Der HSV muss nachbessern – in allen Bereichen

Der HSV muss nachbessern – in allen Bereichen

Die Diskussionen sind nach Niederlagen immer vielseitig. Logisch. Es gibt auch immer mehr als nur einen Grund, der zu Niederlagen führt. Wer weiß das besser, als die leidgeprüften HSV-Anhänger, die mit der Derby-Niederlage gerade die Niederlage aller Niederlagen verdauen müssen? Und wenn ich nur die Gründe benenne, die als ultimativ und ausschlaggebend bezeichnet werden, ich hätte locker eine zweistellige Summe beisammen. Auch HSV-intern äußern sich die verantwortlich. Sie Und diese Diskussion ist wichtig, weil nur hierüber vorhandene Mängel und Fehler behoben werden können. Aber die Kunst, Fehler korrekt zu analysieren ist eine der größten Künste, die man beherrschen kann. Und der HSV hat sich auf diesem Gebiet in den letzten Jahren nicht besonders hervorgetan. Im Gegenteil. Von daher habe ich es mit Freude wahrgenommen, dass Trainer Tim Walter ein Mann der klaren Worte ist. Er sagt, was er sieht und denkt. Auch, wenn es mal weh tun kann. Und das ist gut so. 

Aber in diesem Anflug von Selbstkritik steckt leider auch eine Gefahr. Nämlich, die dass man die Kritik der öffentlichen Wahrnehmung anpasst. Denn dann wird es zum Populismus und kontraproduktiv. Was ich meine? Ein Beispiel: Nach dem 2:3 beim FC St. Pauli selbst hatte Walter beispielsweise davon gesprochen, dass ihm Einsatz und Wille gefehlt hätten. Und ja, ein paar Prozentpunkte können immer noch draufgepackt werden. Zudem ist der Faktor Wille und Kampfgeist immer ein Argument, das zieht. Aber ich behaupte, dass dieses platte Draufhauen am Ziel vorbei geht. Denn die Spieler wollten am Freitag – aber sie konnten nicht. Und das wiederum hat vielschichtigere Gründe, als dass man sie binnen weniger Tage behebt.

Sehr spannend in solchen Zusammenhängen finde ich immer wieder die Einschätzungen aus wissenschaftlicher Sicht. Auch diesmal habe ich unseren Blogfreund und Dr. der Psychologie, Olaf Ringelbandt, nach seinen Ansichten befragt. Und er hat geantwortet: 

Die Mentalität: Klar sind die Spieler gerannt und haben gekämpft. Aber haben sie 100% gegeben? Ich finde, nein. Man hat gesehen, wie erschrocken viele in der ersten Halbzeit geguckt haben, dass Pauli um jeden Ball und jeden Zweikampf gekämpft hat und dem lange nichts entgegensetzen konnten. Beim HSV scheint noch immer (unbewusst) eine Haltung zu sein, „wir sind der traditionsreiche HSV, wir sind eigentlich gar keine Zweitligamannschaft”. Diese Haltung war schon in den letzten Saisons tödlich, denn wenn alle davon reden, dass der HSV ein sicherer Aufstiegskandidat ist, glaubt der Verein irgendwann wirklich, dass das eine Art Automatismus sei, man müsse nur irgendwie genügend Spiele gewinnen und dann würde man aufsteigen. In den vorherigen Jahren lag diesem Glauben noch eine gewisse Realität zugrunde, denn in der Tat hatte der HSV eine der besten Mannschaften der zweiten Liga (ich nehme hier einfach mal den Marktwert und Etat als halbwegs verlässlichen Indikator für die Qualität). Von daher muss man im Rückblick sagen, dass es schon ein Kunststück war, mit diesen Etats nicht aufzusteigen. In dieser Saison ist die Lage anders, die Qualität der Mannschaft ist, na ja, halt Zweitliga-Qualität. Da ist ein Glaube, dass man nur irgendwie Punkte sammeln muss fatal. Jeder muss um jeden Ball, jeden Zweikampf, jedes zu schießende oder zu verhindernde Tor kämpfen – damit man nicht absteigt! Wenn der Trainer das der Mannschaft nicht vermitteln kann, wird der HSV nicht viele Spiele in dieser Saison gewinnen – denn es gibt mindestens ein Dutzend Mannschaften in der zweiten Liga, die genau dieses Mindset haben: sie wissen, dass sie keine Übermannschaft sind und dass sie nur mit Teamgeist, Hingabe und kompletter Kampfbereitschaft in der Liga überleben können.

Entscheidend aus meiner Sicht ist und bleibt, dass man seine Qualitäten korrekt einstuft. Und im Moment ist man sicher kein Topfavorit, hat aber eine Mannschaft, die über die Qualitäten verfügt, um die oberen Plätze mitzuspielen. Soll hei0ßen: In irgendeinem Bereich muss sich der HSV hervortun, um besser zu sein. Und wenn es aktuell die Laufbereitschaft und der Kampfgeist ist, dann ist es Walters gutes Recht, diese Tugenden immer und überall von seinen Spielern einzufordern.

ABER: Es muss auch einen Plan geben, der über das blinde Laufen hinaus geht. Wenn ich manchmal sehe, wie Jan Gyamerah und Jonas David nach einem gespielten Pass plötzlich im Sprint irgendwo hinlaufen, wo sie frei stehen – aber nicht angespielt werden können, dann macht das auf mich einen aktionistischen Eindruck. Und das merken auch die Spieler, denen irgendwann der Glaube an dieses System verloren geht, wenn es nicht erfolgreich ist.

Auch ich habe früher als Spieler (und Kapitän meiner Mannschaft) immer dem Trainerwunsch eine faire Chance gegebene, selbst wenn ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, dass diese Idee greift. Griff sie nicht, habe ich das Gespräch mit dem Trainer gesucht und auf dem Platz selbst „Anpassungen“ vorgenommen. Den eines ist immer noch klar: Eine Mannschaft hat mehr Erfolg, wenn alle einem Plan folgen. Selbst wenn dieser kleinere Schwächen beinhaltet, funktioniert das besser, als wenn elf Spieler elf perfekte – aber unterschiedliche Pläne auf dem Platz umzusetzen versuchen.

Ich habe Olaf vor einiger Zeit mal gebeten, die Maßnahmen im Auge zu behalten, die die sportliche Leitung zur neuen Saison umsetzt. Es wurde und wird ja immer wieder davon gesprochen, dass man alle Altlasten ablegen wollte. Es sollte ein nächster Neuanfang folgen, diesmal mit Walter an oberster Stelle. Olaf’s Statement hierzu ist noch etwas kürzer, aber nicht minder interessant:

Der Trainer:  Du hattest mich ja schon mal um einen Kommentar zu unserem Trainer gebeten – leider habe ich aber noch nicht genug von ihm mitbekommen, um etwas auch nur halbwegs Qualifiziertes zu ihm sagen zu können. Aber eine Anmerkung habe ich doch: wenn ein mittelmäßiges Zweitligateam wie der HSV einige offenbar technisch und taktisch herausragende Spieler im Kader hat, dann muss es die Aufgabe des Trainers sein, diese in die Mannschaft zu integrieren, sie so stark zu machen, dass sie der Mannschaft helfen. Auch wenn ich gewisse Sympathie für hartes Durchgreifen bei Disziplinlosigkeiten habe – die „harte Hand” ist nicht die einzige Option um Spieler zu helfen, besser zu werden.

Und so sehe ich es auch. Allein die harte Hand bringt nichts, wenn die daraus resultierenden Maßnahmen nicht einem klar umrissenen Plan dienen, der von oben vorgelebt und vorgegeben wird. Und dazu zähle ich neben dem Trainer auch alle weiteren Entscheidungsträger beim HSV. Auch, nein vor allem auch: Jonas Boldt, der als Ranghöchster dem HSV den Weg vorgeben muss. Dass er sich selbst öffentlich zurückhält und sehr dosiert auftritt – es hat auch seinen Charme. Aber gerade in Phasen wie jetzt, wo alle noch ein bisschen wackeln und nicht wissen, wie der neue Weg greift, wäre seine Präsenz angebracht. Für die Mitarbeiter ebenso wie für die Fans, denn Boldt ist schon von seiner Position beim HSV her immer auch ein Orientierungspunkt. Taucht er ab oder teilt er sich nicht ausreichend mit, fehlt vielen diese Orientierung.  Aber auch das kann Olaf deutlich besser in Worte fassen: 

Leistungskultur:  Mein altes Lieblingsthema der „Hochleistungskultur beim HSV” beschäftigt mich immer noch – und ehrlich gesagt sehe ich den HSV davon noch weiter entfernt als in den letzten Jahren. Was ich vermisse, ist eine klare und sichtbare Führung im Verein. Wer gibt der ganzen Organisation Orientierung? Wer lebt das Thema „Leistung” vor? Wer gibt die Richtung und das Selbstverständnis vor? An wem können sich alle – bis hin zu den Spielern orientieren? In Wirtschaftsunternehmen gibt es aus gutem Grund so etwas wie den/die “Vorstandsvorsitzende/n”, der/die Visionen und Strategien (gemeinsam mit anderen) entwickelt, vorlebt, der/die nach innen und außen das Unternehmen und seine Kultur verkörpert. Wenn man die Kultur einer Organisation verändern will, geht das nur von oben, die Unternehmensführung muss sichtbare Zeichen setzen, damit alle sehen, was die Organisation von ihnen erwartet.

Und um hier den Bogen zu meinen einleitenden Worten zu spannen, bleibe ich bei meiner Meinung, dass dieser HSV unausgewogen ist – in fast noch allen Bereichen. Von daher nützt es auch nichts, wenn man immer mehr läuft, sofern das dazugehörige System nicht greift oder man dafür noch gar nicht das personal hat, das man braucht. Zumindest habe ich gegen den FC St. Pauli gesehen, dass der HSV den Gegner verunsichern wollte – aber noch immer selbst viel zu leicht zu verunsichern ist. Und wie Ihr seht, hat auch das mehr als nur einen Grund.

In diesem Sinne, die HSV-Führung hat noch eine Menge Arbeit vor sich. Personell wie inhaltlich. Und für alle, die sich reflexartig über die freien Tage echauffieren: Trainer Tim Walter hat dafür zwei Tage mit je zwei Einheiten ab morgen angesetzt. An mangelndem Training jedenfalls wird es bei Walter, so wie ich ihn bislang einschätze nicht fehlen. Im Gegenteil.  Also, bis morgen! Da melde ich mich dann um 7.30 Uhr wieder mit dem MorningCall bei Euch. 

Scholle

P.S.: Wie in den letzten tagen schon berichtet, wechselt Jeremy Dudziak vom HSV zum Erstligaaufsteiger Reuther Fürth. So verkündete es der HSV heute auf seiner Homepage.

Der HSV hat noch 17 Tage, seine Mängel zu korrigieren

Der HSV hat noch 17 Tage, seine Mängel zu korrigieren

Tim Walter blieb versagt, was auch seinen beiden Vorgängern als Trainer des HSV nicht gelang. Wie Dieter Hecking und Daniel Thioune schaffte auch er es nicht, ein Stadtduell gegen den FC St. Pauli zu gewinnen und die alte Fußball-Hierarchie an Elbe und Alster wiederherzustellen. Die nächste Chance bietet sich erst in der Rückrunde Ende Januar wieder. Und bis dahin har der HSV noch extrem viel Arbeit vor sich. Insbesondere auch, weil man heute mit Jeremy Dudziak einen der wenigen zentral-offensiven Spieler abgab, die in der Lage wären, ein Offensivspiel ausreichend gefährlich zu machen. Dudziak, der sich mit Trainer Tim Walter ebenso wenig arrangieren konnte, wie er sich vorher an die Regeln der Trainer und der Mannschaft halten wollte, wechselt zu Erstligaaufsteiger Greuther Fürth.

Der Linksfuß, der einen geschätzten Marktwert von zwei Millionen Euro (Quelle: Transfermarkt.de) hat, bringt dem 800.000 Euro ein, wie meine Kollegen von der BILD berichten. Damit käme der HSV zusammen mit den Verkäufen von Amadou Onana (für 7 Millionen Euro) zum OSC Lille und Rick van Drongelen (500.000 zu Union Berlin) auf rund 8,3 Millionen Euro Transfereinnahmen. Ohne die eingesparten Gehälter gegen die der neuen zu rechnen, bleiben bei 2,3 Millionen Euro Transferausgaben rund sechs Millionen Euro Überschuss – die der HSV bei allem Sparzwang auch dafür nutzen muss, seine Mannschaft zu verstärken. Denn so wird es nicht reichen.

„Wir müssen jetzt tiefer in die Analyse gehen, denn es war vor allem in der Schlussphase auch nicht alles schlecht“, sagte Walter und trotzdem ein: „Am Ende ist es ein verdienter Sieg für den FC St. Pauli, weil wir die Derby-Time nicht so angenommen haben, wie wir es uns vorgenommen hatten. Für unsere Fans tut es mir sehr leid“, sagte der 45-Jährige nach dem 2:3 –  und bis dahin war das auch völlig okay für mich. Denn Walter selbst wirkte vorher, währenddessen und auch nach dem Derby noch so heiß, wie man es zu so einem Spiel nur sein kann.

Aber dann kam, was gestern auch durch Foren lief wohl fast immer der ers5te Reflex ist, wenn man mal nicht so spielt, wie man wollte. Plötzlich wurde nicht mehr über das Spiel in seinem Verlauf gesprochen. Es wurde nicht mehr analysiert, warum der HSV nicht so ins Spiel gekommen war, wie man es vorher tagelang angekündigt hatte. Leider legte auch Walter diese Platte auf: „Wenn fast das ganze Stadion gegen dich ist, dann elektrisiert das doch normalerweise. Mich jedenfalls treibt so eine Atmosphäre zu Höchstleistungen an. Eigentlich haben wir ein paar Typen in der Mannschaft, die so eine Atmosphäre auch zu Höchstleistungen treibt, da hatte ich mehr erwartet. Insgesamt haben wir unsere Farben nicht so vertreten, wie wir es hätten tun sollen. Wir haben nicht genügend Bereitschaft und Intensität an den Tag gelegt, wir haben die Bereitschaft zu häufig vermissen lassen. Das sind die Gründe.“ Aber das allein sind eben NICHT die Gründe.

Diese von Walter völlig zurecht immer wieder angemahnten Grundtugenden kann die Mannschaft sicher noch intensiver auf den Platz bringen. Ganz klar. Aber die Mannschaft hat gestern nicht vorrangig den Willen vermissen lassen – sondern die Umsetzung des selbigen. Ich behaupte, dass alle sehr wohl wollten und bereit waren. Aber der FC St. Pauli war cleverer. Nach Anfangspressing hatte man den HSV schnell verunsichert und nutzte diese Drangphase für das 1:0 und weitere gute Gelegenheiten. Und selbst, als der HSV aufkam und besser wurde, verlor der FC St. Pauli seine Ordnung nicht, sondern stellte immer mehr auf schnelle Gegenstöße um, da sich durch den Offensivdrang aller HSVer in der Defensive Räume für sie ergaben, die sie nur noch nutzen mussten.

Dass der routinierte Makienok beim ersten Gegentreffer den jungen HSV-Verteidiger Jonas David einmal düpierte – damit muss man rechnen, wenn man auf so junge, talentierte Spieler wie David setzt. Aber dass bei beiden Treffern der Gastgeber in der zweiten Hälfte der später K.O.-geschossene Rechtsverteidiger Jan Gyamerah (Gute Besserung, Jan!) weit vor dem Ball rumturnte – das sollte auch Walter zu denken geben. Denn die von ihm angekündigte, dringend benötigte Balance aus mutiger Offensive und stabiler Defensive ist bislang noch in keinem Spiel dieser Saison über 90 Minuten zu sehen gewesen. Im Gegenteil. Denn bislang passen System und Mannschaft nur phasenweise zusammen. Und das reicht einfach nicht.

Im Gegensatz zu einigen anderen werde ich an dieser Stelle aber keine Diskussion über Walters Eignung anstellen, sondern stelle die Frage in den Raum, ob der HSV-Kader in der aktuellen Konstellation überhaupt in der Lage ist, das oft zitierte „System Walter“ zu spielen. „Tims Fußballspiel sieht vielleicht wild aus, aber er ist nicht beliebig. Dahinter steckt ja eine Systematik. Ich weiß nicht, ob es im Fußball noch einen Trainer gibt, der das so konsequent spielen lässt wie Tim“, hatte Dynamo Dresdens Ex-HSV-Sportchef Ralf Becker vor dem Spiel beim HSV den Abendblatt-Kollegen gesagt und ausgeführt: „Tim Walter ist unberechenbar. Er ist ein sehr guter Trainer mit einer klaren Idee.“

Und obwohl ich extrem viel von Becker halte – wobei: nein, gerade weil ich sehr viel von Becker halte -, muss auch die sportliche Leitung des HSV vorher genau gewusst haben, wen sie holen und was für dessen Spiel notwendig ist. Sie Allein im Kader hat man diese Spieler – sie müssen mehr laufen können und offensiv effektiver sein als die Konkurrenz – noch lange nicht. Mit Dudziak geht sogar gerade noch einer mit diesen Attributen.

Auch deshalb habe ich gestern in meinem Blitzfazit der sportlichen Leitung noch mal knappe drei sehr intensive Wochen ans Herz gelegt. Dieser Mannschaft fehlen noch ein richtig schneller Defensivspieler, ein oder mehrere zentrale Mittelfeldspieler, die sowohl physisch als auch psychisch und technisch in der Lage sind, knappe Spiele zu lenken und der Mannschaft eine Richtung zu geben. Und wenn man es ganz hart analysiert, dann fehlt eben auch der eiskalte Vollstrecker der Kategorie Terodde. Denn der HSV muss mit diesem arg kraftraubenden, außergewöhnlich riskant-offensiven Spiel eben immer ein Tor mehr schießen, als er es hinten kassiert. Ergo: Ein Stürmer, der wie Terodde aus zwei Chancen eben drei Tore macht wäre gerade heute wichtiger denn je.

Und ja, ich ahne schon, wie die sportliche Leitung argumentiert. Denn die ist davon überzeugt, dass sich der HSV im Walter’schen Spielsystem mehr Chancen herausarbeiten wird als zuletzt und dadurch auch mit einem Stürmer hinreichend erfolgreich wäre, der eine etwas geringere Erfolgsquote als Terodde hat. Glatzel zum Beispiel, der in drei Spielen zwei Tore erzielte und zudem noch läuferisch so aktiv war wie Terodde vorher in 10 Spielen zusammen nicht…

Apropos Quote: Die ist mir bei den beiden Achtern des HSV, bei Ludovit Reis und David Kinsombi noch zu schwach. Drei Spiele lang durften die beiden ran – und nur phasenweise konnten sie zeigen, warum sie in der Startelf stehen. Im Stadtderby beispielsweise traute sich Reis offensiv wieder nichts, während Kinsombi komplett wirkungslos blieb bis zu seinem Pass auf Jatta vor dem 1:1. Aber dass der HSV eben hier den größten Bedarf hat, habe ich ja weiter oben schon deutlich gesagt.

Fazit: So sehr es auch für Walter spricht, dass er wider besseres Wissen immer wieder betont, dass er zufrieden mit seinem aktuellen Kader ist – der HSV muss seinen Kader den Voraussetzungen anpassen. Denn bislang passiert nichts, was man vorher nicht hätte ahnen müssen. Auch deshalb sehe ich die sportlich Verantwortlichen um Sportdirektor Michael Mutzel und Sportvorstand Jonas Boldt mit ihren Mitarbeitern vorrangig in der Pflicht. Sie haben Walter geholt – und sie müssen dafür dann auch die personellen Voraussetzungen im Kader herzustellen. Denn bisher bewegt man sich eher Richtung Mittelfeld der Zweiten Liga denn gen Spitzengruppe. Bislang sieht das alles aus wie gewollt – aber nicht gekonnt.

Womit ich eine passende Überleitung zu Günther Perl gefunden habe, der mal wieder als Videoschiedsrichter versagt hat. Ja, versagt! So deutlich muss man es benennen, wenn ein gelernter Schiedsrichter so eindeutige Bilder wie die Wiederholungen gestern beim eindeutigen Foul an Bakery Jatta nicht erkennt. Jeder, der schon mal Fußball gespielt hat, kann solche Stürze wie gestern bei Jatta richtig deuten. Denn dafür gibt es drei Möglichkeiten: Jatta stolpert, Jatta macht eine Schwalbe – oder Jatta wird so getroffen, dass er sich selbst in die hacken tritt und fällt.

Und genau unter diesen Vorgaben hätte ich mir die Szene als Videoschiedsrichter noch mal angeschaut. Denn dann hätte auch Perl gesehen, was die ganze Welt inzwischen sehen konnte: Dass es ein unabsichtliches aber eben auch glasklares Foulspiel war. Ergo: Der HSV hätte beim Stand von 1:1 in der kurzen Phase, in der er besser war als der FC St. Pauli, den Elfmeter kriegen müssen und damit die große Chance auf die 2:1-Führung gehabt. Was so eine Führung mit dem Spiel gemacht hätte – keine Ahnung. Aber die Perl-Entscheidung war katastrophal schlecht und disqualifiziert ihn als VAR.

Auch wenn das die vielen anderen Probleme des HSV im Moment nicht verdecken darf – das musste ich unbedingt noch mal loswerden. Denn Spielern auf dem Platz verzeihe ich Fehler. Schiedsrichtern ebenso, weil sie eben keine 300 Kameraeinstellungen haben, um Szenen zu überprüfen. Ich sage auch, dass das Foul an Jatta auf dem Platz für Schiedsrichter Harm Osmers nicht zu erkennen war. Dafür aber für jeden TV-Zuschauer – bis auf Perl offenbar.

In diesem Sinne, ich werde morgen an dieser Stelle aussetzen und melde mich dafür am Montag früh wieder mit dem MorningCall bei Euch. Bis dahin: Genießt das restliche Wochenende, ärgert Euch nicht über den HSV und Videoschiedsrichter – und vor allem: Bleibt gesund!

Scholle

Showdown! Der HSV will die Stadtmeisterschaft zurück

Showdown! Der HSV will die Stadtmeisterschaft zurück

Trotz der Brisanz des Stadtderbys zwischen dem FC St. Pauli und dem HSV rechnet die Polizei für Freitagabend mit einem eher ruhigen Verlauf. „Pandemiebedingt gelten noch immer Einschränkungen. So wird auch die Zuschauerzahl im Stadion stark beschränkt sein“, sagte eine Polizeisprecherin am Donnerstag. Auch seien Fanaufmärsche nicht geplant. „Insofern gehen wir davon aus, dass es relativ ruhig ist.“ Nicht auszuschließen seien kleinere Aktionen, sagte sie. Dass Pyrotechnik abgebrannt wird, wenn der Mannschaftsbus am Millerntorstadion ankommt, zum Beispiel. Es sei auch davon auszugehen, dass es zu verbalen oder handgreiflichen  Auseinandersetzungen zwischen sogenannten Problemgruppen der beiden Fan-Lager kommen könnte. Zudem würden viele Anhänger das Spiel in Kneipen oder an anderen Orten schauen. Auch da wird die Polizei präsent sein. „Natürlich werden wir das gesamte Umfeld im Blick haben“, sagte die Sprecherin. Klingt okay – könnte aber besser sein. Friedlich nämlich. Meinetwegen mit Streichen wie Treppen streichen und ähnlichem Quatsch. Aber eben friedlich.

Dass es gänzlich friedlich bleibt ist unwahrscheinlich. Leider. Aber dass das morgige Derby neben seiner hohen Brisanz auch einen hohen sportlichen Unterhaltungswert haben wird, ist mehr als wahrscheinlich. Weil beide Trainer ihre Teams mutig nach vorn spielen lassen. In Sachen sportlicher Ausrichtung scheint HSV-Trainer Tim Walter einiges mit seinem Kollegen Timo Schultz (43) vom FC St. Pauli gemeinsam zu haben. Auch Schultz schärft seinem Team ein, «dass Taktik das eine ist, der Wille und der Kopf das andere» und fordert deshalb, das Herz in die Hand zu nehmen. Walter setzt im modernen Fußball ebenso auf Mut, Leidenschaft und vor allem Bereitschaft als Grundtugenden. Das wird er auch nicht müde, zu betonen.

Ich gebe zu, ich habe richtig Bock auf das Derby. Das war in der Vorsaison etwas weniger vorfreudig. Und normalerweise wäre ich auch wieder ans Millerntor gegangen, um das Spiel live vor Ort zu verfolgen. Das letzte Mal, wo ich da war, hat der HSV auch 4:0 gewonnen. Aber: Es muss auch ohne uns gehen, denn wir werden das Derby am morgigen Freitag mit unseren Jungs von MoinVolkspark auf der Live-Couch verfolgen. Apropos: Wer dabei sein will, der ist herzlichst eingeladen. Aber ich habe einfach Bock auf Fußball pur mit Freunden. Zumal ich wirklich darauf setze, dass es morgen ein kleines Spektakel mit Offensivfußball wird.

Allerdings rechne ich nicht damit, dass der FC St. Pauli morgen von Beginn an auf volle Offensive setzen wird – im Gegensatz zum HSV. Zumindest kann ich mir bei Walter nicht vorstellen, dass er reagieren lässt. Das passt nicht zu seiner Art. Timo Schultz indes traue ich sehr wohl zu, erst einmal den HSV kommen zu lassen, um den HSV so mit schnellem Umschaltspiel (vor allem über Kyereh und aller Wahrscheinlichkeit nach auch dem aus meiner Sicht Top-Zukauf Marcel Hartel) zu überraschen.

Zuletzt jedenfalls war man sich nicht zu schade, auch hinten raus mit langen Bällen auf den Sturmriesen Makienok schnell nach vorn zu kommen. Das ist nicht immer schön anzusehen – aber sehr effektiv. Auch deshalb hoffe ich auf HSV-Seiten darauf, dass Walter das Mittelfeldzentrum möglichst schnell macht. Defensiv hat Walter mit Jonas David und Rechtsverteidiger Jan Gyamerah zwei schnelle Spieler. Tim Leibold hat dagegen ebenso wie der für mich ansonsten bislang beste HSVer, Sebastian Schonlau, ein Tempodefizit, das gefährlich werden könnte.

Wer aber heute im Training genauer hinsehen wollte, der wurde enttäuscht. Denn Trainer Tim Walter, der ansonsten aus nichts ein Geheimnis macht und stets auf den Außenlätzen trainieren lässt, hatte das Abschlusstraining kurzerhand komplett ins unzugängliche Stadioninnere verlegt. Dabei hatte Walter auf der Pressekonferenz erst noch betont, dass er eben nichts Besonderes machen werde vor dem Stadtderby, auf das er so heiß sei. Aber: Wenn es hilft, soll Walter gern jedes Abschlusstraining unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainieren. Meinetwegen sogar jedes Training, wenn das am Ende den Erfolg bringt. Allerdings blieb uns  heute verborgen, wie weit Jeremy Dudziak tatsächlich ist.

Dass Dudziak nach seiner ewig langen Pause und nur einer knappen Trainingswoche gleich wieder ins Team rückt – es ist möglich. Ich hätte es nicht gemacht. Ich hätte weiter auf Ludovit Reis im Zentrum gesetzt, um dem jungen Niederländer das Vertrauen zu schenken, das er braucht, um neben seinem Fleißspiel endlich auch seine kreative Seite zu zeigen. Denn die hat der junge Rechtsfuß zweifelsfrei!

Reis fiel in den letzten Wochen zwar durch seine Zweikampfführung vor allem als Fleißarbeiter auf. Aber wer mal genauer hinschaut, der sieht, dass der Neuzugang vom FC Barcelona technisch herausragende Fähigkeiten hat, die ihn auch ein Spiel nach vorn gefährlich machen lassen. Wenn er sich das zutraut. Denn noch spielt er mir zu verhalten und zu sehr auf Defensivaufgaben beschränkt. Das wiederum wäre tatsächlich ein Argument für Dudziak. Also zumindest so lange, bis Reis endlich alles auspackt, was er im Repertoire hat.

Und dafür wiederum wäre morgen wirklich ein extrem guter Moment. Morgen Abend, wenn wir um 18.30 Uhr auf er Auswärtscouch sitzen und mit vielen von Euch zusammen das Derby schauen, wäre ein perfekter Moment, um das besser zu machen, was uns gegen Braunschweig nicht gut gefallen hat. Denn diese Schwächephasen, die der HSV bislang in allen drei Partien (Schalke, Dresden und im Pokal bei Braunschweig) hatte, die kann sich der HSV beim offensiv starken FC St. Pauli nicht erlauben. 

Mein Tipp? Es wird ein richtig enges Spiel. Und da ich nie gegen den HSV setzen würde, habe ich bei unserem neuen Tippspiel auch auf einen HSV-Sieg gesetzt. So, wie in meiner alten Tipprunde seit 21 Jahren in bislang noch jedem HSV-Spiel…

Aufstellungstechnisch erwarte ich folgende Startelf (nicht zu verwechseln mit meiner Wunschstartelf!): Heuer Fernandes – Gyamerah, David, Schonlau, Leibold – Meffert – Kinsombi, Reis – Jatta, Glatzel, Kittel.

In diesem Sinne, bis morgen! Da melden wir uns am Abend via Youtube-Kanal ab 18 Uhr von der Live-Couch bei Euch. Bis dahin Euch allen viel Spaß mit unserem neuen HSV-Orakel!

Scholle

Gjasula weg, neuer Keeper da – und das Derby ruft

Gjasula weg, neuer Keeper da – und das Derby ruft

„Trainer Tim Walter erwägt im Stadtderby beim FC St. Pauli das Comeback des ehemaligen Kiezkickers Jeremy Dudziak“, titeln die Kollegen der Deutschen Presse-Agentur direkt im Anschluss an die heutige Pressekonferenz, auf der Walter nach dem Mittelfeldspieler gefragt wurde – aber meines Erachtens nach nicht so wirkte, als wolle er Dudziak sofort bringen. Im Gegenteil. „Jerry ist immer eine Option und damit auch ein möglicher Kandidat für die Startelf“, sagte der 45-Jährige heute mit Blick auf das Spiel am Millerntor am Freitag (18.30 Uhr, wir werden Euch wieder eine Live-Couch anbieten) und beantwortete die ihm gestellte Frage damit bewusst so allgemein wie möglich.

Dudziak, der nach vier Jahren beim Kiezclub 2019 zum HSV gewechselt war, sei nach seiner Knöchelblessur zwar „größtenteils wieder hergestellt und fit für das Derby“. Aber, das fügte Walter an, „Jerry kann sicher noch was zulegen. Und: Es gibt noch andere Themen, die wichtig sind für eine Mannschaft.“ Und ich behaupte, dass Walter damit vielsagend angesprochen hat, worüber bei dem 25 Jahre alten Mittelfeldakteur zuletzt immer wieder diskutiert wurde: Seine Disziplin. Zumindest scheint sich der bislang verletzt ausgefallene Dudziak bei HSV-Trainer Walter nach seiner Suspendierung unter Horst Hrubesch weiter in der Probezeit zu sein.

Sportlich, da bin nicht nur ich mir sicher, kann Dudziak diesem HSV helfen. Gerade in Hinsicht auf das Tempospiel, das Walter bevorzugt, hat Dudziak mit seinem schnellen Umschaltspiel Attribute, die Walter gefallen würden. Andererseits ist Walter ein Verfechter der klaren Kante und von Disziplin. „Schlamperte Genies“, wie hochtalentierte Fußballer mit einem Manko an Eigenmotivation oft genannt werden, haben es bei ihm eher schwer. Und da Dudziak auf dem Platz ebenso geniale Momente hat wie außerhalb kleinere und größere Aussetzer, bleibt zu hoffen, dass sich Dudziak auf das Wesentliche konzentriert und vielleicht sogar am Freitag schon seinen ersten Teil zum Erfolg beiträgt. Zumindest aber wird es interessant zu sehen sein, wie sich die Zusammenarbeit entwickelt. 

Und während der lange gehandelte schwedische U21-Keeper Marko Johansson heute i Hamburg einfliegen, seinen Vertrag unterschreiben und ggf. am Freitag schon auf der Bank als Ersatzkeeper Platz nehmen soll, werden die dann neue Nummer drei (bislang war er Nummer zwei) Tom Mickel sowie Angreifer Robin Meißner und Innenverteidiger Stephan Ambrosius – verletzungsbedingt. Ebenso wie Klaus Gjasula, der allerdings gesund ist und unmittelbar vor seinem Wechsel stehen soll. Der BILD nach, soll Gjasula heute bei Darmstadt 98 den Medizincheck absolviert haben. Eine wenig überraschende Personalie, da dieser Wechsel schon seit längerem so kolportiert worden war. Und obwohl Walter diese Personalie so noch nicht final bestätigen wollte/konnte, wurde deutlich,  dass der Albaner auch aus Vereins- bzw. Trainersicht gehen darf/soll. „Ich war mit Klaus immer klar, wir haben immer sehr offen und ehrlich gesprochen. Er ist mit anderen Vereinen im Gespräch. Mit wem, darüber könnt ihr spekulieren. Ich weiß nur, dass er in Gesprächen ist“, so der HSV-Trainer wenig tangiert.

Das wiederum gilt nicht für seine persönliche Aussicht auf das Derby am Freitag. Walter selbst freut sich „riesig“ auf sein erstes Derby in der Hansestadt. „Freitagabend, Flutlicht, dazu die Lichter vom Dom. Wer Fußball spielt, der träumt genau davon“, schwärmte der Coach, der mit der Startausbeute von vier Punkten aus den ersten beiden Partien zufrieden ist. „Wenn wir die drei Punkte holen, ist es noch schöner.“ Und Walter wirkte genau so, wie man es sich vor einem Derby vorstellt: Fokussiert, unverkrampft – aber mächtig heiß. 

Große Hoffnungen steckt Walter in die Unterstützung der Anhänger. 700 der zugelassenen 10 003 Zuschauer im damit ausverkauften Stadion am Millerntor sind HSV -Fans. „700 sind besser als keine Fans. Ich hoffe, dass diese 700 die anderen 10 000 übertünchen werden“, sagte Walter und ich kann bestätigen, dass die HSV-Anhänger schon mächtig heiß sind. Zumindest kamen binnen weniger Stunden etliche Motivationsvideos zusammen, nachdem meine Blogfreunde Joscha und Flo dazu aufgerufen hatten. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen! Aber seht (und hört) selbst: 

Apropos heiß: Das wird auch unser neues Tippspiel, das Ihr ab sofort hier (kostenfrei) mitspielen könnt. Dieser dritte Zweitliga- Spieltag wird also unser erster Tippspieltag. Und wir werden nach jedem Spieltag eine/n Gewinner/in im Communitytalk in der Woche darauf bekannt geben. Gewinne haben wir von unseren Partnern und Freunden des Blogs auch schon zugesagt bekommen. Mit anderen Worten: Seid dabei. Das wird Spaß machen! Und: Es können wirklich alle mittippen, die hier bei MoinVolkspark registriert sind. Und für die/den Beste/n werden wir uns am Saisonende etwas ganz Besonderes einfallen lassen…

Anders als Walter, der darauf setzt, sich eben nichts Besonderes einfallen lassen zu wollen. Selbst der bei Fußballern weit verbreitete Aberglaube zieht bei dem Realisten Walter nicht. Im Gegenteil: „Wer selbstbewusst ist, der glaubt an die eigene Stärke, der braucht keinen Aberglauben“, so der Trainer mit einem breiten Grinsen heute auf der Pressekonferenz, ehe er selbstbewusst hinzufügte: „Wir wollen wie zuletzt intensiv sein, Bereitschaft zeigen, und mutig sein. Denn wer da am Freitag keinen Mut an den Tag legt, der wird den Kürzeren ziehen.“

Ergo: Verstecken ist nicht! Ansonsten gibt es von Walter was an die Backen! Und ganz ehrlich: Ich mag diese Art…! Denn endlich wird hier klargemacht, dass alles andere als 100 Prozent Einsatz nicht akzeptiert werden. Der HSV wird von Walter aus dem „Wir müssen nur unser Potenzial abrufen“-Irrglauben herausgeholt. Und nach seinem Klartext im Anschluss an das etwas fahrige Spiel in Braunschweig dürfte jedem in der Mannschaft klar sein: Walter meint es genau so, wie er es sagt.

Und: Was der Trainer des Stadtrivalen zu sagen hat, habe ich Euch hier auch einmal reingestellt. In diesem Sinne, bis morgen. Dann wieder um 7.30 Uhr mit dem MorningCall und am Abend dann mit dem Blog und einem neuen Communitytalk, den wir unseren Videographen zuliebe um einen Tag geschoben haben. Bis morgen!

Scholle 

.

Walters klare Kante ist der neue Weg des HSV

Walters klare Kante ist der neue Weg des HSV

Ich fand das überhaupt nicht schlimm oder vermessen. Im Gegenteil. Ich war und bin nie ein Freund von Samthandschuhen auf dem Fußballplatz gewesen. Beim Fußball gehörte es für mich immer auch dazu, im Spiel und drumherum klare Kante zu zeigen und sich ggf. auch mal mächtig anzumachen. Solange es im Sinne der Sache war, war es gerechtfertigt. Dass dabei auch mal ein kurzer Streit entstehen konnte – logisch. Aber eben auch kein Drama. Direkt nach Spielschluss wurde nur drüber gesprochen und das Ding war erledigt. Klingt so einfach – und das war es auch. Wir waren sogar Freunde, was man von Profiteams nicht so behaupten kann. Auch deshalb kann ich die Aufregung über Tim Walters klaren Worte nicht nachvollziehen.

„Wir sind nicht bereit gewesen, nach hinten zu laufen. Das ist eine Grundeinstellung. So ein Tor, wie wir es kassiert haben, das ist eine Frechheit meiner Mannschaft“, hatte der Trainer bei Sky nach dem knappen 2:1 beim Drittligisten Eintracht Braunschweig geschimpft. Zurecht. Zur Erinnerung: Es ging um jene Aktion, die zum Ausgleich der Eintracht führte, die Walter noch lange nach dem Spiel mächtig ärgerte. Ein schnell ausgeführter Einwurf, der so schnell ablief, dass kurzzeitig sogar zwei Bälle im Spiel waren, hatte den HSV überrumpelt. Weil insbesondere Tim Leibold pennte und seinen Gegenspieler laufen ließ. „Nicht nach hinten zu laufen, ist schon fahrlässig. Wir waren nicht bereit“, grollte Walter und gab einen Einblick in seine Ansprüche, die so hoch sind, wie sie eben sein müssen.

Walter schimpft über fehlende Bereitschaft seiner Spieler

Der Fußballlehrer, der auf Dominanz und Offensive setzt, ist nicht gewillt, von seiner anspruchsvollen und kraftraubenden Spielweise abzuweichen. Ist die sofortige Balleroberung auch noch so schlauchend – Walter will weder Abstriche noch Zugeständnisse machen. „Das hat mit System gar nichts zu tun. Das hat nur mit Bereitschaft zu tun, hinten reinzulaufen. Wenn der Einwurf über mich rüber geworfen wird, und ich kann nicht in meine Position kommen, dann habe ich den Job verfehlt“, befand Walter. Und wiederholte geradezu mantraartig: „Bereitschaft ist alles! Wenn die Jungs bereit sind, das zu tun, so wie in der zweiten Halbzeit, dann bin ich sehr, sehr zufrieden.“ Im ersten Abschnitt jedoch habe sein Team nach dem 1:0 „aufgehört, Fußball zu spielen“.

Da er mit ihnen in den ersten 45 Minuten überhaupt nicht einverstanden war, hatte sich der Trainer seine Mannschaft in der Halbzeitpause zur Brust genommen. „Unser Spiel ist darauf ausgelegt, dass wir viel Intensität haben“, erklärte Walter, „dass wir viel Herz reinlegen und einfach kontrollieren wollen.“ Vielleicht ist auch das ein Grund, warum Walter verstärkt auf junge Spieler setzt. Sie sollten nach biologischem Muster konditionell mehr in die Waagschale werfen können als erfahrene Hasen. Gegen Braunschweig wechselte der Coach beispielsweise die 20-jährigen Anssi Suhonen und Mikkel Kaufmann als Reaktion auf die erste Halbzeit ein. Profis wie Toni Leistner (wird in wenigen Tagen 31) und Klaus Gjasula (31), die in der Vorsaison als Korsettstangen verpflichtet worden waren, spielen bei Walter zunehmend keine Rolle mehr. Dass sie sich verletzt und krank melden, passt da nur zu gut. Ich gehe jedenfalls weiter davon aus, dass beide (mindestens aber Gjasula) gehen dürfen und werden.

Nein, so mantraartig ich auch die fehlende Balance zwischen mutiger Offensive und einer stabilen Defensive kritisiere – Walter ist der Trainer und muss seine Idee verfolgen. Dass er dabei immer wieder einen sehr schmalen Grat aus Spektakel und Fahrlässigkeit fordert – DAS war nun wirklich allen Beteiligten vorher bekannt. Darüber darf sich hier beim HSV niemand aufregen. Am allerwenigsten dürfen sich übrigens die Spieler darüber aufregen, dass Walter sie öffentlich kritisiert, nachdem der Trainer sie in den letzten Wochen immer wieder gegen alles und jeden verteidigt hatte, war es einfach mal an der Zeit, auch ihnen klarzumachen, dass dieser Schutz nach außen nicht damit zu verwechseln ist, dass hier irgendwer vom dauerhaft hohen Leistungsanspruch freigesprochen wird. Im Gegenteil. Genau für diese klaren Anforderungen hat man Walter geholt!

Walters klare Kante kann wehtun – ist aber wohltuend

Und ich finde diesen Weg auch gut, nachdem an hier in den letzten Jahren immer wieder Dinge geschönt dargestellt hatte, um dann am Ende der Saison von Zerwürfnissen und Abkehr der Spieler vom Trainer zu hören. Ich glaube nicht, dass Walter ein einfacher Typ ist. Muss er aber auch nicht. Hier geht es nicht darum, dass Trainer und Spieler sich nach dem Training verabreden und zusammen Urlaub machen. Das interessiert ehrlich gesagt auch keinen Spieler und keinen Trainer. Hier geht es ausschließlich um ein gemeinsames Ziel, das man erreichen will.

Es geht um den HSV, der in der Liga erfolgreicher agieren soll als in den letzten Jahren – vor allem erfolgreicher als in den letzten drei Jahren, wo man jeweils den Wiederaufstieg verpasst hatte. Die ebenfalls gangbare diplomatisch-ruhige Art von Daniel Thioune hat dabei ebenso wenig funktioniert wie die knurrige, autoritäre Art Heckings. Walter ist frei raus – mit allen Vor- und Nachteilen. Er stellt sich emotional der Öffentlichkeit und wird mit Sicherheit hier und da auch mal Blödsinn reden, den er selbst bereuen wird. Aber das ist ein möglicher Kollateralschaden, den er in Kauf nimmt, um authentisch zu bleiben. Und einer, den ich gern in Kauf nehme, wenn er die Mannschaft dadurch besser macht. Zumindest verringert diese Art die Wahrscheinlichkeit einer Wohlfühloase beim HSV.

Also, um es etwas bildlicher zu machen: Ich wäre als Spieler wahrscheinlich kein Freund von Walter geworden, aber ich hätte ihn akzeptiert. Ich hätte seine Regeln respektiert und umgesetzt. Er ist der Chef, er gibt den Weg vor – schließlich muss er auch als erster den Kopf dafür hinhalten, wenn es nicht funktioniert. Genauso muss man ihm im Umkehrschluss auch zugestehen, dass er Recht hat, wenn sein Weg funktioniert. Über seinen vorgegeben Weg  heute schon ein Urteil fällen zu wollen wäre allerdings genauso sinnvoll wie das Wetter für den 13. Mai 2025 vorhersagen zu wollen.

Nein, ich werde weiterhin jedes Spiel einzeln analysieren – und auf längere Sicht natürlich auch darauf achten, welche Fehler sich wiederholen, und was eben besser geworden ist. Wobei, nicht ganz. Hierfür habe ich vor allem auch die Expertise meiner Freunde von Createfootball.com gesichert, die sich die spielentscheidenden Paramater vornehmen und uns in regelmäßigen Abständen anhand von Daten und Fakten über Entwicklungen berichten werden. Ein Langzeitprojekt, das ich sehr spannend finde und das sicher aussagekräftiger sein wird als emotionalisierte Momentaufnahmen. Nur eines werde ich nicht machen: Irgendeinem Spieler hier Gehör verschaffen, weil er sich durch Interviews wie dem gestrigen zu hart kritisiert sieht…

Zuletzt hatte es hier ein altbekannter User kritisiert, dass ich nicht 24/7 kostenfrei für Euch alle unterwegs bin, sondern mir Zeit für die Familie ausgespart hatte. Das hat mir noch einmal verdeutlicht, was ich falsch mache. Von daher nur ganz kurz: Morgen wird es aller Voraussicht nach keinen Blog geben. Ich werde am Mittwoch wieder für Euch da sein. 

Bis dahin!

Scholle

2:1-Sieg in Braunschweig – HSV wackelt in Runde zwei

2:1-Sieg in Braunschweig – HSV wackelt in Runde zwei

Knapp, aber nicht unverdient: Der HSV steht in der zweiten Runde des DFB-Pokals. Dank eines 2:1-Zittersieges beim Drittligisten Eintracht Braunschweig widerlegten die Hamburger den Schmähruf, einer der Top-Kandidaten auf ein Erstrunden-Aus zu sein. In sechs Jahrgängen zuvor war man dreimal in der ersten Runde rausgeflogen. In der vergangenen Saison sogar mit einer 1:4-Niederlage beim damaligen Drittligisten SG Dynamo Dresden. Diesmal kämpften sich die Schützlinge von Trainer Tim Walter aber durch, dessen Team mit zwei Veränderungen gegenüber der Dresden-Startelf begann. Zum einen mit Maximilian Rohr für den verletzten Jonas Meffert. Und zum anderen mit Sonny Kittel als Ersatz für Bakery Jatta, dem sich hier in Braunschweig angesichts der defensiven Spielweise der Gastgeber eh nur wenig Räume für seine langen Sprints geboten hätten.

Für ihn sollte Kittel als „Freigeist“, wie Trainer Tim Walter ihn vor Anpfiff im Sky-Interview nannte, mit schlauen Dribblings und noch schlaueren Pässen die dichte Eintracht-Abwehr aushebeln. Ein nachvollziehbarer taktischer Zug, der aber wirkungslos blieb. Das nehme ich schon mal vorweg. Die erste Chance bereitete er dann auch nicht er vor. Robert Glatzel war es, der auf Jan Gyamerah ablegte. Und der Rechtsverteidiger zog nach innen und aus 15 Metern ab – allerdings mit seinem schwächeren linken Fuß. Auch deshalb konnte Braunschweigs Keeper Jasmin Feijzic den Ball aus dem rechten Eck zur Ecke abwehren, die dann harmlos vergeben wurde.

Kittel als Feingeist blieb ohne Wirkung

Und es wurde von der ersten Sekunde an genau das Spiel, das alle erwartet hatten. Der HSV hatte den Ball, Braunschweig wartete tief auf schnelle Konter über die quirligen Offensivspieler. „Wir werden sehr geduldig agieren müssen“, hatte. Braunschweigs Trainer Michael Schiele vor dem Spiel gesagt und vor der Spielstärke des HSV gewarnt. Und im Gegensatz zum letzten Drittligaspiel, das für die Eintracht mit 0:4 gegen Viktoria Berlin verloren gegangen war, machten sie es heute auch anfänglich sehr ordentlich. Leider. Und wäre Henning in der 18. Minute etwas gedankenschneller gewesen, hätte es für den HSV richtig gefährlich werden können. So aber zögerte der Braunschweiger freistehend Höhe Elfmeterpunkt zu lange und wurde dann von HSV-Torschütze Gyamerah geblockt.

Apropos Gyamerah: Der Rechtsverteidiger des HSV, der lange Zeit als Verkaufskandidat galt, war es dann, der das taktisch erwartete Spiel (der HSV hatte bis hierhin 82 Prozent Ballbesitz) mit seinem Treffer maßgeblich veränderte. Er machte nach einem eroberten Ball Tempo, „tunnelte“ seinen Gegenspieler, umkurvte Fejzic und schon zum 1:0 für den HSV ein. Ein Treffer, dem ein Protest der Braunschweiger folgte, da sie ein Foul von Kinsombi vor dem Treffer gesehen haben wollten. Aber: Zu wenig für Schiedsrichter Tobias Welz – das Tor zählte. Zurecht, wie ich finde.

Einen Videoschiri gibt es in der ersten DFB-Pokal-Runde nicht. Aber: Diese Führung veränderte das Spiel nicht zum Vorteil des HSV. Im Gegenteil: Braunschweig kam immer besser ins Spiel und traf nach einigen Halbchancen, aus denen schnell auch richtig gute Chancen hätten werden können, in der 44. Minute zum plötzlich nicht mal unverdienten Ausgleich. Nach einem Einwurf schläft der HSV kollektiv, in diesem Fall insbesondere Tim Leibold, der von Gegenspieler Müller einfach mal überlaufen wird und nicht mehr rechtzeitig hinterherkommt. Müller selbst läuft über die linke HSV-Seite in den Sechzehner, sieht in der Mitte den mitgelaufenen Ihorst, der sich im Rücken von Jonas David freigelaufen hatte, Querpass – der Ausgleich.

Hätte es in diesem Fall einen Videoschiri gegeben, er hätte einen zweiten Ball im Feld festgestellt und das Tor durchaus aberkennen dürfen. Aber: Den Videoassist gibt es nicht. Von daher blieb es beim 1:1- Pausenstand, mit dem Trainer Walter alles andere als zufrieden war. Wir haben beim Gegentreffer nicht die Bereitschaft gezeigt, ihn mit aller Macht zu verteidigen. Das darf so nicht passieren.“

Walter schimpft über Zustandekommen vom Ausgleich

Zur Halbzeit wechselte der HSV-Coach dann gleich zweimal: Moritz Heyer kam für Ludovit Reis, und Jatta ersetzte Manuel Wintzheimer, der wie immer fleißig war, heute aber wenig Akzente setzen konnte. Das größte Problem zu diesem Zeitpunkt: Die Braunschweiger hatten erkannt, dass dieser HSV gar nicht so viel besser ist, wie ihn der Trainer vor dem Spiel („Wir spielen zuhause und gegen ein Top-Team mit einer Top-Mannschaft. Die Hamburger haben gezeigt, wie sie unter Tim Walter Fußball spielen und dass da ein ganz schönes Brett auf uns zukommt“) noch gemacht hatte. Und sie kamen mutiger in die zweite Halbzeit als noch in die erste. Braunschweig spielte jetzt mit.

Und nachdem Jatta mit einem harmlosen Linksschuss an Fejzic gescheitert war (50.) hätten die Gastgeber sogar in Führung gehen müssen. Torschütze Ihorst erobert rechts im Strafraum den Ball von Kinsombi, der unerklärlicherweise einfach fällt und dem Braunschweiger den Ball auflegt, und gibt nach innen auf Multhaup, dessen Abschluss in exzellenter Position gerade noch von David geblockt werden konnte (52.). Viel Glück für den HSV, dessen Spiel mir insgesamt einfach zu unkontrolliert offen ist. Das mag (wie gegen Dresden in der ersten Halbzeit) mal richtig begeisternd sein und geil aussehen – es ist aber dann wieder substanzlos, wenn es am Ende so inkonstant bleibt wie heute in dieser Phase wieder. Und das schreibe ich in der 58. Minute – und stehe auch nach diesem Spiel – unabhängig vom Ausgang, dazu!

Kaum schreibe ich es, hat der HSV zuerst eine gute Chance (Glatzel-Schuss knapp vorbei, 54.) und trifft dann. Zwar eher glücklich als herausgespielt nach einem Eckball von Tim Leibold. An diesem Ball segeln nämlich gleich zwei Braunschweiger vorbei und Glatzel muss am zweiten Pfosten „nur“ schnell reagieren und den Ball mit links über die Linie drücken (68.). Aber der HSV führte. Und hätte Jatta seine Beine richtig unter Kontrolle gehabt, er hätte das Spiel fünf Minuten später entscheiden können. Glatzel hatte den Gambier rechts freigespielt, aber Jatta scheiterte frei vor Braunschweigs Keeper Fejzic kläglich (73.).

Glatzel trifft – Jatta vergibt Entscheidung

Nach der Pause haben wir versucht, die Partie wieder zu dominieren. Das ist unser Spiel und wir haben es intensiv geführt. Vor allem haben wir die Standards stark verteidigt. Ich denke, der Sieg ist verdient“, freute sich HSV-Trainer Tim Walter – und er hat damit Recht. Aber: Am Ende steht ein Sieg, der sicher nicht unverdient ist, der aber auch noch einmal zeigt, dass der HSV die oft zitierte und gefordert Balance aus sehr mutigem Offensivspiel und einer stabileren Defensivbewegung noch herstellen muss. Hier fehlt es noch erkennbar. Schlusswort Jan Gyamerah, der übrigens zum „Man oft he Match“ gewählt wurde: „Ich denke, dass alle gesehen haben, dass es ein schwieriges Spiel für uns war. Braunschweig hat es uns heute nicht leicht gemacht. Jetzt sind wir einfach glücklich, weitergekommen zu sein.“

Also sind wir es einfach erst einmal auch. Freuen wir uns darüber, in der nächsten Runde zu stehen. Morgen geht es dann noch einmal in die Analyse, ehe die Vorbereitung auf das Stadtderby am kommenden Freitag beim FC St. Pauli beginnt. Bis dahin!

Scholle

DAS SPIEL IM STENOGRAMM:

Eintracht Braunschweig: Fejzic – Wiebe, Behrendt, Schultz, Kijewski (81. Schlüter) – Krauße, Nikolaou (78. May) – Multhaup, Henning (81. Kobylanski), Müller (46. Zauner) – Ihorst

HSV: Heuer Fernandes – Gyamerah, David, Schonlau, Leibold – Kinsombi (90.+1 Vagnoman), Rohr (61. Suhonen), Reis (46. Heyer) – Kittel (78. Kaufmann), Glatzel, Wintzheimer (46. Jatta)

Tore: 0:1 Gyamerah (29.), 1:1 Ihorst (44.), 1:2 Glatzel (68.)

Zuschauer: 6.167

Schiedsrichter: Tobias Welz (Wiesbaden)

Gelbe Karten: Behrendt (43.), Krauße (86.) / –