Meinung

<strong>Zu wenig Punkte – also Reizpunkte?</strong>

Ich hatte es in den letzten Wochen immer wieder mal thematisiert - und es bleibt weiter ein großes Thema. Der HSV muss etwas verändern, wenn er den Aufstieg nicht fahrlässig…

<strong>Zu wenig Punkte – also Reizpunkte?</strong>

Ich hatte es in den letzten Wochen immer wieder mal thematisiert - und es bleibt weiter ein großes Thema. Der HSV muss etwas verändern, wenn er den Aufstieg nicht fahrlässig gefährden will. Das zeigen schon die Ergebnisse der letzten Wochen, die sehr wohl eine Delle darstellen. Auch wenn der Trainer das immer wieder abstreitet. Dabei muss es sich nicht um drastische Maßnahmen wie einen Trainerwechsel oder Suspendierungen im Team etc. handeln, sondern lediglich um kleine Hebel. Auch kleine Dinge können große Veränderungen bewirken. Taktik, Personal, anderes Training, eine andere Ansprache - alles bietet Chancen, dass es besser wird. Allein das stoische Festhalten an ALLEM, was den HSV bis hierhin durch die Saison getragen hat kann nicht der richtige Weg sein.

Dieser Meinung bin offenbar nicht nur ich, sondern auch unser Blogfreund und Gastautor Robert, der heute noch einmal das Thema Reizpunkte aufnimmt. Denn wir wollen hier nicht nur Veränderungen fordern, sondern auch erläutern, wie diese Aussehen könnten. Daher viel Spaß mit Roberts Gastbeitrag:

Zu wenig Punkte – also Reizpunkte?

Von Robert Hoyer

Scholle hat es letzte Woche schon richtig gefordert. Ein „Weiter so!“ kann es bei den Ergebnissen der letzten Spiele nicht geben. Da kommt die Bemerkung von Bernhard Peters im letzten Abendblatt-Podcast „HSV - Wir müssen reden“ gerade richtig. Erfolgreiche Mannschaften bräuchten immer wieder neue Reizpunkte, um dauerhaft in der Erfolgsspur zu bleiben.

Was können das für „Reizpunkte“ sein? Nun, sie lassen sich auf unterschiedlichste Weise setzen. Vor der Saison und in der Winterpause gibt es die Möglichkeit, durch Transfers die Mannschaft personell zu verändern. Clemens Fritz von Delmenhorst-Ost sagte erst kürzlich, dass man im Sommer mit punktuellen Verstärkungen „den einen oder anderen Reizpunkt“ im Kader setzen wolle. Die Aufstiegseuphorie halte schließlich nicht ewig und da gelte es vorzusorgen. Ein Problem, mit dem sicher der HSV hoffentlich auch bald auseinandersetzen muss. Dass nicht jeder Transfer ein Reizpunkt ist, zeigen die Wintertransfers des HSV. Javi Montero wurde als Vuskovic-Ersatz verpflichtet, fällt jedoch hauptsächlich mit Stellungsfehlern und Gelb-Roten Karten auf. Andras Nemeth ist immerhin eine neue Alternative im Sturm und hat auch schon zweimal getroffen, blieb zuletzt aber eher blaß. Er ist noch ein junger Spieler, der als Back-Up für den gesetzten Glatzel fungiert. Abschließend noch Noah Katterbach, der hinten für personelle Entlastung sorgt und gerade im Heidenheim-Spiel frischen Wind brachte. Wäre die komplette Viererkette gesund hätte der Trainer so Muheim mal eine nötige Pause erlauben können. So muss er im Moment eher die Löcher stopfen, die durch Sperren und Verletzungen entstehen. 

Interessant wäre es aus meiner Sicht gewesen, wenn man im Winter Kittel abgegeben hätte und dafür einen neuen Offensivspieler als Ersatz geholt hätte. Was so ein Transfer für Wirkung haben kann, hat aus meiner Sicht Jean-Luc Dompe gezeigt. Auch wenn ihm nicht alles gelingt und er sicher auch schlechtere Spiele hat, er hat auf jeden Fall ein neues Element in das HSV-Spiel gebracht und für Belebung gesorgt. Generell gilt aber, dass bei neuen Spielern häufig mit einer gewissen Eingewöhnungszeit gerechnet werden muss. Benes ist hierfür ein gutes Beispiel. So tritt der Effekt, bestehende Strukturen, Hierarchien und Abläufe neu auszurichten, zumindest nicht sofort auf.

Die zweite Möglichkeit, zumindest kurzfristig einen neuen Reizpunkt zu setzen, ist der Trainerwechsel. Beim HSV häufig genug durchgeführt worden, aber langfristig nur mit mäßigem Erfolg. Die Feuerwehrmänner um Slomka, Labbadia und Gisdol waren nach der Rettung vor dem Abstieg schnell wieder Geschichte. Über Bert van Marwijk und Bernd Hollerbach wollen wir in dieser Hinsicht gar nicht erst sprechen. Und auch die aktuellen Beispiele in der Bundesliga zeigen, dass dieser Reizpunkt bei einer zuvor schlecht zusammengestellten Mannschaft nichts bringt. Interessant ist dagegen, was bei einem Stadtteilverein in Hamburg passiert. Dort scheint das Zusammenspiel von Trainerwechsel und ergänzenden Transfers genau den richtigen Reizpunkt gesetzt zu haben. Fraglich wie lange dieser Erfolg anhält. Spätestens am 29. Spieltag ist damit dann hoffentlich Schluss. Für einen Trainerwechsel beim HSV gibt es derzeit jedoch wenig gute Argumente. Erstens hat man weiterhin die besten Chancen aufzusteigen und so das ausgegebene Ziel zu erreichen. Und zweitens würde ein Trainerwechsel zu diesem Zeitpunkt die gesamte Organisation, insbesondere auch Jonas Boldt als Vorstand in Frage stellen und in eine tiefe Vertrauenskrise schicken. Schwer vorstellbar, dass in so einem Chaos noch der Aufstieg gelänge.

Abschließend existiert noch die Möglichkeit, über die Aufstellung und das System neue Reize zu setzen. Dies ist innerhalb der Saison nahezu der einzige Weg, zu agieren. Die meiste Symbolkraft hat dabei der Torwartwechsel, der auch beim HSV immer mal zum Einsatz kam (bspw. Pollersbeck für Mathenia unter Titz). Darüber hinaus können Stammspieler so eine Schaffenspause erhalten und frische Spieler bringen neuen Wind. Diese Wechsel sind jedoch am effektivsten, wenn die Mannschaft selbst ein stabiles Gerüst hat und neue Spieler direkt integriert werden können. Willkürliches und vor allem zu viele Wechsel sorgen eher für Chaos und Verunsicherung. Eingespieltheit ist ein hohes Gut. Auch die Persönlichkeit der Spieler gilt es zu beachten. Manche stachelt ein Wechsel auf die Bank zu höheren Leistungen an, andere verunsichert es nachhaltig.

Aus meiner Sicht hat Walter auf diese Weise auch schon probiert, etwas zu verändern. Königsdörffer für Benes beginnen zu lassen, war jedoch nur in der Hinsicht erfolgreich, als dass Benes nach seinen Einwechslungen etwas aufblühte. Für Walter ist es aber auch nicht einfach, auf diese Weise etwas zu verändern. In den letzten Wochen setzten sich die Reizpunkte ungewollt selbst. Für jedes Spiel galt (und gilt) es, eine neue Viererkette aufstellen. Und jeder, der mal Fußball gespielt hat, weiß, dass man Rotation auf den Innenverteidigerpositionen gar nicht mag. Umso ärgerlicher, dass Walter schon länger auf das bewährte Duo Schonlau/Vuskovic verzichten muss. Hätte man mit dieser Innenverteidigung konstant gespielt, wären es sicherlich einfacher neue Reizpunkte in anderen Mannschaftsteilen zu setzen – bzw. der Druck darüber nachzudenken wäre angesichts stabilerer Ergebnisse geringer.

Bleibt die Frage, was Walter jetzt noch für Möglichkeiten hat. Personell könnte er bspw. einen Anssi Suhonen mal reinwerfen, in der Hoffnung, dass er mit seinem Wirbeln für Belebung sorgt. Gegen Düsseldorf gelang das zumindest in einigen Situationen. Auch Umstellungen am System könnten Veränderungen bringen. Gegen Düsseldorf setzte Walter auf eine Dreier-Kette, um für mehr defensive Stabilität zu sorgen – mit allerdings mäßigem Erfolg. Ich bin sowieso der Meinung, dass das 4-3-3 mit den offensiven Außen und Glatzel als Zielspieler der richtige Ansatz ist. Alternativ könnte man mit zwei Spitzen spielen und Nemeth oder Königsdörffer neben Glatzel stellen. Mit Kaufmann hatte das in der letzten Saison ein paar Mal ganz gut geklappt. Der HSV schlägt ligaweit die meisten Flanken. Mit einem Abnehmer mehr stiegen die Chancen auf einen Torerfolg. 


KURZ NOTIERT:

Einspruch: Nach dem Doping-Urteil des DFB-Sportgerichts gegen Mario Vuskovic hat die Nationale Anti-Doping-Agentur Rechtsmittel eingelegt und „nach eingehender Prüfung der Urteilsbegründung“ eine höhere Sperre verlangt. „Die NADA wird auf der Grundlage des vom DFB-Sportgericht festgestellten Verstoßes gegen Anti-Doping-Bestimmungen des Spielers eine dafür vorgesehene Vierjahressperre beantragen“, teilte die Kontrolleinrichtung am heutigen Dienstag mit. Eine Entscheidung, die so erwartet worden ist, nachdem das Sportgericht von der regelsperre in einem solchen Dopingfall abgewichen war.

Vuskovic selbst bestreitet weiter die Vorwürfe. „Ich werde mich davon nicht brechen lassen und bis zum Ende kämpfen, um die Wahrheit zu beweisen“, schrieb er zuletzt via Socialmedia (nach dem Urteil bei Instagram). Die vom DFB-Sportgericht vorgesehene Sperre würde bis zum 14. November 2024 laufen. Hiergegen wollte Vuskovic seinerseits Einspruch einlegen. Und man kann behaupten, dass sich dieser Fall inzwischen zu einem Grundsatzstreit über die Epo-Analytik entwickelt hat. Mit einem weiterhin offenen Ausgang, da es sowohl Experten gibt, die die Höchststrafe als richtig erachten, wie die, die einen Freispruch fordern. 

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