Unaufgeregter, souveräner Heimsieg als Einstimmung für das DFB-Pokalhalbfinale

Unaufgeregter, souveräner Heimsieg als Einstimmung für das DFB-Pokalhalbfinale

Der KSC hatte sich sehr viel vorgenommen. Das hatten mir die netten Kollegen aus Karlsruhe vor dem Spiel schon sehr ausführlich erläutert und angekündigt. Allein zu sehen war davon heute bei dem nie gefährdeten 3:0-Heimsieg des HSV nichts. Was allerdings nicht allein am schwachen KSC lag, sondern auch am HSV, der heute im Gegensatz zum Spiel bei Holstein Kiel das Tempo von der ersten Minute an hochhielt und nicht zu kompliziert spielte. Überraschend ohne Sonny Kittel, der zunächst nur auf der Bank saß. Aber dafür mit viel Schwung über beide Außenbahnen. Und dieser Schwung leitete dann auch das 1:0 ein. Den Startschuss für ein am Ende in allen Belangen überlegen und souverän geführtes Spiel des HSV vor 24.892 Zuschauern, die sich zehn Minuten vor Schluss schon intensiv auf das DFB-Pokalhalbfinale am Dienstag einstimmten.

Dass dem HSV dort ein gänzlich anderes Spiel bevorsteht, ist allen klar. Der SC Freiburg spielt leider einen sch…starken Ball momentan. Ich habe mir heute den souveränen 3:0-Sieg der Freiburger über 90 Minuten angeschaut und war begeistert. Sympathisch war mir der SC eh schon immer – aber jetzt kann ich behaupten, dass ich auch den Fußball auch attraktiv finde und mich umso mehr darauf freue, am Dienstag in das erstmals wieder ausverkaufte Volksparkstadion zu gehen. Mit einem wichtigen Dreier in der Liga im Rücken dürfte der HSV zumindest durchaus selbstbewusst in das Spiel gehen.

„Wir sind von Anfang an sehr selbstbewusst aufgetreten, machen relativ früh das 1:0 und das gibt natürlich Rückenwind, gerade zu Hause vor unseren Fans, die uns immer wieder angepeitscht haben“, sagte Mannschaftskapitän Sebastian Schonlau im Anschluss und frohlockte vor seinem ersten Auftritt als HSV-Profi vor ausverkauften Rängen im Volksparkstadion: „Es hat Spaß gemacht heute. Ich glaube, der Plan ist richtig gut aufgegangen. Jetzt freue ich mich tierisch darauf, am Dienstag erstmals vor ausverkauftem Stadion im Pokal anzutreten. Dieses Spiel ist für uns alle ein echtes Highlight, das vieleso noch nie erlebt haben und vielleicht auch so schnell nicht wieder erleben werden. Mal sehen, was mit unseren Fans im Rücken da noch alles möglich ist.“

Die Noten zum Spiel:

Daniel Heuer Fernandes: Wurde nicht gefordert, spielte wie gewohnt mit. Alles okay so. Note: 3
Moritz Heyer: Heute sehr schwankend zwischen cleverer Defensivarbeit und unsauberem Passspiel. Aber nach vorn wieder etwas aktiver und mutiger. Und er wurde in der zweiten Halbzeit besser. Note: 3

Sebastian Schonlau: In der 30. Minute kam er völlig (unverhofft) frei zum Kopfball – da war mehr drin. Ansonsten sehr umsichtig und im Paket mit seinen Nebenleuten heute unüberwindbar. Note: 3

Mario Vuskovic: Sein Glück – oder das des HSV – war, dass Kittel zunächst nur auf der Bank saß und er die Freistöße schießen durfte. Und dass er es kann wussten wir. Der erste war noch ein Warnschuss, der zweite ein richtig geiles Ding (32.) zum 2:0. Räumte defensiv alles weg, traf vorne: So macht sich immer schwerer haltbar für den HSV. Aber das alles nur im positiven Sinne. Note: 2

2:0 Tor, Jubel, v.l. Trainer Tim Walter (HSV), Torschuetze Mario Vuskovic, Jonas Meffert, Moritz Heyer, Faride Alidou, Josha Vagnoman

Josha Vagnoman (bis 75.): Mit seinem Kumpel Alidou auf links heute von der ersten Sekunde an wach – und deutlich gefährlicher als zuletzt in Kiel. Mutig in der Offensive mit gefährlichen Abschlüssen und einem sehenswerten Treffer, während er in der Defensive ganz stark spielte und absolut gar nichts zuließ. Miro Muheim wird warten müssen, bis Vagnoman sich verletzt der gesperrt ausfällt. Anders kommt der Schweizer aktuell ganz sicher nicht an Vagnoman vorbei in die Startelf. Seine Auswechslung jedenfalls darf Vagnoman als bester Mann auf dem Platz  heute als Belohnung verstehen. Da er alle Aufgaben erledigt und sich zudem noch mit einem Tor belohnt hat, wird er auch hier als bester Mann auf auf dem Platz belohnt:  Note: 1

Miro Muheim (ab 76.): War sofort drin im Spiel und versuchte, sich zu zeigen. Note: 3

Jonas Meffert (bis 75.): Organisator, Stratege und immer Herr der Lage. Er ist und bleibt der Fixpunkt im HSV-Spiel. Für seinen Trainer ebenso wie für seine Kameraden auf dem Platz. Wurde mit seiner Auswechslung schon für Dienstag geschont. Note: 2

Jonas David (ab 76.): War sofort da und hatte trotz der kurzen Zeit gute Aktionen. Note: 3
Anssi Suhonen: Brauchte ein paar Minuten, um sich an das Tempo zu gewöhnen und wurde dann mutiger – mit guten Szenen und schlauen Pässen. Er gibt keine Situation verloren, scheut keinen Zweikampf und traut sich auch den tödlichen Pass zu. Er deutet weiterhin an, wohin es mit ihm noch gehen kann – und das ist und bleibt spannend. Dass der Trainer nach dem Spiel (auf Nachfrage) ein Sonderlob in Richtung des Finnen schickte, zeigt, dass das heute gut war. (Fleiß-)Note: 2

Anssi Suhonen (HSV) machte ein gutes Spiel und erhielt vom Trainer ein Sonderlob

Bakery Jatta (bis 65.): Mein Kicker-Kollege neben mir sagte gerade „Jatta macht heute ein schön geradliniges Spiel“, da fand die Flanke des zuletzt viel Kritisierten Robert Glatzel am zweiten Pfosten und das 1:0 (23.) war da. Und mein Kollege hatte Recht, Jatta spielte einfach – aber eben sehr effektiv. Kein falsches Risiko, immer alles mit möglichst viel Tempo und schnell den Nebenmann finden. Das war gut. Note: 2

Manuel Wintzheimer (ab 65.): Gefährlicher und präsenter in den 25 Minuten als Kaufmann über die gesamten 90 Minuten. Note: 3

Faride Alidou (bis 81.) : Er versucht viel – es gelingt noch immer wenig. Trotzdem war das heute schon eine Steigerung gegenüber seinen letzten Spielen. Note: 4

Giorgi Chakvetadze (ab 82.): Wollte noch was zeigen. Aber die Zeit war zu knapp. Bleibt daher auch ohne Benotung. 

Robert Glatzel (bis 65.): Er war wieder da. Wobei er das eigentlich immer ist, wie ich finde. Nur heute eben auch wieder als Arbeiter, Ballschlepper, Ballverteiler – UND als Torschütze zum wichtigen 1:0. Für mich ist und bleibt er eine unverzichtbare Stütze im Team. Auch wenn das ehemalige Nationalspieler und andere anders sehen mögen – für mich ist Glatzel einer der besten Transfers des letzten Sommers. Note: 2

Sonny Kittel (ab 65.): Geschont? Oder war es eine schöpferische Pause nach zuletzt wirkungslosen Spielen? Egal wie, dem Spiel des HSV bekam es gut – ebenso wie Kittel selbst. Denn der war diesmal in den 25 Minuten nach seiner Einwechslung präsenter als zuletzt. Und ein gesunder, fitter und vor allem gewillter Kittel wird in den nächsten Wochen, insbesondere am Dienstag gegen den SC Freiburg, gebraucht. Note: 3

Mikkel Kaufmann: Er will, das sieht man. Zu Beginn und gegen Ende der zweiten Halbzeit hatte er dann auch seine Kopfballchancen, die beide Male knapp am Tor vorbei strichen. Aber das war dann leider auch alles. In den Zweikämpfen oft noch zu plump, selten clever. Am Ball überfordert. (Fleiß-)Note: 4

DIE DATEN ZUM SPIEL:

HSV: Heuer Fernandes – Heyer, Vuskovic, Schonlau, Vagnoman (73. Muheim) – Jatta (66. Kittel), Suhonen, Meffert (73. David), Alidou (78. Chakvetadze) – Kaufmann, Glatzel (66. Wintzheimer)

Karlsruher SC: Kuster – van Rhijn, Gordon, Kobald, Jakob – Gondorf, Breithaupt, Wanitzek (75. Lorenz) – Kaufmann (33. O’Shaughnessy), Hofmann (66. Schleusener), Goller (75. Batmaz)

Tore: 1:0 Glatzel (23.), 2:0 Vuskovic (32.), 3:0 Vagnoman (68.)

Zuschauer: 24.892

Schiedsrichter: Patrick Alt (Illingen)

Gelbe Karten: – / Gordon (19.), Goller (71.), Eichner (71.)

Gelb-Rote Karten: – / Gordon (30.)

Noch sechs Spiele, die der HSV alle nutzen muss

Noch sechs Spiele, die der HSV alle nutzen muss

Ich halte viel von Karlsruhes Trainer Christian Eichner vom Karlsruher SC. Zusammen mit Fürths Coach Stefan Leitl sind das vor Tim Walter meine ersten Kandidaten gewesen, mit denen ich gesprochen hätte. Leitl dürfte sich inzwischen einen guten Namen als Erstligacoach gemacht haben und für den HSV damit außer Reichweite sein. Aber vor allem sucht der HSV weiterhin keinen neuen Trainer sondern ist zufrieden mit Tim Walter, der am Sonnabend mit seiner Mannschaft auf Eichner und vor allem auf ein Stück weit Vergangenheit trifft. Immerhin begann in Karlsruhe Walters Karriere als Trainer – damals noch in der Jugend des KSC. Jetzt steht er an der Seitenlinie des HSV und feiert mit diesem das 1000. Heimspiel seit der Gründung der Bundesliga 1963.

Für Walter selbst spielt beides keine Rolle. Er weiß um die Bedürfnisse beim HSV nach den zuletzt enttäuschenden Partien. 1:2 gegen Paderborn, 4:0 gegen Aue und das enttäuschende 0:1 in Kiel. Insgesamt sogar nur fünf Punkte aus den letzten sieben Partien. Alle diese Spiele seinen „etwas gleich“ gewesen, sagt Walter und führt aus: „Der Gegner steht tief hinten drin und wir müssen Lösungen dafür haben. Uns hat es gefehlt, diese Chancen zu vollendenden und letztendlich dann auch den Punch zu setzen. Sowohl gegen Paderborn als auch gegen Aue und in Kiel haben wir auf verschiedene Art und Weise versucht, Tore zu erzielen. Da muss man in manchen Dingen konsequenter und effizienter sein.“ Und während der HSV-Coach die eigene Chancenverwertung anprangerte, verwies er darauf, dass der jeweiligen Gegner sehr viel effizienter gewesen sei: „Im Umkehrschluss ist es natürlich so, dass der Gegner momentan aus wenig sehr, sehr viel macht.“

Das will auch der KSC, der noch immer an dem bitteren Viertelfinal-Aus beim HSV zu knabbern hat. Eichner denkt vor dem Wiedersehen mit dem HSV wehmütig an das Aus Anfang März zurück. „Das war die mit Abstand bitterste Niederlage in meinem Leben – als Spieler wie auch als Trainer“, sagte der Coach der Badener am Donnerstag über die damalige Pleite im Elfmeterschießen. „Gleichzeitig habe ich den größten Stolz auf meine Mannschaft mit diesem Spiel verbunden.“

Revanchegelüste verspürt Eichner nicht: „Es ist ein anderer Wettbewerb.“ Während der KSC den Ligaverbleib so gut wie sicher hat, kämpft der HSV bekanntermaßen um die allerallerallerallerletzten Chancen auf den Aufstieg. Und obwohl er den enttäuschenden HSV-Auftritt in Kiel mit Sicherheit längst gesehen und analysiert haben wird, erwartet Eichner einen Gegner, der „all in gehen wird“, während man selbst mit reichlich Personalsorgen nach Hamburg. Für Stammtorhüter Marius Gersbeck, der sich am Donnerstag einer Operation an der schon seit längerer Zeit lädierten linken Hand unterzogen hat und bis zu drei Monate ausfallen könnte, wird Markus Kuster zwischen den Pfosten stehen. Den gelbgesperrten Linksverteidiger Philip Heise wird Kilian Jakob vertreten, wie Eichner ankündigte. Zudem geht der Coach mit „großer Wahrscheinlichkeit“ davon aus, auf den erneut am Sprunggelenk angeschlagenen Marco Thiede verzichten zu müssen.

Anders der HSV, der lediglich auf den gelbgesperrten Ludovit Reis, sowie auf die verletzten Maximilian Rohr und Elijah Krahn verzichten muss. Wobei der erstgenannte Ausfall schon vergleichsweise schwerwiegend ist, wie ich finde. Denn bislang war der junge Niederländer im Mittelfeld eine vergleichsweise formstarke Konstante. Neben Jonas Meffert, der für mich der konstanteste HSV-Profi bleibt. Aber wichtiger als das ist die Frage, wer die beiden Positionen vor Meffert besetzen wird.

Zuletzt durften Rohr (gegen Aue) und Anssi Suhonen (gegen Kiel) hier neben Reis ran. Suhonen spielte in Kiel zweifellos kein gutes Spiel, darf aber darauf hoffen, erneut zu beginnen. Daneben könnte der Coach wieder Sonny Kittel von der linken Seite gen Mitte ziehen – was ich aber persönlich nicht hoffe. Es sei denn, Walter lässt neben Kittel diesmal Moritz Heyer auflaufen, denn der würde die Defensivaufgaben zusammen mit Meffert abarbeiten können, die ansonsten auf drei Personen zukämen. Walter heute vielsagend: „Wir brauchen eine gute Konterabsicherung.“ Und: Kittel im Zentrum funktioniert nur mit entsprechender Absicherung bzw. den kompletten Freiheiten nach vorn. So, wie er sie von Josha Vagnoman auf der linken Seite ermöglicht bekommt. Zudem hat Walter mit David Kinsombi zweifellos noch eine Alternative. Allerdings scheint der einstige Königstransfer aktuell bei Walter keine Rolle zu spielen.

Taktisch erwartet Walter – einfach mal alles. „Uns wird nichts überraschen: Entweder stehen sie ganz tief oder stellen die Abstöße zu und versuchen, uns situativ anzupressen. Vielleicht ist der KSC von der Pokalniederlage aber auch noch etwas angespitzt. Dann tut es uns gut, wenn der Gegner mitspielt“, so Walter heute., ehe er für mich etwas überraschend hinzufügte: „Aber wir haben auch gegen tiefstehende Gegner unsere Lösungen.“ Hat der HSV die? Bislang fand ich genau darin die größte Schwäche des HSV. Genau hier fehlte mir die Entwicklung noch ein Stück weit, nachdem man defensiv seine Stabilität gefunden zu haben scheint fehlen dem HSV wichtige Tore. Walter selbst sieht das wohl recht ähnlich: „Hier müssen wir aber auch vollenden und das erwartet uns jetzt auch am Wochenende. Es geht darum, zu vollenden, den Punch zu setzen. Da muss man konsequenter und effizienter sein.“ 

Problem nur: Genau das – nämlich Effizienz – kann man nicht einfach trainieren. Das kommt mit den Jahren durch Erfahrungswerte manchmal hinzu – aber ansonsten ist das eine Qualitätsfrage. Und die löst man wahrscheinlich frühestens in der Sommertransferphase. Denn von Mikkel Kaufmann kann das sicher nicht erwarten, während Manuel Wintzheimer bei Tim Walter erstaunlicherweise keine Rolle mehr spielt. 

Für den HSV geht es gegen den KSC – und genauso danach – aus meiner Sicht darum, zu erkennen, was man in der neuen Saison aus vorhandenen Bordmitteln verbessern kann und was man personell erneuern bzw. verbessern muss. In allen Bereichen. Und das widerspricht absolut nicht dem Grundgedanken, trotzdem alle Spiele bis Saisonende gewinnen zu wollen, um dann zu sehen, wo man steht. Ich werde zumindest in den nächsten Spielbewertungen nicht allein auf das jeweilige Spiel eingehen, sondern auch beschreiben, was ich von dem jeweiligen Spieler bzw. für die jeweilige Position erwarte.

In diesem Sinne, Euch allen alles Gute! Genießt das lange Wochenende mit oder ohne HSV, erholt Euch über die Feiertage und vor allem: bleibt gesund! Ich melde mich morgen Abend gibt es noch ein Update an dieser Stelle. Am Sonnabend gibt es dann wie gewohnt Blog und Blitzfazit. 

Bis dahin,

Scholle

Der HSV dreht sich im Kreis – also lernt draus!

Der HSV dreht sich im Kreis – also lernt draus!

Im Volkspark kann die Führungsspitze die Planungen für die fünfte Zweitliga-Saison aufnehmen. Die bittere 0:1-Niederlage bei Holstein Kiel lässt zwar noch rechnerische Möglichkeiten, glauben mag aber auch Trainer Tim Walter nicht mehr an die Rückkehr in die Fußball-Bundesliga. „Wenn wir die Spiele nicht gewinnen, brauchen wir nicht vom Aufstieg zu reden“, sagte der Coach. Bei nur noch fünf anstehenden Spielen und sieben Punkten Rückstand auf den Relegationsplatz ist der vierte gescheiterte HSV-Anlauf auf das Oberhaus seit dem Abstieg im Jahr 2018 kaum noch zu vermeiden. Auch Torjäger Robert Glatzel schiebt den Gedanken weit von sich, „so wie wir die Punkte leichtfertig verschenken“, wie er betonte. Der Fokus ist jetzt neu justiert. Glatzel: „Mit dem Pokalspiel haben wir noch ein Highlight. Das wollen wir natürlich nutzen, um das Bestmögliche rauszuholen aus der Saison.“

So bitter das klingt: Der HSV ist in dieser Saison erneut an sich selbst gescheitert. Der HSV ist das Zweitliga-Team mit dem meisten Ballbesitz. Das sieht meist gut aus, ist aber keine Garantie für Effektivität. In Kiel hatten die Hamburger zu 70 Prozent den Ball. Ein einziger Konter langte, um die beim Gegentor von Kwasi Wriedt (13. Minute) wie eine Schülermannschaft verteidigende  HSV-Defensive zu überrumpeln. Der HSV hat die wenigsten Gegentore (30) in der 2. Liga kassiert und musste gemeinsam mit Werder Bremen die wenigsten Niederlagen (6) hinnehmen. Gemessen an Siegen (11) ist der HSV allerdings nur siebtbester Zweitligist, gemessen an den Unentschieden ist er mit dem KSC (je 12) zweifelhafte Ligaspitze. Die Bilanz nach 29 Spieltagen ist spärlicher als in den vorangegangenen drei Zweitliga-Jahren, als nacheinander die Trainer Christian Titz und Hannes Wolf (2018/19), Dieter Hecking (2019/20) und Daniel Thioune (2020/21) gehen mussten. 45 Zähler stehen bislang in dieser Saison zu Buche. Die Zahlen in den drei Spieljahren zuvor zum gleichen Zeitpunkt: 50, 49, 52.

Zahlen lassen sich in alle Richtungen deuten

Zahlen, die man deuten kann. Allerdings in beide Richtungen. „Das gehört zur Entwicklung dazu, daran arbeiten wir weiter“, sagt naturgmäß Walter, an dem der HSV festhalten will. Und an dem der HSV auch festhalten sollte, wenn er in den letzten Wochen dieser Saison unter Beweis stellt, dass alle sich entwickeln. Auch er. Denn bei allem Wunsch nach Kontinuität muss der Faktor „positive Entwicklung“ immer erkennbar sein. Und das ist er seit einigen Wochen nicht mehr.

Ich will und werde die Diskussion hier nicht einfach auf „Siegen = Feiern“ und „Verlieren = Entlassung“ kaprizieren, da das dem HSV nicht helfen würde. Dass mir einige hier unterstellen wollten, ich hätte meine Meinung vom Spieltag zum Montag hin verändert – das ist falsch. Der HSV hat in Kiel nicht funktioniert und viele altbekannte Fehler haben dem HSV eine deutlich bessere Tabellenposition gekostet. Auch das System Walter. Und das nervt mich schon seit Saisonbeginn. Das hohe Angreifen ohne Absicherung allein hat den HSV die Spiele Paderborn und Kiel gekostet. Und wo der HSV mit sechs Punkten mehr stehen würde, kann jeder ablesen. Aber was genau bringt es, alles wieder über den Haufen zu werfen? Genau: Nichts.

Dass die aktuelle HSV-Führung auch nach der vierten Niederlage bei nur einem Sieg in den jüngsten sieben Spielen an Walter festhalten will, zeigt, dass man diese Fehler und den Nichtaufstieg als Kollateralschaden für etwas in Kauf nimmt, das aus ihrer Sicht größer ist.  „Kontinuität spielt natürlich eine wichtige Rolle. Tim Walter macht die Sache sehr, sehr gut. Das sieht man in vielen Spielen. Da werden wir auch Geduld haben“, sagte Sportvorstand Jonas Boldt in Kiel. Anders als in den Vorjahren gilt für die HSV-Chefs: Kontinuität statt unproduktive Trainerrotation, langfristige Entwicklung statt kurzfristige, aber nicht dauerhafte Erfolge. Ein weiterer Wechsel auf der Trainerposition wäre tatsächlich kaum hilfreich, weil so ziemlich alle Typen und Strategien bereits ausprobiert worden sind.

Und genau darin liegt dann auch mein größtes Problem mit dem neuen Weg. Auf mich wirkt das alles wie Feldversuche. Als würde man nacheinander bekannte Strategien abklappern und jedes Mal hoffen, diesmal richtig zu liegen. Letztlich hat dieser HSV in seiner gesamten Zweitligazeit genau eines geschafft: Da wieder anzukommen, wo man direkt nach dem Abstieg schon war. Man hat sich vier Jahre lang im Kreis gedreht, um zu merken, dass man sich neu erfinden muss, um mit diesem HSV doch noch mal Erfolge zu feiern.

Nachdem man den vergleichsweise neuartig spielenden und von seinem System überzeguten Christian Titz und dessen Wunsch, auf junge, hungrige Spieler zu setzen, ablehnte und ihn entließ, versuchte man es im ersten Zweitligajahr mit Hauruck. Man versuchte, mit Erstligaspielern, einem aufstiegserprobten Trainer (Hannes Wolf) und viel Geld den Wiederaufstieg zu erzwingen. Klappte aber nicht, weil der junge Trainer in der Rückrunde die „Stars“ in seinem Team nicht mehr erreichte. Reaktion: Mit Dieter Hecking kam der erfahrene Trainertyp, der viel Autorität ausstrahlt. Aber auch er verlor die Mannschaft in der Rückrunde zunehmend. Also: Neuaufbau, Umdenken – und beim HSV bedeutete dies, dass man auf einen jungen Trainer setzte, der ein neues Team aufbauen sollte aus erfahrenen Spielern (so genannte „Säulenspieler“) und jungen, lernwilligen Akteuren. Klappte auch nicht.

Also: Wieder alles auf Null, zumal die Kohle für teure Säulenspieler eh fehlte – und hin zu einem Trainer, der sein Ding macht und der den Job beim HSV auch als Chance versteht. Oder anders formuliert: Man hat jetzt „Titz Nummer zwei“ geholt, also einen Trainer, der stur an seinem Weg festhält. Und das war bislang tabellarisch nicht erfolgreich, aber Walter hat zumindest viele alt eingefahrene Strukturen aufgebrochen und damit den Boden endlich wieder fruchtbar für neue Entwicklung gemacht. Und jetzt geht’s für ihn und Boldt darum, zu beweisen, dass er dieser Entwickler ist. 

Fünf Ligaspiele und ein Pokalspiel hat er dafür mindestens Zeit. Vielleicht auch noch mehr wenn hier oder da ein kleines Wunder geschafft wird. Aber Fakt ist: Beim HSV steht alles auf dem Prüfstand. Und alle. Wo ich bei den Spielern ansetzen würde, beschreibe ich morgen noch etwas genauer. Bei den Führungspersonen muss aber deutlich werden, dass der für die neue Saison eingeschlagene Weg die Summe aller Lehren ist, die der HSV in seinen erfolglosen vier Jahren Zweite Liga gesammelt hat. Alles andere wäre zu wenig – und dementsprechend dann auch nicht fortsetzungswürdig.

Ich hoffe, dass die Verantwortlichen ihre Fehler erkannt haben und jetzt diesen Plan haben. Denn dieser wäre tausendmal besser und schneller zu adaptieren, als wenn man jetzt alles wieder neu besetzt und neue Leute neue Dinge machen lässt. Womit nicht neue Jungs aus dem Nachwuchs gemeint sind. Heute beispielsweise fehlten Maxi Rohr und Elijah Krahn wegen Faserrissen (beide fallen gegen den KSC und Fre9burg aus), während Sonny Kittel aus belastungssteuerlichen Gründen nur individuell trainierte. Dafür war Valon Zumberi aus der eigenen U21 mit an Bord. Der Innenverteidiger darf sich in den nächsten Tagen bei den Profis versuchen. Auch morgen und Freitag, wo jemals einmal trainiert wird, soll Zumberi dabei sein.

In diesem Sinne, bis morgen.

Scholle  

Warum der HSV gescheitert ist – und was das für die Zukunft bedeutet

Warum der HSV gescheitert ist – und was das für die Zukunft bedeutet

Ein Gastbeitrag von Robert Hoyer

Am 25. Mai 2014 war es so weit. 86,9% der Mitglieder des Hamburger Sport Vereins stimmten für das Reformmodell „HSVPlus“ und machten damit den Weg frei für die Ausgliederung der Profifußballabteilung. Mit dem Slogan „Aufstellen für Europa“ sollten die im Laufe der Jahre sich häufenden sportlichen und finanziellen Krisen ein Ende finden. Das dies mitnichten so kommen sollte, wissen wir heute. In einigen Büchern und großen Zeitungsberichten wurde bereits eingehend über die Gründe und Wege dieses Niedergangs spekuliert. Realitätsferne Ansprüche, Misswirtschaft und fehlende Leistungskultur, sind nur ein paar der dort aufgeführten Gründe. In diesem Beitrag möchte ich mich den Wegen des Scheiterns etwas strukturierter nähern, um daraus auch für die Zukunft zu lernen. 

In der Forschung des strategischen Managements wurden vier Pfade des Scheiterns beschrieben (Nachzügler, Opportunist, Imperialist, Politisierte). Der ein oder die andere ahnt wahrscheinlich schon, dass sich mit diesen Mustern auch die Geschichte des HSV erklären lässt.

Kategorie 1 – der Nachzügler

Beginnen wir mit dem Nachzügler. Dieser beschreibt ein Unternehmen, welches sich lange Zeit durch Marktführerschaft und ein stabiles Wachstum auszeichnete. In einem zunehmend dynamischer werdenden Umfeld schafft es das Unternehmen jedoch nicht, sich an die sich ändernden Rahmenbedingungen anzupassen. Es hat einen zu großen Fokus auf seine Tradition. Mangels Anpassung steigt die Gefahr des Nichterfolgs, worauf mit Aktionismus reagiert wird. Der Austausch eines Trainers und Investitionen in den Rückkauf altbewährter Spieler (VdV, Olic) sorgen dabei vielleicht kurzfristig für etwas Besserung, mittelfristig entwickelt sich so jedoch ein zunehmend rückständiger Spielerkader und mit höheren Kostenstrukturen als bei den Wettbewerbern. Die Folge ist ein kontinuierlicher Verlust an Wettbewerbsvorteilen und Marktanteilen, welcher in die Insolvenz (den Abstieg) führt.

Der Opportunist

Auch den Opportunisten können wir in der HSV-Vergangenheit immer wieder finden. Zwar sind damit in der Theorie eher illegale Praktiken gemeint, die durch eine falsche Unternehmenskultur und äußerem Erfolgsdruck angeregt werden und in einem kompletten Legitimitätsverlust des Unternehmens münden. Allerdings lassen sich einige Überschreitungen von normativen Grenzen finden. Denken wir an Pierre-Michel Lasogga. Im ersten Jahr (noch als Leihspieler von Hertha) beim HSV war er mit 13 Toren der Held und Garant für den Klassenerhalt. Folglich forderte das gesamte Umfeld eine feste Verpflichtung des „letzten echten 9ers“ – blöd nur, dass es keine Kaufoption gab. Angeregt durch den öffentlichen Druck begannen die Verhandlungen zunächst mit Berlin dann mit PML selbst. Nach Alternativen wurde erst gar nicht geschaut. Die sportliche Leitung wollte schließlich selbst verkünden, den Held verpflichtet zu haben, um damit die Lorbeeren einheimsen zu können – koste es was es wolle. Das kostete es dann auch. Die 8,5 Mio an Berlin waren da noch das geringste Problem. Die 3,5 Mio Jahresgehalt inkl. 15 000 pro Punkt schon eher. Schon für die erste Liga ein ordentlicher Vertrag, wobei die Punkteprämie dort immerhin nicht allzu sehr zum Tragen kam. Wer nun dachte, dass nach dem nur knapp entgangenen Abstieg diese Konditionen nur für Liga 1 galten, sah sich getäuscht. Die sportliche Leitung dachte sich vermutlich, sollte der HSV absteigen bin ich wahrscheinlich eh nicht mehr im Amt. Also sich lieber jetzt der öffentlichen Meinung fügen, als an langfristige Konsequenzen zu denken. Kritisches Hinterfragen oder Kontrollmechanismen? Fehlanzeige.  

Der Imperialist

Begeben wir uns weiter zum Pfad des Imperialisten. Dieser zeichnet sich durch eine risikoreiche Wachstumsstrategie aus. Durch überzogene externe Ansprüche kommt es zur unkontrollierten Expansion, welche in Missmanagement und der Aushöhlung der eigenen Ressourcen mündet. Auch beim HSV ließ sich dieses Muster beobachten. Mit der Ausgliederung erhielt Klaus-Michael Kühne auf einmal deutlich mehr Macht. Er investierte Millionen in den HSV mit der Hoffnung auf schnellen Erfolg. Und auch wenn vor allem Fans immer wieder Kritik an Kühne verübten, so mussten die Verantwortlichen aufgrund der finanziellen Abhängigkeit doch immer mit Kühne konform gehen. Bestes Beispiel dafür die Verpflichtung von Andre Hahn, welche nur durch Kühne finanziert wurde, weil dieser auf eine Vertragsverlängerung mit Bobby Wood pochte. Teuer wurden dadurch beide Spieler. Auch eine unkontrollierte Expansion ließ sich erkennen, als der HSV in der Saison 16/17 knapp 44 Mio für Neuzugänge ausgab, aber nur knapp 9 Mio einnahm. Anstatt mit den neugewonnenen Ressourcen nach und nach eine funktionierende Mannschaft aufzubauen, wurde befeuert durch den externen Druck (Kühne, Medien, Fans) so schnell wie möglich wieder europäisch zu spielen, ein Millionengrab geschaffen (Hertha BSC lässt grüßen). 

Der Politisierte

Abschließend noch der Pfad des Politisierten. Dieser trifft Unternehmen, die einst in gut regulierten Märkten Marktführer sind. Durch einen externen Schock, wie bspw. eine neue gesetzliche Regelung, verändert sich jedoch die Wettbewerbsposition. Durch eine schwerfällige interne Organisation kommt es zu Konflikten und Grabenkämpfen zwischen wirtschaftlichen Interessen des Vorstands und den Interessen der Arbeitnehmer (Fans). Lähmender Stillstand ist die Folge. Auch hier finden sich Beispiele beim HSV. Die Deregulierung des Fußballmarktes hat trotz der „50+1“-Regelung auch Deutschland erfasst. Dadurch haben es Clubs wie RB Leipzig und Hoffenheim, aber auch Leverkusen und Wolfsburg geschafft, mit viel und klug eingesetztem Geld die Traditionsvereine zu überholen. Zudem müssen sich diese Vereine nicht auch noch mit den Interessen der Fans beschäftigen, da diese zum einen nur in geringerem Umfang und Organisationsgrad vorhanden sind und zum anderen keine oder weniger Mitspracherechte im Verein haben. Nicht nur der Kampf um die Ausgliederung, auch die folgenden Präsidiumswahlen haben gezeigt, wie politisiert das Umfeld des HSV ist. Wer weiß, ob eine frühere Ausgliederung nicht nur mehr Geld, sondern auch bessere und vor allem strategische Partner (siehe Bayern München) hervorgebracht hätte?

Der HSV war auf etlichen Pfaden des Scheiterns unterwegs

Es ließe sich sicher noch lange über das Scheitern des HSV schreiben und diskutieren. Die Rolle des Aufsichtsrats – als lange Zeit unfähiges Kontrollorgan – und der verschiedenen VV (Beiersdorfer, Hoffmann und co) habe ich ausgeblendet, da es mir mehr darauf ankam, die strukturellen Probleme zu benennen. Trotzdem haben wir erkannt, dass der HSV in der Vergangenheit nicht nur einen, sondern gleich auf allen vier Pfaden des Scheiterns unterwegs war. Die Zeit zurück drehen können wir leider nicht mehr. Umso mehr gilt es, daraus für die Zukunft zu lernen. Mit dem Bau des Campus und der Installation von Horst Hrubesch hat der HSV bereits in Strukturen und Kompetenz investiert, die länger als ein guter Spieler mit einem nach einem Jahr aufgelösten Dreijahres-Vertrag für Erfolg sorgen könnten.

Das ist wichtig, denn auch der regionale Wettbewerb hat sich verdichtet. Hieß es früher im Norden noch Werder oder HSV, spielen jetzt mit Holstein Kiel und dem Stadtrivalen zwei regionale Konkurrenten in der gleichen Liga. Damit steigt nicht nur der Wettbewerb um lokale Talente, sondern auch der um neue Fans. Der HSV tut also gut daran, den Fannachwuchs an sich zu binden (was übrigens nicht mit einer Preiserhöhung der Kinderkarten zu schaffen sein wird). Was das Tagesgeschäft angeht, so hat der HSV im Sommer intelligente Transfers (Schonlau, Meffert, Reis) getätigt und einen jungen entwicklungsfähigen Kader zusammengestellt und somit möglicherweise den Pfad des Nachzüglers verlassen. Was jedoch ein Scheitern Walters für Auswirkungen nicht nur personell, sondern gerade auch spielphilosophisch auf die Gesamtstruktur hätten, lässt sich jetzt noch nicht sagen – ich bin jedoch skeptisch und wünsche TW deswegen nur das Beste. KMK ist dagegen auf dem Rückzug. Er scheint erkannt zu haben, dass sein imperialistischer Weg gescheitert ist.

Was kann der HSV von Dr. Wüstefeld erwarten?

An Einfluss gewinnt gerade Thomas Wüstefeld. Man darf gespannt sein, ob er es schafft den HSV-Apparat nachhaltig zu verschlanken oder ob er ebenfalls Opportunist oder gar Imperialist wird und lieber den schnellen Erfolg sucht. Unüberlegte Investitionen kann sich der HSV zumindest nicht mehr leisten. Politisiert wird der HSV wohl immer bleiben. Daran ändert auch die Wiederwahl von Marcell Jansen nichts, zumal die etwas fragwürdig zustande gekommen ist (keine Zulassung eines Gegenkandidaten). Dennoch hoffe ich auch hier auch personelle Konstanz. Aber wer weiß, welche Fäden im Hintergrund noch gezogen werden.

Viele Grüße und Danke fürs Lesen,

Robert H.

P.S.: Diesen Beitrag hatte Robert bereits im Februar geschrieben und mir zugeschickt. Thematisch hat er nichts an Aktualität verloren.

Beim HSV müssen sich alle weiterentwickeln

Beim HSV müssen sich alle weiterentwickeln

Der Tag danach ist immer schwierig. Nett formuliert. Als aktiver Spieler haben mich Niederlagen immer gleich mehrere Tage die Laune gekostet, selbst Unentschieden waren nicht gut für die Stimmung – Siege indes schon. Und auch ich weiß, dass keiner der HSV-Profis inklusive des gesamten Trainerteams und der Offiziellen in Kiel nicht gewinnen wollte. Alle wollten das. Und in der ersten Halbzeit war das auch allen Spielern anzusehen. Aber dass selbst Heißsporn Tim Walter in der Zweiten Halbzeit teilweise schon regungslos mit ansah, wie sich der HSV ideenlos bis zum Abpfiff hangelte ist ein Indiz dafür, dass die so oft gepriesene Entwicklung – die ich nach wir vor zu 100 Prozent als richtig erachte – stagniert.

Und auch das ist noch nett formuliert. Auf der Suche nach den Gründen für dieses neuerliche Versagen in einem Moment, in dem man gewinnen muss, wird man vielerorts fündig. Angefangen mit der Saisonplanung, bei der man von einer Zusammenarbeit mit einem Mentaltrainer Abstand genommen hatte. Dass der HSV die Arbeit mit einem Mentaltrainer mal wieder negativ beschieden hatte, spricht nicht für die Professionalität dieses Klubs. Denn bei der Abwägung aus Chancen und Risiken (bzw. Kosten) kann man zu keinem anderen Ergebnis kommen, als dass dieser Mentaltrainer keine Belastung ist, solange man den Spielern den Umgang mit diesem freistellen. Im Gegenteil: Ein guter Mentaltrainer ist ausschließlich eine Chance. Zu vergleichbar geringen Kosten hätte man zumindest die große Chance, dass die Spieler in Momenten wie in Kiel eben mental fitter sind, als sie es gestern waren.

Statistisch ist der HSV überall top – außer in der Tabelle…

Aber es kann selbstredend auch ohne gehen. Wenn die Mannschaft funktioniert, wenn die Führungsspieler führen und dementsprechend Ordnung vorhanden ist. Aber: Hat der HSV diese Struktur? Ich behaupte: ja. Mit Heuer Fernandes, Schonlau, in Teilen schon Vuskovic (dem ich gestern zwingend eine bessere Note als eine 5 hätte geben müssen – zugegeben!), Meffert und Glatzel hat der HSV sehr konstante Spieler. Und auch wenn Glatzel in Kiel in der Zweiten Halbzeit eine Großchance ungenutzt ließ, kann man sich über sein Spiel nur bedingt ärgern.   Denn arbeiten tut er immer. Ebenso wie die anderen eben genannten Spieler. Man hat zudem weiterhin die beste Abwehr, den meisten Ballbesitz, man spielt die meisten Pässe und hat die höchste Passsicherheit. Man läuft sogar nach Heidenheim am meisten Kilometer, oder anders formuliert: Man könnte so leicht die Besten sein – und ist trotzdem nur Sechster.

Ich versuche seit Saisonbeginn, eine Balance aus der allgemein immer hohen Erwartung und dem Weg der Entwicklung hinzubekommen. In keinem dieser Punkte aber finde i9ch eine Lösung dafür, dass der HSV immer wieder zum Saisonende in sich kollabiert. Diesmal ehrlich gesagt sogar noch weniger, weil ich das Gefühl habe (gestützt auf Beobachtungen und Schilderungen der Spieler), dass Trainer und Mannschaft weiterhin harmonieren. Allein im tabellarischen Erfolg schlägt sich das nicht (mehr) nieder. Trotzdem regt sich in mir noch nicht der Impuls, den Trainer austauschen zu müssen. Und ich erkläre auch gern, warum ich so denke, nachdem ich zu Saisonbeginn noch starke Befürchtungen hatte, dass Walter die falsche Wahl ist.

Vorweg: Ich will es nicht ausschließen, kann mir aber aktuell nicht vorstellen, dass Walter ein Trainer für Langstrecke beim HSV ist. Aber: Walters Verpflichtung hat sich aus meiner Sicht schon dafür rentiert, dass er sich Dinge traut, die seine Vorgänger vermieden haben, weil sie sich nicht angreifbar machen wollten. Alle Trainer beim HSV legten sehr viel Wert auf die öffentliche Meinung und handelten nicht selten danach – Walter nicht! Walter hat den Weg hin zu jungen Spielern gesucht und gefunden. Wider die Meinungen vieler Ratgeber hat er junge Spieler hochgezogen und spielen lassen – siehe Faride Alidou (der leider seit seiner Wechselbekanntgabe auch nicht mehr funktioniert) und andere. Das musste er sicher auch, weil sich der HSV finanziell einfach nicht mehr erlauben konnte. Aber: Walter hat es mit einer Überzeugung präsentiert, die sich positiv bemerkbar macht. Denn inzwischen ist dieser Weg akzeptiert. Weitestgehend. Die berechtigte Frage ist nur: Warum ist er nicht erfolgreicher?

Diesem HSV fehlt weiterhin die taktische Flexibilität

Ich behaupte: Weil Hamburg sich noch immer uneins ist. Ein großer Teil der Anhänger ist nur mit einem Aufstieg zufrieden. Und der ist mal wieder verpasst. Nahezu sicher. Und dem werden dann auch die guten Dinge untergeordnet. Mit anderen Worten: Walter wusste vom ersten Tag an, dass er auch gegen einen Teil seines Umfeldes kämpfen muss – und so ist es. Und das kostet wichtige Körner. Körner, die ihm in anderen Bereichen dann fehlen. Oder anders formuliert: Dieser hundertprozentige Fokus auf den Sport wird keinem HSV-Trainer gewährt, solange sich dieser Klub im Fall befindet. Aber genau das ist unumgänglich. Das – und eine gedankliche bzw. vor allem taktische Flexibilität. Aber diese beiden Dinge fehlen seit Saisonbeginn.

Dass sich Spieler wie Sebastian Schonlau hinstellen und erklären, der Plan A beinhalte schon Plan B, C, D und so weiter, alles okay! Ich werte es als positiv, weil man den Trainer schützen will. Das spricht fürs interne Verhältnis. Aber es ist einfach zu augenscheinlich, dass dem HSV schon ein Plan B fehlt. Der HSV spielt sein Spiel. Immer. Und die Gegner haben das geblickt. „Heute ist der Matchplan, Ehrgeiz, Teamgeist und ein Sieg aufgegangen“, freute sich Holtby mit einem Schmunzeln und es war zu erkennen, dass der HSV es den Kielern leicht gemacht hatte. Holtby hätte auch sagen können: „Wir mussten nur gut verteidigen und ordentlich gegenhalten – das hat gereicht.“

Denn genau so ist es: Spiele gegen den HSV sind einfach nicht mehr anstrengend. Stell dich tief, verteidige kompakt, und selbst wenn Du als Gegner nicht über das Format verfügst, Dir den Sieg selbst herauszuspielen, so bekommst Du in 80 % der Fälle deine 100-prozentige vom HSV geschenkt. Siehe Paderborn, siehe Kiel, und so weiter… Walter dazu: „Dass uns selbst ein entscheidender Fehler unterläuft, das kann passieren, dafür sind wir eine Mannschaft, die sowas gemeinsam auffängt. Das ist heute aber nicht gelungen, da wir in der zweiten Halbzeit zu fahrig und zu verkrampft gespielt und uns nicht belohnt haben.“

Nicht nur die Mannschaft muss sich entwickeln 

Das stimmt alles. Aber für solche Momente ist eben nicht nur die Mannschaft da. Dafür muss auch ein Trainer gewappnet sein. Seine Wechsel, seine taktischen Ideen und Umstellungen müssen erkennbar fruchten. Aber das gab es bislang nur in der Hinrunde, als Walter selbst zugab, durch viele Verletzungen dazu gezwungen gewesen zu sein, etwas defensiver zu denken. „Genau darum geht es für uns: Wir arbeiten und investieren so viel, aber wir schaffen es noch zu selten, uns dafür zu belohnen“, sagt Walter und würde ihm entgegen: Zur Belohnung gehört ein Plan, der funktioniert. Und wenn dieser mal nicht funktioniert, muss es einen Plan B geben. Andere als hier:

Meine Prognose: Schafft Walter es, alle davon zu überzeugen, dass er diesen Plan B und diese taktische Finesse hat, wird er in Hamburg keine Probleme haben, länger zu bleiben. Ich behaupte sogar, Walter kann es sich leicht verdienen, hier zu bleiben. Auch bei Nichtaufstieg Da können Kicker, Bild und Co. noch so oft „Trainer-Endspiele“ ausrufen. Das Einzige, was eben nicht passieren darf ist, dass der HSV bis Saisonende weiter so taumelt wie in den letzten Wochen.

Ich glaube Walter, dass er hier etwas entwickeln will und das auch kann. Zumindest hat er den nötigen Mut dafür bewiesen. Aber Walter darf nicht immer davon sprechen, wie wichtig die Entwicklung ist und wie sehr sie im Vordergrund steht, ohne sich selbst mit- bzw. weiterzuentwickeln. Und egal wie unmöglich der Aufstieg auch ist, schon deshalb werden die nächsten Wochen und Spiele alles andere als unwichtig. 

In diesem Sinne, bis morgen. 

Scholle

P.S.: Was ich in die Fehleranalyse nicht mit aufgenommen habe, ist, dass die Mannschaft kurioserweise vor dem Spiel in Kiel auch in Kiel übernachtet hat – und viele Spieler schon vor dem Spiel darüber klagten, nicht gut geschlafen zu haben. Normalerweise schläft das Team im eigenen Bett. Und abgesehen vom Stadderby gibts kein nähergebenes Auswärtsspiel (80 Kilometer Anfahrt). Dass das Spiel zu Beginn von den eigenen fans unterbrochen wurde hat sicher auch nicht geholfen (muss aber auch nicht geschadet haben).

HSV versagt in Kiel: „Wer keine Spiele gewinnt, der braucht nicht über den Aufstieg zu reden“

HSV versagt in Kiel: „Wer keine Spiele gewinnt, der braucht nicht über den Aufstieg zu reden“

Dass in Kiel nichts als ein Sieg zählen würde, war allen bewusst. Egal wie oft sie alle davon sprechen, sich nur auf das nächste Spiel zu fokussieren – alle kannten die Ergebnisse vom Sonnabend und wussten um die Chance, oben noch mal ranzurücken. Oder eben auch den letzten Strohhalm zu verschenken. Und genau das tat man. Eindrucksvoll ideenlos und von potenziellen Führungsspielern im Stich gelassen verschenkte der HSV gegen aschwache Kieler seine letzte Chance, vielleicht doch noch mal oben Richtung Aufstiegsränge schielen zu dürfen. Es war am Ende ein Spiel, das alle Fehler und Probleme dieser Saison offenbarte. Und weil das genau so war, belasse ich es hier und heute beim Blitzfazit (das gerade noch hochlädt…) und versuche, mich abzulenken. Denn dieser ideenlose, uninspirierte und fehlerhafte HSV kann einem den ganzen Tag versauen.

Daniel Heuer Fernandes: Bekam in den ersten 45 Minuten einen Ball aufs Tor und war nicht einmal als Aufbauspieler benötigt, so tief standen die Kieler. Ganz bitter. Note: 4

Moritz Heyer (bis 73.): Wo war er beim 0:1?? Und danach? Fiel erst wieder auf, als er ausgewechselt wurde. Note: 5

Mikkel Kaufmann (ab 73.): Eine Ohrfeige sondergleichen für Manuel Wintzheimer, dass der schwache Däne immer wieder eingewechselt wird und er auf der Bank zugucken muss. Was auch immer sich Walter von Kaufmann versprochen hat und verspricht – er bekommt es nicht. Note gebe ich ihm nicht. Ist eh nie gut.

Sebastian Schonlau: Muss sich als Abwehrchef das 0:1 mit ankreiden lassen. Auch sonst kein Faktor im HSV-Spiel. Note: 5

Mario Vuskovic (bis 90.): War in der ersten Halbzeit fast nur mit Aufbauspiel (machte er gut!) und sogar eigenen Torabschlüssen (durchaus gefährlich!) beschäftigt. Und auch deshalb fehlte er wie alle anderen als Absicherung vor dem 0:1. Note: 5

Maximilian Rohr (ab 90.): Ohne jede Chance, sich zu zeigen.

Josha Vagnoman: Defensiv ist sein Tempo und seine Robustheit ein großes Plus. Offensiv fehlt ihm aber im Eins gegen Eins die Entschlossenheit und generell die Handlungsschnelligkeit, daher hakt es immer wieder bei seinen offensiven Vorstößen. Wenn man gegen eine massierte Abwehr spielt wie die Kieler heute, ist er offensiv mehr Hindernis als Hilfe. Note: 5

Jonas Meffert (bis 90.): Meinte es gut mit seinen alten Kollegen. Beschränkte sich auf Verwaltung und gönnte sich dabei seine Pausen. Kreativität darf man bei ihm nicht erwarten, obgleich zwei, drei gute Pässe auf Jatta dabei waren. Note: 5

David Kinsombi (ab 90.): Musste auf den Platz, als alles vorbei war. Da bestrafe ich ihn nicht noch mit einer Note.

Ludovit Reis: Bemüht, aber wieder glücklos. Man merkt ihm an, dass die Rolle des Kreativen nicht seine ist. Er wirkte ähnlich Meffert etwas überfordert. Note: 5

Anssi Suhonen (bis 65.): Kam für den leicht angeschlagenen Maxi Rohr in die Startelf und war wie immer sehr bemüht, aber auch ohne Wirkung. Das war nichts. Note: 5

Giorgi Chakvetadze (ab 65.): Ohne Wirkung und zu leicht im Zweikampf. Note: 5

Bakery Jatta (bis 65.): Bereitete die erste Chance vor und verhinderte mit einer guten Grätsche das frühe 0:1 – also ein richtig guter Beginn. Und dann legt er dem Gegner mit einem viel zu offen geführten Ball im Mittelfeld das 1:0 auf. Wie gegen Paderborn – und gefühlt schon vor zig anderen Großchancen der Gegner. Wobei hier zwei Sachen einfach nicht passen: Jattas Ballführung ist schon ne glatte Sechs. Aber das weiß man inzwischen, von daher ist die defensive Staffelung hier sogar ne sieben. Nur gut, dass Jatta recht unbeeindruckt weitermachte. Note: 5

Faride Alidou (ab 65.): Begann mit einem Hackentrick – das zeigt schon, wie er die Situation interpretiert. Er ist momentan absolut nicht zu gebrauchen. Note: 5

Robert Glatzel: War von Beginn an wach und hatte die ersten HSV-Chancen. Den zweiten Kopfball (26.) hätte er machen müssen zum 1:1. Ebenso die Chance nach Wiederanpfiff in der 54. Minute. Ich hatte gehofft, er würde zum Matchwinner und damit einigen Wichtigtuern den Garaus machen. Leider befeuerte er heute seine Kritiker. Ein Totalausfall. Stellt sich die Frage, warum Walter ihn durchspielen ließ. Note: 6

Sonny Kittel: War die ersten 45 Minuten wieder irgendwo – nur nicht anspielbar. Versteckte sich wieder und geht mir damit langsam mächtig auf die Nerven. Er glänzt, wenn es um nichts geht und ist vom Status Führungsspieler so weit entfernt wie der HSV von der Champions-League-Teilnahme. Sein Spiel und seine Einstellung sind Frechheiten! In der Gesamtanalyse muss sein Verkauf ein Thema werden. Note: 7

Trainer Tim Walter: Er hat(te) keinen  Plan B und hatte wieder keine Idee, wie man mit Wechseln dieses extrem zähe und negativ verlaufende Spiel noch einmal positiv beeinflussen kann. Seine Ideenlosigkeit spiegelte sich auf dem Platz wieder. Kittel und Glatzel auf dem Platz zu lassen glich einer Kapitulation. Note: 6

Die Daten zum Spiel:

Anzeigetafel mit Endergebnis in Kiel

Holstein Kiel: Dähne – Komenda, Thesker, Lorenz, Neumann – Reese (86. Skrzybski), Sterner, Holtby (66. Arp), Mühling, Bartels (34. Ignjovski) – Wriedt (66. Pichler)

HSV: Heuer Fernandes – Vagnoman, Schonlau, Vuskovic (90. Rohr), Heyer (73. Kaufmann) – Suhonen (65. Chakvetadze), Meffert (90. Kinsombi), Reis – Kittel, Glatzel, Jatta (65. Alidou)

Tore: 1:0 Wriedt (20.) – Zuschauer: 15.034. – Schiedsrichter: Daniel Schlager (Hügelsheim). – Gelbe Karten: Mühling (24.), Neumann (79.) / Reis (45.+4), Vuskovic (68.), Kaufmann (75.)

Stimmen zum Spiel:

Sebastian Schonlau: Wir waren insgesamt nicht zwingend genug, hatten aber dennoch genügend Chancen, obwohl es nicht leicht war gegen elf Mann im Strafraum. Ich habe selten ein Spiel erlebt, in dem eine Mannschaft so tief steht, aber gerade dann müssen wir mit diesen Chancen verantwortungsvoller umgehen. So ist es natürlich extrem enttäuschend.

Robert Glatzel: Wir sind total enttäuscht, diese Niederlage tut einfach weh. Wir haben gut angefangen, hatten auch die Chancen, umso bitterer ist es, dass wir wieder in Rückstand geraden. Das hat Kiel natürlich in die Karten gespielt, so konnten sie noch defensiver auftreten. Das hat es für uns natürlich nicht leichter gemacht, dennoch war es in der zweiten Hälfte einfach zu wenig.

Tim Walter: In der ersten Halbzeit haben wir es sehr, sehr gut gemacht, haben nur unsere Chancen nicht genutzt. Dass uns selbst ein entscheidender Fehler unterläuft, das kann passieren, dafür sind wir eine Mannschaft, die sowas gemeinsam auffängt. Das ist heute aber nicht gelungen, da wir in der zweiten Halbzeit zu fahrig und zu verkrampft gespielt und uns nicht belohnt haben. Und genau darum geht es für uns: Wir arbeiten und investieren so viel, aber wir schaffen es noch zu selten, uns dafür zu belohnen. Doch das gehört zur Entwicklung dazu, daran arbeiten wir weiter. Für den Moment ist aber klar: „Wer keine Spiele gewinnt, der braucht nicht über Dinge wie den Aufstieg zu reden“

Und dann noch ein Wort zu den so genannten „Fans“:

Ich kann es leider nicht mehr anders formulieren, aber das, was sich die HSV-Fans da wieder erlaubt haben, ist einfach nur noch zum Kotzen. Mit welchem Recht brechen diese Dummbatze gültiges Recht? Selbst wenn ich mit Regeln nicht einverstanden bin, gelten diese nun mal für alle – also auch für mich. Mal völlig abgesehen von den sportlichen und finanziellen Folgen, kann ich es nicht mehr anders formulieren als so: Findet jeden einzelnen Pyromanen und sperrt ihn lebenslang! Problem ist hierbei: Die Fanbeauftragten kennen einen Großteil dieser Vollidioten und benennen ihn nicht, um so die Fanszene nicht zu zerrütten. Kann ich irgendwo noch nachvollziehen. Niemand will eine Petze sein. Aber: Wie lange soll dieser versuchte Diskurs denn noch scheitern, bis alle erkennen, dass sich diese so genannten Fans eh nie an gemeinsame Regeln halten werden, weil sie keine anderen als ihre eigenen Regeln anerkennen?