Baumgart ist aufgeregt – Walter wählt stilvollen Abgang

Baumgart ist aufgeregt – Walter wählt stilvollen Abgang

Zugegeben: Mit dieser Art kann man sich nicht nicht freuen über Steffen Baumgart. Natürlich, gerade, einfach und ohne rumzudröhnen machte er auch heute keinen Hehl daraus, dass er aufgeregt sei. Vor seinem Debüt als HSV-Trainer sei es eine Mischung aus Vorfreude und etwas Aufregung, so der gebürtige Rostocker. „Es ist jetzt kein ruhiger Schlaf“, sagte der 52-Jährige vor seinem ersten Heimauftritt mit dem Spiel gegen die SV Elversberg am Sonntag. „Ein Schauspieler würde sagen, er hat Lampenfieber.“

Bislang sind knapp 51.000 Tickets abgesetzt. Und ich könnte mir vorstellen, dass es noch ein paar mehr werden, die Zeugen werden wollen, inwieweit es Baumgart gelingt, das HSV-Problem zu lösen, das da heißt: Defensivschwäche. Denn Baumgart soll den zuletzt unsicheren HSV stabilisieren. Nach 22 Spieltagen hat man gerade einmal 38 Punkte auf dem Konto und steht auf dem dritten Platz. Weniger Punkte hatte der HSV zu diesem Zeitpunkt in der Zweiten Liga noch nie. Und das liegt nicht daran, dass man zu wenig Tore schießt – man fängt einfach zu viele ein.

Dass Baumgart bei seiner Vorstellung über sich selbst sagte, dass er nicht der Typ Trainer sei, bei dem die Null hinten Priorität habe, ließ mich kurz zusammenzucken. Denn Baumgart gilt mit seinem hohen Pressing und laufintensivem, sehr offensiv ausgerichteten Spielstil nicht als Defensivspezialist. Dennoch muss er genau das hinbekommen, um seinem mehr als überzeugenden persönlichen Auftritt sportlich ähnlich Gutes folgen zu lassen. 

Klar ist für Baumgart, dass nichts weniger als Saufstieg für ihn zählen dürfe. Das hatte der neue Coach schon bei seiner Vorstellung am Dienstag klar formuliert: Nach sechs Jahren Zweitliga-Zugehörigkeit soll der HSV am Ende dieser Saison aufsteigen. Wie schon Boldt und Walter zuvor, bescheinigt Baumgart seinem Team eine Qualität, die nichts anderes hergeben würde.

Aber auch dem nächsten Gegner, dem Tabellenneunten SV Elversberg bescheinigte Baumgart eine sehr hohe Qualität. Seine Aufregung hänge auch ein wenig mit dem Gegner zusammen. Der ist zwar Aufsteiger, aber hat dem HSV vor nicht allzu langer Zeit schon weh getan. In der Hinrunde siegte die Mannschaft um das ausgeliehene Bayern-Talent Paul Wanner 2:1 gegen den HSV. Die Pleite in Elversberg war der Auftakt einer peinlichen Negativserie für den HSV gegen die Aufsteiger der Liga. Danach folgten ein 1:2 in Osnabrück und ein 1:1 bei Wehen Wiesbaden. „Hier kommt keine Mannschaft hin, die sich vor Angst in die Hose macht, sondern die kommt hier her und die hat ein klares Ziel. Die wollen uns ein Bein stellen.“

Nunja, so kommen wahrscheinlich alle Gegner. Aber was Baumgart sagen will: Man dürfe die Aufsteiger aus dem Saarland nicht unterschätzen. Dass der HSV das Hinspiel unter Tim Walter 1:2 in Elversberg verloren hatte, dürfte für seine Spieler Warnung genug sein, während Baumgart nur vier Tage hatte, um sich vom Gesamtzustand seiner neuen Mannschaft zu überzeigen. Spannend wird dabei, welche taktische Herangehensweise der Coach wählt. Hält er in Jonas Meffert an einem defensiven Mittelfeldspieler fest oder bekommt der 29-Jährige einen Positionspartner für die hier im Blog so oft schon gewünschte Doppelsechs? 

Und während Jean Luc Dompé auszufallen droht, scheint klar, dass Baumgart weiter an der Viererkette in der Abwehr festhalten wolle. Kapitän und Innenverteidiger Sebastian Schonlau gilt hierbei als Schlüsselspieler für Baumgart, der gemeinsam mit ihm mit dem SC Paderborn von der 3. Bis in die 1. Liga aufstieg. Fraglich ist, ob gegen Elversberg Stephan Ambrosius oder Dennis Hadzikadunic neben den wieder gesunden Abwehrchef Schonlau aufgeboten wird. Beide könnten es laut Baumgart ausfüllen und eine gute Leistung bringen. Eine Entscheidung scheint es bisher nicht zu geben. Erst wolle der neue Fußball-Lehrer mit beiden sprechen. Ähnlich halte er es bei der Frage, ob Matheo Raab oder Daniel Heuer Fernandes im Tor steht. In den vergangenen beiden Spielen hatte Raab den vorherigen Stammtorwart verdrängt.

Wen ich aufstellen würde? Ich hätte Heuer Fernandes gar nicht erst ausgetauscht, ehrlich gesagt. Intern aber halten die meisten sportlich Verantwortlichen Raab für den besseren Keeper. Und aus dieser sportlichen Sicht muss auch Baumgart entscheiden. Er muss für sich entscheiden, wer seine Nummer eins ist. Eine Situation, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zu einer aus HSV-Sicht unangenehmen Torwartdiskussion führen wird. Denn sollte Heuer Fernandes weiter nicht spielen, dürfte die Freude über seine jüngste Vertragsverlängerung schnell zum Boomerang werden. Sollte Baumgart aber Raab wieder rausnehmen, wüsste dieser, dass er auch weiterhin ein Bankdasein vor sich hat. Dann würde er mit Sicherheit versuchen, das Gespräch mit den sportlich Verantwortlichen zu suchen bezüglich seiner HSV-Zukunft…

Und so unnötig diese Diskussion von Tim Walter auch angezettelt worden ist, so stilvoll hat er sich im Stadionmagazin „HSVlive“ noch mal zu Wort gemeldet. „Es bricht mir das Herz, dass ich mich auf diesem Weg von Euch allen verabschieden muss“, schrieb der 48-Jährige in einer Botschaft im offiziellen Club-Magazin. Zweieinhalb Jahre sei es sein ganzes Bestreben gewesen, „mit Euch gemeinsam in die 1. Liga aufzu­steigen. Dafür habe ich jeden Tag alles gegeben“, schrieb Walter. Dass sie es zusammen nicht geschafft haben, mache ihn sehr traurig – „und in Anbetracht mancher Geschehnisse auch wütend“, womit Walter mit Sicherheit die Causa Mario Vuskovic anspricht.

Dennoch überwiege vor allem Dankbarkeit. Dafür, „ein Teil und Mitgestalter eines so großartigen Vereins gewesen sein zu dürfen“, sagte Walter. „Auch in den schlimmsten Niederlagen haben wir immer alle zusammengehalten, uns gegenseitig unterstützt, aufgebaut und weitergemacht. Dafür möchte ich DANKE sagen, allen voran meinen Spielern und meinem gesamten Trainer-, Ärzte- und Therapeutenteam. Es war mir jeden Tag eine große Freude und Ehre mit Euch!“ Darin mit einbezogen sind auch Sportvorstand Jonas Boldt und Sportdirektor Claus Costa mit ein: „Ihr wart mir immer ein großer Rückhalt.“

Walters Botschaft endet mit den Worten: „DANKE Euch allen und jedem Einzelnen dieser fantastischen FANS, die mit uns GEMEINSAM durch Höhen und Tiefen gegangen sind und uns oft ein Stück getragen haben.  IHR SEID 1. LIGA!“

Ein Abgang mit Stil. Chapeau, Tim Walter!

In diesem Sinne, auch Euch ein schönes Wochenende! Genießt den Abend und wir sehen und hören uns nach dem Heimspiel gegen Elversberg am Sonntag wieder!

Scholle

Mit Potenzial zum Publikumsliebling: Steffen Baumgart ist da

Mit Potenzial zum Publikumsliebling: Steffen Baumgart ist da

Steffen Baumgart hat seinen ersten Tag beim HSV hinter sich – und er hat ihn gut genutzt. Denn der neue Coach des HSV bestätigte binnen weniger Stunden mehrfach, was man ihm nachsagt: Dass er ein sympathischer, geradliniger, sympathischer Typ ist, der ein Herz für den HSV hat. Und zwar schon seit Kindheitstagen. Baumgart galt unter den HSV-Fans eh als Wunschkandidat nach dem Aus von Trainer Tim Walter in der vergangenen Woche. „Ich bin Fan geworden, da war der HSV noch eine Größe. Seitdem bin ich drangeblieben“, sagte Baumgart vor einigen Jahren und ergänzte darauf bezogen heute: „Du wechselst öfter die Frau als den Verein.“

Heute erschien Baumgart mit einer HSV-Kappe statt der markanten Schiebermütze bei seinem Amtsantritt im Hamburger Volksparkstadion und präsentierte sich optisch leicht verändert. Das erste Foto von ihm inmitten der beiden körperlich deutlich größeren sportlich Hauptverantwortlichen, Sportvorstand Jonas Boldt und Sportdirektor Claus Costa, hatte schon für lustige Kommentare gesorgt, da Baumgart hier aussah, als sei er von den beiden festgenommen worden. „Steffen, blinzle zweimal, wenn du das nicht freiwillig machst!“, schrieb das Social-Media-Magazin „Fums“. Dazu noch: „Endlich! LKA Hamburg gelingt Festnahme von Steffen B. aus R.“

Dieses Bild veröffentlichte der HSV heute via Social Media

Auch andere Nutzer hatten beim Anblick des Bildes Assoziationen an eine Verhaftung. „Das sieht aus, als hätten sie ihn verhaftet und haben Angst, dass er flieht“ und „Spätestens am Wochenende im Stadion mit den Fans, will er eh nie wieder weg.“ Und das dürfte stimmen. Für Baumgart selbst ist der Job beim HSV ein weiterer Höhepunkt in seiner Laufbahn. Mit einem klaren Ziel: „Das Ziel ist klar, da müssen wir nicht drum herumreden: der Aufstieg“, sagte der 52-Jährige bei seiner heutigen Vorstellung deutlich.

Das wiederum liegt weniger an der fast sechsjährigen Zweitliga-Zugehörigkeit des Clubs und seinem persönlichen Abstieg von der 1. in die 2. Liga, sondern vielmehr daran, dass er nun bei seinem Herzensverein unter Vertrag steht und diesen wieder in alte Gefilde führen will. Vor zwei Jahren hatte der HSV schon einmal bei ihm angeklopft. Seinerzeit stand er allerdings schon beim 1. FC Köln im Wort. Allerdings machte Baumgart mit einfachen, klaren Worten schnell deutlich, dass die Vorfreude nicht die angespannte Situation des zuletzt wankenden Traditionsvereins überlagern sollte: „Nur mit Sympathie funktioniert es nicht, sondern es gehört eine ganze Menge Arbeit dazu. Ich bin hier nicht, weil ich Fan bin“, so der gebürtige Rostocker. „Hier wurde vorher gut gearbeitet, jetzt hoffen wir, dass wir das weiterführen können.“

Und hier liegt der Punkt, den ich auch mit Mats Beckmann von Createfootball.com lange besprochen habe: Baumgart ist von der Walter-Taktik nicht (weit) entfernt. Im Gegenteil, in vielen Dingen ist er sogar sehr ähnlich. So kündigte er heute auch gleich mal an, dass Spiele ohne Gegentor bei seiner offensiven Herangehensweise eher selten sein würden. Dabei stand die defensive Stabilisierung zuletzt unter Walter schon ganz oben auf der To-do-Liste. Und das dürfte auch für Baumgart gelten.Und obgleich Boldt auch heute betonte, man habe bewusst Baumgart gewählt, weil man eben „keine 180-Grad-Wende“ vornehmen und auf dem Aufgebauten aufsetzen wolle, muss eine Kurskorrektur vorgenommen werden, wenn man das Ziel Aufstieg weiter verfolgen will.

Etwa eine Woche nach dem Aus von Trainer Tim Walter unterschrieb der neue Baumgart am Dienstag in der Geschäftsstelle seinen Vertrag bis 2025. Viel Zeit zum Reinschnuppern blieb aber nicht, im Gegenteil: Nach der öffentlichen Vorstellung leitete er am Nachmittag seine erste Trainingseinheit im Volkspark. Baumgart lobte jedoch den Kader: „Das ist eine der besten Mannschaften der 2. Liga.“ Besonders warme Worte erhielt dabei sein früherer Weggefährte Sebastian Schonlau. Dem Kapitän des HSV wird eine große Rolle zuteil. Der Defensivmann arbeitete gemeinsam mit Baumgart vier Jahre in Ostwestfalen und kletterte von der 3. bis in die erste Liga. Schonlaus persönliche Entwicklung sei enorm. „Deswegen wird er sehr wichtig für mich. Nicht nur als Spieler, sondern als Persönlichkeit.“

Nach Hamburg wird Baumgart nur seinen Assistenten René Wagner, seinen früheren Weggefährten aus Köln, in die Co-Trainer-Gruppe mitnehmen. Der zuletzt als Interimscoach fungierende Merlin Polzin wird neben Loic Favé das Trio komplettieren. Sven Höh bleibt Torwarttrainer.

Ich wurde und werde immer wieder gefragt, was ich von dieser Verpflichtung Baumgarts halte. Und die Antwort ist relativ leicht: Ich glaube, dass der kurzweilige Trainereffekt dem HSV den nötigen Anschub verleihen kann, aufzusteigen. Sollte der HSV allerdings im kommenden Sommer nicht personell nachrüsten (hierzu sage ich mehr im Video) und den Kader der Baumgart-Taktik entsprechend verstärken (insbesondere qualitativ hochwertigere und schnelle Innenverteidiger), wird es auch für Baumgart schwer. Wobei, das kann es auch jetzt ganz schnell werden.

Aber bei allem, was man aktuell fordert, darf man nicht übersehen, dass Baumgarts Fußball-Idee ähnlich kompromisslos offensiv ist wie die von Walter zuvor. Das wissen auch die Verantwortlichen Boldt und Costa, die es im Winter verpassten, den dringend benötigten, schnellen und spielstarken Innenverteidiger zu holen.  Da man sich trotzdem für Baumgart entschied, scheint es einen Plan zu geben, der für Außenstehende noch nicht erkennbar ist. Hoffe ich. Denn das persönliche Potenzial zum absoluten Publikumsliebling bringt der bodenständige HSV-Fan Baumgart allemal mit…

Von daher auch von dieser Stelle noch einmal: Herzlich Willkommen, Steffen Baumgart!

Und: viel Erfolg!!

Scholle

Leider gab es heute auch eine sehr traurige Nachricht: Ex-Weltmeister Andreas Brehme ist tot. Brehme starb in der Nacht zu Dienstag an einem Herzstillstand. Das bestätigte seine Lebensgefährtin Susanne Schaefer im Namen der Familie. Brehme, der 86 Länderspiele für die deutsche Nationalmannschaft bestritt, wurde nur 63 Jahre alt. Unser Mitgefühl gilt seiner Familie. Und auch Rest der Fußballwelt trauert. Anbei einige gesammelte Reaktionen:

Rudi Völler, früherer Mitspieler und DFB-Sportdirektor: „Andy war unser WM-Held, aber für mich noch viel mehr – er war mein enger Freund und Begleiter bis zum heutigen Tag. Seine wunderbare Lebensfreude wird mir fehlen. Meine Gedanken sind nun bei seinen Hinterbliebenen, seinen Freunden, vor allem bei seinen beiden Söhnen. Ich wünsche ihnen allen viel Kraft.“

DFB-Präsident Bernd Neuendorf: „Der deutsche Fußball hat ihm unendlich viel zu verdanken. Neben Mario Götze, Gerd Müller und Helmut Rahn gehört er zu den vier deutschen Spielern, die unsere Nationalelf zum WM-Titel geschossen haben. Seine Nerven- und Zweikampfstärke, seine Beidfüßigkeit, seine Flanken, seine Pässe, sein Einsatz – all das hat ihn ausgemacht, all das hat uns so viel Freude und so viele große Momente beschert.“

Karl-Heinz Rummenigge, ehemaliger Mitspieler und Aufsichtsrat des FC Bayern: „Ich bin tief betroffen und geschockt von der Nachricht vom Tod von Andi Brehme. Wir haben zusammen die WM 1986 in Mexiko gespielt, und Andi war ein großartiger Teamplayer, extrem loyal und zuverlässig. Seine Lebensfreude war immer ansteckend, und dass er mit 63 schon von uns gehen musste, stimmt mich sehr traurig.“

Uli Hoeneß, Ehrenpräsident des FC Bayern: „Ich bin unfassbar traurig über diese schockierende Nachricht. Niemand von uns wird Andreas Brehme jemals vergessen – weil er mehr ist als ein 1:0 im WM-Finale von Rom. Wir haben einen großartigen Menschen und einen treuen Freund verloren.“

Lothar Matthäus, Kapitän der Weltmeistermannschaft 1990: „Ich war schockiert, als ich das erfahren habe. Andi war ein Teil unserer Familie. Wir haben uns vor 45 Jahren kennengelernt, viele gemeinsame Geschichten erlebt. Wir waren Zimmerkollegen, bei der Nationalmannschaft und bei Inter Mailand. Wir haben oft 100 Nächte pro Jahr miteinander verbracht. Diese Freundschaft war auch nach der Karriere nicht vorbei. Es ist wirklich, als ob ein Familienmitglied gestorben ist.“

Jürgen Klinsmann, Mitspieler in der Weltmeistermannschaft 1990: „Lieber Andy, wir sind fassungslos, dass Du von uns gegangen bist. Du warst immer für uns da und hast uns zum Weltmeister 1990 gemacht! Wir werden Dich immer in unseren Herzen tragen und Dir für immer dankbar sein!“

Klaus Augenthaler, Mitspieler in der Weltmeistermannschaft 1990: „Ich stehe jetzt hier gerade auf dem Trainingsplatz und habe auf dem Weg hierher davon erfahren. Ich habe es daher noch nicht verdaut. Wir waren befreundet. Wir haben uns erst vor kurzem gesehen und waren gemeinsam Mittagessen. Wenn man dann so etwas hört, ist das natürlich hart.“ 

Jürgen Kohler, Mitspieler in der Weltmeistermannschaft 1990: „Er wird immer einen Platz in meinem Herzen haben. Weil er nicht nur ein außergewöhnlicher Fußballer, sondern vor allen Dingen ein besonderer Mensch war. Bodenständig, geradeaus. Man wusste bei ihm immer, woran man ist. Da ist ein toller Mensch von uns gegangen – viel zu früh.“

Stefan Reuter, Mitspieler in der Weltmeistermannschaft 1990: „Die Nachricht vom plötzlichen Tod von Andy Brehme hat mich sehr getroffen und ist mir nahe gegangen, weil er einfach ein toller Mensch war. Ich verbinde mit ihm nicht nur unseren gemeinsamen Erfolg mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1990 in Italien, sondern eben auch viele wunderbare gemeinsame Momente außerhalb des Fußballplatzes.“

Walter Zenga, einstiger Mitspieler und Kapitän bei Inter Mailand: „Du bist zu früh von uns gegangen, mein Freund, aber ich weiß, dass du uns von dort oben beschützen wirst und wie immer wirst du dort stehen und die Elfmeter schießen, einen mit dem Rechten und einen mit dem Linken. Gute Reise, mein Freund, Ruhe in Frieden, ich werde dir nicht sagen, dass ich weine, weil ich weiß, dass du mich umarmen und sagen würdest: ‚Komm Walter, ich bin hier, Ciao Andy‘.“

Ex-Bundestrainer Berti Vogts: „Andi Brehme war ein toller Fußballer und ein toller Mensch. Mit seinem Elfmeter hat er in Rom nicht nur Fußball-Geschichte geschrieben, sondern den deutschen Fußball auch geprägt.“

Philipp Lahm, Weltmeister-Kapitän 2014: „Brehme wurde bei der WM in Italien eins meiner Idole. Ich habe noch seinen konzentrierten, entschlossenen Blick vor Augen, als er im Finale gegen Argentinien zum entscheidenden Elfmeter antrat. Dann hat er getroffen, wie es genauer nicht gehen konnte. Andy Brehme war ein früher, moderner Außenverteidiger, der auf der rechten wie auf der linken Seite spielte. Dadurch war er prägend auch für meine Karriere.“

Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn: „Wir verabschieden uns von Andreas, der sich seine Liebe zu unserem Lieblingssport immer bewahrt hat. Ich werde nie unsere großartigen gemeinsamen Zeiten mit der Nationalmannschaft vergessen, seine bodenständige und humorvolle Persönlichkeit hat allen Freude bereitet.“

Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger: „Andy Brehme war ein Idol meiner Jugend und später mein Co-Trainer beim VfB. Ein Fußballer durch und durch und ein Pfundskerl. Der Erste, der genauso gut rechts wie links schießen konnte – was für ein tragischer Verlust.“

Tennis-Legende Boris Becker: „Gerade haben wir uns noch bei der Trauerfeier vom Kaiser Franz getroffen! Unglaublich, wie schnell es vorbei sein kann! Meine Gedanken sind bei seinen beiden Söhnen!“

DOSB-Vorstandschef Torsten Burmester: „Die deutsche Sportfamilie trauert um den Finaltorschützen beim WM-Erfolg von 1990. Wir werden die Verdienste von Andreas Brehme für den deutschen Fußball in ehrendem Gedenken halten. Ich bin in Gedanken bei seiner Familie und allen Angehörigen. Ruhe in Frieden, Andy!“

Horst Hrubesch (Fußball-Bundestrainer der Frauen): „Ich habe mich auch ein bisschen erschrocken, als ich es heute Morgen beim Frühstück mitgekriegt habe. Er ist ja Hamburger.  Ich bin jetzt zehn Jahre älter und bin immer noch da. Ich denke mal, mit 63 ist das verdammt früh. Es hat mich schon getroffen. Ich kenne ihn ja ganz gut und werde ihn absolut in super Erinnerung behalten.“

FIFA-Präsident Gianni Infantino: „Die Nachricht vom Tod von Andreas Brehme im Alter von nur 63 Jahren macht mich sehr betroffen. Erst letzten Monat waren wir beide noch gemeinsam in München, um das Leben des großen Franz Beckenbauer zu würdigen. Es ist tragisch, dass wir nun den Tod von Andy betrauern. Andy wird für immer in den Herzen aller deutschen Fans bleiben. (…) Er ist eine Ikone des Weltfußballs und eines meiner Idole. Sein Vermächtnis zeugt von seiner fußballerischen Klasse, seiner Entschlossenheit und seinem Sportsgeist. (…) Seine Karriere wird auch zukünftige Generationen von Fußballern inspirieren. (…) Ciao Legende“.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne): „Lauwarme Dosenravioli, das Dosenbier ungefähr genauso, ein Fernseher auf dem Campingplatz in Norwegen und ein klasse Siegtreffer kurz vor Schluss des WM-Endspiels Deutschland-Argentinien! Ewig her und heute voll nah. Danke Andreas Brehme für diese Erinnerung und viele weitere sportliche Momente, die Du uns als Nationalspieler geschenkt hast. Du bleibst unvergessen!“

Bundesinnenministerin und Sportministerin Nancy Faeser (SPD): „Andi Brehme war mit seiner Leidenschaft und seiner Klasse eine Ikone des deutschen Fußballs. Sein entscheidender Elfmeter im WM-Finale 1990 in Rom war ein Tor für die Ewigkeit.“

Ex-FIFA-Präsident Sepp Blatter: „Die Nachricht vom Tod von Andy Brehme bestürzt mich. Ein ganz Großer musste viel zu früh gehen. Du warst nicht nur fußballerisch ein Vorbild. Deine Bescheidenheit, Volksnähe und Herzlichkeit waren im Fußball Muster von seltenem Wert. Ruhe in Frieden.“

Simon Rolfes (Geschäftsführer Sport Bayer Leverkusen): „Der frühe Tod von Andreas Brehme macht mich persönlich betroffen. Ich war acht Jahre alt, als er Deutschland in Italien zum WM-Titel schoss, das war eine meiner ersten bleibenden sportlichen Erinnerungen überhaupt. Nicht nur der deutsche Fußball hat einen großen Verlust erlitten.  Den Hinterbliebenen von Andreas Brehme bekunden wir als Bayer 04 Leverkusen unser tiefes Mitgefühl.“

Keine 180-Grad-Wende, aber: Polzin fordert „Lust auf Defensive“

Keine 180-Grad-Wende, aber: Polzin fordert „Lust auf Defensive“

Merlin Polzin hat seine erste Pressekonferenz als Cheftrainer des HSV hinter sich. Und es ist nicht ehrrührig, wenn man sagt, dass er nervös wirkte. Im Gegenteil: Diese Nervosität darf man gern als Indiz dafür werten, mit welcher Demut und mit welchem Verantwortungsbewusstsein der 33-Jährige dabei seiner neuen Position gegenübertritt. Denn er betrat mit einer Mischung aus großer Vorfreude und eben jener Nervosität das Podium als „Interims-Cheftrainer“ mit der Chance, daraus eine Dauerlösung zu machen. Zumindest stellte ihm dies Sportvorstand Jonas Boldt in Aussicht. „Für mich als Hamburger Jung und als HSVer ist es eine ganz besondere Situation“, sagte Polzin am Freitag – und stellte aber auch klar: „Ich bin hier nicht als Fan oder als früherer Besucher der Spiele.“

Für Polzin, der bislang nur als Cotrainer fungierte, ist es ein märchenhafter Aufstieg, vom HSV-Fan zum Co-Trainer und – vorerst einmal – zum Cheftrainer. Der gebürtige Hamburger sprach am Freitag von einer „sehr intensiven Woche“ beim Aufstiegskandidaten. Und der ganz besondere Höhepunkt dieser ersten Woche als Cheftrainer folgt am Sonnabend mit dem Spiel bei Hansa Rostock (13.00 Uhr/Sky). Dabei soll er die Mannschaft bei Abstiegskandidat Hansa Rostock defensiv stabilisieren und dabei helfen, nicht den Anschluss an den aktuell fünf Punkte entfernten Stadtrivalen FC St. Pauli zu verlieren. Polzins Plan klingt gut. Er wird Tim Walters offensiven Ansatz nicht komplett über Bord werfen, dafür aber an Stellschrauben drehen.

„Wir werden keine 180-Grad-Wende vornehmen“, versprach er und wiederholte die Boldt-Worte vom Montag. Er wolle weiter mit seiner Mannschaft „dominant und mutig“ auftreten, und den „Ball haben“. Polzin sprach von einzelnen Stellschrauben, an denen er diese Woche gearbeitet habe. Auf dem Platz wolle er „dieses Gefühl von Zugriff, von Selbstvertrauen, von einer defensiven Lust“ sehen.

Gerade diesbezüglich hatte der HSV in den letzten Monaten und Jahren immer wieder Probleme. Walters Offensivfußball war spektakulär – aber defensiv nicht ausgewogen. Das hatte man in der Analyse in der Winterpause auch noch mal angesprochen und als Priorität ausgemacht. Walter sollte – mit großer Verspätung – die defensive endlich stabilisieren – was nicht nur statistisch misslang. Auch deshalb hatte auch Walter-Intimus und Sportvorstand Jonas Boldt zuletzt den Glauben verloren, dass Walter die Hanseaten im sechsten Anlauf zurück in die Bundesliga bringt. Den Glauben an das „außerordentliche Trainertalent“ Polzin hat Boldt nicht verloren. Zusammen mit dem „Winterzugang“ Loic Favé soll Polzin den HSV wieder in die Spur Wiederaufstieg leiten.

Im Gegensatz zu Walter kann Polzin wohl wieder auf Kapitän Sebastian Schonlau zählen. Der Innenverteidiger war nach seiner erneut langwierigen Wadenverletzung ins Training zurückgekehrt. Der 29-Jährige könnte eine Option sein. Die Entscheidung werde aber im Sinne des Spielers getroffen und es würde mich schon wundern, wenn Polzin nach gerade eine Woche im Mannschaftstraining das Risiko mit dem Captain eingeht. Ebenso überraschend wäre es für mich, wenn Polzin den aktionistischen Torhüterwechsel von Walter nicht wieder rückgängig machte. Ich gehe fest davon aus, dass Daniel Heuer Fernandes wieder als Nummer eins im Tor steht. Polzin selbst hielt sich zu diesem Thema heute bedeckt und verwies darauf, dass man sich hierzu erst intern gegenüber allen Beteiligten äußern wolle, bevor die Entscheidung öffentlich wird.

Polzins Enthusiasmus ist das, was für ihn spricht. Seine Lust auf Fußball ist spürbar. Polzin, der im Hamburger Stadtteil Bramfeld aufwuchs, war in Osnabrück als Scout und Analyst vom späteren HSV-Trainer Daniel Thioune zum Cotrainer befördert worden. Mit dem späteren HSV-Coach durchlief er die U17 und U19 und kam dann zur Profimannschaft. Thioune nahm Polzin dann auch in die Hansestadt mit. Während der Trainer 2021 gehen musste, blieb Polzin und arbeitete fortan unter Walter.

Polzin gilt als taktischer Tüftler. „Er hat eine hohe Fußballintelligenz“, sagte Lothar Gans dem „Abendblatt“. Der 70-Jährige war zwischen 1998 und 2017 Manager und Sportdirektor in Osnabrück. Und die Hoffnungen von Boldt, den Fans und auch mir beruhen darauf, dass sich hier ein Werdegang ähnlich jenem von Fabian Hürzeler beim FC St. Pauli ergibt. Auch dort überließ der Club dem damals unbekannten Co-Trainer zunächst interimsweise und dann komplett das Amt. Der junge und taktisch versierte Coach führte den Kiez-Club im vergangenen Jahr aus der Abstiegszone und inzwischen an die Tabellenspitze.

Apropos Hürzeler, der kennt Polzin und auch seinen früheren Assistenztrainer Loic Favé, sehr gut. „Mich freut es für Merlin und Loic, dass sie die Chance erhalten. Und ich überzeugt, dass sie das gut machen werden“, lobte der St. Pauli-Chefcoach. Polzins Erfolgsgeschichte soll jetzt anfangen. Und dann könnten sich er und Hürzeler beim nächsten Stadtderby am 5. Mai vielleicht gegenüberstehen.

Fazit: Es gilt, das junge Trainerteam maximal zu unterstützen. Aber um das hier auch in aller Deutlichkeit zu sagen: Berechtigte Kritik wird benannt und nicht verschwiegen. Ich mal Polzin, ich mag Favé – und es würde mich tierisch freuen, wenn aus dieser Konstellation eine Erfolgsgeschichte würde. Potenzial dafür ist vorhanden. Dennoch wäre ich unehrlich, wenn ich nicht auch Bedenken äußern würde. Polzins Auftritt vor der Öffentlichkeit heute war sympathisch und authentisch – aber er war logischerweise auch nervös. Und so normal ich das finde, so lässt es mich als Fußballer auch ein wenig zweifeln. Und zwar daran, wie sich die Mannschaft auf Dauer unter ihm verhalten wird. Vor allem dann, wenn es mal Zweifel an seiner Taktik, seinen Aufstellungen und seinen Entscheidungen im Generellen gibt.

Diese Autorität kann er noch gar nicht haben. Wie auch…? Bislang war er der Cotrainer, der nah an der Mannschaft und mit allen per Du gearbeitet hat. Jetzt muss er die Entscheidungen selbst treffen und ist selbst der „Schuldige“ bei allen Spielern, denen das nicht gefällt. Hoffen wir mal, dass die nächsten Wochen so erfolgreich werden, dass diese Zweifel schon aus sportlichen Aspekten nicht zugelassen werden. Denn diese Chance besteht. Und ich persönlich wünsche es Polzin, Favé und dem HSV, dass sie diese Chance nutzen!

In diesem Sinne, bis morgen. Dann gibt es nach dem Spiel wieder ein Blitzfazit – hoffentlich mit einem Auswärtssieg im Rücken!

Scholle

Letzte Patrone? Jonas Boldt geht in Trainerentscheidung all in

Letzte Patrone? Jonas Boldt geht in Trainerentscheidung all in

Mit betonter Ruhe hat Jonas Boldt seinen Job auf der Empore des HSV-Presseraums hinter sich gebracht. Und er erinnerte mich dabei ein wenig an meinen Vater. Der hatte früher, wenn wir auf dem Weg zu einem meiner Fußballspiele oder auf dem Weg in den Urlaub waren, auch immer extrem überzeugend gesagt, wo er als nächstes langfahren musste. Dass wir dabei schon zum wiederholten Male dieselbe Stelle passierten, merkten einige im Auto gar nicht. „Jetzt müssen wir hier und danach dorthin“ hieß es vom Fahrersitz – und alle folgten. Ähnlich wie Boldt, der die lang überfällige Trainerentlassung mit einer Souveränität über die Bühne brachte, als habe er alles im Griff.

Allerdings muss man nicht lang dabei sein, um zu wissen, dem mitnichten so ist. Denn bei allen lobenden Worten über den bisherigen Cotrainer Merlin Polzin ist auch klar, dass der HSV in Sachen Trainerposition seinen Job nur unzureichend erfüllt hat. Und Boldt versuchte, diesem Umstand mit Gelassenheit zu begegnen. Die Tatsache, dass der am Sonntagabend geschasste Tim Walter schon sehr lang zur Disposition stand und man es verpasste, dem neuen Trainer die Winterpause Vorbereitungszeit mit seinem neuen Team zu geben, begegnete Boldt betont entspannt. Nach außen. „Es ist ja jetzt nicht so, dass wir abgeschlagen sind und in der tiefsten Krise aller Krisen sind“, sagte der Sportvorstand des HSV. Aber: Auch für Boldt ist die Entlassung Walters eine herbe Niederlage. Er muss eingestehen, dass auch seine dritte Trainerwahl nicht den gewünschten Erfolg gebracht hat.

Und jetzt Polzin. Zusammen mit dem jungen und gerade zum HSV gewechselten Nachwuchstrainer Loic Favé soll das 33 Jahre junge „außergewöhnliche Trainertalent“ am Wochenende in Rostock den Umschwung einleiten. Der gebürtige Hamburger, der zuletzt unter Walter als Co-Trainer gearbeitet hatte, bekommt das Vertrauen als Interimstrainer ausgesprochen. Boldt: „Und das aus voller Überzeugung.“ Logisch! Wie auch sonst…? Dass der HSV in Person Boldts samt seinem Sportdirektor Claus Costa die Chance verpasst hatte, einen neuen Trainer zu präsentieren, wird als gewollt dargestellt. Die einen nennen die Entscheidung für Polzin/Favé mutig. Andere (wie ich) sehen darin ein erneutes Versäumnis. Denn wäre Boldt tatsächlich so überzeugt von Polzin, wie er es sagt, würde er ihm entweder komplett die Chefposition andienen – oder das Risiko vermeiden, das außergewöhnliche Trainertalent in dieser Übergangssituation zu überfordern und darin vielleicht sogar zu verbrennen. Meine Meinung: Diese Lösung ist eine unentschlossene Notlösung.

Mit Polzin/Favé als Trainerteam. Mit zwei jungen Trainern, von denen ich sehr viel halte, wie Ihr wisst. Favé, den ich schon seit seinen frühen Anfängen beim ETV in Hamburg kenne und schätze, traue ich in den nächsten Jahren eine erfolgreiche Cheftrainerkarriere zu. Polzin ebenso, wobei ich den HSV-Cotrainer fachlich nicht so gut kenne wie Favé. Aber die Frage, warum ausgerechnet ein Cotrainer von Walter schaffen soll, der seit zweieinhalb Jahren dabei ist und es nicht schaffte, die Defensivprobleme so anzusprechen, dass sie gelöst werden – bleibt zumindest offen. Und damit trete ich weder Polzin noch Favé zu nahe.

Ganz im Gegenteil: Ich sehe sie hier nur unnötig vor Probleme gestellt. Sollte es am Ende gut gehen und der HSV vielleicht sogar mit dem jungen Trainerduo, das aktuell den Lehrgang zum Fußballehrer absolviert, tatsächlich aufsteigen, wäre es in etwas so, als wäre man mit Walter aufgestiegen. Beides war/ist möglich. Aber das Risiko ist bei beiden Lösungen unvernünftig groß gehalten. Und warum Boldt schon die Warnsignale bei Walter über Monate ignorierte und keinen Plan B aufstellte, das ist eine Frage, mit der sich normalerweise der Aufsichtsrat beschäftigen müsste. Problem hierbei: Dieser Rat ist tatsächlich sogar noch weniger auf Krisensituationen vorbereitet…

Auch deshalb macht der HSV, was er in den letzten Monaten schon bei allen Trainerdiskussionen gemacht hat: Er betont die im Umfeld entstandene Euphorie, die wirtschaftlichen Ergebnisse und nennt alles zusammen „Aufbruchstimmung“. Und dabei geht der HSV weniger den rational vernünftigen Weg mit einem neuen Cheftrainer, den man in den letzten Wochen schon gesprochen und mit dem man Lösungen für das bestehende Defensivproblem besprochen hat. Stattdessen soll es Polzin auf seiner ersten Cheftrainerstation richten. Und ja, es könnte eine schöne Geschichte werden, eine echte Erfolgsgeschichte. Denn sollte Polzin seinen Job gut erledigen – was ich wirklich sehr hoffe und wofür ich dem jungen Interimscoach beide Daumen drücke! – könnte er dauerhaft das Vertrauen bekommen. Aber bei solchen Entscheidungen sollte man weniger die Aussicht auf eine schöne Story als Entscheidungsgrundlage nehmen, sondern vor allem Fakten und Wahrscheinlichkeiten und dem Aufstieg alles unterordnen.

Aber ich glaube, das macht der HSV schon länger nicht mehr. Auch jetzt nicht.

So viel zur Einschätzung der aktuellen Situation. Ab morgen werden wir uns wieder dem zuwenden, was aktuell ansteht: Und das ist das Spiel bei Hansa Rostock.

Euch allen einen schönen Abend!

Scholle

Der HSV lernt nicht dazu – Walter vor dem Aus

Der HSV lernt nicht dazu – Walter vor dem Aus

Der HSV verliert gegen Hannover 96 mit 3:4. Nach dem identischen Ergebnis gegen den KSC vor zwei Wochen stellt der HSV aktuell die schwächste Defensive aller Zweitligisten. Und das, nachdem man im Winter als allererstes Ziel eine Stabilisierung der Defensive gefordert hatte. Gefordert von Trainer Tim Walter, der bislang immer betonte, wie gern er spektakuläre, torreiche Spiele sehe. Dass er damit Siege meint – logisch. Aber die sind eben zu selten das Ergebnis seiner spektakulären Spielweise. Und nicht erst angesichts der gescheiterten Umsetzung der Winteranalyse ist Walter aus meiner Sicht untragbar. Zumindest für all diejenigen, die das Ziel Aufstieg nicht weiter gefährden wollen.

„Zwei Mannschaften mit offenem Visier“ hat Gästetrainer Leitl heute gesehen. Und damit hatte er total Recht. Für sein Team darum ging es darum, gewinnen zu müssen, um den Anschluss an die Spitze nicht gänzlich zu verlieren. Von daher erklärt es sich schnell in Bezug auf Hannover 96. Die Frage ist nur: Warum auch der HSV? Weshalb schafft es Tim Walter nicht, zunächst einmal Sicherheit in das Spiel seiner Mannschaft zu bekommen, die sowieso IMMER trifft? 27 Spieltage in Folge hat der HSV vorn mindestens einmal getroffen, meistens sogar mehrfach. Und trotzdem ist man nicht aufgestiegen und droht auch jetzt wieder aus den Aufstiegsrängen zu fliegen.

Für mich ein Armutszeugnis für alle Entscheider beim HSV. Und damit meine ich nicht allein Tim Walter, sondern auch den Vorstand und den Aufsichtsrat, die diese Problematik seit Jahren tatenlos begleiten und mit dem Totschlagargument „Kontinuität“ ihr Festhalten an Walter begründen. Dass diese Kontinuität inzwischen längst zum Selbstzweck verkommen ist, ist dabei nicht mehr zu leugnen. Und wer heute Jonas Boldt („So können wir nicht weiterspielen“) nach dem Spiel bei Sky gehört hat, wird bemerkt haben, dass die Unzertrennlichkeit im Duo Walter/Boldt endlich ist.

Ich persönlich gehe sogar fest davon aus, dass der HSV sehr zeitnah nachholt, was man spätestens vor der Winterpause hätte machen müssen: Er wird den Trainer wechseln. Ob das sofort zu Stabilität in der Defensive führt? Eher nicht. Denn defensiv stabil zu stehen ist eine Sache, die sich über Wochen einspielt. Dafür hat der HSV nunmehr zweieinhalb Jahre defensiv alles vernachlässigt, was man vernachlässigen konnte. Die Winterpause zum Einspielen hat man offenkundig ungenutzt gelassen. Umso genauer muss man gucken, wen man holt. Aber dazu mehr, wenn der HSV tatsächlich die Entscheidung getroffen hat. 

Ich verabschiede mich jetzt und möchte noch mal ganz klar sagen: Ich fühle mich in meiner Meinung zu 100 Prozent bestätigt – aber das macht mich nicht glücklich. Ich will den HSV gewinnen sehen. Und gerade deshalb beharre ich hier auf meine Meinung.

Scholle

STIMMEN ZUM SPIEL: 

Robert Glatzel: Es tut sehr weh. Wir haben heute eine riesige Chance liegen gelassen. Das sieht man auch an der Reaktion der Fans, die ebenso wie wir extrem unzufrieden sind. Die 2. Liga ist zu gut, dass man jedes Mal Zwei-Tore-Rückstände aufholen kann. Es ist schwer zu begreifen, wie uns nach Karlsruhe erneut so ein Spiel passiert. Wir sind wieder zu spät aufgewacht und haben uns am Ende wieder selbst geschlagen.

Matheo Raab: Ich habe mich persönlich gefreut, heute im Tor zu stehen. Ich habe die ganze Zeit „Ferro“ unterstützt und er tut das Gleiche für mich, so und besonders auch heute. Da spreche ich für unser ganzes Torwartteam, das zeichnet uns aus. Jeder gönnt jedem alles. Abgesehen davon ist es brutal bitter, dass wir uns nach der Aufholjagd nicht belohnt haben. Wir sind nicht gut ins Spiel gekommen und haben zu viele einfache Gegentreffer bekommen. Hinzu kommt noch eine unnötige Rote Karte und das vierte Gegentor in den Schlussminuten. Wir müssen daraus lernen. Es ist in dem Moment dann auch etwas fehlende Cleverness. Wir haben immer den Anspruch, Spiele zu gewinnen, aber manchmal muss man auch einen Punkt mitnehmen und nicht zu viel ins Risiko gehen.

Laszlo Benes: Der Spieler lief vor mir und ich wollte verhindern, dass er allein auf die Kette zuläuft. Ich wollte den Ball spielen, habe ihn leider aber getroffen und das wollte ich so natürlich nicht. Das tut mir leid. Diese Rote Karte hat der Mannschaft geschadet. Es ist sehr bitter. Wir kassieren leider zu viele Gegentore. Mir fehlt die Erklärung, warum wir in der Hinrunde alles zuhause gewonnen haben und jetzt zweimal vier Gegentore kassiert haben.

Jonas Meffert: Wir haben jetzt zweimal in Folge daheim zu viele Gegentore bekommen. Da gibt es sicherlich mehrere Gründe für. Die Entschlossenheit, das Zutrauen im Rausspielen und teilweise die Konzentration haben heute gefehlt. Wir müssen besser werden: Dazu zählt dann auch beim Stand von 3:3 vielleicht einen Punkt mitzunehmen. Der Frust der Fans ist verständlich. Wir Spieler fühlen uns schließlich genauso. Niemand von uns ist heute glücklich, sondern maximal frustriert.   

HSV-Trainer Tim Walter: Es war ein ereignisreicher Abend. Wir sind nicht gut ins Spiel gekommen, sind durch eine Standardsituation und einen abgefälschten Ball doppelt in Rückstand geraten. Wir kommen dann sehr anständig zurück, ehe wir einen Flüchtigkeitsfehler in der Abwehr machen und mit 1:3 in die Pause gehen. Dann kommen wir stark mit dem 2:3 raus, ehe die lange Unterbrechung folgte. Dann sind wir zum zweiten Mal durch eine Standardsituation zum 3:3 gekommen. Die Rote Karte war der „Gamechanger“. Wir hatten auch in Unterzahl weiter gute Möglichkeiten nach vorn, machen aber den entscheidenden Fehler in der Defensive. Dann war es um uns geschehen. Wir müssen über die vielen Gegentore zuhause reden. Wir sind sehr enttäuscht. Es ist große Wut in uns, die es nun in Energie umzumünzen gilt.

Hannover-96-Coach Stefan Leitl: Wir sind sehr glücklich. Es war ein intensives Spiel. Kompliment an meine Jungs. Wir haben das umgesetzt, was wir uns vorgenommen haben: Wir waren hart, intensiv und haben trotzdem Fußball gespielt. Wir haben eine fantastische erste Hälfte gespielt. Dann kommt der HSV zurück. Das muss man auch akzeptieren, denn da steckt auch einfach ein guter Plan und eine gute Mannschaft dahinter. Beim Stand von 3:3 haben wir gewechselt, wollten „all-in“ gehen, um das Spiel noch zu gewinnen. Die Platzverweise haben uns in die Karten gespielt. Wir haben in Summe nicht unverdient gewonnen.

DIE DATEN ZUM SPIEL:

HSV: Raab – Van der Brempt (90.+13. Königsdörffer), Ramos, Ambrosius (46. Hadzikadunic), Muheim – Meffert, Pherai, Benes – Jatta, Glatzel (90.+4. Nemeth), Dompe (90.+4. Reis)

Hannover 96: Zieler – Muroya (90.+15. Börner), Neumann, Arrey-Mbi, Dehm – F. Kunze, Leopold, Schaub (83. Voglsammer), Ernst (90.+15. Christiansen) – Tresoldi (90.+3.Teuchert), Nielsen

Tore: 0:1 Tresoldi (11.), .0:2 Ernst (21.), 1:2 Benes (24.), 1:3 Schaub (32.), 2:3 Hadzikadunic (47.), 3:3 Glatzel (86.), 3:4 Ernst (90.+8.)

Zuschauer: 57.000

Schiedsrichter: Sören Storks (Velen)

Gelbe Karten: – / Nielsen, Teuchert

Gelb-Rote Karten: Hadzikadunic (90.+16, wiederholtes Foulspiel) / –

Rote Karten: Benes (88., grobes Foulspiel) / –

Walter fordert Serie – und hat ein ungewohntes Problem

Walter fordert Serie – und hat ein ungewohntes Problem

Es ist die Situation, die eigentlich jeder Trainer am liebsten mag – auch wenn sie nicht einfach wird. Zumindest hatte Tim Walter schon lange nicht mehr die Situation, ein absolutes Überangebot und mehrere Härtefälle zu haben.  Als er heute auf den Trainingsplatz kam, konnte Walter das erste Mal seit langem wieder mit dem beinahe kompletten Kader trainieren. Also berste personelle Voraussetzungen vor dem Nordduell am Freitag im Volksparkstadion, das aller Voraussicht nach ausverkauft sein wird. Bislang wurden schon 55.000 Tickets abgesetzt. 

Wobei, so ganz stimmt das natürlich nicht, denn gegen Hannover 96 fehlen dem HSV-Trainer weiterhin Kapitän Sebastian Schonlau und Mario Vuskovic. Aber diese beiden Ausfälle sind eigentlich schon eingeplant. Denn während der Kroate auf seine Fortsetzung im Dopingverfahren vor dem CAS wartet, müht sich der Abwehrchef nach seiner Dauer-Wadenverletzung nur ganz langsam wieder heran. „Ich bin froh, dass wir so viele gute Spieler haben. Das ist ein Segen. Ich freue mich über die, die wir haben. Und die sind gut“, sagte Walter heute auf der Pressekonferenz über seine ungewohnt große Auswahl. Er selbst habe in dieser Saison bisher nicht die Situation gehabt, für fast alle Positionen gleich mehrere vielversprechende Optionen zu haben. 

Besonders hart dürfte es für einen der Mittelfeldspieler werden. Dort streiten Laszlo Benes, Ludovit Reis und Immanuel Pherai um zwei Positionen. Ergo: Einer der drei wird zunächst auf der Bank Platz nehmen müssen. Aller Voraussicht nach dürfte das wieder Reis werden, da dieser aus einer längeren Verletzung zurückkehrt und Walter immer wieder betont, ihn nicht „verheizen“ zu wollen. Eine aus meiner Sicht absolut logische und gute Entscheidung, zumal ich aus eigener Erfahrung weiß, wie schwierig komplexe Schulterverletzungen auch nach den dafür notwendigen Operationen sein können.

Es wird für Walter also Härtefälle geben, auch wenn er diesen Begriff negativ belastet sieht. Spieler, die in dieser Saison schon überzeugt haben, könnten sich zwar plötzlich auf der Bank oder sogar auf der Tribüne wiederfinden. Aber Walter sieht die schwierigen Entscheidungen positiv. „Es ist doch schön, wenn man Luxus hat. Das beinhaltet ja auch etwas sehr Schönes“, sagte er. Man merke es auch im Training, wenn fast alle da sind.

Hintergrund: Dann könne gezielter trainiert werden. Ein Hauptaugenmerk dabei sind Zweikämpfe. Dort hat der HSV statistisch starke Werte, aber auch Walter merkte heute an, dass man hier noch besser werden müsse, da man „leider trotz der guten Werte die wichtigen, entscheidenden Zweikämpfe noch zu oft verlieren würde. Walter ist überzeugt: „Wenn alle auf dem Platz sind, dann kann man daran arbeiten. Und das sieht man dann auch.“

Die Voraussetzungen für den HSV sind also gut, um die Serie zu starten, die auch Walter nach dem Auswärtssieg bei Hertha BSC gefordert hat – und die notwendig sein wird, wenn man sich oben auf einem direkten Aufstiegsplatz behaupten will.  Nach dem 2:1 am vergangenen Samstag bei Hertha BSC ist der HSV hinter dem Stadtrivalen FC St. Pauli auf dem zweiten Rang und damit auf einem direkten Aufstiegsplatz.

Ich persönlich freue mich auf das Duell am Freitag echt. Deutlich mehr als auf viele andere Spiele, weil Hannover 96 ein Gegner ist, der viel kann, einen entsprechenden Eigenanspruch hat und dementsprechend nicht nur tief stehen wird. Diesen Eigenanspruch hat Hannover mit zwei Siegen und einem Remis in dieser Rückrunde bislang unterstrichen und hofft, noch einmal an die Aufstiegsplätze heranzukommen.  Dafür muss beim HSV Zählbares herausspringen.

Auf eines werden Walter und sein 96-Kollege Stefan Leitl ihre jeweilige Mannschaft wieder vorbereiten müssen: Auch bei dieser Partie werden etliche Fans gegen den Einstieg eines Investors bei der Deutschen Fußball Liga mit Spruchbändern und dem Werfen von Tennisbällen protestieren. Walter zeigte Verständnis für die Proteste. Doch sein Augenmerk liege in der Situation auf dem Sportlichen, wie er betonte. „Es geht darum, die Spieler rein körperlich auf einem Level zu halten, dass sie erwärmt sind und erwärmt bleiben“, meinte er. Das hätten sie auch in Berlin in der 30-minütigen Zwangspause in den Katakomben gemacht. „Ich hoffe, dass es diesmal nicht so lange Ausfallzeiten gibt“, sagte er. Es bestehe sonst die Gefahr, dass die Spieler sich verletzen könnten. Gerade jetzt, da der HSV-Kader so gut gefüllt ist, wäre das bitter.

Aber die Proteste in Berlin und allen anderen Stadien zeigen Wirkung – bei den Clubs zumindest. Präsident Claus Vogt vom VfB Stuttgart spricht sich für eine Wiederholung der Abstimmung über den Einstieg eines Investors in der Deutschen Fußball Liga aus. „Unser Verständnis von Demokratie – auch im Fußball – sollte sein: Die Mehrheit entscheidet“, schrieb der 54-Jährige am Mittwoch auf der Social-Media-Plattform X – ehemals Twitter. „Kann aber nicht sichergestellt werden, dass ein demokratisch zustande gekommenes Abstimmungsergebnis korrekt ist, sollte man im Sinne der Demokratie und im Sinne unseres Fußballs miteinander diskutieren, ob eine erneute, transparente Abstimmung aller 36 Vereine in der DFL notwendig ist. Ich meine: ja, es ist notwendig!“

Pikanterweise hatte auch Martin Kind, der Mehrheitsgesellschafter vom HSV-Gegner Hannover 96 eine gewichtige Rolle bei der Abstimmung gespielt, die äußerst knapp für die Zulassung von Investoren stimmte. Auch wegen des schlechten Verhältnisses zwischen Kind und dem 96-Stammverein hatte es eine Debatte um das Abstimmungsverhalten des 79-Jährigen gegeben. Kind war vom Verein angewiesen worden, gegen den Einstieg von Investoren zu stimmen. Nach der Abstimmung weigerte sich der 96-Chef zu verraten, ob er mit Ja oder Nein gestimmt hatte. Kind verwies auf die geheime Abstimmung.

Auf Nachfrage meiner Kollegen von der dpa hielt sich Kind zurück und verwies nach dem Vorschlag von Vogt auf die DFL: „Darüber muss das Präsidium und die Geschäftsführung entscheiden. Und das muss sich mit allen Szenarien auseinandersetzen. Ob der Deal kippen könnte, weiß ich nicht.“ Er glaube nicht, dass die Gegner des Deals die Mehrheit in den Stadien ausmachen.

Eine erstaunliche These. Zuletzt hatte es in zahlreichen Stadien Proteste der Fanszene gegeben. Am massivsten wie gesagt beim Spiel Hertha BSC gegen den HSV. Diese Partie stand im Gegensatz zu den anderen Partien wegen der außergewöhnlich lang anhaltenden Proteste sogar kurz vor dem Abbruch. Auch vor diesem Hintergrund erscheint der Vorschlag des VfB-Präsidenten Vogt ebenso spannend – wie wohl unwahrscheinlich. Aber den Protesten der Fans dürfte Vogt neuen Antrieb geliefert haben…

In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Abend. Und: Bleibt gesund!

Scholle