Das war ein glatter Gang für den HSV: Mit 4:0 gegen den bereits feststehenden, absolut chancenlosen Absteiger FC Ingolstadt holte sich der HSV zumindest vorübergehend den Relegationsplatz 3 zurück. Und das durchaus beeindruckend im Zustandekommen. Denn der HSV machte genau das, was man in so einem Spiel machen muss: Er signalisierte dem Gegner, dass hier und heute nichts zu holen ist. Mit 72 Prozent Ballbesitz, einer starken Passquote von 90 Prozent angekommener Pässe, mit 20:8 Torschüssen und drei Kopfballtreffern sowie einem blitzsauberen Konter über drei Einwechselspieler zum 4:0-Endstand. Dass der heutige Gegner kein Gradmesser für den HSV war – stimmt. Aber dafür kann der HSV nichts. Der hat seine Aufgabe sehr gute erledigt und darf weiter hoffen.
Daniel Heuer Fernandes: Bekam kaum was auf seinen Kasten. Wenn aber was kam, dann musste er schon all sein Können aufbieten – und das tat er. Sensationell (wichtig!) sein Reflex gegen Pick in der 35. Minute. Ebenso stark seine Rettungstat gegen Kutschke in der 88. Minute. Dass er nicht noch mehr zu tun bekam kann ich ihm nicht notenverschlechternd anlasten, daher: Er hat heute wirklich alles richtig gemacht! Note: 1
Moritz Heyer: Emsig, defensiv gut, offensiv bemüht. Alles in Ordnung so. Note: 3
Sebastian Schonlau: Zu Beginn gab er die Höhe vor, auf der der HSV agierte. Er war fast immer in der gegnerischen Hälfte zu finden – und musste höllisch aufpassen, hinten nicht überlaufen zu werden. In der 16. Minute hätte es so fast das 0:1 gegeben. Sah früh (unberechtigt!) Gelb, was für einen Verteidiger immer eine Gefahr birgt. Aber: Schonlau ist ein schlauer, abgeklärter Fußballer. Und er traf sogar zum dritten Mal in dieser Saison. Note: 2
Mario Vuskovic: Er ist das personifizierte Potenzial im Team. Defensiv immer stärker, offensiv immer besser – der Kroate macht einfach Spaß. Er bewies heute, dass man ihn quasi ab der Mittellinie schießen lassen kann. Wurde kaum gefordert. Note: 3
Miro Muheim: Diesmal wacher von Beginn an – und mit dem wichtigen Assist zum 2:0 von Schonlau. Das war alles in Ordnung. Allein die 5. Gelbe Karte war ebenso unnötig wie ärgerlich. Note: 3
Jonas Meffert (bis 77.): Er hatte den ersten Torschuss. Was selten vorkommt. Also ein Torschuss von Meffert. Ansonsten wieder der Mann für die Statik im Spiel. Er organisiert, holt Bälle, verteilt Bälle – ich mag seine schlaue Art Fußball, zu spielen unheimlich gern sehen. Weil sie funktioniert. Und, weil er sie konstant abruft. Note: 3
Jonas David (ab 77.): Kam rein und leitete das 4:0 mit langen Schritten und der nötigen Übersicht ein. Gut! Note: 3
Ludovit Reis (bis 82.): Er war heute irgendwie „über“, weil Ingolstadt nichts zu bieten wusste. Dadurch waren seine Abräumerqualitäten nur sehr selten gefragt. Wenn er gebraucht wurde, war er da. Aber: Nach vorn beteiligt sich der Niederländer für meinen Geschmack noch immer zu zaghaft. Note: 4
Faride Alidou (ab 83.): Durfte sich noch die Siegprämie abholen.
Anssi Suhonen (bis 65.): Er arbeitete wie immer sehr fleißig, war mir in der ersten Halbzeit im Spielaufbau aber zu oft zu ungenau. Dennoch war sein kleiner Rempler gegen Pick vor dessen Abschluss in der 35. Minute extrem wichtig. Dennoch kann er es deutlich besser. Note: 3
Manuel Wintzheimer (ab 66.): Bemüht und glücklos. Note: 4
Bakery Jatta (bis 45.): War wieder bemüht, schlug auch eine sehr schöne Flanke, die leider ungenutzt blieb – und wurde dann (zurecht) geschont. Note: 4
Josha Vagnoman (ab 46.): Eine harte Entscheidung, ihn nicht starten zu lassen. Als er dann reinkam, merkte man dem U21-Nationalspieler seine Enttäuschung an. Umso bitterer für den Jungen, dass sein Tor zum 4:0 (zurecht wegen Abseits Kittel) nicht zählte. Er belohnte sich aber für einen erneut sehr couragierten Auftritt mit dem Assist zum 4:0 von Kaufmann. Note: 2
Robert Glatzel (bis 65.): Nach 13 Minuten hatte er einen Hundertprozentigen auf dem Fuß, den er machen muss. Machte er aber nicht. Dafür traf er in der zweiten Halbzeit und schraubte sein Torkonto auf nunmehr 19 Saisontreffer. Er wollte sichtbar nicht ausgewechselt werden – obgleich diese Maßnahme nach der Trainingspause bei einem Spielstand von 3:0 absolut gerechtfertigt war. Note: 2
Mikkel Kaufmann (ab 66.): Er räumte seine Gegenspieler ab, wie er es immer macht. Aber heute traf er endlich mal so, dass es auch zählte. Es ist ihm zu gönnen, weil er Charakter hat und immer Gas gibt. Ein versöhnliches Ende nach einer rundum enttäuschenden Saison für den Dänen. Daher auch die Note: 3
Sonny Kittel: Er leitete das 1:0 mit einem Kittel-Gedächtnis-Hackenpass ein und vollendete selbst – mit dem Kopf. Das war der Türöffner für den HSV-Sieg heute – und der Beginn eines starken Kittel-Auftrittes an alter Wirkungsstätte. In der 37. und der 41. Minute hatte er sogar das 3:0 auf dem Fuß, das er in der zweiten Hälfte dann eben auflegte. Beim 4:0 von Kaufmann ließ er den Ball mit viel Übersicht durchlaufen. Kurzum: Er sorgte für mehr Torgefahr als Mikkel Kaufmann und Faride Alidou in der gesamten Rückrunde zusammen. Allein das rechtfertigte seine Aufstellung heute schon zu 100 Prozent. Es bleibt zu hoffen, dass Kittel diese Form noch zwei Spiele Minimum konservieren kann. Note: 1
Trainer Tim Walter: Er hat seine Mannschaft heute gut auf- und genauso gut eingestellt. Hinten raus wurde der HSV nur zwei- dreimal bei Kontern gefordert, ansonsten machte der HSV mit dem bereits feststehenden Absteiger, was man mit derart deprimierten Teams macht: Man ließ den Gastgeber gar nicht erst den Gedanken fassen, hier und heute etwas reißen zu können. Dass Sonny Kittel nach seiner Einwechslung zuletzt heute von Beginn an ran durfte, dankte dieser seinem Trainer eindrucksvoll. Kurz gesagt: Walter hat heute nahezu alles richtig gemacht. Note: 2
Sebastian Schonlau: Es war ein verdienter Sieg. Anfangs war es schwierig, gegen die tiefstehenden Ingolstädter die Lücke zu finden. Doch als wir dann schnell das 1:0 und 2:0 erzielt haben, hat uns das Sicherheit gegeben. Wir können eine Menge Positives mitnehmen. Das gute Gefühl steht heute im Vordergrund. Dieses wollen wir in die kommende Trainingswoche mitnehmen.
Daniel Heuer Fernandes: Wir sind von Anfang an und bis zum Ende sehr dominant aufgetreten. Ingolstadt hat die Räume sehr eng gemacht. Da ist es immer schwer, den Gegner zu bespielen, aber das haben wir mit zunehmenden Spielverlauf immer besser gemacht. Wir können heute sehr zufrieden sein und wollen unsere Überzeugung, die wir heute über 90 Minuten gezeigt haben mitnehmen. Wir sind überzeugt von unserm Spiel, unserer Mannschaft und unserem Weg.
Robert Glatzel: Wir waren heute erneut vorn und hinten konsequenter als in einigen Spielen in den Vorwochen. Wir haben hinten kaum etwas zugelassen und haben vorn früh unsere Chancen genutzt und die Tore gemacht. Das war gut. Wir haben einfach das Mindset, dass jetzt nur noch Endspiele kommen. So gehen wir es an und haben die Aufgabe wieder gut gelöst. Großes Kompliment auch an die Fans, sie haben uns heute wie auch in den letzten Wochen schon überragend unterstützt. Jetzt freuen wir uns riesig auf das Heimspiel gegen Hannover vor vielen Fans. Das wird richtig geil!
Tim Walter: Kompliment an meine Mannschaft! Wir haben uns belohnt für unsere heutige Arbeit und für das, was wir uns Tag für Tag im Training erarbeiten. Unser Spiel ist sehr facettenreich, das hat sich auch heute wieder gezeigt. Zuletzt haben wir einige Tore über Distanzschüsse erzielt, heute waren es Konter und auch Chipbälle, die wir hoch reingespielt haben. Wir hatten eine vielseitige und richtig gute Spielanlage, haben auch mal längere Bälle oben reingespielt. Die Jungs machen es einfach gut, sind sehr variabel und haben eine richtig geile Energie. Hier kann zusammen mit den Fans, die uns heute wieder richtig gepusht haben, wirklich etwas zusammenwachsen und entstehen.
Rüdiger Rehm (Trainer Ingolstadt): Ich denke, es ist ein verdienter Sieg des HSV, wobei wir in der Anfangsphase auch unsere Chancen hatten. Aber der HSV hat eine unglaubliche Dominanz ausgestrahlt und uns viel laufen lassen. Die Mannschaft hat eine hohe Qualität, der wir nicht wirklich Paroli bieten konnten. Ich bin enttäuscht, denn wir wollten mehr aus diesem Spiel herausholen, waren aber zu abwartend und nicht initiativ genug, so dass der HSV insgesamt zu leicht zu diesem deutlichen Sieg gekommen ist.
Das Hamburger Abendblatt hat heute eine Formulierung im Artikel, die weit interpretierbar ist und suggeriert, dass beim HSV darüber nachgedacht wird, die Führung auszutauschen. Dabei ist der Stand heute nicht anders als vor ein paar Wochen, wo es hieß, dass man sich nach der Saison zusammensetzen werde und die Saisonanalysieren würde. Mit anderen Worten: Hier ist noch nichts entschieden und Stand heute gehen die Beteiligten davon aus, in der aktuellen Konstellation beisammenzubleiben. Apropos noch nicht entschieden: Dass der Aufstiegskampf schon entschieden ist und Tabellenführer Werder Bremen und der Zweite Schalke 04 als Bundesliga-Rückkehrer so gut wie feststehen, glaube ich auch nicht. Da bin ich komplett bei Tim Walter, der gestern noch gesagt hatte: „Gesetzt ist noch gar nichts. Es sind noch drei Spieltage zu spielen.“
Ich habe in den letzten Tagen viel mit einem sehr guten Bekannten beim FC St. Pauli telefoniert, der ein sehr gutes Gespür für Stimmungslagen im Klub hat, weil er unmittelbar daran beteiligt ist. Und wenn das stimmt, was mir dort erzählt wurde, dann herrscht beim Stadtrivalen intern eine Unruhe, wie sie den HSV in seinen „besten Tagen“ ausgezeichnet und immer wieder von kleinen und größeren Erfolgen abgehalten hat. Soll heißen: Selbst verursachter Ärger und das auch noch zu einer Unzeit.
Beim FC St. Pauli brennt der Baum
Umso gespannter war ich auf das Spiel gegen den 1. FC Nürnberg – und der FC St. Pauli führte lange. Erst in der zweiten Minute Nachspielzeit gab es den Ausgleich. Bitter – aber sicherlich passend zur aktuellen Stimmung am Millerntor. Dieses 1:1 eröffnet dem HSV… Nein! Ich schreibe es einfach nicht. Denkt Euch einfach, was ich meinen könnte. Dann habe ich zumindest nichts heraufbeschworen. Fakt ist, dass die Tabelle eng zusammengerückt ist. Nicht nur zum Vorteil des HSV – aber der HSV hat weiterhin die realistische Chance. Und das ist schon mehr, als man vor einem Monat noch hätte erwarten dürfen.
Vor dem Spiel beim als Absteiger feststehenden Tabellenletzten FC Ingolstadt ist der HSV im Rennen um den Aufstiegsrelegationsplatz also wieder voll dabei. Auch das Restprogramm scheint machbar zu sein – wobei mir jedes Mal, wenn ich das lese, höre oder selbst schreibe etwas mulmig wird. Denn irgendwie ist der HSV der letzten zehn Jahre immer genau dann eingebrochen, wenn der schwierigste Teil gemeistert schien. Von daher bleibe ich dabei und nenne die Spiele gegen Ingolstadt, Hannover 96 und bei Hansa Rostock „schaffbar“ – aber eben auch sehr schwierig. Genau so, wie es Walter macht, der sich auf Rechnereien gar nicht einlassen will.
Ich würde morgen sehr offensiv beginnen und den FCI von der ersten Sekunde an mächtig unter Druck setzen. Möglichst so sehr, dass die Spieler des FC Ingolstadt schnell die Lust daran verlieren, sich großartig zu wehren, obgleich es für sie um nichts mehr geht. Meffert/Reis/Suhonen wären allein schon ob ihrer Laufstärke bei mir gesetzt und prädestiniert für dieses Spiel. Dazu offensiv Robert Glatzel mit Bakery Jatta rechts und links – Sonny Kittel oder Josha Vagnoman. Letztgenannter könnte sich auch im Doppelpack mit Miro Muheim die Außenbahn teilen.
Meine Startelf steht
Sicher bin ich mir darin, dass ich Moritz Heyer nach seinem durchwachsenen Spiel in Regensburg nicht draußen lassen würde. Er zählt für mich zu der Sorte Spieler, denen man bedenkenlos Vertrauen schenken kann. Sie zahlen es – auch wenn mal ein Lapsus dazwischen liegt – auf Sicht immer zurück. Oder anders formuliert: Sie verdienen Vertrauen. Sebastian Schonlau, Daniel Heuer Fernandes und Mario Vuskovic noch dazu – und meine Startelf steht.
Oder? Wie würdet Ihr aufstellen?
In diesem Sinne, morgen gilt es mal wieder! Wobei wir das (hoffentlich) die letzten drei Spieltag immer vorher sagen können. Ich muss grillen. Abschalten, vorbereiten – und morgen geht’s weiter!
Bis dahin! Scholle
Herzlichen Glückwunsch!!
Die U21 des HSV siegte im Regionalliga-Nordderby gegen Werder Bremen II mit 2:1. Siegtorschütze in der Schlussminute war Etienne Sohn. Zuvor hatte Robin Velasco die Mannschaft von Pit Reimers in der 53. Minute in Führung gebracht, Werder kam durch Tim Van de Schepop zum zwischenzeitlichen Ausgleich (55.). Es war der zweite Nordderby-Sieg in dieser Saison. Schon Ende März hatten die Nachwuchskicker in Bremen mit 2:1 gewonnen. Glückwunsch dazu an Trainer Pit Reimers und Co.!
Nach dem besiegelten Abstieg will der FC Ingolstadt die restlichen drei Saisonspiele schon zur Vorbereitung auf die neue Spielzeit nutzen. „Da kann sich jeder Spieler auch präsentierten“, sagte Trainer Rüdiger Rehm heute, zwei Tage vor dem Heimspiel gegen den HSV, der sich noch Aufstiegshoffnungen machen darf. Zumindest, sofern auch in Ingolstadt gewonnen werden kann. Und dass das schwer würde, war allen bewusst. Und FCI-Trainer Rehm macht das auch noch einmal deutlich: „Wir wollen das Spiel gewinnen, wir wollen alles dafür tun. Wenn der HSV uns schlägt, darf er weiter im Aufstiegsrennen bleiben. Wenn sie es nicht schaffen, werden sie wahrscheinlich nichts mehr damit zu tun haben“, sagte Rehm. „Ich gehe davon aus, dass wir ein richtig ekelhafter Gegner werden.“
Für HSV-Trainer Tim Walter stand heute eh ein „harter Kampf“ an, denn im Rahmen der „Zukunftsreporter“ durften ihm viele Jugendliche Fragen stellen – und das taten sie. Wo Walter früher gespielt habe (Verein und Position), ob David Kinsombi am Wochenende endlich mal wieder spielen würde, welche Spieler Walter holen wolle – und natürlich auch, warum der HSV keinen Plan B habe. Und Walter antwortete. Ausführlich. Er sprach dabei von einem Plan 1B, 1C und so weiter, die alle im Plan A implementiert seien. Er sprach aber auch davon, die richtige Mischung finden zu müssen, was mich wiederum hoffen lässt. Abner dieses Thema hatten wir jetzt ausführlich behandelt. Jetzt steht Ingolstadt an.
Walter sieht Aufstiegsrennen komplett offen
Ob die nach dem feststehenden Abstieg befreiter oder eher deprimierter auftreten – keine Ahnung. Ich weiß aber, dass der Widerstand nicht derselbe ist, wenn es wehtut. Sol heißen: Wenn der HSV von der ersten Minute an die Ingolstädter massiv unter Druck setzt und deutlich macht, dass er dieses Spiel dominieren und gewinnen will, dann besteht eine sehr realistische Chance, dass der HSV dieses Spiel sicher nach Hause bringen kann. Sollte man den Ingolstädtern am Anfang aber Räume bieten oder Gelegenheiten fahrlässig schenken, werden diese noch einmal Bock auf das Spiel bekommen und so genannt „befreit“ aufspielen. Womit wir wieder beim Aufbauspiel wären…
Druck in diesem Spiel jedenfalls hat nur der HSV. Nicht zu viel, ganz klar! Und zudem selbst verschuldet. Aber er ist nun mal da, zumal am Freitagabend bereits die Konkurrenz vorlegen kann. Für Walter ist der Ausgang dieses Zweitligasaison alles andere als entschieden. Auch Tabellenführer Werder Bremen und der Zweite Schalke 04 stehen als Bundesliga-Rückkehrer längst nicht fest. „Gesetzt ist noch gar nichts. Es sind noch drei Spieltage zu spielen“, sagte Walter heute. „Die anderen Mannschaften müssen ihre Hausaufgaben auch machen.“ Auf Rechnereien will sich Walter nicht einlassen. „Trotzdem – wie ich es auch schon so häufig angesprochen habe – interessiert es mich wenig, was die anderen machen“, sagte der 46-Jährige. „Ich kann nur beeinflussen, was der HSV und was meine Mannschaft macht. Darum sind wir gut beraten, nur auf das zu schauen, was wir machen.“
Personell hat Walter heute nur gute Nachrichten erhalten. Auch Toptorjäger Robert Glatzel wird in Ingolstadt wohl wieder spielen können. Der mit 18 Zweitligatoren erfolgreichste Hamburger hatte wegen einer Erkältung zwei Tage mit dem Training ausgesetzt und kehrte heute wieder ins Mannschaftstraining zurück. „Wir sind mit der medizinischen Abteilung und mit ihm im Austausch. Letztendlich entscheide ich, ob er dann auch aufläuft und ich ihn für fit genug halte oder nicht. Im Moment sieht es aber gut aus.“
Stand heute werde der beste Torschütze des HSV also fit genug sein, um aufzulaufen, so Walter, der auch andeutete, Mikkel Kaufmann erneut eine Chance geben zu wollen. Und das, obgleich der HSV-Coach mit Kaufmanns zuletzt dürftigen Auftritten nicht zufrieden war. Was er sich von dieser Personalie erwarte bzw. erhoffe, wollte ich wissen. „Toreschießen“, antwortete Walter. Und das hat noch nicht wirklich funktioniert. „Das hat er leider noch nicht geschafft, aber macht ansonsten einen ganz großartigen Job. Er läuft immer gegen Ball die gegnerischen Abwehrspieler an Er arbeitet sehr viel Deshalb bin ich auch sehr zufrieden mit ihm. Das Quäntchen Glück, das er in den letzten Wochen noch nicht hatte, kriegt er vielleicht in den kommenden drei Spielen noch hin. Insofern schauen wir dort, dass er noch etwas genauer wird.“
Das klingt für mich sehr stark nach weiteren Spielzeiten für den Dänen – und damit gegen Manuel Wintzheimer. Warum? Keine Ahnung. Aber angesichts der Tatsache, dass Walter Wintzheimer in dieser Saison im Oktober das letzte Mal von Beginn an brachte, mag man erahnen, dass er nicht viel mit Wintzheimers Qualitäten anzufangen vermag. Dass Kaufmann aus meiner Sicht hier keinen Deut mehr zustande bringt, deutet daraufhin, dass Walter schon im Ausschlussverfahren aufstellt. Vor allem aber zeigt es, warum Walter so lange darauf verzichtet hat, mit zwei Stürmern zu beginnen. Wobei das natürlich auch jett wieder möglich wäre. Also ohne zwei Stürmer zu spielen, meine ich. Dann würde Sonny Kittel voraussichtlich wieder auf die linke Außenbahn gehen, während Jatta rechts und Glatzel zentral angreifen.
Aber in Sachen Aufstellungen werden wir uns den einen verbliebenen Trainingstag noch abwarten und sehen, wer letztlich gesund ist und mit nach Ingolstadt reist. Bis dahin wünsche ich Euch einen schönen Abend. ich melde mich morgen früh wieder mit dem MorningCall. Bis dahin,
Der Trainer ist genervt. Nachvollziehbar, wie ich finde. Zumindest würde ich auch im Strahl kotzen, wenn ich mir Woche für Woche dieselbe Leier anhören müsste. Aber ich würde mich selbstverständlich auch fragen, warum ich Woche für Woche dieselbe Leier vorgespielt bekomme. Und so hoch ich Standhaftigkeit bei Fußballtrainern auch in schwierigen Zeiten bewerte, so schmal ist hier nun mal der Grat zu Sturheit. Und die hat im Fußball ganz sicher nichts zu suchen. Im Gegenteil: Sobald diese eintritt, wird es gefährlich. Für den Klub – und damit in aller Regel auch für den Trainer. Und auch das ist heute im neuen Communitytalk natürlich Eurerseits gefragt worden und somit eines von vielen Themen:
Diese mögliche Gefahr sehe ich in diesem Fall allerdings als völlig unnötig und im höchsten Maße vermeidbar an. Gerade Tim Walter sollte sich an die Hinrunde erinnern, wo er nach schwerwiegenden Ausfällen von seinem dauerhaft hoch pressenden Spiel ein Stück weit abwich und defensiver spielen ließ. Auch damals war diese Nachjustierung produktiv und bescherte neben besseren Spielen vor allem auch mehr Punkte. Oder anders formuliert: Walter wurde schon einmal zu etwas gedanklicher Flexibilität gezwungen – und es hat sich bewährt. Weshalb Walter also gerade jetzt so gereizt reagiert, kann ich nicht nachvollziehen.
Labbadia hat gezeigt, wie unnötig gefährlich Sturheit wird
Fußballtrainer sind eine ganz eigene Spezies. Und Sturheit ist gerade in Hamburg nicht selten eine Begleiterscheinung bei Trainern gewesen. So geschehen damals bei Bruno Labbadia, als er seine erste HSV-Amtszeit hatte. Unmittelbar nachdem er seinen Vertrag beim HSV auf Basis der Gespräche mit dem damaligen Vorstand Dietmar Beiersdorfer unterschrieben hatte, musste dieser gehen. Labbadias Bezugsperson auf Vorstandsebene fehlte. Wirklich Vertrauen knüpfen musste Labbadia also erst noch zu den anderen Verantwortlichen. Aber das funktionierte überhaupt nicht.
Im Gegenteil: Labbadia war misstrauisch und fühlte sich irgendwann von allen Seiten bedrängt. Viele hatten es sicher gutgemeint und wollten helfen. Aber es gab damals eben auch einige, die Labbadia nicht wollte. Hier zu unterscheiden – das war schwer. So schwer, dass Labbadia letztlich daran scheiterte. Von einer produktiven Analyse mit Fachleuten war nichts geblieben – stattdessen fühlte sich Labbadia in der Situation, seine Idee verteidigen zu müssen. Denn je mehr Einfluss Außenstehende auf ihn und seinen Fußball nehmen wollten, desto mehr versperrte er sich diesen Ratschlägen und Tippgebern. Aus dem notwendigen „Wir“ wurde ein Labbadia gegen den Rest. Mit dem Ergebnis, dass ein aus meiner Sicht guter Trainer vorzeitig gehen musste. Damals sogar zurecht, wie ich ob seiner Sturheit befand.
Daher hoffe ich ganz stark, dass Walters gestrige Reaktion nicht der Beginn einer Frontenentwicklung ist. Denn da hatte er gereizt reagiert auf die Nachfrage, weshalb sein Spiel keinen Plan B habe. „Es ist mir total egal, was gesagt wird. Ich gehe mit dem Verein meinen Weg. Und das versuchen wir durchzuziehen. Wir sind sehr variabel, aber wenn man nur eines sehen will, dann ist es so. Aber ich sehe halt alles.“ Im Abschluss verrannte er sich meiner Meinung nach noch in einem Vergleich, der ihm nur um die Ohren fliegen kann: „Wo ist Plan B bei ManCity, wo ist Plan B bei Bayern? Sie versuchen Plan A besser auszuführen. Und im Plan A haben sie verschiedene Varianten.“ Denn abgesehen davon, dass die genannten Teams fußballerisch Welten vom HSV entfernt sind, sind gerade Pep Guardiola und Julian Nagelmann für ihre taktische Raffinesse bekannt.
Nein, Tim Walter persönlich anzugreifen will niemand. Ich zumindest nicht. Aber ich werde auch nicht müde, das anzusprechen, was aus meiner Sicht falsch läuft. Und für alle, die meinen, das wäre zu spät: Ich habe das in der Vorbereitung gesagt und seit dem ersten Heimspiel gegen Dynamo Dresden in nahezu jedem Blitzfazit aufs Neue: Diese riskante Spielweise wird immer wieder zu Fehlern führen, die den HSV Punkte kosten (https://youtu.be/Oj5j_SbWMuQ ab Min. 2:36). Und so kam es auch. Ob der spielerisch positiven Gesamtentwicklung kann man sehr viel Positives am Walter-System finden – und das sehe ich auch so. Aber ich bleibe bei meinem Standpunkt vom Saisonbeginn: Zu riskant hinten rauszuspielen wird dauerhaft unnötig viele Misserfolge begünstigen. Und diese würden den HSV leicht erreichbare Ziele verpassen lassen (bewusst im Konjunktiv, da ich immer noch darauf hoffe, dass die Vernunft gegen die Sturheit siegt).
Glatzel fehlt weiterhin – die Chance für Wintzheimer?
Hoffen ist dann auch das Stichwort zur personellen Situation beim HSV. Denn der HSV hofft weiter auf eine schnelle Genesung bei Toptorjäger Robert Glatzel. Der hatte sich gestern und auch heute wegen Unwohlseins abgemeldet – bislang heißt es, er sei Corona-negativ getestet. Nach zweimaliger Corona-Erkrankung wünsche ich es Glatzel auch sehr. Vor allem aber hoffe ich, dass Glatzel nicht in Ingolstadt ausfällt, da er aktuell existenziell wichtig für die HSV-Offensive ist.
Sollte Glatzel aber tatsächlich ausfallen, hoffe ich erneut auf ein Umdenken bei Tim Walter, der zuletzt immer wieder Mikkel Kaufmann gebracht und Manuel Wintzheimer auf der Bank gelassen hatte. Letztgenannter ist eh seit Oktober 2021 nicht mehr von Beginn an dabei gewesen und hat drei der letzten vier Spiele sogar komplett zusehen müssen, während der stets bemühte Däne ran durfte und ohne Wirkung blieb. Gestern gab es die Meldung, dass es eine Wende im Fall Wintzheimer geben könne – heute wurde das Gegenteil behauptet. Und dem schließe ich mich an. Ich bin mir sicher, dass Wintzheimer beim HSV keine Zukunft mehr hat unter Tim Walter. Dennoch hoffe ich, dass Walter sich am Sonnabend im Falle eine s Glatzel-Ausfalles auf Wintzheimer besinnt. Denn bei allem Respekt vor Kaufmann ist Wintzheimer der bei weitem bessere Angreifer. Aber dazu werden wir morgen sicher mehr wissen.
Heute hat sich übrigens Anssi Suhonen den Fragen der Journalisten gestellt. Und er meisterte das auf seine Art. Er wollte nicht euphorisiert wirken, sondern fokussiert. Und das gelang. „Aktuell läuft es sehr gut bei mir. Wenn man mehr Spielzeit bekommt, dann bekommt man auch mehr Torchancen. Ansonsten bin ich aber noch immer der gleiche Anssi.“ Der Anssi übrigens, der sich immer ob seiner kurzen Körpergröße immer wieder gegen höher gewachsen Konkurrenten durchbeißen musste und der nicht nur in seiner Heimat Finnland bei Wind und Wetter trainierte. Denn das macht er heute noch. Sogar so viel, dass er schon aufgefordert wurde, nicht zu übertreiben. Suhonen weiter: „Natürlich freue ich mich über Tore. Ich bin auch sehr stolz darauf, dass ich meinen Vertrag verlängern durfte und in der finnischen Nationalmannschaft meinen Weg gehe. Es geht aber immer darum, weiterzumachen und sich nicht auf kleinen Erfolge auszuruhen.“ Und das klingt nicht nur gut – Suhonen ist auch so.
In diesem Sinne, am Sonnabend in Ingolstadt wird Suhonen nach seinen letzten starken Spielen mit Sicherheit wieder spielen, Und darauf bzw. darüber freue ich mich sehr. Wer noch in der Startelf stehen wird, dazu dann morgen nach der Pressekonferenz und Freitag genaueres. Bis dahin, bleibt gesund!
Das Spielsystem von Trainer Tim Walter ist sehr speziell. Und genau das macht seine Stärke aus. Aber es birgt leider auch eine Anfälligkeit, die wir zuletzt immer wieder zu sehen – und der HSV zu spüren bekommen hat. Seit Saisonbeginn wiederhole ich mich darin, dass ich dieses Spiel in seiner Auslegung beim HSV als zu dogmatisch und zu riskant empfinde. Der bisherige Saisonverlauf gibt mir in diesem Punkt Recht. Gerade zuletzt hat sich der HSV immer wieder selbst in unnötige Bedrängnis gebracht. Dennoch ist dieses Thema diskutabel. Und viele, aber5 längst nicht alle gehen mit meiner Meinung d’accord. Auch Spinoza sieht es anders. Er schrieb (stellvertretend für einige andere nehme ich diesen Post):
Eine Frage dazu: Was bringt es, aus der Abwehr heraus spielen zu wollen, wenn man nicht in der Lage ist, dies gegen eine hoch pressende Mannschaft zu tun? Wenn der Gegner einen hoch presst, ist das Gegenmittel nicht seinen Spielplan aufzugeben und somit zu vermitteln dass dieser nur auf Zuckerwatte aufgebaut ist. Dadurch nimmt man dem Gegner nicht den Glauben, man schenkt ihn ihm. Vielmehr muss erkannt werden, wie das Spiel hinten raus trotz eines hoch pressenden Gegners, gut umgesetzt werden kann. Und wenn dabei Fehler entstehen, müssen diese angesprochen werden bzw. im Training überwunden werden. Oder siehst du das anders?
Meine Antwort:
Es geht mir hier nicht darum, das eine zu fordern und das andere abzulehnen. Das Spiel hintenraus darf mutig sein. Das finde ich sogar sehr gut. Es darf auch versucht werden, möglichst alles spielerisch zu lösen. Es geht mir aber darum, dass man hier flexibler sein muss und eben nicht partout ein System durchdrückt. Es gibt immer die Situation, in der die Gegner den HSV so hoch pressen, dass sie automatisch defensiv Lücken bieten. Du kannst nicht offensiv hoch attackieren und defensiv tief stehen, ohne große Lücken zu hinterlassen. Und wenn die Gegner mit der gesamten Mannschaft aufrücken, bieten sie automatisch den Raum für den langen Ball, bei dem es dann auf das Tempo von Angreifer und Abwehr ankommt. Und hier hat der HSV mit Jatta sogar den schnellsten Spieler der Liga in seinen Reihen.
Nein, mir geht es darum, dass der HSV das mutige Spiel spielt und trotzdem den langen Ball als Stilmittel mit einbaut. Als Notball – und als öffnenden Pass. Hierbei gibt es keine klare Regel von Trainerseite, die man vorgeben kann. Das muss intuitiv vom Spieler entschieden werden. Aber Tim Walter hat den Jungs sehr deutlich gemacht, dass der lange Ball bei ihm nicht erwünscht ist. Und angesichts von nunmehr acht Gegentoren nach unnötigen Ballverlusten in der eigenen Defensive (Negativ-Spitzenwert in der Liga) schreit das nach einer Nachjustierung.
Denn sobald der Gegner weiß, dass das eigene, hohe Pressing gefährlich wird, weil der HSV das Konterspiel draufhat, überlegen es sich Dresden, Paderborn, Kiel und Co. dreimal, ob sie weiterhin so hoch attackieren. Und genau DANN haben sie den meisten Respekt vor dem HSV, behaupte ich. Und was den Glauben des Gegners anbelangt: Die meisten Teams treten gegen den HSV in dem Glauben an, dass der HSV die bessere Mannschaft ist. Und ich gebe Dir Recht, dass die spielerische Lösung diesen Eindruck noch einmal verfestigt – wenn sie gut gespielt wird und funktioniert. Aber: Sobald ich als Gegner mit einfachem Pressingspiel beim HSV hinten Unruhe stiften kann, wittere ich selbst als die spielerisch schwächste Mannschaft der Liga meine reelle Chance.
Denn dann geht es nicht mehr darum, dass ich das bessere Passspiel oder ansonsten fußballerisch besser sein muss, sondern nur noch darum, dass ich mich zerreißen muss. Ich muss „einfach nur“ (Die Anführungsstriche, weil es sehr anstrengend ist) sehr laufintensiv attackieren. Ich muss mich quasi bis zur Erschöpfung quälen und den HSV nerven – dann ist eine reelle Chance da. Und während die wenigsten Zweitligateams dem HSV spielerisch das Wasser reichen können, können sie dies dagegen körperlich fast alle. Denn während man fußballerisch innerhalb dieser Liga ganz deutlich Unterschiede erkennen kann, stehen physisch in dieser Liga alle Teams sehr viel näher beieinander.
Giorgi Chakvetadze wird wohl nicht übernommen
Und ja, das muss und kann man im Training ganz einfach simulieren. Anschauungsmaterial hat der HSV (siehe acht Gegentreffer) definitiv genug. Von daher: Bitte übernehmen Sie, Herr Walter! Apropos übernehmen: Laut Meldung der Kollegen der BILD wird Giorgi Chakvetadze nach dieser Saison nicht übernommen. Und gemessen an dem bisher Gezeigten ist das sicherlich die richtige Entscheidung.
In diesem Sinne, das nur als kurzen Einwurf am freien Tag. Ich melde mich dann morgen früh wieder mit dem MorningCall und werde abends mit dem Blog wieder bei Euch sein. Sofern gewünscht. Bis dahin!
So schnell kann’s gehen. Der HSV ist wieder dran an den Aufstiegsplätzen zur Ersten Liga. Nach dem 4:2 bei Jahn Regensburg beträgt der Rückstand zum Relegationsplatz drei Punkte. Wobei, eigentlich sind es nur 2,5, weil der HSV das beste Torverhältnis aller Konkurrenten hat. Zum direkten Aufstiegsplatz fehlen fünf Punkte. „Darüber will ich überhaupt keinen Gedanken verlieren“, sagte Trainer Tim Walter und würgte alle Fragen ab. Der Horizont soll immer nur bis zum nächsten Spiel reichen. Und damit macht der Trainer alles richtig, glaube ich. Denn wie das Regensburg-Spiel wieder offengelegt hat, gibt es vordringlichere Themen.
Ich habe es im gestrigen Blog und Blitzfazit schon gesagt: Es gibt keine bessere Situation, als bei einem Sieg ganz viele Dinge, die im Argen liegende, aufgezeigt zu bekommen. Denn das bedeutet normalerweise: Drei Punkte mehr und dazu noch ein Stück schlauer. Die Entwicklung ist nämlich nicht ergebnisabhängig. Weder machen Siege alles gut – noch machen Niederlagen alles schlecht. Und genauso, wie ich vom Trainer erwarte, dass er aus seinem riskanten Aufbauspiel und der notwendigen Sicherheit die Balance findet, so gilt das auch für uns in der Kritik. Dass mir tatsächlich jemand gestern in einer Email dauerhaftes „Trainer-Bashing“ unterstellt hat, zeugt mir nur, dass einige offenbar nicht verstehen, worum es bei einer echten Entwicklung geht. Zumal ich mir sicher bin, dass Walter selbst deutlich weniger Probleme mit dem Gesagten hat als der/die User.
Trainerbashing bringt nichts – konstruktive Kritik sehr wohl
Denn für mich bleibt es dabei, dass Tim Walter hier in Hamburg sehr vieles gut macht. Aber eben längst nicht alles. Und dazu zähle ich seit Saisonbeginn in fast jedem Blitzfazit das aus meiner Sicht unnötig riskante Aufbauspiel immer wieder dazu. Ich erinnere mich noch an das erste Rückrundenspiel 2022, als ich gehofft hatte, dass Walter über den Winter seiner Mannschaft erlaubt hätte, den Ball auch einfach mal lang zu schlagen, wenn man vom Gegner mit Pressing bearbeitet wird. Spätestens nach dem Dresden-Spiel, wo die Sachsen den HSV in den ersten Minuten mit frühem, hohen Attackieren mächtig in Bedrängnis gebracht hatten, hätte ich diese Schlussfolgerung erwartet.
Aber gestern wurde es noch mal besonders deutlich, wie ich finde. Denn in einer Phase, in der nahezu kein Team in der Liga den Fokus auf Attraktivität setzt, versucht der HSV sein riskantes Aufbauspiel selbst dann noch durchzuziehen, wo er gemerkt hat, dass er anfällig wird. Warum diese Mannschaft in solchen Momenten nicht eine alternative Taktik parat hat, erschließt sich mir einfach nicht. Hier sehe ich in der so oft proklamierten „Entwicklung“ einfach noch keinen Fortschritt. Das mögen einige als „Trainer-Bashing“ empfinden – aber das ist mir egal. Mir geht es dabei nicht um einzelne Personen. Im Gegenteil: Ich behaupte, dass hier auch einzelne Meinungen und einzelne Personen nicht über den Gesamterfolg stellen dürfen. Und dieses Kleinklein hinten raus geht gegen Gegner, die nicht gut pressen können. Aber eben nicht immer, was absolut keine Schwäche ist. Im Gegenteil: So ein riskantes Fußballspiel hält nicht einmal der FC Bayern München dauerhaft durch.
Ich glaube sogar, dass man hieraus eine richtige Stärke machen kann. Denn Walters Sturheit ist ligaweit bekannt. Ebenso, dass Pressing den HSV vor Probleme stellt. Sollte Walter seinen Männern jetzt aber den langen Ball über die erste Reihe hinaus als taktisches Stilmittel in Pressingphasen des Gegners erlauben, man könnte den Gegner damit überraschen. Vor allem aber würde man damit dem Gegner schneller den Glauben nehmen können, dass gegen den HSV etwas geht. Denn bei aller Wertschätzung für den SSV Jahn Regensburg gestern: Der HSV hat in allen Bereichen klare Vorteile gegenüber dem SSV. Normalerweise.
Einfaches, klares Spiel wird wichtig sein
In der Rückrunde hat der HSV aktuell 2 Punkte weniger geholt als der SV Sandhausen. Das klingt erst einmal nicht gut, ist es nämlich auch nicht. Aber auch das ist relativ. Denn der Diekmeier-Klub ist nach dem 4:2-Sieg heute beim 1.FC Nürnberg in der Rückrundentabelle Dritter. Gegen die Topteams Werder, Darmstadt, St. Pauli, HSV und Nürnberg sind sie ungeschlagen und treffen am kommenden Freitag auf den FC Schalke. Am selben Abend treffen Nürnberg und der FC St. Pauli am Millerntor aufeinander. Dass Werder in Kiel antritt, erwähne ich nur am Rande. Denn ich bin mir relativ sicher, dass die Bremer als erstes Team durch sein werden. Aber: Den Druck, den man hier in Hamburg verspürt, den verspüren alle Teams da oben. Davon ist niemand befreit. Und gerade deswegen wird es in dieser Schlussphase (wie eigentlich in allen Schlussphasen) umso wichtiger sein, klar zu spielen. Die Spieler sollten jetzt nichts dazulernen müssen, sondern sich sicher fühlen und sicher sein, in dem, was von ihnen gefordert wird. Wer in solchen Phasen zu kompliziert wird, der verliert in der Regel. Auch den so oft zitierten Kampf gegen den Druck.
Um es noch mal klar zu sagen: Sätze wie „wir bleiben bei uns“ und „wir gehen unseren Weg weiter“ sind richtig und gut. Die unterstütze ich zu 100 Prozent, weil eben genau das in den letzten Jahren falsch gemacht wurde. Es wurde immer etwas begonnen und dann vorzeitig abgebrochen, um etwas Neues mit Neuen zu probieren. Aber dieser „eigene Weg“ darf kein Dogma sein. Der HSV muss sich von Woche zu Woche auch auf die Gegner einstellen. Der HSV muss wissen, was auf ihn zukommt und dementsprechend vorbereitet sein. Besser als in den letzten Partien, wo eben immer wieder einfaches Pressing den Gegnern reichte, um den HSV ins Schwimmen zu bringen.
Und Achtung! Spoiler für meine Kritiker: Sollte der HSV in den nächsten Spielen wieder durch frühes Pressing zu unnötigen Ballverlusten beim Kleinklein hintenraus gezwungen werden, werde ich das auch im nächsten Blitzfazit ansprechen und dem Trainer anlasten. Aber ich hoffe, dass Walter hier gute Berater um sich herum und in seinem Trainerteam hat, die ihm klarmachen, dass es keine Schwäche ist, wenn man seinen eigenen Weg nachjustiert und partiell auch mal verändert. Im Gegenteil: Ich bin mir sicher, dass die Verantwortlichen Walter das als positive Entwicklung auslegen würden. Denn genau diese Flexibilität im Rahmen einer klaren, erkennbaren Spielidee unterscheidet gute Trainer von weniger guten Trainern. Und niemand hier hat je behauptet, dass nicht auch Walter sich entwickeln darf und soll.
In diesem Sinne, bis morgen. Da melde ich mich früh mit dem MorningCall bei Euch und werde Euch schnellstmöglich den kompletten Überblick über das geben, was über den HSV sonst noch berichtet wird. Das nächste Training ist übrigens für Dienstag angesetzt, also morgen haben die Profis noch frei.
Bis dahin! Euch allen einen schönen Abend und morgen einen guten Start in die Woche! Bleibt gesund,