Dieser HSV macht Lust auf mehr – jetzt darf der Volkspark loslegen
Volles Haus, ausverkaufter Volkspark und ein starker Transfersommer: Vor dem Bundesliga-Auftakt gegen Mainz 05 herrscht beim HSV eine gesunde Euphorie.

Sonntag, 15:30 Uhr. Ausverkaufter Volkspark. Erstes Heimspiel der neuen Bundesliga-Saison. Eigentlich braucht es gar nicht viel mehr, um zu erklären, warum die Vorfreude auf dieses Spiel gegen Mainz 05 riesig sein darf. Und trotzdem fühlt sich dieser Saisonstart für mich noch einmal etwas anders an. Denn ich gehe mit einem verdammt guten Gefühl in diese Spielzeit 2026/27. Nicht, weil jetzt plötzlich alles perfekt wäre. Nicht, weil der HSV über Nacht zum Champions-League-Anwärter geworden ist. Sondern weil ich den Eindruck habe, dass dieser Verein in diesem Sommer sehr vieles genau so gemacht hat, wie man es sich seit Jahren gewünscht hat: gezielt, wirtschaftlich nachvollziehbar, mit Entwicklungspotenzial – und trotzdem mit sofortiger Qualität.
Und an dieser Stelle muss man auch mal jemanden loben, den wir im vergangenen Jahr noch deutlich kritisiert haben: Claus Costa. Was der HSV in dieser Transferperiode auf die Beine gestellt hat, verdient Anerkennung.
Ja, da steht zunächst einmal ein kalkuliertes Transferminus von rund 20 Millionen Euro. Das klingt viel. Und es ist viel. Aber diese Zahl allein erzählt eben nur die halbe Geschichte. Denn auf der anderen Seite stehen Spielerwerte. Und wenn die Entwicklung auch nur halbwegs so verläuft, wie man es sich beim HSV erhofft, dann dürften einige der Neuzugänge ihren aktuellen Einkaufswert relativ schnell deutlich übersteigen.
Genau darin liegt für mich der entscheidende Unterschied zu früheren HSV-Zeiten. Damals wurden teilweise hohe Summen für Spieler ausgegeben, die unmittelbar funktionieren mussten. Jeder Transfer brachte automatisch Erwartungsdruck mit sich. Jeder Neuzugang musste aufgrund seiner Ablöse sofort liefern. Und wenn das nicht funktionierte, wurde aus sportlichem Druck sehr schnell wirtschaftlicher Druck. Das ist diesmal anders. Der HSV hat nominell sehr viel Qualität verpflichtet, ohne sich damit gleichzeitig selbst eine überzogene Erwartungshaltung einzukaufen.
Qualität in der Breite und ein starker Weg
Mit Ausnahme eines jungen Perspektivspielers wie Amoako, bei dem es völlig normal ist, dass er nicht sofort im Mittelpunkt stehen muss, sehe ich bei den Neuzugängen vor allem Spieler, die dem HSV unmittelbar zusätzliche Qualität geben können. Mehr Breite, mehr Konkurrenz, mehr Möglichkeiten. Und genau das braucht eine Mannschaft, die sich in der Bundesliga etablieren möchte.
Interessant ist dabei auch, wie der HSV inzwischen von außen wahrgenommen wird. Das Lob für die Hamburger Transferphase kommt längst nicht mehr nur aus dem eigenen Umfeld. Auch Konkurrenten und externe Beobachter bescheinigen dem HSV einen richtig starken Sommer. Teilweise wird der HSV inzwischen sogar deutlich höher eingeschätzt, als man es im Volkspark selbst öffentlich als Ziel formuliert.
Auch das gefällt mir. Denn intern muss niemand anfangen, Europa auszurufen oder irgendwelche Tabellenplätze zu versprechen. Der HSV kann weiter Schritt für Schritt arbeiten und dabei auf einer Mannschaft aufbauen, die meiner Meinung nach deutlich stärker und vor allem kompletter geworden ist. Genau das ist der Weg, den ich mir für diesen Verein erhofft hatte.
Was diese Entwicklung für mich zusätzlich spannend macht: Es kommen wieder junge Spieler nach. Natürlich weiß heute niemand, welcher dieser Jungs am Ende tatsächlich den dauerhaften Sprung in die Bundesliga schafft. Aber genau dafür muss man ihnen überhaupt erst einmal die Möglichkeit geben. Und einen Spieler nehme ich dabei inzwischen ausdrücklich aus jeder vorsichtigen Prognose heraus: Louis Lemke. Für mich hat Lemke inzwischen mehr als einmal gezeigt, dass er nicht einfach nur „ein Talent“ ist. Der Junge kann dem HSV helfen. Jetzt. Nicht irgendwann.
Und deshalb würde ich ihn gegen Mainz auch wieder beginnen lassen. Ganz einfach nach dem Leistungsprinzip. Egal, wie gut Wolfe am Ende sein wird und egal, wie viel Erfahrung ein neuer Spieler mitbringt: Zum jetzigen Zeitpunkt ist Lemke besser in die Abläufe integriert, kennt seine Mitspieler, kennt die Automatisierungen und hat sportlich schlicht keinen Grund geliefert, ihn aus der Mannschaft zu nehmen.
Warum sollte man es also tun? Mich irritiert diese Argumentation ohnehin immer wieder: Auf der einen Seite wird jahrelang darüber geklagt, dass der HSV zu wenig eigene Talente entwickelt. Und sobald dann ein junger Spieler tatsächlich seine Chance nutzt, soll möglichst schnell wieder der erfahrenere Profi spielen. Beides funktioniert nicht. Wer Nachwuchsspieler entwickeln will, muss ihnen auch dann vertrauen, wenn plötzlich Konkurrenz dazukommt. Nicht aus Romantik, sondern aufgrund von Leistung. Und nach diesem Maßstab gehört Lemke für mich gegen Mainz in die Startelf.
Trainerteam und der nächste Schritt gegen Mainz
Und damit bin ich automatisch beim Trainerteam. Auch hier bin ich weiterhin überzeugt davon, dass der HSV einen sehr guten Weg eingeschlagen hat. Merlin Polzin ist kein Trainer, der sich über seine Mannschaft stellt. Er arbeitet mit ihr. Auf Augenhöhe. Und vor allem habe ich bei ihm weiterhin den Eindruck, dass er bereit ist, seine eigenen Überzeugungen zu hinterfragen. Das halte ich für eine riesige Stärke.
Wer im Fußball seit 20 oder 30 Jahren als Trainer arbeitet, hat selbstverständlich unendlich viel Erfahrung gesammelt. Erfahrung kann aber irgendwann auch dazu führen, dass man glaubt, schon alles gesehen zu haben. Dann entstehen feste Muster: Das hat früher funktioniert, also funktioniert es wieder. Genau diese Starrheit sehe ich bei Polzin nicht. Wenn etwas nicht funktioniert, verändert er es. Wenn jemand anderes eine bessere Idee hat, hört er zu. Wenn eine bisherige Überzeugung durch die Realität widerlegt wird, hält er nicht aus Prinzip daran fest.
Gerade mit einem jungen Trainerteam und einer Mannschaft, die selbst noch Entwicklungspotenzial besitzt, kann daraus etwas sehr Spannendes entstehen. Mannschaft und Trainer können gemeinsam wachsen. Und genau dafür braucht man einen Kader, der Qualität besitzt, aber nicht durch absurde Erwartungen belastet wird. Das hat der HSV in diesem Sommer geschaffen.
All diese Euphorie bedeutet natürlich nicht, dass der Sonntag zum Selbstläufer wird. Ganz im Gegenteil. Ich erwarte Mainz diesmal noch unangenehmer als in der vergangenen Saison. Auch die Mainzer haben ihren Kader noch einmal verstärkt und gehören für nicht wenige Beobachter zu den Mannschaften, denen eine Überraschungssaison zugetraut wird. Da kommt also niemand in den Volkspark, der sich freiwillig hinten reinstellt und darauf wartet, dass der HSV irgendwann gewinnt. Mainz wird aggressiv sein, intensiv spielen und versuchen, Hamburg möglichst schnell die Freude am ersten Heimspiel zu nehmen. Vorsicht ist deshalb absolut angebracht.
Angst allerdings überhaupt nicht. Und ich bin mir bei dieser HSV-Mannschaft inzwischen auch ziemlich sicher, dass sie keinen Gegner unterschätzen wird. Diese Denkweise hat Merlin Polzin sehr konsequent aus der Mannschaft herausbekommen. Jedes Spiel muss gearbeitet werden, jeder Gegner wird ernst genommen – und dann darf die eigene Qualität den Unterschied machen.
Vielleicht ist das aktuell das Schönste an diesem HSV. Man muss keine völlig verrückten Erwartungen formulieren, um sich auf diese Saison zu freuen. Der Kader ist besser geworden, die Mannschaft ist breiter geworden, es gibt junge Spieler, die Druck machen, und es gibt einen Trainer, der sich selbst und seine Mannschaft weiterentwickeln will.
Dazu kommt ein Verein, der auf dem Transfermarkt investiert hat, ohne sich damit gleichzeitig selbst die Pistole auf die Brust zu setzen. Das ist für mich nachhaltige Entwicklung. Natürlich kann auch diese Saison Rückschläge bringen. Natürlich werden nicht alle Transfers einschlagen. Und natürlich wird es Spiele geben, nach denen wir wieder darüber diskutieren, was alles besser werden muss. Aber die Basis stimmt. Und deshalb gehe ich mit sehr viel Optimismus in diese Bundesliga-Saison.
Jetzt fehlt eigentlich nur noch der passende Start im Volkspark. Sonntag, 15:30 Uhr. Volles Haus. Mainz 05. Stefan Schnoor erklärt in unserem aktuellen Video noch einmal ausführlich, wo er den HSV in dieser Saison sieht, was er der Mannschaft zutraut und wie er die direkte Konkurrenz einschätzt. Und auch bei unserem Tipp liegen wir auf eine Linie: Ich sage: HSV 3, Mainz 1. Und wenn dieser HSV das auf den Platz bekommt, was dieser Kader inzwischen verspricht, dann könnte dieser Sonntag tatsächlich der Auftakt zu einer verdammt schönen Saison im Volkspark werden.
Bis morgen! Ich bin schon heiß auf dieses Spiel – Ihr auch?
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