation eine sehr gute Lösung sein kann. Und so sehr sich die Leute auch über den in den letzten Jahren unsympathisch rüberkommenden HSV ärgern – allein Hrubesch gibt dem HSV einen sympathischen Anstrich. Allein er verdient es, dass sich jeder einzelne auf dem Platz den A…. aufreißt und bis zum Umfallen kämpft. Ich jedenfalls werde die letzten Spiele einerseits leise hoffen. Aber andererseits werde ich sehen, wer aus diesem Team die Mentalität eines Profis hat – und wer eben nicht…
Morgen ist noch einmal Training und zudem die Pressekonferenz mit Hrubesch (13 Uhr). Ich melde mich im Anschluss daran wieder bei Euch! Bis dahin! Scholle