1:3 in Frankfurt: Diesem HSV wurden die Grenzen aufgezeigt
Wieder 1:3 gegen Frankfurt, die dritte Pflichtspielniederlage in Folge. Der HSV offenbart schonungslos, dass er seine zahlreichen Ausfälle nicht kompensieren kann. Die jungen Spieler sind überfordert, die Defensive instabil, die Offensive zu harmlos. Und ausgerechnet im Mittelfeld, wo erfahrene Profis Verantwortung übernehmen müssten, herrscht erschreckende Leere. So wird der Klassenerhalt zur echten Herausforderung.

Man kann nach einer Niederlage über einzelne Fehler diskutieren. Über einen unglücklichen Abwehrversuch, einen Ballverlust oder einen Torwart, der einen Kopfball nicht weit genug zur Seite abwehrt. Man kann auch auf die Verletztenliste verweisen und erklären, warum es gegen eine individuell stärker besetzte Mannschaft wie Eintracht Frankfurt besonders schwierig war. Aber irgendwann muss man die Dinge auch einmal so benennen, wie sie sind: Der HSV ist in seiner aktuellen personellen Besetzung und in der Verfassung, in der er sich heute in Frankfurt präsentiert hat, schlichtweg nicht bundesligatauglich.
Das ist eine harte Aussage, und sie bedeutet ausdrücklich nicht, dass diese Mannschaft grundsätzlich keine Bundesligaqualität besitzt. Die Siege gegen Hoffenheim und Stuttgart haben schließlich gezeigt, was möglich ist. Aber zwischen dem HSV, der diese Spiele gewonnen hat, und dem HSV, der heute beim erneuten 1:3 gegen Frankfurt auf dem Platz stand, liegen momentan Welten.
Fehlende Qualität in allen Mannschaftsteilen
Nach der ernüchternden 0:1-Niederlage in Paderborn und dem Pokal-Aus am Dienstag sollte heute eigentlich eine Reaktion folgen. Von Revanche war im Vorfeld die Rede, von einer Mannschaft, die aus den Fehlern des ersten Frankfurter Duells gelernt hat und nun zeigen will, dass sie es besser kann. Davon war allerdings erschreckend wenig zu sehen. Stattdessen offenbarte der HSV erneut, dass ihm derzeit in nahezu allen Mannschaftsteilen entscheidende Qualität fehlt.
In der Defensive fehlt die Stabilität, im Mittelfeld die Kontrolle und offensiv sowohl die Ideen als auch die Durchschlagskraft, um einen Gegner wie Frankfurt ernsthaft unter Druck zu setzen. Dabei ist das eigentliche Problem inzwischen offensichtlich: Der HSV kann seine Ausfälle nicht kompensieren.
Mit Nicolai Remberg fehlt nicht einfach nur ein zentraler Mittelfeldspieler. Es fehlt der Mann, der Zweikämpfe führt, Räume schließt, seine Mitspieler antreibt und der Mannschaft jene Aggressivität verleiht, die sie in der Bundesliga dringend benötigt. Fábio Vieira fehlt als kreativer Kopf, der mit einem einzigen Pass eine gegnerische Defensive auseinanderziehen kann. Und Sebastiaan Bornauw fehlt als erfahrener Innenverteidiger, der der Abwehr zumindest in vielen Situationen Orientierung und Sicherheit gegeben hat. Hinzu kommen die Ausfälle von Nicolás Capaldo, Bilal Nadir und Yussuf Poulsen.
Natürlich muss jede Bundesligamannschaft Verletzungen verkraften können. Das gehört zum Geschäft. Aber genau dafür braucht es einen Kader, der nicht nur in der Spitze, sondern auch in der Breite ausreichend Qualität besitzt. Und diese Qualität hat der HSV derzeit offensichtlich nicht.
Zwischen Verantwortung und Überforderung
Das ist keine grundsätzliche Kritik an den jungen Spielern, die jetzt plötzlich Verantwortung übernehmen müssen. Ein Shafiq Nandja ist 19 Jahre alt, Louis Lemke gerade einmal 17. Beide sollen sich eigentlich Schritt für Schritt an die Bundesliga gewöhnen, Erfahrungen sammeln und sich entwickeln.
Stattdessen stehen sie in einer Mannschaft, die dringend Stabilität benötigt, und sollen Aufgaben lösen, für die ihnen naturgemäß noch Erfahrung fehlt. Lemke hat seine Sache heute gegen einen starken Elias Baum sogar ordentlich gemacht. Er war engagiert, mutig und über weite Strecken erstaunlich stabil. Nandjas Ballverlust vor dem 1:3 war dagegen fatal. Ein solcher Fehler darf auf diesem Niveau nicht passieren, auch nicht einem 19-Jährigen. Gleichzeitig wäre es unfair, ihn nun zum Hauptverantwortlichen für diese Niederlage zu erklären. Denn der HSV hat ihn in eine Situation gebracht, in der er mehr leisten soll, als man von einem Spieler seines Alters und seiner Erfahrung realistischerweise erwarten kann.
Besonders bedenklich fand ich allerdings, dass heute nicht nur die jungen Spieler Probleme hatten. Ausgerechnet dort, wo Erfahrung und fußballerische Qualität vorhanden sein sollten, war der HSV nahezu vollständig abgemeldet: im zentralen Mittelfeld. Albert Sambi Lokonga sollte als Kapitän vorangehen, das Spiel ordnen, seinen Mitspielern Sicherheit geben und gerade in schwierigen Phasen dafür sorgen, dass der HSV nicht völlig die Kontrolle verliert. Doch davon war heute viel zu wenig zu erkennen.
Martin Adeline war da noch einer der engagierteren Hamburger. Er arbeitete, suchte Zweikämpfe und versuchte, dem Spiel eine Richtung zu geben. Aber auch bei ihm fehlen noch die Ruhe, die Übersicht und vor allem die Effektivität, um ein Bundesligaspiel aus dem Zentrum heraus entscheidend zu prägen.
Offensive und Defensive offenbaren alte Probleme
Natürlich gelang Terem Moffi nach 14 Minuten der schnelle Ausgleich. Und selbstverständlich ist es positiv, dass der Stürmer nun innerhalb von fünf Tagen zweimal gegen Frankfurt getroffen hat. Aber ein Tor allein macht noch keinen guten Auftritt. Moffi wirkt weiterhin weit von seiner eigentlichen Leistungsfähigkeit entfernt.
Albert Grønbæk war noch einer der wenigen Hamburger, die offensiv immer wieder etwas versuchten. Doch auch er kann die fehlende offensive Qualität nicht allein kompensieren.
In der Defensive reihte sich derweil ein Fehler an den nächsten. Beim 0:1 konnte Warmed Omari den Ball nur noch unglücklich ins eigene Tor lenken. Beim 1:2 wehrte Daniel Heuer Fernandes einen Kopfball direkt vor die Füße von Raphael Onyedika ab. Und vor dem 1:3 verlor Nandja den Ball. Drei Gegentore, drei unterschiedliche Situationen, die allerdings alle dasselbe Problem offenbaren: Dieser Mannschaft fehlt momentan die Sicherheit.
Blick nach vorn gegen Gladbach
Und damit ist auch Merlin Polzin gefordert. Er muss es schaffen, mit dem vorhandenen Personal wieder eine Mannschaft auf den Platz zu bringen, die zumindest defensiv stabil steht, im Mittelfeld präsent ist und offensiv eine erkennbare Idee entwickelt.
Am kommenden Freitag wartet Borussia Mönchengladbach im Volksparkstadion. Und dieses Spiel bekommt nach den drei Niederlagen in Folge eine enorme Bedeutung. Nicht, weil der HSV bereits in einer ausweglosen Situation wäre. Dafür ist die Saison noch viel zu jung. Sondern weil die Mannschaft dringend beweisen muss, dass sie auch unter schwierigen personellen Voraussetzungen konkurrenzfähig sein kann.
Scholle
Statistik
Eintracht Frankfurt: Atubolu – Kosugi (46. Knauff), Brassier, Koch, Baum – Onyedika, Aseko (90. Götze), Chaibi, Uzun (90. Ilicevic), Doan – Ebnoutalib (74. Burkardt).
HSV: Heuer Fernandes – Möller Wolfe (80. Rössing-Lelesiit), Omari, Torunarigha, Nandja, Lemke (63. El Ouahdi) – Muheim, Sambi Lokonga (80. Amoako), Adeline – Grönbaek (88. Stange), Moffi (63. Daka).
Tore: 1:0 Omari (10./Eigentor), 1:1 Moffi (14.), 2:1 Onyedika (47.), 3:1 Ebnoutalib (69.)
Schiedsrichter: Florian Exner (Münster)
Die Einzelkritik
Daniel Heuer Fernandes – Note 4 Der HSV-Keeper war zunächst einer der stabileren Hamburger. Mit einem starken Reflex und einer weiteren guten Parade verhinderte er früh Schlimmeres. Beim zweiten Gegentor wehrte er den Ball allerdings unglücklich nach vorne ab.
Shafiq Nandja – Note 5 Von einem 19-Jährigen kann niemand erwarten, dass er in einer ohnehin verunsicherten Defensive sofort als Leistungsträger vorangeht. Sein Ballverlust vor dem 1:3 war fatal, auch wenn er Zeit und Vertrauen braucht.
Jordan Torunarigha – Note 3,5 Beim 0:1 hätte Torunarigha energischer eingreifen müssen. Zwar gewann er einige wichtige Zweikämpfe, aber von einem erfahrenen Innenverteidiger muss in dieser Situation mehr kommen.
Warmed Omari – Note 5 Es war einfach nicht sein Tag. Omari geriet mehrfach in unglückliche Situationen, sprang vor dem 1:2 unter dem Ball hindurch und vergab kurz vor Schluss per Kopf die große Chance zum Anschlusstreffer.
Møller Wolfe – Note 4 Erneut sehr engagiert, laufstark und bemüht, aber offensiv weitgehend wirkungslos. Møller Wolfe versuchte viel, blieb jedoch immer wieder an seinen Gegenspielern hängen und brachte kaum etwas wirklich Zählbares zustande. Auf den Außenbahnen war er für mich diesmal der schwächere Spieler. Deshalb hätte ich ihn ausgewechselt, als Zakaria El Ouahdi ins Spiel kam – und nicht Louis Lemke. Der Einsatz stimmte, die Wirkung fehlte.
Martin Adeline – Note 3,5 Einer der fleißigsten Hamburger und für mich der engagierteste Spieler im zentralen Mittelfeld. Adeline versuchte immer wieder, Struktur ins Spiel zu bringen, gewann Zweikämpfe und übernahm Verantwortung. Allerdings agiert er noch zu häufig hektisch und in einigen Situationen taktisch naiv. Vor allem offensiv fehlt seinen Aktionen weiterhin die letzte Konsequenz. Trotzdem ist seine Entwicklung erkennbar. Er wird besser, gewinnt zunehmend Sicherheit und entwickelt sich zu einer ernsthaften Alternative für das Hamburger Mittelfeld. Wenn er seinen Zug nach vorne künftig effektiver gestaltet, kann er für den HSV noch deutlich wertvoller werden.
Alexander Røssing-Lelesiit – ohne Note Kam in der 80. Minute und hatte sofort Einfluss auf das Spiel. Røssing-Lelesiit brachte Tempo, Energie und neuen Schwung in die Offensive. Er versuchte außerdem, seine Mitspieler noch einmal mitzureißen und zu motivieren. Das gelang nur bedingt, weil die Mannschaft insgesamt zu wenig Unterstützung lieferte. Seine beiden guten Möglichkeiten konnte er nicht nutzen, dennoch war sein Auftritt belebend. Für eine Note war seine Einsatzzeit zu kurz.
Albert Sambi Lokonga – Note 5 Für mich eine der größten Enttäuschungen dieses Spiels. Gerade von Lokonga muss in einer solchen Situation deutlich mehr kommen. Nicht nur, weil er als Ersatzkapitän auf dem Platz stand, sondern vor allem wegen seiner Erfahrung und seiner fußballerischen Fähigkeiten. Er müsste der Spieler sein, der das Hamburger Spiel beruhigt, organisiert und seine Mitspieler führt. Doch genau das gelang ihm nicht. Weder defensiv noch offensiv übernahm er die Verantwortung, die der HSV in dieser Phase so dringend gebraucht hätte. Sein Stellungsspiel vor dem ersten Gegentor war ebenfalls unglücklich. Ein Spieler seiner Qualität muss dieser Mannschaft mehr geben.
Kofi Amoako – ohne Note Kam erst in der Schlussphase und versuchte, sich in das Spiel einzufinden, defensiv abzusichern und weitere Bundesligaminuten zu sammeln. Für eine aussagekräftige Bewertung war sein Einsatz zu kurz.
Miro Muheim – Note 3 Muheim gehörte für mich noch zu den besseren Hamburgern. Zwar leistete er sich früh einen gefährlichen Fehler im Spielaufbau, den Heuer Fernandes ausbügeln musste, fing sich danach aber und versuchte immer wieder, dem Spiel neue Impulse zu geben. Mit seinem linken Fuß, seiner Ballsicherheit und gefährlichen Flanken sorgte er vor allem bei Standards für offensive Akzente. Auch der Hamburger Ausgleich wurde durch seine Hereingabe eingeleitet. Insgesamt einer der wenigen Spieler, die sich trotz der schwierigen Situation immer wieder konstruktiv ins Spiel einbrachten.
Louis Lemke – Note 3 Ein guter Auftritt des 17-Jährigen. Mit Elias Baum hatte Lemke einen ausgesprochen starken Gegenspieler, den er über weite Strecken ordentlich kontrollierte. Mehr noch: Durch seine eigenen offensiven Vorstöße beschäftigte er Baum immer wieder so sehr, dass dieser auch defensiv gefordert war. Lemke bearbeitete die linke Schiene engagiert, mutig und mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit. Für mich hätte er auf dem Platz bleiben müssen, zumindest solange Møller Wolfe noch spielte. Seine Auswechslung war deshalb eine Entscheidung, die ich nicht nachvollziehen konnte.
Zakaria El Ouahdi – ohne Note Warum El Ouahdi zunächst auf der Bank saß, erschließt sich mir bis jetzt nicht. Nach seiner Einwechslung brachte er sofort mehr Dynamik und offensive Bereitschaft auf die Außenbahn, auch wenn die Mannschaft insgesamt zunehmend unter Druck geriet. Für mich ist El Ouahdi aktuell der stärkste Außenspieler des HSV. Seine Intensität, sein Tempo und seine Bereitschaft, immer wieder den direkten Weg nach vorne zu suchen, machen ihn besonders wertvoll. Er gehört für mich in die Startelf. Für eine Note war sein Einsatz zu kurz.
Terem Moffi – Note 4 Moffi hat wieder getroffen. Das ist positiv und für einen Stürmer selbstverständlich wichtig. Aber darüber hinaus kam erneut viel zu wenig. Er wirkt weiterhin weit von der körperlichen und spielerischen Verfassung entfernt, die sich der HSV von ihm erhofft. Besonders auffällig ist, dass er häufig mit angezogener Handbremse zu spielen scheint. Moffi gilt als ausgesprochen schnell, doch davon ist momentan kaum etwas zu erkennen. Er zieht seine Sprints selten konsequent durch, bietet sich zu wenig an und kann viele hohe Zuspiele nicht festmachen. Sein Tor rettet seine Bewertung etwas, aber insgesamt ist das deutlich zu wenig.
Patson Daka – ohne Note Sollte nach seiner Einwechslung noch einmal Tempo und frischen Schwung bringen. Das versuchte er auch, wurde allerdings viel zu selten von seinen Mitspielern eingesetzt. Für mich ist Daka angesichts der bislang wenig überzeugenden Gesamtleistungen von Moffi eine ernsthafte Startelfalternative für das kommende Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach. Auch wenn Moffi erneut getroffen hat, sollte Polzin diese Option prüfen.
Albert Grønbæk – Note 3 Neben Adeline einer der aktivsten Hamburger in der Offensive. Grønbæk versuchte unermüdlich, das Spiel anzutreiben, bot sich an und suchte immer wieder den Weg in gefährliche Räume. Ohne ihn hätte die Hamburger Offensive heute vermutlich über weite Strecken kaum stattgefunden. Seine Beteiligung am Ausgleich unterstreicht seine Bedeutung. Allerdings muss er im letzten Drittel noch effektiver werden. Vor allem eigene Abschlüsse waren zu selten zu sehen. Trotzdem bleibt Grønbæk einer der wenigen Spieler, die dem Hamburger Angriff derzeit Struktur, Tempo und Kreativität verleihen.



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