HSV vor Gladbach: Polzin braucht Antworten und eine klare Reaktion
Drei Niederlagen in Folge, wichtige Ausfälle und eine Mannschaft auf der Suche nach Sicherheit: Vor dem Heimspiel gegen Gladbach muss Merlin Polzin Lösungen finden. Dabei geht es um mehr als die Frage nach Dreier- oder Viererkette. Hoffnung macht ausgerechnet ein Rückkehrer, der in Frankfurt zeigte, was dem HSV zuletzt häufig fehlte.

Beim HSV wird dieser Tage über vieles nachgedacht. Über eine Dreierkette, die der Mannschaft zuletzt zu wenig Stabilität gegeben hat. Über mögliche Wintertransfers, über verletzte Leistungsträger und darüber, wie sich nach drei Niederlagen wieder ein Erfolgserlebnis erzwingen lässt. Gleichzeitig beschäftigt sich der Verein mit kürzeren Bierschlangen, einer besseren Anreise und dem Stadionerlebnis der Zukunft. Das eine betrifft die unmittelbare sportliche Lage, das andere die langfristige Entwicklung des Clubs. Beides hat seine Berechtigung. Die dringendste Antwort muss der HSV allerdings am Freitagabend gegen Borussia Mönchengladbach auf dem Rasen geben.
Die sportliche Talfahrt stoppen
Das 0:1 in Paderborn und die beiden 1:3-Niederlagen gegen Eintracht Frankfurt haben Spuren hinterlassen. Der HSV ist auf Platz 15 abgerutscht, vor allem aber hat er einen erheblichen Teil jener Sicherheit verloren, die ihn bei den Erfolgen in Hoffenheim und gegen Stuttgart ausgezeichnet hatte. Die Mannschaft wirkt anfälliger, findet im Mittelfeld zu selten Zugriff und entwickelt offensiv über längere Phasen zu wenig Gefahr. Das lässt sich mit der Verletztenliste erklären, aber eben nicht vollständig beantworten. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie muss der HSV jetzt spielen, damit er mit dem verfügbaren Personal wieder konkurrenzfähig wird?
Claus Costa strahlt zumindest nach außen Zuversicht aus. Der Sportdirektor geht davon aus, dass auch gegen Gladbach eine gute Mannschaft auf dem Platz stehen wird, und verweist auf die Lösungskompetenz des Trainerteams. Dafür gibt es durchaus Argumente. Merlin Polzin und seine Mitarbeiter haben bereits bewiesen, dass sie Spieler in veränderten Rollen weiterbringen können. Miro Muheim ist dafür ein Beispiel, Nicolás Capaldo ein weiteres. Diese Fähigkeit wird nun allerdings besonders gebraucht. Denn die jüngsten Auftritte haben gezeigt, dass die bisherigen Anpassungen nicht ausreichen, um die Ausfälle dauerhaft aufzufangen.
Dabei wäre es mir zu einfach, die gesamte Diskussion auf Dreier- oder Viererkette zu reduzieren. Drei Innenverteidiger garantieren keine Sicherheit, vier Verteidiger bringen nicht automatisch mehr Ordnung. Entscheidend ist, wie die Mannschaft gemeinsam Räume schließt, welche Unterstützung die Abwehr aus dem Mittelfeld erhält und was nach einem Ballgewinn passiert. Wenn der HSV kaum Entlastung schafft, kommt irgendwann der nächste Angriff zurück. Wenn im Zentrum die Abstände nicht stimmen, geraten auch die Verteidiger in Situationen, die sie nur schwer lösen können. Genau dort muss Polzin ansetzen: bei klaren Aufgaben, engeren Verbindungen und Abläufen, die seine Spieler auch unter Druck zuverlässig umsetzen können.
Personelle Sorgen im Mittelfeld und Angriff
Gerade im Mittelfeld ist die Lücke groß. Nicolai Remberg fehlt als Zweikämpfer, Antreiber und emotionaler Orientierungspunkt. Fábio Vieira fehlt mit seiner Kreativität und der Fähigkeit, einer Partie mit einem Pass eine andere Richtung zu geben. Albert Sambi Lokonga bringt die fußballerischen Voraussetzungen mit, um Verantwortung zu übernehmen. In Frankfurt war davon jedoch zu wenig zu sehen. Martin Adeline bemüht sich um Struktur, kann die Last aber ebenfalls nicht allein tragen. Der HSV muss deshalb eine Lösung finden, die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt und verhindert, dass einzelne Spieler ständig mehr leisten müssen, als ihre jeweilige Rolle eigentlich vorsieht.
Das gilt besonders für die Talente. Louis Lemke zeigt interessante Ansatzpunkte und eine bemerkenswerte Unbekümmertheit. Shafiq Nandja hat mit seinem Ballverlust vor dem dritten Frankfurter Treffer dagegen schmerzhaft erfahren, wie schnell Fehler in dieser Liga bestraft werden. Solche Momente gehören zur Entwicklung. Ein Verein, der junge Spieler bewusst fördern will, muss sie aushalten können. Gleichzeitig braucht es eine Mannschaftsstruktur, die diese Jugendlichen schützt. Sie sollen sich entwickeln dürfen, ohne sofort dafür verantwortlich zu sein, eine verunsicherte Bundesligamannschaft zu stabilisieren.
Deshalb wäre eine Rückkehr von Sebastiaan Bornauw so wichtig. Nach seiner Kieferverletzung besteht die Aussicht, dass er gegen Gladbach wieder zur Verfügung steht. Bei Capaldo ist die Lage schwieriger. Nach seiner Zerrung bleibt wenig Zeit, die Tendenz geht eher in Richtung eines weiteren Ausfalls; möglicherweise reicht es noch für einen Platz im Kader. Für mich bleibt dabei entscheidend, dass die Einsatzfähigkeit den Ausschlag gibt. Ein erfahrener Name auf dem Spielbericht hilft wenig, wenn der Spieler auf dem Platz nicht frei und belastbar agieren kann. Zumal nach der Länderspielpause das Nordderby in Bremen wartet.
Auch bei Yussuf Poulsen sprechen seine Hüftprobleme und die bisherige Verletzungsgeschichte für einen behutsamen Umgang. Bei Vieira richtet sich die Hoffnung bereits auf das Derby am 22. November. Nach dem vorliegenden Bericht verläuft sein Aufbau bislang planmäßig. Eine Garantie für sein Comeback ist das noch nicht, aber immerhin eine Perspektive. Bis dahin muss der HSV allerdings Lösungen ohne ihn finden. Die nächsten Punkte werden nicht erst vergeben, wenn die Verletztenliste kürzer geworden ist.
Lichtblicke und Optionen für Polzin
Wie sehr ein Rückkehrer trotzdem helfen kann, hat Alexander Rössing-Lelesiit in Frankfurt gezeigt – nein: angedeutet. In einer insgesamt enttäuschenden Partie gehörte er zu den wenigen Hamburgern, deren Auftritt Lust auf mehr machte. Er suchte sofort den Weg nach vorne, kam zu Abschlüssen, setzte Gegner unter Druck und arbeitete bis in den eigenen Strafraum zurück. Natürlich muss man berücksichtigen, dass er frisch in eine laufende Partie kam. Trotzdem brachte er etwas hinein, das dem HSV zuvor zu oft gefehlt hatte: Bewegung, Entschlossenheit und die Bereitschaft, eine Situation aktiv zu verändern.
Nach seinen beiden schweren Sprunggelenksverletzungen ist das zunächst einmal eine schöne persönliche Geschichte. Costa beschreibt einen Spieler, der die lange Reha auch genutzt habe, um bei Ernährung, Erholung und Krafttraining professioneller zu werden. Der Sportdirektor erkennt zudem Fortschritte in seiner Persönlichkeit. Auf dem Platz wirkte Rössing-Lelesiit jedenfalls erstaunlich klar in seinen Aktionen. Er wollte etwas bewegen und hat sich auch von der schwierigen Spielsituation nicht bremsen lassen.
Damit wird er zugleich zu einer interessanten Antwort auf die Systemfrage. Seine bevorzugte Position auf der linken Angriffsseite gibt es in der aktuellen Ordnung nicht in der klassischen Form. In Hoffenheim kam er über rechts, in Frankfurt bewegte er sich aus einer zentraleren Rolle heraus durch verschiedene Räume. Polzin muss nun überlegen, wie sich diese Qualitäten häufiger nutzen lassen. Dabei geht es nicht darum, nach zwei auffälligen Kurzeinsätzen sofort die gesamte Offensive um einen 19-Jährigen zu bauen. Aber wer der Mannschaft sichtbar etwas gibt, sollte eine echte Chance auf mehr Verantwortung bekommen.
Ähnliches gilt für Zakaria El Ouahdi, dessen Dynamik dem Hamburger Spiel helfen kann. Auch Patson Daka muss bei der Besetzung des Angriffs eine ernsthafte Option sein. Bei Terem Moffi gehört zur Bewertung allerdings ebenso, dass er in beiden Frankfurt-Spielen getroffen hat. In einer Mannschaft, die sich ohnehin zu wenige Möglichkeiten erarbeitet, sind diese Tore ein Argument. Die Auswahl sollte deshalb von der konkreten Aufgabe gegen Gladbach abhängen: Wer kann Bälle sichern, wer bietet Tiefe an, wer schafft Räume für die Mitspieler? Polzin braucht eine Offensive, deren Fähigkeiten sich ergänzen.
Blick auf den Gegner und die Kaderplanung
Gladbach wird dem HSV die Antworten kaum freiwillig liefern. Die Borussia steht zwar mit vier Punkten am Tabellenende und hat ebenfalls erhebliche Personalprobleme. Unter Alexander Blessin hat sie zuletzt aber zumindest defensiv an Stabilität gewonnen und sowohl im Pokal gegen Karlsruhe als auch in der Liga gegen Paderborn ohne Gegentor gespielt. Mit Kevin Diks könnte zudem der Abwehrchef zurückkehren. Der Tabellenplatz allein sagt deshalb wenig darüber aus, wie unangenehm dieser Gegner am Freitag werden kann. Der HSV wird Geduld brauchen, zugleich aber genügend Tempo und Bewegung entwickeln müssen, damit daraus kein weiterer Abend mit viel Aufwand und wenig Torgefahr wird.
Das Trainerteam hat sich Vertrauen erarbeitet, gerade durch deren Lernfähigkeit. Dieses Vertrauen schließt eine kritische Bewertung allerdings ein. Wer Polzin zutraut, Lösungen zu finden, darf von ihm jetzt auch sichtbare Anpassungen erwarten. Der HSV braucht am Freitag eine klare Reaktion: mehr Ordnung, mehr gegenseitige Unterstützung und einen erkennbaren Plan mit dem Ball.
Zur Verantwortung gehört dabei auch ein ehrlicher Blick auf die Kaderplanung. Costa weist zu Recht darauf hin, dass kein Verein jeden denkbaren Ausfall mehrfach absichern kann. Seine Rechnung mit perspektivisch sieben Innenverteidigern für drei Positionen erklärt, warum die Verantwortlichen im Sommer bestimmte Entscheidungen getroffen haben. Sie beantwortet allerdings nur einen Teil der aktuellen Fragen. Wie viele dieser Spieler stehen tatsächlich zur Verfügung? Welche Erfahrung bringen sie mit? Und wie gut passt ihre jeweilige Qualität zu den Aufgaben, die sie übernehmen sollen? Eine ausreichende Anzahl auf dem Papier bedeutet noch nicht, dass eine Mannschaft auch in einer schwierigen Phase ausgewogen besetzt ist.
Deshalb ist es nicht nur gut, sondern zwingend, dass Costa und sein Team mögliche Wintertransfers bereits vorbereiten. Ob tatsächlich nachgelegt werden muss, hängt auch vom weiteren Verlauf der Verletzungen und den kommenden Spielen ab. Der Markt sollte jedenfalls so gründlich sondiert werden, dass der HSV im Bedarfsfall handlungsfähig ist. Dabei können kurzfristige Hilfe und langfristige Planung zusammenpassen. Albert Grønbæk ist dafür ein Beispiel: zunächst ausgeliehen, anschließend nach überzeugenden Leistungen und weiteren Verhandlungen fest verpflichtet. Ein solcher Transfer braucht Vorbereitung und eine klare Vorstellung davon, was der Spieler der Mannschaft zusätzlich geben soll.
Dass Costa seine eigene Zukunft nach dem vorliegenden SPORT-BILD-Bericht weiterhin in Hamburg sieht und eine Verlängerung seines 2027 auslaufenden Vertrags anstrebt, kann dabei für Kontinuität sorgen. Erste Gespräche sollen positiv verlaufen sein, abgeschlossen ist die Angelegenheit noch nicht. Grundsätzlich halte ich Ruhe in der sportlichen Führung für einen Vorteil, wenn damit konzentrierte Arbeit und klare Entscheidungen verbunden sind. Die kommenden Monate werden zeigen, wie gut der eingeschlagene Weg trägt – bei der Entwicklung der Talente ebenso wie bei möglichen Ergänzungen des Kaders. Von daher sollte sich der HSV von Costa und Co. eine Lösung der aktuellen Probleme aufzeigen lassen und dann entscheiden, ob der Vertrag verlängert wird – oder ob man weiter wartet.
Innovationen im Stadion
Und während sportlich die unmittelbaren Antworten gefragt sind, darf der HSV seine Entwicklung abseits des Platzes durchaus weiter vorantreiben. Der erste Tech & Innovation Day im Volksparkstadion beschäftigt sich schließlich mit Problemen, die jeder Stadionbesucher kennt. Lange Schlangen am Kiosk, Gedränge und eine mühsame An- und Abreise gehören seit Jahren zum Spieltag. Wenn der Verein seine Kapazität auf bis zu 61.000 Plätze erweitert, wächst auch die Aufgabe, diese Abläufe zu verbessern.
Neun ausgewählte Start-ups haben dazu unterschiedliche Konzepte vorgestellt. Visiolab setzt auf eine Trennung von Ausgabe und Bezahlung, um den Verkauf zu beschleunigen. Autonomo präsentierte eine Lösung, bei der Waren automatisch erfasst und beim Verlassen des Verkaufsbereichs abgerechnet werden. Die genannten Zeit- und Umsatzvorteile sind zunächst Versprechen der Anbieter. Entscheidend wird sein, ob die Systeme auch unter dem Andrang einer Halbzeitpause funktionieren. Aber die Richtung gefällt mir: Wenn Fans weniger Zeit in einer Schlange verbringen und mehr vom Spiel sehen, verbessert das einen Stadionbesuch ganz konkret. Für alle!
Auch die Idee, über Road2Gig Fahrgemeinschaften zu vermitteln, ist einen Blick wert. Sie kann für einzelne Fans Kosten senken und zusätzliche Autos vermeiden. Die grundsätzliche Verkehrssituation rund um den Volkspark wird allerdings nur mit einer leistungsfähigen öffentlichen Anbindung nachhaltig besser. Dass Eric Huwer hier auf mehr Tempo bei der U5 drängt, ist nachvollziehbar. Eine Anbindung um das Jahr 2040 bleibt aus heutiger Sicht ein sehr ferner Horizont für ein Problem, das bei jedem Heimspiel entsteht. Der Innovationstag ist deshalb ein sinnvoller Anfang.
Aber zurück zum Wesentlichen, zum Fußball. Hier richtet sich der Blick am Freitag zuerst auf die Mannschaft. Der HSV hat in dieser Saison bereits gezeigt, dass er bestehen kann. Nun muss er wieder die Voraussetzungen dafür schaffen. Polzin hat mit möglichen Rückkehrern, einem auffälligen Rössing-Lelesiit und verschiedenen personellen wie taktischen Optionen durchaus Ansatzpunkte. Daraus muss eine Mannschaft werden, die enger zusammenarbeitet und ihre Möglichkeiten entschlossener nutzt. Der Volkspark kann und wird ihr wie gewohnt dabei helfen. Den ersten Schritt muss sie aber höchstselbst machen – mit einem Auftritt, der nach dieser enttäuschenden Woche wieder Zuversicht und Punkte mit sich bringt.
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