HSV dreht späten Ausgleich in Sieg und offenbart alte Schwächen

HSV dreht späten Ausgleich in Sieg und offenbart alte Schwächen

Der HSV hat Rückschläge weggesteckt und einen späten Ausgleich doch noch in einen Sieg verkehrt, der die letzten Hoffnungen auf einen Aufstieg am Leben erhält. Die Mannschaft hat erneut bewiesen, dass sie ein Spiel tatsächlich erst dann verloren hat, wenn wirklich abgepfiffen wurde – so viel zum Positiven von heute. Ansonsten hat heute bei dem glücklichen Sieg beim SSV Jahn Regensburg vieles wieder nicht gestimmt und gehört angesprochen, wenn man besser werden will. Und davon bzw. von der Entwicklung dahin sprechen sie schließlich allezeit Saisonbeginn unbeirrt. Aber mehr dazu in den Einzelbewertungen und im Blitzfazit:

Daniel Heuer Fernandes: Musste gleich nach 1:40 Minuten und nach 11 Minuten sein ganzes Können aufbieten – und war wie gewohnt zur Stelle. In diesem Takt blieb es bis zum Schluss, weil ihn seine Vordermänner immer wieder in Bedrängnis brachten. Das Allermeiste reparierte er stark – aber beim Nachschuss zum 1:1 und beim Elfer war er machtlos. Note: 3

Moritz Heyer: In der Anfangsphase waren beide Außenbahnen zu offen. Und das lag auch an ihm. Der Ausgleich war zu 100 Prozent sein Ding (und der taktischen Vorgabe des Trainers geschuldet). Note: 4
Mario Vuskovic: Er wirkt genervt – und ich kann ihn verstehen. Seine konsequente Art hätten heute in den ersten 20 Minuten alle an den Tag legen sollen – dann wäre das Spiel zumindest ohne gegnerische Torgefahr verlaufen. Da das (taktisch) aber nicht gewünscht ist, führt frühes gegnerisches Pressing immer wieder zu brenzligen Situationen und lässt den Gegner unnötig lange an seine Chance glauben. Ehrlich gesagt bin selbst ich beim Schreiben dieser Zeilen gerade so genervt von diesem vermeidbaren Scheiß, dass ich mich sehr gut in den Kroaten hineinversetzen kann.  Note: 3

Sebastian Schonlau: Er wirkt nicht nur so – ich behaupte sogar: Er IST müde. Der Kapitän soll organisieren und führen – hat aber schon mit sich allein zu viel zu tun. Dadurch die vielen Abspielfehler, die fehlende Handlungsschnelligkeit. Und die vielen unnötig brenzligen Situationen. Dass er sich trotzdem nicht hängenlässt und seinen Schweinehund immer wieder aufs Neue überwinden kann, spricht für ihn. Note: 4

Miro Muheim: Er begann katastrophal – und dann kam er mit einem so sensationell schönen Tor um die Ecke. Aber: Ihm fehlt einfach Tempo. Ich befürchte, das wird den HSV noch teuer zu stehen kommen. Wobei: Die 1,5 Millionen Euro Ablösesumme sind schon so viel, dass der HSV sich und dem Spieler damit keinen Gefallen getan hat. Der Schweizer wird Probleme haben, diesen Wert sportlich zu rechtfertigen. Dank des Treffers, Note: 3,5

Jonas Meffert (bis 80.): Bei mir müsste er schon schwer verletzt sein, damit ich ihn aus dem Spiel nehme. Auch wenn er heute nicht so stark wie zuletzt war, ist er immer noch der einzige Anker im Mittelfeld, auf den man sich immer verlassen kann. Erste Halbzeit hing er oft in der Luft, weil der HSV das Spiel hinten heraus nicht auf die Reihe bekam. In der zweiten Halbzeit wurde er besser. Auf die Erklärung, warum er raus musste, bin ich gespannt. Note: 3

Jonas David (ab 80.): Sein bitterer Kurzauftritt mit dem verschuldeten Elfer gibt der Frage nach der Meffert-Auswechslung noch einmal mehr Gewicht. Eine Note erspare ich David in diesem Fall dennoch… 

Ludovit Reis (bis 55.): Was ist das bitte? Immer, wenn der Niederländer Jatta anspielen will, geht der Ball sonstwohin – nur nicht zum Spieler. Wobei das heute in der ersten Halbzeit generell bei Reis so war. Er ist momentan einfach nicht gedankenschnell genug. Zurecht so früh ausgewechselt worden. Note: 5

Sonny Kittel (ab 55.): War kaum auf dem Platz, da legte er den ersten guten Torschuss (für Glatzel). Er sorgte gleich für Gefahr. Holte zudem den Elfer sehr clever raus. Sehr effektiver Teilzeit-Auftritt. Und wer sich harte Kritik für schlechte Auftritte gefallen lassen muss, der darf auch Komplimente bekommen, wenn es gut war. Und das war es heute.  Note: 2
Anssi Suhonen (bis 67.): Der Fleißarbeiter mit dem feinen Fuß. Auch wenn es manchmal etwas aktionistisch wirkt, seine Art hilft dem HSV. Er schmeißt sich in jeden Ball, gibt nichts verloren – und gewann offensiv sogar Kopfballduelle gegen die hochgewachsenen Regensburger. Sein Tor ist ein Verdienst seines Fleißes. Schlaue Trainer reagieren in solchen Momenten blitzschnell und nehmen ihn nach so einem Tor nicht vom Platz. Seine Auswechslung brachte unnötig Unruhe rein. Seine Note wäre sicher eine gute Zwei geworden, hätte er weitermachen dürfen. So ist es eine Note: 3

David Kinsombi (ab 67.): In der Form kann er Suhonen nicht ersetzen. Ehrlich gesagt sah das sogar so aus, als wolle er das auch gar nicht mehr. So spielt man, wenn es um nichts mehr geht. Wobei, nein: Selbst da ist mehr Ernsthaftigkeit verlangt. Allein, wie lange er beim 3:2-Treffer im Abseits stehen bleibt – Wahnsinn… Dass er den Elfer schießen durfte, ist für mich das falsche Zeichen. Dass der Elfer drin war, okay! Aber: Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Mario Vuskovic (oder sonstein Spieler, auf den man baut) diesen Ball nehmen muss. Es sei denn, Walter und Co. planen doch mit ihm… Oder noch besser: Kinsombi startet jetzt endlich mal durch und zeigt, was er wirklich kann.  Note: 4

Bakery Jatta (bis 80.): Der Gambier wird immer schnell und hart kritisiert. Aber wer schon mal Fußball gespielt hat und dann sieht, wie auffällig massiert alle HSV-Spieler immer wieder versuchen, ihn einzusetzen, der muss anerkennen, dass Jatta eben immer auch eine Lösung darstellt für seine Mitspieler. Und er ist der erste Anspielpunkt, wenn es mal schnell gehen soll. Sein Wert innerhalb der Mannschaft ist sehr hoch. Problem: Jatta kann die Bälle zwar nicht so weiterverarbeiten, wie man es von technisch guten Spielern gewohnt ist und wie man es von einem Profi erwarten können sollte – aber er ist mit diesen Qualitäten eben schon besser als alle seine möglichen Konkurrenten für diese Position. Note: 3

Josha Vagnoman (ab 80.): Gehört allein schon ob seiner Physis in die Startelf, um sich endlich mal auf lange Sicht zu etablieren und einzuspielen. Selbst dann, wenn er mal (wie Dienstag gegen Freiburg) nicht gut spielt. Komisch, dass Walter das sonst bei den allermeisten Spielern so handhabt – bei ihm aber nicht. Belohnte sich mit dem 3:2-Treffer.  Note: 2

Mikkel Kaufmann (bis 67.): Echt klasse, dass er sich nie hängenlässt und arbeitet.- Aber: Das macht er auf einem Niveau, das einfach nicht ausreicht. Seine sehr robuste Zweikampfführung ist zu plump. Er produziert damit mehr Fouls als Ballgewinne und hat ansonsten mehr Ballverluste als angekommene Pässe. Torgefahr? Nein, wirklich nicht. Es gibt wirklich nicht einen Grund, weshalb er einem der anderen 25 Spieler im Kader vorgezogen werden sollte. Note: 5,5

Faride Alidou (ab 67.): Ist keine Hilfe. Warum der Trainer noch immer so an ihm festhält, erschließt sich mir nicht. Note: 4,5

Robert Glatzel: Viel und gut unterwegs. Immer Unruheherd, fast immer anspielbar – wurde aber zu wenig gesucht. Er spielt konstant gut. Note: 3

Trainer Tim Walter: Sein stures Festhalten am erzwungenen Kombinationsfußball hinten raus sowie seine planlosen und wider eigene Aussagen (s. unten) nicht nur besser machenden Wechsel hätten den HSV fast die letzte Chance auf den Aufstieg gekostet. Wieder einmal presst der Gegner – und wieder einmal schwimmt der HSV defensiv. Das heute war schwach und glücklich – und wird so in einem von fünf Fällen gutgehen. Dass der Trainer offenbar sein System (und damit sich) über das Ergebnis stellt, ist gefährlich. Für den HSV – und auch für seine Position. Unverständlich, warum er der Mannschaft noch immer kein probates Mittel anhand geben konnte, wenn der Gegner mal wieder früh presst. Auch dass er Kaufmann so zwanghaft ins Team drückt ist sportlich absolut nicht nachvollziehbar. Note: 5

Stimmen zum Spiel:

Miro Muheim: „Das Gegentor zum 2:2 war sehr ärgerlich. Wir haben uns auch schon davor zu sehr hinten hereindrücken lassen. Doch unsere Reaktion war dann unglaublich. Wir haben mal wieder Teamgeist und Wille gezeigt. Das zeigt, was für eine geile Mannschaft wir sind. Wir haben nie aufgegeben, immer weitergekämpft. Das zeichnet uns schon die ganze Saison aus. Bei meinem Tor habe ich eigentlich direkt gespürt, dass der Ball wie ein Strahl einschlagen wird. Das ist ein unglaubliches Gefühl, wenn du den Ball dann einschlagen siehst.“ 

Jonas Meffert: „Ich konnte am Ende ausgewechselt von der Bank aus gar nicht mehr richtig hingucken. Und auf einmal pfeift der Schiedsrichter Elfmeter. Ich kann gar nicht beschreiben, wie sauer ich geworden bin. Aber wir haben schon häufiger in dieser Saison erlebt, dass etwas gegen uns läuft. Beim 3:2 sind wir dann alle auf den Platz gestürmt. Die Fans sind ausgerastet, das war wie bei einem Heimspiel – einfach geil! Man muss bei allen Emotionen sagen, dass Regensburg sehr gut gespielt hat und wir anfangs viel Glück hatten. Doch wir sind aus diesem Tief herausgekommen. Auch das gehört zu unserer Entwicklung dazu.“  

Tim Walter: „Je länger das Spiel ging, desto mehr haben wir es angenommen. Nach der Halbzeit kriegen wir dann ein denkbar unglückliches Gegentor, aber sowas passiert und auch das haben wir gemeinschaftlich aufgefangen. Wie meine Mannschaft bis zum Schluss versucht hat, zu gewinnen, und wie die Einwechselspieler neue Energie ins Spiel gebracht haben, ist aller Ehren wert. Da baut sich etwas auf bei dieser jungen Mannschaft und genau diesen Weg wollen wir weitergehen.“ 

Mersad Selimbegovic (Trainer Jahn Regensburg): „Wir müssen heute nach einer Viertelstunde 2:0 führen, dann wird das ein ganz anderes Spiel. So aber geht der HSV mit seinem ersten Torschuss in Führung – einem Sonntagsschuss am Samstag. In der Folge haben wir nicht mehr viel zugelassen, sind verdient zum Ausgleich gekommen und kassieren dann den nächsten schönen Treffer aus der Distanz. Das war bitter, aber wir sind erneut zurückgekommen und haben verdient ausgeglichen. Was dann passiert ist, ist aus unserer Sicht einfach nur unglücklich. Aber wir dürfen stolz auf uns sein, denn wir waren auf Augenhöhe mit dem HSV.“

Die Daten zum Spiel:

Jahn Regensburg: Meyer – Saller, Breitkreuz, Kennedy, Wekesser – Gimber (71. Yildirim), Besuschkow, Beste, Boukhalfa (80. Makridis), Shipnoski (70. Guwara) – Albers

Hamburger SV: Heuer Fernandes – Heyer, Vuskovic, Schonlau, Muheim – Reis (55. Kittel), Meffert (79. David), Suhonen (67. Kinsombi) – Jatta (79. Vagnoman), Glatzel, Kaufmann (67. Alidou)

Tore: 0:1 Muheim (23.), 1:1 Boukhalfa (46.), 1:2 Suhonen (66.), 2:2 Albers (89.), 2:3 Vagnoman (90.), 2:4 Kinsombi (90.+6)

Zuschauer: 13.252

Schiedsrichter: Timo Gerach (Landau-Queichheim)

Gelbe Karten: Besuschkow (26.), Gimber (38.), Saller (45.), Beste (48.) / Meffert (26.), Heyer (79.)

Auch Jahn Regensburg wird den HSV schlauer machen

Auch Jahn Regensburg wird den HSV schlauer machen

Dass am Sonnabend erst Spitzenreiter Schalke 04 (56 Punkte) und Werder Bremen (54) und am Abend) in Hamburg die beiden Verfolger aufeinandertreffen, empfindet er als „richtig cool“. Und mit „er“ ist kein HSVer gemeint, sondern FC-St.-Pauli-Trainer Timo Schultz gemeint. „Das ist positiver Druck und wird die Jungs noch mal beflügeln“, so Schultz, der das Wort Aufstieg weiter nicht in den Mund nimmt „Wir haben die Chance, etwas Riesiges zu erreichen“, sagt er, während der HSV in Regensburg am Sonnabend erst beweisen muss, dass er selbst seine Hausaufgaben erledigt. Für Trainer Tim Walter steht vor dem Duell mit den Oberpfälzern auf jeden Fall fest: „Wir fahren dahin, um zu gewinnen.“ Was dieser erhoffte Dreier dann wert sein wird, werden dann aber vor allem die Resultate der anderen Spitzenteams zeigen.

Walter selbst sieht sich im Saisonfinale nicht in einer Bewährungsphase. Es sei kein Prüfstand, betonte Walter. Er stehe mit den Verantwortlichen des HSV im Austausch und interessiere sich „nur dafür, was am Samstag um 13.30 Uhr in Regensburg passiert“. Ob der zuletzt etwas formschwache Spielmacher Sonny Kittel in der Startaufstellung steht, ob Giorgi Chakwetadze oder Miro Muheim von Beginn an spielen werden, ließ Walter offen: „Jeder Spieler kann sich im Training beweisen und hat dann die Chance, zu spielen“, betonte Walter. Die Auswahlmöglichkeiten sind dabei derzeit groß. Denn bis auf die Langzeitverletzten sind alle Akteure fit und einsatzbereit.

Meine Startelf? Hier:

Daniel Heuer Fernandes – Moritz Heyer, Mario Vuskovic, Sebastian Schonlau, Josha Vagnoman – Jonas Meffert – Ludovit Reis, Anssi Suhonen – Bakery Jatta, Robert Glatzel, Sonny Kittel.

Jawohl, Sonny Kittel. Denn trotz aller berechtigter Kritik an dem Edeltechniker mit Kampfschwäche würde ich ihn nicht draußen lassen, da es wichtig ist, zu erkennen, ob sich der Weltklasse-Kreisklasse-und-zurück-Spieler noch mal zusammenreißen und doch noch über seinen inneren Schweinehund hinwegkommen kann. Sollte er wieder nicht funktionieren, würde ich ihn gegen Miro Muheim auswechseln und mit Vagnoman und Muheim im Wechsel über die offensive Außenbahn kommen. Ebenfalls eine Alternative wäre Giorgi Chakvetadze. Es sei denn, man ist sich intern schon klar, den Georgier nicht zu verpflichten, dann wären auch Abgänger Faride Alidou oder (mein Favorit für den Fall:) Manuel Wintzheimer eine Alternative.

Ludovit Reis würde bei mir immer wieder spielen, weil er die richtige Mentalität hat, sich auch schwachen Spielen wie zuletzt gegen Freiburg zu fangen und wieder zu performen. Zudem stünde der wieder genesene Stephan Ambrosius bei mir wieder im Kader und würde in jeder Schlussphase gebracht werden, in der es einen Vorsprung zu verteidigen gilt.

Denn neben allen Aufstiegschancen steht jetzt auch der Vorausblick auf die neue Saison im Fokus. Und wer sich mal die Reservebank gegen Freiburg genauer anschaut, der wird erkannt haben, dass von den neun Ersatzspielern nur zwei in der kommenden Saison eingeplant sind, nämlich Tom Mickel und Miro Muheim. Jonas David würde zwar nicht weggeschickt, dürfte aber bei einem Verbleib von Vuskovic erkennen können, dass es wieder zu eng für einen Stammplatz würde und der junge Defensivallrounder woanders mehr Spielpraxis bekommen.

Konstanz wurde angekündigt – wird aber schwer zu halten sein

Ansonsten waren noch Jan Gyamerah, Manuel Wintzheimer, Giorgi Chakvetadze, Mikkel Kaufmann, Faride Alidou und David Kinsombi im Kader. Allesamt Spieler, die keine Rolle mehr zu spielen scheinen in den Planungen der Verantwortlichen. Rechnet man noch David und eventuelle Verkäufe dazu, bleibt in Sachen „Konstanz“ bei sieben Abgängen gar nicht mehr so viel übrig. Zum Vergleich: Als man vor dieser Saison vom „großen Umbruch“ im Kader sprach, gingen zehn Akteure (zzgl. den vier Leihspielern und dem vorzeitigen Abgang im Winter von Tommy Doyle). Eine Fluktuationsrate, die auch im bevorstehenden Sommer nicht auszuschließen ist. Trotzdem man beteuert, den eingeschlagenen Weg weitergehen zu wollen und kadertechnisch auf Konstanz setzen zu wollen. Aber das nur mal nebenbei.

Und wenn wir schon bei der Kaderplanung sind, dann noch eine Nachricht, die ich sehr schade fände: Holstein Kiels 24 Jahre junger Rechtsverteidiger Phil Neumann steht laut einem „BILD“-Bericht vor dem Wechsel zu Hannover 96. Demnach steht dem Ex-Schalker bei den Niedersachsen ein Monatsgehalt von 50.000 Euro in Aussicht. Ein Spieler, der meiner Meinung nach das Potenzial hat, ein richtig guter Erstligaspieler zu werden. Und einer, den ich gern beim HSV gesehen hätte.  Aber davon wird es noch sehr viele geben. Und hoffentlich auch einige, die dann auch kommen.

Morgen nach dem Regensburg-Spiel werden wir wieder ein Stück weit schlauer sein.Die Saison geht in ihre finale Phase – und das in alle Richtungen. Ich melde mich natürlich dann auch wieder nach Schlusspfiff mit dem Blitzfazit und der Spielerbewertungen. Bis dahin wünsche ich Euch allen erst einmal einen schönen Freitagabend!

Bleibt gesund,

Scholle

Beim HSV entscheidet sich alles jetzt – vor allem im Kopf

Beim HSV entscheidet sich alles jetzt – vor allem im Kopf

Trainer Tim Walter sieht die Partie des HSV beim SSV Jahn Regensburg als Herausforderung an. Seine Mannschaft müsse sich nach dem 1:3 im Pokal-Halbfinale gegen den SC Freiburg wieder beweisen, sagte Walter am heutigen Donnerstag. „Wir waren sehr, sehr enttäuscht, aber auch stolz auf das Erreichte», betonte der 46-Jährige. Und er weiß, wie schwer es wird, seine Mannschaft nach diesem Highlight vor 57.000 Zuschauern im Stadion und mehr als 5 Millionen Zuschauern vor dem TV auf das Spiel beim SSV vor erwarteten 13.000 Zuschauern vorzubereiten. Denn der Kopf wird in den letzten vier Saisonspielen besonders wichtig werden.

„Glaubst du an vier Siege in den letzten vier Spielen“ wurde ich heute im Communitytalk gefragt. Und was soll ich sagen? Es ist möglich! Regensburg, Ingolstadt, Hannover und Rostock sind definitiv schlagbar. Aber wie immer kann der HSV genauso gut mit null Punkten aus diesen Partien gehen, wenn er nicht an seine Leistungsgrenze kommt. Schaue ich mir Mentalitätsspieler wie Mario Vuskovic und Anssi Suhonen oder auch so konstante Spieler wie Daniel Heuer Fernandes, Jonas Meffert, Moritz Heyer und Tobert Glatzel an – dann habe ich da gar keine Bedenken, dass zumindest der Einsatz bei 100 Prozent liegen wird. Aber diese sechs Spieler werden am Ende nicht reichen.

Der HSV braucht mehr. Er braucht jetzt Impulse von außen, also vom Trainer. Er braucht die Impulse von innen – also von den Führungsspielern. Und vor allem braucht der HSV jetzt Charakter bei seinen Spielern. Denn einige Spieler wie David Kinsombi, Manuel Wintzheimer, Mikkel Kaufmann und auch Jan Gyamerah wissen (so gut wie sicher), dass der HSV mit ihnen nicht für die neue Saison plant. Trotzdem müssen sie sich noch mal auf 100 Prozent hochfahren. Denn nur wer unabhängig von seiner eigenen Zukunft beim HSV noch mal bereit ist, die letzten vier Spieler Vollgas zu geben, kann helfen. Alle anderen stören.

Ich hoffe sehr, dass es „die anderen“ in diesem Fall gar nicht gibt. Allerdings ist es durchaus möglich, weil auch menschlich, wenn sich Spieler falsch behandelt und falsch beurteilt fühlen, dass auch sie Probleme haben, sich für eben diesen Klub noch mal bedingungslos zu zerreißen. Von daher gilt auch hier: Trainer Tim Walter muss noch genauer hinsehen. Er muss entscheiden, wer noch bereit ist, und wer eben nicht mehr. Letztgenannte gehören dann auch definitiv nicht mehr in den Kader berufen. 

Immerhin ließ Walter erneut keinen Zweifel daran, dass man bei den neuntplatzierten Oberpfälzern seine minimale Resthoffnung auf die Bundesliga-Rückkehr am Leben erhalten wolle. „Wir fahren da hin, um zu gewinnen»“, stellte Walter klar. Der SSV ist seit fünf Spielen unbesiegt, spielte davon aber viermal 1:1. Nur beim 1:0 über den SC Paderborn gab es einen Sieg für die Mannschaft von Chefcoach Mersad Selimbegovic. „Sie holen viel aus ihren Möglichkeiten heraus“, zollte Walter den Regensburgern Respekt. Zudem erwartet der HSV-Coach viel Kampf, viel Leidenschaft und viel Wucht von den Regensburgern: „Aber wir wissen, dass wir das bespielen können.“

Personell haben die Hamburger am Samstag keine Sorgen. Bis auf die Langzeitverletzten haben alle Akteure die Strapazen des Pokalspiels überwunden und sind einsatzbereit, während für Jahn Regensburgs Trainer Mersad Selimbegovic das Duell mit dem HSV  wie an diesem Wochenende immer noch nicht zur Gewohnheit geworden ist. „Für mich ist das immer noch nicht normal, dass sich der Jahn regelmäßig mit dem HSV messen darf“, räumte Selimbegovic vor der Partie ein.

Die Regensburger haben nach 30 Spieltagen 39 Zähler auf ihrem Konto und wollen endlich die 40-Punkte-Marke knacken. Der HSV indes hofft – wenn auch nur noch minimal – auf ein Comeback im Aufstiegsrennen. Das mache eine „besondere Konstellation“ aus, befand Selimbegovic am Donnerstag und prognostizierte ein „hitziges Duell“ vor erwarteten rund 13.000 Zuschauern in der heimischen Arena. „Wir müssen auf der Hut und bereit sein, viel zu investieren.“

Ich freue mich trotz allem auf die Partie in Regensburg. Ich freue mich darauf, weil es viele neue Schlüsse geben wird, die den HSV schlauer machen können, wenn er selbst diese auch erkennt. Vier Spiele bleiben den Kontrolleuren im Aufsichtsrat und dem Vorstand gemeinsam noch, um zu entscheiden, was man aus dieser Saison mit in die neue Serie retten sollte – und was eben nicht. Genau DAS meinte ich gestern im Blog mit der Überschrift: HSV-Alltag wirft Fragen auf – und verlangt Antworten. Denn diesen einen Vorteil bieten diese letzten vier Spiele noch einmal: Sie werden unter Beweis stellen, wer mit solchen Situationen gut und richtig umgehen kann – und auf wen man sich eben nicht verlassen kann. Und dazu werde ich mich nach den nächsten Spielen abschließend äußern.

In diesem Sinne, bis morgen!

Scholle

HSV-Alltag wirft Fragen auf – und verlangt Antworten

HSV-Alltag wirft Fragen auf – und verlangt Antworten

Und jetzt? Das Highlight, das viele in den letzten Tagen und Wochen noch positiv gestimmt hatte, ist vorbei. Was jetzt folgt sind die Auswärtsspiele in Regensburg und Ingolstadt, ehe es nach einem Heimspiel gegen Hannover zum letzten Saisonspiel zu Hansa Rostock geht. Alles andere als besonders attraktive Spiele aus HSV-Sicht. Und das sehen sicher nicht nur die Fans so, sondern auch ein Teil der Spieler. Denn der wird heute erst so richtig erkennen, was man gestern gegen den SC Freiburg binnen 17 Minuten abgeschenkt hat. Auch Trainer Tim Walter blieb so nichtssagend wie häufig. Der HSV-Trainer sprach wie so oft von Entwicklung, dem Unabhängig-Machen von Ergebnissen und vom Weitermachen, was begonnen wurde. Ich wollte von ihm wissen, was passieren muss, damit man von einer guten Saison sprechen kann. Als Antwort bekam ich: „Daran arbeiten wir, dass wir einfach besser werden. Wir wollen weiter Spiele gewinnen. Und da fangen wir am Samstag mit an. Die besten Wünsche von Freiburgs Trainer Christian Streich begleiten Walter und Co. nach Regensburg. „Der HSV hat uns alles abverlangt“, lobte er den letztlich klar unterlegenen Gegner. „Ich wünsche dem HSV viel Glück, dass sie es bald schaffen, wieder in der ersten Liga zu spielen.“

Sollte es tatsächlich im vierten Anlauf gegen alle Erwartungen mit der Rückkehr in die Bundesliga doch noch klappen, müsste die HSV-Mannschaft unter Walter aber gewaltige Entwicklungssprünge machen, um in der Beletage bestehen zu können. Das war vorher schon klar und auch ein Stück weit normal. Aber die Partie gegen Freiburg hat noch einmal verdeutlicht, wie riesig die Unterschiede sind. Und im Gegensatz zu vielen Spielern, denen ich den Glauben an sich gar nicht mal vorwerfen will, müssen die Verantwortlichen drumherum klarer werden, wenn sie aus den Fehlern dieser Serie für die so oft zitierte Entwicklung auch die richtigen Lehren ziehen wollen. 

Walters Spielstil reicht fürs obere Zweitligadrittel

Denn dass die Spieler nach Schlusspfiff traurig und verärgert waren, ist klar. Ebenso, dass sie zwar kritisch mit sich selbst sind, sich aber selbstredend einen Sieg zugetraut hätten. Ich persönlich glaube, dass Freiburg jederzeit noch einen Gang höher hätte schalten können und in der zweiten Halbzeit mit dem 3:0 im Rücken nur noch das gemacht hat, was nötig war. „Freiburg war extrem effektiv“, meinte Verteidiger Moritz Heyer und gab zu: „Wir haben von Anfang bis Ende alles versucht.“ Problem hierbei war aus meiner Sicht, dass die gänzlich spielerisch orientierte Walter-Linie nicht funktioniert, wenn ein Gegner wie der SCF so hoch, so aggressiv und so effektiv attackiert. Siehe das Tor zum 2:0 für die Badener. Das Walter-Spiel mit diesem Personal reicht für das obere Zweitligadrittel – aber bei weitem nicht gegen einen so souveränen, abgeklärten und zweifellos deutlich reiferen Gegner.

Aber: Es nützt alles nichts. Die Saison ist noch nicht beendet und der HSV muss schnellstmöglich das Tagesgeschäft wieder aufnehmen. Und auf das Spiel bezogen gab es auch zwei erfreuliche Aspekte: Zum einen deutete der Finne Anssi Suhonen im Mittelfeld mehr als nur an, dass er für die Hamburger in Zukunft ganz wichtig werden könnte. Der dribbelstarke 21-Jährige war ein ständiger Unruhefaktor und eine Belebung. Zum anderen sind die Fans noch immer erstligareif. Erstmals seit dem 22. Februar 2020, als der HSV im Zweitliga-Stadtduell dem FC St. Pauli mit 0:2 unterlag, war das Volksparkstadion mit 57 000 Zuschauern ausverkauft. Und die Anhängerschaft machte gegen den SC Freiburg von Beginn an Stimmung. Inklusive einer mal wieder teuren, dummen Pyroaktion. Selbst nach Schlusspfiff gab es keine Pfiffe für die Spieler, sondern anerkennenden Applaus für eine immerhin bemerkenswerte Pokal-Saison. Für Heyer war das durchaus tröstlich: „Ein Riesenkompliment an die Fans. Was heute abging, war Wahnsinn.“

Nur die Fans sind erstligareif – mit (Pyro-)Abstrichen

Aber man muss leider auch feststellen, dass ansonsten im Team noch zu starke Schwankungen vorhanden sind. Bakery Jatta gefiel mir sehr gut und er bestätigte meine These, dass er sich mit größeren Aufgaben zu steigern weiß. Aber derartige Leistungen muss er auch regelmäßig abrufen können, wenn es gegen Sandhausen, Ingolstadt und jetzt am Sonnabend gegen Regensburg geht.  Bei Sebastian Schonlau sehe ich seit einigen Wochen eine Form von Müdigkeit. Der Kapitän scheint sich ein wenig ins Ziel zu schleppen, was die Freiburger natürlich offenlegten. Mario Vuskovic war gut und Jonas Meffert fing sich auch gegen Freiburg nach einer eher schwachen ersten Halbzeit. Robert Glatzel ist für mich auch gegen Freiburg stark gewesen. Ihm traue ich die erste Liga problemlos zu. 

Anders als einem Josha Vagnoman, der am Wochenende gegen den KSC überragte und Fantasien weckte, die sein Auftritt gegen den SCF wieder zunichtemachte. Man habe die Schwachstelle links beim HSV ausgemacht, gab Freiburgs Coach nach dem Spiel zu – und er hatte recht. Vor allem, weil neben dem gestern schwachen Youngster mit Sonny Kittel ein weiterer Schwachpunkt vermehrt über links kam. Ich mag Kittel, ich halte ihn für einen Erstligakicker – vom rein fußballerischen Talent her. Aber alles Talent ist nichts ohne den Willen und die Motivation, immer besser sein und werden zu wollen. So, wie es Anssi Suhonen in Perfektion vorlebt.

Der junge Finne war der Lichtblick im Halbfinale auf HSV-Seite. Aber bei aller Freude darüber darf daraus nicht sofort eine Erwartung entstehen. Obwohl ich mir zu 100 Prozent sicher bin, dass Suhonen niemals nicht 100 Prozent geben wird, ist er noch immer einer der Spieler, die alles dürfen – aber eben auch noch nichts MÜSSEN. Vor allem nicht die Führungsarbeiten anderer übernehmen. Das wiederum bedeutet nicht, dass sie nicht die Positionen derer übernehmen dürfen, von denen man sich Führung vergeblich erhofft.

Die nächsten Wochen werden Fragen aufwerfen – und Antworten verlangen

Als ich Walter gefragt habe, wie diese Saison für ihn noch als eine gute Saison enden kann, hatte ich eine Antwort im Kopf. Nein: Zwei. Nämlich seine, also die mit „Entwicklung“ und „bei uns bleiben“ sowie „unseren eingeschlagenen Weg weitergehen“ etc.  Und meine Antwort: Denn die sieht Ziele vor, die am Ende der Saison stehen müssen. So muss der HSV endlich am Saisonende folgende Frage klar beantworten können:

  1. Ist Jatta trotz seiner fußballerischen Mängel eine Verstärkung? Ich sage: Ja. Und ich bin mir da sicher.
  2. Ist diese Abwehr wirklich so gut, wie sie statistisch dasteht? Reicht sie für den Aufstieg? Ich sage wieder: ja. Zumindest so lange Vuskovic noch in Hamburg spielt.
  3. Hat der HSV eine funktionierende Mittelachse, um die herum er junge Talente ausbilden kann? Wieder: ja. Heuer Fernandes, Vuskovic/Schonlau, Meffert und Glatzel sowie Suhonnen auf Sicht im Mittelfeldzentrum sind stark genug.
  4. Kann sich Walter auf seine Führungsspieler verlassen? Antwort: Jein. Die oben genannten Spieler sind zuverlässig gut. Sonny Kittel aber ist und bleibt der Mann für besondere Momente. Allein schon, weil er gar nicht bereit ist, IMMER voranzugehen. Von daher müssen sich die Verantwortlichen die Frage stellen, ob und wie sie sportlich von Kittel am meisten profitieren können und wollen.
  5. Ist der HSV spielerisch weiter als zu Saisonbeginn: Antwort: Ja.
  6. Reicht das für den Aufstieg? Antwort: So ganz sicher noch nicht.
  7. Ist Walter der richtige Trainer? Antwort: Walter hat sehr viel positiv verändert und veraltete Strukturen aufgebrochen. Das wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Denn da muss die Mannschaft beweisen, dass ihr System und ihre Entwicklung vorangeschritten ist und unter Walters Regie auch weiter voranschreitet. Soll heißen: Spiele gegen die vermeintlich kleinen Gegner müssen gewonnen werden. Ansonsten wird es auch zur neuen Saison nichts. Und davon hat der HSV jetzt noch drei vor sich – plus Hannover 96, die ich hier noch mal ausklammern würde.

Es gibt noch mehr Fragen, die beantwortet werden müssen. Deutlich detailliertere und auch deutlich generellere, die sich allesamt aus den oben genannten Fragen bzw. den Antworten darauf ergeben. Auch die nach Verstärkungen für die neue Saison (vor allem die Außenbahnen und ein Glatzel-Backup) und Abgängen von denen, die beim HSV keine Zukunft haben.  Und darum werden wir uns kümmern. An dieser Stelle. Aber vorher hat der HSV noch einen Weg zu gehen. Einen schwierigen und den noch bis Saisonende. Angefangen in Regensburg. 

In diesem Sinne, bis morgen!

Scholle

Das Highlight-Spiel war (zu) früh entschieden

Das Highlight-Spiel war (zu) früh entschieden

Man kann sich nach so einem Spiel immer in großen, ausufernden und thesenstarken Analysen ergeben – oder man macht es sich ganz einfach. Zumal das heute aus meiner Sicht so einfach war. Denn der HSV ist mit seinem riskanten Aufbauspiel in der ersten Halbzeit schon am SC Freiburg gescheitert, der im Anschluss an das 3:0 mit angezogener Handbremse das Spiel über die Zeit bringen konnte und bis auf den Treffer von Robert Glatzel in der 88. Minute auch nicht zuließ. Und ja, die HSV-Verantwortlichen werden jetzt die positiven Ansätze, die vor allem in der zweiten Halbzeit auszumachen waren, in den Vordergrund stellen und das Erreichen des Halbfinales zurecht als Erfolg werten.

So, wie es Sportvorstand Jonas Boldt nach Schlusspfiff machte: „Den Beifall haben die Jungs sich verdient. Die Zuschauer haben gesehen, dass wir eigentlich eine gute Saison spielen, dass wir immer alles reinhauen. Der Spielverlauf hat uns nicht in die Karten gespielt: zwei Schüsse, zwei Gegentore. Ich glaube, wenn wir den Anschlusstreffer gemacht hätten, wäre noch was drin gewesen, Chancen waren da. Aber wir haben auch gegen eine richtige Klassemannschaft gespielt.“

Sätze, die man nicht widerlegen kann. Für die man sich aber auch nichts kaufen kann. Denn ich weiß, dass man als Spieler dieses „Raus-mit-Applaus“-Gesabbel nicht wirklich hören will. Insgeheim hat man immer die Hoffnung auf die große Sensation – und man hat diese eben nicht erreicht. Im Gegenteil: Der Wettbewerb ist an dieser Stelle beendet. Und: Das nächste Spiel findet dann auch nicht zuhause vor 57.000 Fans statt, sondern auswärts und vor 15.000 Zuschauern am Sonnabend in Regensburg. Keine leichte Aufgabe – in allen Belangen.

Die Benotung des Spiels von heute: 

Daniel Heuer Fernandes: Unglücklich gleich vor den ersten beiden Treffern der Freiburger zum 0:1 und 0:2. Bitter für ihn, dass der SC so effektiv war, Note: 5.

Moritz Heyer: Schwer zu bewerten, weil er irgendwie nur bei seinen Fouls auffiel – ohne ansonsten irgendwie abzufallen. Note: 4

Sebastian Schonlau: Doppelt unglücklich vor dem 0:2, auch ansonsten heute ein Spiel, das nie für ihn lief und das man ihm an seiner Körpersprache ablesen konnte. Note: 4

Mario Vuskovic: Aggressiv, willig, stark in der Luft. Er konnte die Gegentore nicht verhindern und schien in der ersten Halbzeit ein Stück weit zu verzweifeln. Auch nach dem Spiel war er noch stinkesauer, was Sonny Kittel zu spüren bzw. zu hören kam. Offenbar etwas zu laut, sodass Trainer Tim Walter dazwischengehen musste. Note: 4

Josha Vagnoman (bis 81.): Er hätte vor dem 0:1 enger attackieren können/müssen und war auch sonst heute immer einen Schritt zu langsam. Note: 5

Miro Muheim (ab 82.): War sofort im Spiel und wollte was zeigen. Schöne Flanke zum 1:3-Ehrentreffer. Note: 3

Jonas Meffert: Das war alles eine Nummer zu schnell für ihn. Als er sein Spiel gefunden hatte, war es zwar schön zu spät. Aber mit ihm wurde auch das HSV-Spiel geordneter und gefälliger. Note: 3,5

Ludovit Reis (bis 69.): Fehlte leider über 68 Minuten komplett und fiel das erste und einzige Mal auf, als er mit einem Handspiel die Freiburger Großchance aufs 0:4 verhinderte. Im Aufbauspiel zu handlungslahm und ein Hemmschuh. Dass er für Mikkel Kaufmann raus musste und dass dieser in der kurzen Zeit allein mit unbedingtem Einsatz mehr Aktionen als Reis zuvor hatte, es sagt alles. Note: 6

Mikkel Kaufmann (ab 69.): Engagiert wie immer, heute auch nicht ganz so stumpf und unclever wie zuletzt.Note: 4

Anssi Suhonen (bis 85.): NIEMALS würde er freiwillig einen Ball verloren geben. Er schmeißt sich in jeden Ball und in jeden gegner ohne jegliche Rücksicht auf die eigene Gesundheit. So war er auch immer irgendwie mit dabei, wenn es gefährlich wurde. Er hätte auch treffen müssen (17.). Als er dann traf, war er leider mit einem Fuß im Abseits. Aber: Das war gegenüber dem guten Spiel gegen den KSC heute noch mal eine Steigerung. Es war ein richtig guter Auftritt. Der Youngster war heute aus meiner Sicht der beste Mann im HSV-Dress. Note: 1,5

Giorgi Chakvetadze (ab 86.): Dabei. Mehr nicht.

Bakery Jatta (bis 81.): Extrem engagiert und derjenige, über den es am häufigsten gefährlich wurde. Weil über die linke HSV-Seite (Kittel) nichts kam, musste er immer wieder herhalten und machte das richtig gut. Das war heute ein gutes und eines seiner besseren Spiele. Note: 2

Faride Alidou (ab der 82.): Siehe Chakvetadze.

Robert Glatzel: Erste Flanke, und er war da. Auch sonst viel unterwegs, holte sich tief die Bälle und verteilte sie. Dadurch fehlte er im Zentrum, wenn mal was kam. Dass er am Ende den Ehrentreffer markieren konnte, hatte er such verdient. Er hat das Format, auch in der ersten Liga mitzuspielen. Note: 2,5

Sonny Kittel: Aktiver als in den letzten Zweitligaspielen. Aber: Er ist und bleibt zu weich, um ein richtig guter Führungsspieler zu werden. Hätte er nur zehn Prozent der Mentalität eines Anssi Suhonen, hätte er in der 68. Minute voll durchgezogen und getroffen… Wobei: Der Finne würde bei mir zentral aktuell immer vor Kittel aufgestellt werden. Note: 4,5

Trainer Tim Walter: Sein auf fußballerischen Lösungen basierendes Spiel ist offensiv attraktiv, aber eben auch sehr riskant. Vor allem aber ist es gegen spielerisch derart überlegene, schnellere Freiburger nicht immer schlau und wurde heute brutal bestraft. Die zweite Halbzeit war besser – aber eben nicht genug, um heute Freiburg noch mal gefährlich zu werden. Seine Wechsel (Kittel und Reis anstelle von Alidou und Kaufmann) gegenüber dem 3:0 gegen Karlsruhe griffen heute nicht – waren aber vor Spielbeginn für mich schlüssig. Dass ausgerechnet der ansonsten nimmermüde Reis heute so abfiel, war nicht vorherzusehen. Ich bin gespannt, inwieweit Walter den – nach diesem Highlight im Halbfinale, zuhause und vor 57.000 Zuschauern – normalen Spannungsabfall nach diesem Aus bis zum Regensburg-Spiel abzufedern weiß. Note: 4

Schiedsrichter Deniz Aytekin: Was für ein Schwachsinns-Elfer. Da spielt Schlotterbek den Ball im Sitzen per Kopf und es gibt Foulspiel. Selbst wenn die Regel hier kein gefährliches Spiel (Kopf zu tief!) mehr vorsieht, erschließt sich die Logik hier für mich nicht. Weshalb er Freiburgs Trainer Christian Streich nicht mit Gelb verwarnte, bleibt ebenso sein Geheimnis wie das Nicht-Abseits vor dem 1:0 für die Freiburger. Ansonsten ruhiger (und beruhigender) Leiter eines früh entschiedenen Spiels. Note: 4

Das Spiel in der Statistik:

HSV: Heuer Fernandes – Heyer, Vuskovic, Schonlau, Vagnoman (82. Muheim) – Reis (69. Kaufmann), Meffert, Suhonen (85. Chakvetadze) – Jatta (82. Alidou), Glatzel, Kittel

SC Freiburg: Flekken – Schmid (90.+2 Sildillia), Lienhart, Schlotterbeck, Günter – Eggestein, Höfler – Sallai (64. Höler), Jeong (79. Haberer), Grifo (79. Weißhaupt) – Petersen (64. Demirovic)

Tore: 0:1 Petersen (11.), 0:2 Höfler (17.), 0:3 Grifo (35.), 1:3 Glatzel (88.)

Zuschauer: 57.000

Schiedsrichter: Deniz Aytekin (Oberasbach)

Gelbe Karten: Meffert (37.), Reis (48.), Kaufmann (74.), Heyer (90.+1) / Günter (57.), Höfler (63.), Schlotterbeck (72.), Weißhaupt (90.+3)

Pokalhighlight! SC Freiburg kommt mit Demut nach Hamburg

Pokalhighlight! SC Freiburg kommt mit Demut nach Hamburg

Jonas Boldt hatte sich schon vor dem 3:0 gegen den Karlsruher SC festgelegt. „Wir bleiben nicht nur bei uns“, sagte der Sportvorstand des HSV bei Sport1 in Anspielung auf den Lieblingsspruch von Trainer Tim Walter, „sondern er bleibt auch bei uns.“ Dass man die Rückkehr in die Eliteliga nunmehr zum vierten Mal in Serie und zum dritten Mal mit Boldt zu verpassen droht, wird zu keinerlei Veränderungen in der Ausrichtung des Vereins führen. Völlig unabhängig davon, wie dieses Spieljahr ausgeht, scheint Trainer Tim Walter unangefochten zu bleiben. Logisch, dass sich der HSV-Coach darüber freut. „Es ist ein tolles Gefühl, Teil dieses Vereins zu sein“, sagte er vor dem DFB-Pokalhalbfinale am Dienstag (Anpfiff 20.45 Uhr im Volksparkstadion) gegen den starken Erstligisten SC Freiburg.

Als langfristiges Ziel bestehe aber selbstverständlich der Aufstieg. „Auf jeden Fall“, versicherte der Boldt, „dass wir dahin wollen, steht außer Frage. Aber man kann es nicht herbeizaubern.“ Er selber habe es jetzt schon zweimal mit unterschiedlichen Herangehensweisen erlebt, dass es eben keine Garantie für die Bundesliga-Rückkehr gebe. Deshalb sieht Boldt im Aufbau einer langfristigen Strategie mit einigen Anpassungen den einzigen Weg. „Dann bin ich überzeugt, dass es mittel- oder langfristig funktionieren wird“, sagte der 40 Jahre alte Manager, dem viele eine Art „Try-and-error“-Prinzip als Handlungsgrundlage unterstellen. „Das hat mit den Voraussetzungen zu tun, die wir hier zur Verfügung haben“, erläuterte Boldt den Kurs der Verjüngung. „Punktemäßig ist es das bisher vielleicht schlechteste Jahr in der 2. Liga. Aber die Art und Weise, wie wir spielen, hat aber viele Menschen begeistert.“

 

Walter erhält Job-Garantie und will ins Finale

Eine vertretbare, aber sicher auch diskutable These. Trotzdem soll es im Pokal so weitergehen. Vielleicht sogar weiter bis ins Finale? „Der Gegner spielt eine Liga höher und ist auf dem Weg in die Champions League, wir sind nominell der Herausforderer“, sagte Walter heute. „Wir haben Bock auf dieses schöne Spiel und eine hervorragende Plattform mit einem ausverkauften Haus. Da ist es für jeden Gegner schwer, vor 57.000 Fans zu bestehen.“ Die Herangehensweise sei für sein Team immer gleich: „Wir wollen jedes Spiel gewinnen“, so Walter, der mit dem Finaleinzug den größten Erfolg des HSV seit dem Pokalsieg 1987 in Berlin perfekt machen kann. „Jetzt geht’s erst erstmal darum, dieses Spiel zu gewinnen, um zumindest eine Hand am Pott zu halten.“ 

Personell kann er nahezu aus dem Vollen schöpfen. Neben dem Langzeitverletzten Tim Leibold fehlt nur Maximilian Rohr wegen eines Muskelfaserrisses. Der gegen den Karlsruher SC gesperrte Mittelfeldakteur Ludovit Reis ist wieder eine Option für die Startelf und dürfte beginnen – sofern Walter nicht erneut auf zwei Spitzen setzt. Das hatte er zuletzt mit Mikkel Kaufmann neben Robert Glatzel getan – oder war das nur die Präsentation seines Plan B? Wollte Walter seinen Kritikern demonstrieren, dass er sehr wohl einen Plan B hat? Ich weiß es nicht.

Ich glaube aber, dass der HSV-Trainer gut beraten wäre, gegen Freiburg seine lauf- und zweikampfstärksten Spieler aufzubieten. Denn das, was ich am Sonnabend von den Breisgauern gegen Bochum gesehen habe, war schon saustark! Onetouch-Fußball, Tempo, Zweikämpfe und eine Ballsicherheit, die beeindrucken. Da steckt weder im Umfeld noch sportlich irgendwas vom einst kleinen SCF drin. Im Gegenteil Dieser SC Freiburg wächst sich Woche für Woche weiter weg vom HSV. Aber: Sollte der HSV es schaffen, die Gäste defensiv zu fordern und mit dem seinerseits sehr laufintensiven Spiel unter Druck zu setzen, dann hat er eine Chance, die Mannschaft von Cheftrainer Christian Streich zu ärgern. Lässt man die Freiburger aber spielen, wird das nichts. Dann wird auch die so oft betont „beste Abwehr der Zweiten Liga“ überfordert sein.

Hat Walter einen Plan B? Kittel und Reis wieder dabei

Walter selbst will die restlichen vier Saisonspiele sowie das Pokalduell und den DFB-Pokal in Gänze gewinnen. Sein Siegeswille ist bekanntlich extrem. Und diesen Ehrgeiz versucht er auf seine Mannschaft zu übertragen. Mit Blick auf die Ergebnisse sei ihm das nicht immer gelungen, räumte er ein. Jedoch „von der Art und Weise, dem Elan, dem Engagement und dem Willen auf jeden Fall immer“. Und genau darum wird es in den letzten Wochen weiterhin gehen. Walter, seine Cotrainer und Assistenten sowie vor allem natürlich seine Mannschaft müssen beweisen, dass man immer weiter wächst und sich sportlich nach vorn entwickelt. Auch taktisch. Und genau dafür wird der Freiburg-Kick ein echter, ein harter Gratmesser.

Personell ist der HSV bestens gerüstet. „Die Sensation ist möglich“, sagte Robert Glatzel. „Das wird ein unfassbar geiles Spiel. Ich kann es kaum erwarten, endlich vor einer vollen Hütte zu spielen.“ Das nämlich kennt er nicht. Genauso wenig wie der halbe Kader und Tim Walter selbst. Letztmals war die Arena im Februar 2020 voll bis unters Dach. Freiburgs Kapitän Christian Günter schwant nichts Gutes. „Es ist mit eines der lautesten Stadien, an die ich mich erinnern kann“, sagte er respektvoll.

Vor 35 Jahren holte der HSV letztmals den Pott. Dreimal gelang ihnen das in der Vereinshistorie. Ein solches Hochgefühl wollen die Freiburger auch kennenlernen. Noch nie gewannen sie den Pokal, einmal standen sie im Halbfinale (2012/13). „Ich bin nicht für’s Träumen da. Ich habe etwas zu erfüllen mit meinen Arbeitskollegen, damit vielleicht ein Traum in Erfüllung geht. Es geht darum, dass wir mit Demut nach Hamburg fahren“, sagt Freiburgs Trainer Christian Streich, für den die Reise an die Elbe ein Aufleben alter Erinnerungen ist. „Ich habe immer wahnsinnig gerne gegen den HSV gespielt, weil das ein großer, großer Verein ist für mich aus meiner Kindheit und meiner Jugendzeit. Ich habe sehr viele schöne Erinnerungen an Spiele bei St. Pauli und dem HSV. Es ist immer etwas Besonderes, in Hamburg zu sein. Ich habe mich gefreut bei der Auslosung.“

Freiburg-Ära unter Streich als HSV-Vorbild

Und auch Walter lobte die Freiburger. Mit Streich seien sie dabei, eine Ära zu prägen. „Der Verein steht für Stabilität und Kontinuität. Das zeigt sich vor allem auf der Trainerposition“, sagte der HSV-Coach und fügte hinzu, dass man sich eine solche Ära auch in Hamburg wünsche. Und dafür kann er selbst am meisten Sorge tragen. Nicht wenige Bekannte unken schon: Das Spiel geht aus wie immer. Also, Verlängerung, Elfmeterschießen, und am Ende gewinnt der HSV. So war es in den vorangegangenen drei Runden. Gegen den KSC (3:2 i.E), 1. FC Köln (4:3 i.E.) und den 1. FC Nürnberg 4:2 (i.E.) musste die Entscheidung vom Punkt fallen. Und nicht nur Walter würde das sicher freuen.

Offen ist aber, wie der HSV-Coach dafür personell plant. Normalerweise verändert er selten eine zuvor siegreiche Startelf. Diesmal rückt aber sicher Reis wieder ins Team. Und auch Kittel dürfte unter Walter wieder für die Startelf vorgesehen sein. Dafür dürften Alidou und Kaufmann rausrotieren – und das HSV-System wieder zurückgebaut werden. Ich tippe auf folgende Startelf:

Heuer Fernandes – Heyer, Vuskovic, Schonlau, Vagnoman – Meffert – Jatta, Reis, Suhonen, Kittel – Glatzel.

Oder was glaubt Ihr?

Ich freue mich jedenfalls auf das Pokalhighlight morgen Abend und melde mich selbstverständlich nach dem Schlusspfiff wieder mit Blog und Blitzfazit bei Euch. Genießt den Rest-Montag, bleibt gesund und bis dahin!

Scholle