Meinung

HSV: Keine Kompromisse! Warum Polzin gerade jetzt mutig bleiben muss

Fünf Tage nach dem Pokal-Aus trifft der HSV erneut auf Eintracht Frankfurt. Die Verletzungssorgen sind groß, die Defensive muss möglicherweise erneut umgebaut werden. Doch gerade jetzt braucht es klare Entscheidungen statt Kompromisse. Merlin Polzin sollte auf vollständig einsatzfähige Spieler setzen, offensiv mutig bleiben und vor allem das tun, was ihn bislang ausgezeichnet hat: konsequent seinen eigenen Weg gehen.

Manchmal beschäftigt man sich nach einer Niederlage viel zu intensiv damit, was der Gegner besser gemacht hat, und vergisst darüber, was die eigene Mannschaft bereits richtig gut hinbekommen hat. Genau diesen Fehler sollte der HSV vor dem erneuten Aufeinandertreffen mit Eintracht Frankfurt am Sonntag nicht machen. Natürlich hat Frankfurts Trainer aus dem 3:1 im DFB-Pokal seine Schlüsse gezogen. Die Eintracht will diesmal früher attackieren, aggressiver verteidigen und dem HSV möglichst wenig Raum lassen. Aber ganz grundsätzlich interessiert mich momentan deutlich mehr, was Merlin Polzin mit seiner Mannschaft vorhat. Denn die erste Halbzeit am Dienstag hat gezeigt, dass der HSV Frankfurt durchaus vor erhebliche Probleme stellen kann. Und genau darauf muss die Mannschaft aufbauen.

Nach dem erschreckend schwachen Auftritt in Paderborn war das Pokalspiel zunächst ein deutlicher Fortschritt. 45 Minuten lang allemal – vom Einsatz sogar über die 90 Minuten. Albert Sambi Lokonga brachte Ruhe und Struktur ins Mittelfeld, Albert Grønbæk sorgte für gefährliche Aktionen und über die Außenpositionen entwickelte der HSV immer wieder Druck. Mit etwas mehr Konsequenz hätten die Hamburger zur Pause führen können. Vor allem aber war endlich wieder eine klare Idee im Hamburger Spiel zu erkennen.

Dass Frankfurt nach der Pause aggressiver presste und zunehmend die Kontrolle übernahm, gehört selbstverständlich zur Analyse. Die Abstände beim HSV wurden größer, die Mannschaft verlor zu schnell die Bälle und fand kaum noch Lösungen gegen den Druck. Aber daraus darf nicht die Konsequenz entstehen, sich am Sonntag wieder ausschließlich auf das Verteidigen zu konzentrieren. Vielmehr muss Polzin einen Weg finden, die guten Ansätze aus der ersten Halbzeit über einen längeren Zeitraum auf den Platz zu bringen. Denn der HSV darf nicht nur darauf reagieren, was Frankfurt vorhat. Die Eintracht muss sich auch mit dem HSV beschäftigen.

Keine Kompromisse bei der Aufstellung

Natürlich erschweren die zahlreichen Verletzungen diese Aufgabe erheblich. Nicolai Remberg, Fábio Vieira, Bilal Nadir, Nicolás Capaldo und Yussuf Poulsen fehlen weiterhin. Jordan Torunarigha kehrt immerhin zurück, während hinter Sebastiaan Bornauw nach seiner Kieferverletzung noch ein Fragezeichen steht. Und damit komme ich zu einem Punkt, den ich bereits in meinem vorherigen Blog angesprochen habe: Der HSV darf sich bei der Aufstellung keine Kompromisse erlauben! Bornauw ist für die Defensive des HSV wichtig geworden. Seine Erfahrung, sein Stellungsspiel und seine Kopfballstärke können gerade gegen Frankfurts gefährliche Angreifer entscheidend sein. Aber wenn er nach seiner Verletzung nicht vollständig belastbar ist oder selbst noch Zweifel hat, ob er jeden Zweikampf mit letzter Konsequenz führen kann, dann darf er aus meiner Sicht nicht spielen. Punkt.

Der HSV kann es sich schlichtweg nicht leisten, einen Spieler aufzustellen, der mit dem Gedanken auf den Platz geht: Ich versuche es mal, aber ob es wirklich funktioniert, weiß ich noch nicht. Er baut sich damit schon für den Fall der Fälle ein Alibi auf, dass es nicht geben darf. Oder wie Lothar Matthäus sagt: „Es gibt nur fit – oder kann nicht…“

So ähnlich sehe ich es auch. Es gibt Ausnahmen hiervon, nämlich die Spieler, die immer wieder über die eigenen Grenzen gehen. Bei denen bremst der Kopf keine Grätsche, da wird kein Zweikampf ausgelassen. Da gibt es solche Überlegungen wie die von Bornauw nicht – im Gegenteil: Diese Spieler müssen in aller Regel vom Trainerteam und der eigenen medizinischen Abteilung gebremst werden. Aber wenn ein Spieler eben nicht so tickt, muss man das in seine taktischen Überlegungen einbeziehen.

Und eines ist klar: Auch Frankfurt am Sonntag wird dem HSV mehr als alles abverlangen. Da ist hundertprozentige Widerstandsfähigkeit gefragt – alles andere wird nicht reichen. Und deshalb nehme ich lieber einen Shafiq Nandja oder Jason Bissi-Mouelle, denen vielleicht noch Erfahrung und taktische Sicherheit fehlen, die aber – vorausgesetzt, sie sind vollständig fit – bereit sind, sich 90 Minuten lang mit allem, was sie haben, reinzuwerfen. Natürlich werden junge Spieler Fehler machen. Das hat sich am Dienstag gezeigt. Aber solche Fehler gehören zu ihrer Entwicklung.

Lieber ein junger Spieler bei 100 Prozent als ein erfahrener Profi mit angezogener Handbremse.

Und nur, um das hier auch noch mal allen Schwarz-Weiß-Denkern mitzugeben: Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Bornauw seine Verletzung leichtfertig ignorieren sollte. Im Gegenteil. Gerade nach einem Schlag ins Gesicht muss die medizinische Freigabe selbstverständlich sein. Aber wenn körperlich oder mental noch keine vollständige Einsatzbereitschaft vorhanden ist, braucht es eine andere Lösung. Gegen Jonathan Burkardt und Younes Ebnoutalib kann sich der HSV Unsicherheiten in den entscheidenden Zweikampf kaum erlauben.

Die Chance der Doppelspitze

Und während über die mögliche Frankfurter Doppelspitze diskutiert wird, sollten auch die eigenen offensiven Möglichkeiten des HSV nicht vergessen werden. Offenbar denkt Polzin ebenfalls darüber nach, mit zwei Angreifern zu beginnen. Mit Terem Moffi, Patson Daka und Otto Stange stehen ihm dafür drei unterschiedliche Optionen zur Verfügung.

Ich finde diesen Gedanken ausgesprochen interessant. Moffi hat im Pokal getroffen, Daka bringt Tempo mit und Stange könnte mit seiner Unbekümmertheit zusätzliche Impulse setzen. Warum also nicht selbst mutiger auftreten? Warum nicht versuchen, Frankfurt mit mehr Präsenz im Angriff vor Probleme zu stellen? Wirklich sattelfest wirkte die Eintracht insgesamt absolut nicht…

Natürlich muss eine Doppelspitze zur gesamten Spielidee passen. Aber ich würde mir wünschen, dass Polzin diese Möglichkeit ernsthaft prüft. Denn nach der guten ersten Halbzeit im Pokal gibt es für den HSV keinen Grund, sich offensiv kleiner zu machen, als die Mannschaft ist.

Mentale Stärke und der Glaube an den eigenen Weg

Entscheidend wird dabei die Mentalität sein. Polzin hat vor dem Spiel einen Satz gesagt, den ich für ausgesprochen treffend halte: „Als HSV haben wir nur eine Chance, wenn wir überperformen.“ Genau so ist es. Dauerhaft. Der HSV ist noch lange keine etablierte Bundesligamannschaft, die sich allein auf ihre individuelle Qualität verlassen kann. Die Hamburger müssen sich jeden Punkt hart erarbeiten. Dafür braucht es Spieler, die bereit sind, an ihre Grenzen zu gehen. Spieler wie Zakaria El Ouahdi und David Møller Wolfe, die mit ihrer Laufbereitschaft, ihrer Intensität und ihrer Begeisterung vorangehen. Dazu gehört auch Louis Lemke, der trotz seines jungen Alters bereits zeigt, dass er sich auf diesem Niveau behaupten will. Und natürlich fehlt dem HSV mit Nicolai Remberg gerade einer der Spieler, die diese Mentalität besonders verkörpern.

Diese Haltung braucht der HSV auf jeder Position. Denn im Kampf um den Bundesliga-Klassenerhalt werden Talent und taktische Qualität allein nicht reichen.

Was mich trotz aller Schwierigkeiten weiterhin optimistisch stimmt, ist allerdings eine Eigenschaft, die Merlin Polzin bislang besonders ausgezeichnet hat: sein Mut, konsequent seinen eigenen Weg zu gehen. Polzin hat sich weder von Rückschlägen noch von öffentlicher Kritik davon abbringen lassen, eigene Entscheidungen zu treffen, Dinge auszuprobieren und seine Mannschaft nach seinen Vorstellungen weiterzuentwickeln. Dabei hat er Fehler gemacht, und selbstverständlich wird er weitere machen. Aber er hat immer wieder bewiesen, dass er bereit ist, daraus zu lernen, ohne seine grundsätzlichen Überzeugungen aufzugeben.

Genau das halte ich für eine seiner größten Stärken. Und genau diese Stärke wird dem HSV auch in der aktuellen Situation helfen. Da bin ich mir sicher. Denn jetzt geht es nicht darum, aus Angst vor weiteren Niederlagen vorsichtiger zu werden oder sich ausschließlich nach dem Gegner zu richten. Jetzt braucht es den Mut, jungen Spielern Verantwortung zu übertragen, taktische Veränderungen konsequent weiterzuentwickeln und auch gegen individuell stärkere Mannschaften an die eigenen Möglichkeiten zu glauben.

Polzin muss nicht stur an jeder Entscheidung festhalten. Aber er sollte seinem eigenen Weg, der eben Lernfähigkeit, Mut zur Veränderung und den Gegnern beziehungsweise den Spielverläufen angepasste Veränderungen zulässt, unbedingt treu bleiben. Das ist seine große Stärke! Dass er dazu in der Lage ist, hat er bereits gezeigt. Nach dem schwierigen Saisonstart wurde die Mannschaft defensiv stabiler. Gegen Paderborn wurde deutlich, dass Kompaktheit allein nicht reicht, wenn offensiv praktisch nichts mehr funktioniert. Und die erste Halbzeit gegen Frankfurt hat anschließend bewiesen, dass der HSV auch spielerisch deutlich mehr kann.

Diese Entwicklung ist noch längst nicht abgeschlossen. Aber sie ist erkennbar. Und deshalb sehe ich keinen Grund, warum jetzt wieder grundsätzlich an allem gezweifelt werden sollte. Auch die Diskussionen über die jüngsten Schiedsrichterentscheidungen sollten dabei keine größere Rolle spielen. Natürlich waren einige Szenen ärgerlich. Dass mit Florian Exner ausgerechnet jener Schiedsrichter das Spiel leitet, an dessen Entscheidungen beim Nordderby im April sich die Hamburger noch gut erinnern, sorgt zusätzlich für Gesprächsstoff. Aber Polzin hat recht, wenn er davon ausgeht, dass sich solche Entscheidungen im Laufe einer Saison ausgleichen.

Der HSV sollte seine Energie nicht damit verschwenden, alte Rechnungen aufzumachen. Die Punkte werden auf dem Platz geholt. Und genau darum geht es am Sonntag. Nicht um Revanche für das Pokal-Aus. Nicht darum, was Frankfurt taktisch möglicherweise verändert. Sondern um drei wichtige Bundesligapunkte und den nächsten Entwicklungsschritt dieser Mannschaft. Frankfurt besitzt zweifellos die größere individuelle Qualität. Aber die Siege gegen Hoffenheim und Stuttgart haben gezeigt, dass der HSV auch gegen stärkere Gegner erfolgreich sein kann. Und die erste Halbzeit am Dienstag war ein weiterer Beleg dafür, dass sich die Hamburger vor der Eintracht nicht verstecken müssen.

Deshalb erwarte ich von Polzin vor allem eines: Mut.

Mut bei der Aufstellung. Mut bei taktischen Entscheidungen. Und das Vertrauen in eine Mannschaft, die trotz ihrer personellen Probleme genügend Qualität besitzt, um auch in Frankfurt etwas mitzunehmen. Die entscheidende Frage ist für mich nicht, ob Hütter eine Antwort auf das Spiel des HSV gefunden hat. Die entscheidende Frage lautet, ob Polzin seinen eigenen Weg so konsequent weitergeht, dass Frankfurt erneut Antworten auf den HSV finden muss. Dafür braucht es elf Spieler, die vollständig einsatzbereit sind, eine klare Spielidee und die Bereitschaft, auch unter Druck mutig zu bleiben.

Denn eines hat Merlin Polzin bislang immer wieder bewiesen: Er ist kein Trainer, der sich aus Angst vor Fehlern versteckt. Und genau das ist in der aktuellen Situation vielleicht die größte Stärke des HSV.

In diesem Sinne: Euch allen einen schönen Samstagabend und morgen hoffentlich drei Punkte für den HSV!

Scholle

Diskussion

5 Kommentare

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DU
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Flotti McFlottvor 12 Min.
Wer auch keine Kompromisse eingegangen ist und immer an seinem untauglichen Idiotensystem festgehalten hat war übrigens Oberprolet Waltersen. Ich hoffe inständig, dass Perle Molzin nicht so extrem von der Waltersen-Schule geprägt ist, aber leider sieht es so aus. Auch er hält an einem Quatschsystem fest, für das der Kader nicht geeignet ist. Die passabel funktionierende Dreierkette in der letzten Saison wurde zu 90% von Vuskovic getragen. Ich würde mir also im Gegensatz zum Bolgvater einen Trainer wünschen, der eben gerade KompromissBEREIT ist und seine Aufstellung und taktische Marschrute zum einen am Gegner und vor allem am eigenen Kader ausrichtet. Des weiteren bin ich gespannt, ob die Herren Mentalitätsmonster heute die Mentalität des Pokalspiels auspacken, oder eher wieder in den Baderporn-Modus zurückschalten … Ich bin da sehr skeptisch, alles andere als eine Niederlage würde mich sehr überraschen. 🤷🏻‍♂️
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Flutschfingervor 38 Min.
"Vor allem aber war endlich wieder eine klare Idee im Hamburger Spiel zu erkennen." Darf ich höflichst danach fragen, welche Idee das ist?
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1887.proudvor 11 Min.
Eine HSV-Mannschaft mit viel Mut, Energie und schnellem Zug nach vorne. Durch aggressives Pressing und einen kontrollierten Aufbau aus einer Dreierkette erzwang unser Team reihenweise Ballverluste und erstklassige Chancen. Das war wohl auch die Spielidee. Nach dem Spiel lobte M. Polzin, dass die taktische Idee in der ersten Halbzeit genau aufging, ärgerte sich jedoch über die vergebenen Möglichkeiten und die fehlende Präzision in der zweiten Halbzeit. Die Idee war also gut, die Ausführung hingegen in der Konsequenz eher mangelhaft.
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1887.proudvor 41 Min.
Auf geht's Hamburg, kämpfen und siegen! Heute gibt es Aalsuppe💪🏼 N.d:HSV
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Absurdistan-26vor 12 Min.· bearbeitet
................Moffi,.... ,................. ................Daka.. .... ...............Grönbaek......... .... MW/Lemke.....Sambi.......EO..... . ...........Amouako............ .. .. ..Touru.....Omari.....Nandja..... ........................Sander........ . ........ (Adline auf die Bank)
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