Walters klare Kante ist der neue Weg des HSV
Ich fand das überhaupt nicht schlimm oder vermessen. Im Gegenteil. Ich war und bin nie ein Freund von Samthandschuhen auf dem Fußballplatz gewesen. Beim Fußball gehörte es für…

Ich fand das überhaupt nicht schlimm oder vermessen. Im Gegenteil. Ich war und bin nie ein Freund von Samthandschuhen auf dem Fußballplatz gewesen. Beim Fußball gehörte es für mich immer auch dazu, im Spiel und drumherum klare Kante zu zeigen und sich ggf. auch mal mächtig anzumachen. Solange es im Sinne der Sache war, war es gerechtfertigt. Dass dabei auch mal ein kurzer Streit entstehen konnte – logisch. Aber eben auch kein Drama. Direkt nach Spielschluss wurde nur drüber gesprochen und das Ding war erledigt. Klingt so einfach – und das war es auch. Wir waren sogar Freunde, was man von Profiteams nicht so behaupten kann. Auch deshalb kann ich die Aufregung über Tim Walters klaren Worte nicht nachvollziehen.
„Wir sind nicht bereit gewesen, nach hinten zu laufen. Das ist eine Grundeinstellung. So ein Tor, wie wir es kassiert haben, das ist eine Frechheit meiner Mannschaft“, hatte der Trainer bei Sky nach dem knappen 2:1 beim Drittligisten Eintracht Braunschweig geschimpft. Zurecht. Zur Erinnerung: Es ging um jene Aktion, die zum Ausgleich der Eintracht führte, die Walter noch lange nach dem Spiel mächtig ärgerte. Ein schnell ausgeführter Einwurf, der so schnell ablief, dass kurzzeitig sogar zwei Bälle im Spiel waren, hatte den HSV überrumpelt. Weil insbesondere Tim Leibold pennte und seinen Gegenspieler laufen ließ. „Nicht nach hinten zu laufen, ist schon fahrlässig. Wir waren nicht bereit“, grollte Walter und gab einen Einblick in seine Ansprüche, die so hoch sind, wie sie eben sein müssen.
Walter schimpft über fehlende Bereitschaft seiner Spieler
Der Fußballlehrer, der auf Dominanz und Offensive setzt, ist nicht gewillt, von seiner anspruchsvollen und kraftraubenden Spielweise abzuweichen. Ist die sofortige Balleroberung auch noch so schlauchend - Walter will weder Abstriche noch Zugeständnisse machen. „Das hat mit System gar nichts zu tun. Das hat nur mit Bereitschaft zu tun, hinten reinzulaufen. Wenn der Einwurf über mich rüber geworfen wird, und ich kann nicht in meine Position kommen, dann habe ich den Job verfehlt“, befand Walter. Und wiederholte geradezu mantraartig: „Bereitschaft ist alles! Wenn die Jungs bereit sind, das zu tun, so wie in der zweiten Halbzeit, dann bin ich sehr, sehr zufrieden.“ Im ersten Abschnitt jedoch habe sein Team nach dem 1:0 „aufgehört, Fußball zu spielen“.
Da er mit ihnen in den ersten 45 Minuten überhaupt nicht einverstanden war, hatte sich der Trainer seine Mannschaft in der Halbzeitpause zur Brust genommen. „Unser Spiel ist darauf ausgelegt, dass wir viel Intensität haben“, erklärte Walter, „dass wir viel Herz reinlegen und einfach kontrollieren wollen.“ Vielleicht ist auch das ein Grund, warum Walter verstärkt auf junge Spieler setzt. Sie sollten nach biologischem Muster konditionell mehr in die Waagschale werfen können als erfahrene Hasen. Gegen Braunschweig wechselte der Coach beispielsweise die 20-jährigen Anssi Suhonen und Mikkel Kaufmann als Reaktion auf die erste Halbzeit ein. Profis wie Toni Leistner (wird in wenigen Tagen 31) und Klaus Gjasula (31), die in der Vorsaison als Korsettstangen verpflichtet worden waren, spielen bei Walter zunehmend keine Rolle mehr. Dass sie sich verletzt und krank melden, passt da nur zu gut. Ich gehe jedenfalls weiter davon aus, dass beide (mindestens aber Gjasula) gehen dürfen und werden.
Nein, so mantraartig ich auch die fehlende Balance zwischen mutiger Offensive und einer stabilen Defensive kritisiere – Walter ist der Trainer und muss seine Idee verfolgen. Dass er dabei immer wieder einen sehr schmalen Grat aus Spektakel und Fahrlässigkeit fordert – DAS war nun wirklich allen Beteiligten vorher bekannt. Darüber darf sich hier beim HSV niemand aufregen. Am allerwenigsten dürfen sich übrigens die Spieler darüber aufregen, dass Walter sie öffentlich kritisiert, nachdem der Trainer sie in den letzten Wochen immer wieder gegen alles und jeden verteidigt hatte, war es einfach mal an der Zeit, auch ihnen klarzumachen, dass dieser Schutz nach außen nicht damit zu verwechseln ist, dass hier irgendwer vom dauerhaft hohen Leistungsanspruch freigesprochen wird. Im Gegenteil. Genau für diese klaren Anforderungen hat man Walter geholt!
Walters klare Kante kann wehtun - ist aber wohltuend
Und ich finde diesen Weg auch gut, nachdem an hier in den letzten Jahren immer wieder Dinge geschönt dargestellt hatte, um dann am Ende der Saison von Zerwürfnissen und Abkehr der Spieler vom Trainer zu hören. Ich glaube nicht, dass Walter ein einfacher Typ ist. Muss er aber auch nicht. Hier geht es nicht darum, dass Trainer und Spieler sich nach dem Training verabreden und zusammen Urlaub machen. Das interessiert ehrlich gesagt auch keinen Spieler und keinen Trainer. Hier geht es ausschließlich um ein gemeinsames Ziel, das man erreichen will.
Es geht um den HSV, der in der Liga erfolgreicher agieren soll als in den letzten Jahren – vor allem erfolgreicher als in den letzten drei Jahren, wo man jeweils den Wiederaufstieg verpasst hatte. Die ebenfalls gangbare diplomatisch-ruhige Art von Daniel Thioune hat dabei ebenso wenig funktioniert wie die knurrige, autoritäre Art Heckings. Walter ist frei raus – mit allen Vor- und Nachteilen. Er stellt sich emotional der Öffentlichkeit und wird mit Sicherheit hier und da auch mal Blödsinn reden, den er selbst bereuen wird. Aber das ist ein möglicher Kollateralschaden, den er in Kauf nimmt, um authentisch zu bleiben. Und einer, den ich gern in Kauf nehme, wenn er die Mannschaft dadurch besser macht. Zumindest verringert diese Art die Wahrscheinlichkeit einer Wohlfühloase beim HSV.
Also, um es etwas bildlicher zu machen: Ich wäre als Spieler wahrscheinlich kein Freund von Walter geworden, aber ich hätte ihn akzeptiert. Ich hätte seine Regeln respektiert und umgesetzt. Er ist der Chef, er gibt den Weg vor – schließlich muss er auch als erster den Kopf dafür hinhalten, wenn es nicht funktioniert. Genauso muss man ihm im Umkehrschluss auch zugestehen, dass er Recht hat, wenn sein Weg funktioniert. Über seinen vorgegeben Weg heute schon ein Urteil fällen zu wollen wäre allerdings genauso sinnvoll wie das Wetter für den 13. Mai 2025 vorhersagen zu wollen.
Nein, ich werde weiterhin jedes Spiel einzeln analysieren – und auf längere Sicht natürlich auch darauf achten, welche Fehler sich wiederholen, und was eben besser geworden ist. Wobei, nicht ganz. Hierfür habe ich vor allem auch die Expertise meiner Freunde von Createfootball.com gesichert, die sich die spielentscheidenden Paramater vornehmen und uns in regelmäßigen Abständen anhand von Daten und Fakten über Entwicklungen berichten werden. Ein Langzeitprojekt, das ich sehr spannend finde und das sicher aussagekräftiger sein wird als emotionalisierte Momentaufnahmen. Nur eines werde ich nicht machen: Irgendeinem Spieler hier Gehör verschaffen, weil er sich durch Interviews wie dem gestrigen zu hart kritisiert sieht…
Zuletzt hatte es hier ein altbekannter User kritisiert, dass ich nicht 24/7 kostenfrei für Euch alle unterwegs bin, sondern mir Zeit für die Familie ausgespart hatte. Das hat mir noch einmal verdeutlicht, was ich falsch mache. Von daher nur ganz kurz: Morgen wird es aller Voraussicht nach keinen Blog geben. Ich werde am Mittwoch wieder für Euch da sein.
Bis dahin!
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