Meinung

Wenn der HSV nicht am großen Ganzen arbeitet, scheitert auch der beste Trainer...

Zugegeben, einen neuen Trainer für den HSV zu finden, der sofort funktioniert, ist nicht einfach. Allein in den Jahren der Zweitligazugehörigkeit hat der HSV schon alle…

Wenn der HSV nicht am großen Ganzen arbeitet, scheitert auch der beste Trainer...

Zugegeben, einen neuen Trainer für den HSV zu finden, der sofort funktioniert, ist nicht einfach. Allein in den Jahren der Zweitligazugehörigkeit hat der HSV schon alle verschiedenen Trainertypen ausprobiert. Vom jungen Proficoach aus dem eigenen Nachwuchs über Konzepttrainer, alte Hasen, Überzeugungstäter und Malocher war alles dabei. Teilweise mehrfach. Aufgestiegen ist der HSV dennoch nicht. Noch nicht. Wobei die aktuelle Phase den sportlich Verantwortlichen Vorstand, Stefan Kuntz, zurecht zweifeln und reagieren ließ. Wen er jetzt holen soll, werde ich immer wieder gefragt. Und ich gehe darauf am Ende dieses Blogs auch gern ein. Aber vorwegschicken möchte ich, dass der HSV weniger ein Trainerproblem hat, denn ein Problem mit der eigenen Wahrnehmung, der eigenen Positionierung. 

Denn inzwischen gibt es schon zwei dem Erfolg extrem abträgliche Gruppierungen, die den HSV lähmen werden, solange sie existieren. Zum einen sind da diejenigen, die sich mit dem HSV als Zweitligist anfreunden. Angefeuert wurde diese Diskussion in der Ära von Tim Walter (vor allem auch vom Trainer selbst), in der der Zuschauerzuspruch und die Stimmung im Stadion gleichgesetzt wurde mit einem allgemein gültigen Einverständnis dafür, was auf dem Platz geboten wird. Ein Unternehmen wie der HSV darf sich eine solche dem Leistungsprinzip komplett abträgliche Haltung nicht erlauben. Nie! Schon gar nicht von den Spitzenfunktionären vorgelebt. Den betonten Zusammenhalt und Schulterschluss mit den Fans kann man genauso leben, wenn man den eigenen Anspruch maximal hochhält.

Beim HSV ist es nie allein der Trainer, sondern ein bestehender Fehler im Gesamtsystem

Die Kunst hierbei ist nur, dass man den schmalen Grat zwischen maximalem Anspruch und der falschen Arroganz, diesen Erfolg als selbstverständlich zu erachten, wandeln muss. Und das ist in Hamburg noch keinem gelungen, seitdem man in der Zweiten Liga angekommen ist. Wenn ich dann derart Kommentare wie den des Weser Kuriers lese, ärgert es mich schon. Dort heißt es: „Dem Hamburger SV fehlt es nicht an Geld, sondern an Zusammenhalt und Besonnenheit. Nach dem Abstieg 2021 drohte Werder wie ein zweiter HSV zu werden. Nur Platz zehn nach einem Drittel der Saison, ein Impfpassfälscher auf der Trainerbank, eine chaotische Außendarstellung - doch dann gelang die Wende. Dank der Besonnenheit von Ole Werner und dank eines großen Zusammenhalts gelang der Aufstieg. Gefühlt drückte die ganze Stadt Werder im Mai 2022 durchs Tor zur 1. Liga. Hamburg sollte sich Bremen zum Vorbild nehmen.“

Blödsinn! Zumindest in den genannten Punkten. Denn in Hamburg kommen gegen die schwächsten Zweitligateams regelmäßig über 50.000 Menschen ins Stadion, die damit ihren Zusammenhalt ausdrücken wollen. Beim HSV ist der Support keinen Millimeter weniger gut als bei den größten Teams der Welt. Daran hapert es hier schon lange nicht mehr! Aber: Dieser Support allein schießt keine Tore und sichert keinen Aufstieg. Dafür sind immer noch die führenden Mitarbeiter und letztlich die Spieler des HSV verantwortlich. Vielleicht hat das Werder-Personal besser funktioniert, das kann ich nicht beurteilen. Aber ansonsten hat der HSV alles, was man braucht – abgesehen von einem funktionierenden Funktionärs-Konstrukt.

Viele fragen mich immer wieder, warum ich Jonas Boldt nicht zerrissen habe, nachdem er wiederholt den Aufstieg als Vorstandsboss nicht erreichen konnte. Meine einfache Antwort: Weil er intern Prozesse angeschoben hat, die wichtig waren, um eben diese grundverkehrte, anti-leistungsorientierte Haltung in und um den HSV herum abzuschaffen. Und bei allen Fehlern, die Boldt zweifellos gemacht hat, war er der Erste, der sich nachhaltig gegen die zerstörerische Selbstgefälligkeit der Aufsichtsräte, eines Beirates und anderer Gremien sowie Kühnes auflehnte.  Boldt schaffte es, die Geschäftsstelle zu einen und den HSV in Themen wie Jatta und Vuskovic zu einem verschworenen Haufen werden zu lassen, was unabhängig von der einzelnen Korrektheit etwas notwendig-gutes ist. So arrogant er dabei manchmal auch rüberkam, er sorgte für CI beim HSV, das sehr wertvoll ist: Unbedingter Zusammenhalt.

Was er nicht schaffte, war, zu erkennen, als Walter gescheitert war. Ob er es aus Überzeugung oder Eigenschutz machte, ist hier zweitrangig. Mit dieser fatalen Fehleinschätzung konterkarierte er seine eigene Leistungshaltung und war fortan nicht mehr tragbar. Oder? Ich behaupte, der HSV hätte sich dennoch nicht trennen dürfen, da man zu diesem Zeitpunkt völlig unvorbereitet war und keinen besseren gefunden hatte. Dass Kuntz die absolute Wunschlösung des AR war, ist nichts als Verschleierung eigener Unzulänglichkeiten der Dame und der Herren im Aufsichtsrat. Oder anders formuliert:  Selbstschutz. Oder nein, noch mal anders formuliert: einfach Blödsinn. Kuntz war frei, er ist sympathisch, hat einen großen Namen sowie eine mehr als vorzeigbare, sportliche Vita. Aber es war klar, dass auch er Zeit braucht, um sich beim HSV einzufinden. Er muss erst die vielen Strickfallen erkennen, die dieser deutlich zu politisierte HSV mitbringt. Zudem bedarf es noch viel mehr Zeit, um seinen Gedanken vom Leistungsprinzip zu etablieren.

Dass sich Kuntz zu Amtsantritt davon überzeugen (wie ich hörte: dazu überreden) ließ, an Baumgart festzuhalten, war sein erster Fehler und demonstrierte, dass beim HSV nicht die jeweils Verantwortlichen verantwortlich sind, sondern noch immer zu viel (oft ahnungsloses) Umfeld bei den wichtigsten Entscheidungen Einfluss nimmt. Womit ich zu der anderen Gruppierung komme, die Schuld daran ist, dass dieser HSV weiter in der Zweiten Liga rumdümpelt. Denn diese Gruppierung sieht den Abstieg und die aktuelle Zugehörigkeit des HSV in der Zweiten Liga noch immer als Unfall betrachten und glauben, der HSV sei zu groß für die Zweite Liga. Dem ist mitnichten so, im Gegenteil: So groß das Potenzial des gesamten Umfeldes auch sein mag, in der Wirkung ist dieser HSV momentan ein ganz normaler Zweitligaverein.

Die Selbstwahrnehmung beim HSV ist kontraproduktiv

Das immer wieder zusammengestellte sportliche Potenzial wird von der völlig übersteigerten Selbstwahrnehmung gefressen. Oder will hier jemand ernsthaft behaupten, dass alle Trainer beim HSV zu schlecht waren, um aufzusteigen? Nein, das kann nicht sein! Zumal diese Trainer woanders ja auch funktioniert haben oder funktionieren. Was ich damit sagen will: Der HSV muss sich zuerst in seiner Konstellation maßgeblich verändern, sein Mindset komplett umdenken, damit das Endprodukt – der sportliche Erfolg – umgesetzt werden kann. Das klingt einfach, ist aber angesichts der unzähligen Stakeholder und teilweise noch finanziellen Abhängigkeiten schwierig bis unmöglich. Deshalb scheitern in Hamburg auf Sicht auch noch alle. Und es steht zu befürchten, dass das auch mit dem nächsten Trainer passiert…

Trotzdem wolltet Ihr wissen, welchen Trainer ich beim HSV am liebsten sehen würde: Angesichts des bis hierhin Geschriebenen gibt es keinen, dem ich den HSV empfehlen kann. Hier ist ein Scheitern vorgezeichnet. Also würde ich den Gang zum HSV auch denen nicht empfehlen, die ich am spannendsten finde - wie beispielsweise Roger Schmidt. Dass der zudem eh finanziell und vom Anspruch her in einer ganz anderen Liga als der HSV spielt, macht es noch mal unsinniger, darüber zu spekulieren. Trotzdem werde ich Eure Frage nicht unbeantwortet lassen und schließe mich einem Namen an, den ich bis gestern ehrlich gesagt gar nicht kannte, aber dessen Vita ich mir reingezogen habe: Henrik Rydström.

Der Schwede ist derzeit verantwortlich für Malmö FF und bekannt für seine innovative Spielphilosophie, die auf dem Konzept des „Relationismus“ basiert. Und nein, ich bin kein Freund von einer „Verwissenschaftlichung“ von Taktiken, Spielsystemen etc., aber ich finde den Ansatz von Rydström extrem spannend - und vor allem umsetzbar.  Denn diese Spielweise betont dynamische Spielerbewegungen, intuitive Entscheidungsfindung und fluides Passspiel anstelle fester Positionsstrukturen. Ursprünglich inspiriert von brasilianischem Fußball, fördert Rydström eine kreative, improvisatorische Herangehensweise, die auf kurze, präzise Pässe und vertikale Spielverlagerungen setzt​. Die Spieler haben in der Offensivbewegung maximale Freiheiten – aber müssen damit ein hergehend immer auch Entscheidungen treffen, also Verantwortungen übernehmen! Defensiv müssen die Spieler zudem in eine geordnete Struktur zurückkehren.

Rydström wäre ein sehr spannender Kandidat, wenn...

Rydströms Ansatz spiegelt demnach die Balance zwischen maximaler (skandinavischer) Disziplin und südamerikanischer Spielfreude wider. Seine Taktik beruht auf der Anpassung an den Ballträger und die Spielentwicklung, anstatt auf starren Formationen zu beharren. Dies erzeugt ein flexibles, schwer vorhersehbares Angriffsspiel, das gegnerische Verteidigungen auseinanderziehen kann​. In Malmö hat er diese Philosophie erfolgreich implementiert und damit nicht nur die Spielkultur verändert, sondern auch sportlichen Erfolg erzielt. Und wahrscheinlich gefällt mir dieser Gedanke so, weil der HSV eben diese Mischung aus dem Hervorkitzeln des großen offensiven Potenzials und einer disziplinierten, klaren Defensive noch immer nicht gefunden hat – aber zwingend braucht. Sollte man also zu der Überzeugung gelangen – und das geht nur über den persönlichen Austausch (den ich nicht habe) -, dass Rydström auch vom Typus her zum HSV und dessen Philosophie passt, wäre er für mich ein starker Kandidat.

Ich werde mich am morgigen Mittwoch wieder mit unserem Chefanalysten Mats Beckmann zusammensetzen und über Trainerprofile und Trainernamen diskutieren. Immer unterstützt von der umfassenden Datenbank von Createfootball.com werden wir versuchen, den geeignetsten Kandidaten für den HSV herauszufiltern. Euch habe ich hier schon einmal eine Liste mit Trainernamen zusammengestellt, unter denen Ihr Euren Favoriten wählen – oder am Ende einen eigenen Namen nennen könnt. Ich bin sehr gespannt, zu lesen, wie Ihr es seht!

https://poll.fm/14696077

Und dann noch ein Wort zu den aktuellen Ereignissen im Team: Dass Merlin Polzin an seinem ersten Trainingstag Levin Öztunali in die U21 schickt, ist nachvollziehbar. Der Enkel von Uwe Seeler konnte sich beim HSV nie durchsetzen und scheint sich auch nicht durchsetzen zu können. Dass man aber zugleich auch Moritz Heyer abgibt, der hier über Jahre sehr gut funktioniert hat, bis er in ein Tief geriet und sich seither schwertut, finde ich bedenklich. Aber für mich gehört zu einer gesunden Leistungskultur auch der Anspruch an den Trainer, aus dem Spieler immer das Maximum herauszukitzeln. Mindestens aber das herauszuholen, was dieser schon nachgewiesen hat. Denn dann ist auch Heyer eine Verstärkung. Vielleicht nicht für die Startelf – aber als Backup allemal!

In diesem Sinne, im Nachgang leider noch eine sehr traurige Meldung.

Scholle

Ex-HSV-Angreifer Jan Furtok nach langer Krankheit verstorben

Der frühere polnische HSV-Profi Jan Furtok ist tot. Wie sein Heimatclub GKS Kattowitz mitteilte, ist der ehemalige Angreifer des HSV und von Eintracht Frankfurt nach langer Krankheit im Alter von 62 Jahren gestorben.

2021 wurde bekannt, dass Furtok an Alzheimer erkrankt war. Seine Frau Anna hatte damals geschildert, wie sich der Zustand Furtoks immer weiter verschlechterte. Er habe sein eigenes Spiegelbild nicht mehr erkennen können, hatte sie gesagt.

Furtok war 1988 von Kattowitz zum HSV gewechselt. Fünf Jahre später ging der Stürmer zur Eintracht, ehe er zu seinem Herzensverein nach Kattowitz zurückkehrte. Dort ist er als erfolgreichster Torschütze der Vereinsgeschichte eine Legende.

Auch in Deutschland war der Angreifer populär. Furtok lief 188 Mal in der Bundesliga auf und erzielte dabei 59 Treffer. 1986 nahm er mit der polnischen Nationalmannschaft an der Weltmeisterschaft in Mexiko teil. Im Achtelfinale war das Team an Brasilien gescheitert.

Ruhe in Frieden, Jan!

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