Hrubesch verkörpert mehr HSV als alle Leitbilder zusammen
Da saß er nun, oben auf der Pressetribüne mit einem großen TV-Bildschirm vor der Nase, auf dem sich 15 Nasen tummelten – unter anderen auch ich. Und Horst Hrubesch machte gute…

Da saß er nun, oben auf der Pressetribüne mit einem großen TV-Bildschirm vor der Nase, auf dem sich 15 Nasen tummelten – unter anderen auch ich. Und Horst Hrubesch machte gute Miene zum bösen Spiel. Denn er ist kein Freund des virtuellen Miteinanders. Wie er im Laufe des Gesprächs deutlich machte, zieht er den direkten, persönlichen Austausch vor. „Ich mag es, wenn man vorn durch die Tür kommt und loswird, was man loswerden will“, so Hrubesch, der gerade auch für seine Werte hohes Ansehen bei seinen Mitstreiten genießt. Hrubesch ist für viele der Beweis dafür, dass Ehrlichkeit auch im hochprofessionellen und oft brutalen Haifischbecken Profifußball funktioniert. Auch jetzt beim HSV.
Oder anders formuliert: Hrubesch ist ein Sympathieträger, wie ihn der HSV lange Zeit gesucht hat. Auch bei ihm selbst hatte der HSV in den letzten Jahren immer wieder mal angefragt. Aber immer erfolglos. „Zwei-, dreimal ist es etwas ernster gewesen“, so Hrubesch heute, „aber es hat nie gepasst. Zum einen, weil ich beim DFB unter Vertrag stand und dort glücklich war.“ Zum anderen hätten die handelnden Personen, also die Umstände hier in Hamburg, nicht zu dem gepasst, was er wollte. Erst der aktuelle Sportvorstand Jonas Boldt habe ihn von seinem Weg wirklich überzeugen können.
„Es wird hier miteinander, nicht mehr gegeneinander gearbeitet.“
„Wir kennen uns lange und hatten immer Kontakt, auch über Rudi Völler in Leverkusen“, so Hrubesch, der in dem heutigen knapp einstündigen Gespräch keinen Hehl daraus machte, dass er seine Zeit beim HSV sehr eng mit Boldt verknüpfe. Auf den Streit angesprochen, der gerade auf Führungsebene schwelt und eskalieren könnte, reagierte Hrubesch deutlich. „Ich weiß genau, worauf sie ansprechen. Und ich kann nur hoffen, dass wir die aktuelle Ruhe im Verein beibehalten und dass wir uns weiter kontinuierlich entwickeln können.“ Er habe schon andere Zeiten beim HSV gesehen. Hrubesch hat sich intern immer wieder skeptisch geäußert. Hrubesch vermied heute zwar Namen, aber er machte deutlich, weshalb er erst jetzt beim HSV ist: „Es wird hier miteinander, nicht mehr gegeneinander gearbeitet.“
Sollte sich das ändern, das war herauszuhören, wäre auch für Hrubesch beim HSV schnell wieder Schluss. In seinem stolzen Alter von nunmehr 69 Jahren wolle er Spaß an dem haben, was er macht. Zumindest war das Wort „Spaß“ das heute vielleicht meistgenannte in Hrubeschs Ausführungen. Der einstige Weltklassetorjäger des HSV wolle den Nachwuchsspielern bei allen Inhalten vor allem eines vermitteln: Eben jenen Spaß daran, Fußball zu spielen. Aktuell käme der coronabedingt zwar zu kurz. Erzwungenermaßen. Aber auch generell hat Hrubesch ein Problem mit der Nachwuchsarbeit der letzten Jahre.
Als langjähriger DFB-Trainer und aktueller HSV-Nachwuchschef macht sich Hrubesch in der Diskussion um das „Projekt Zukunft“ des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) für Veränderungen in der Nachwuchsarbeit stark. „Was mich eigentlich immer wieder ärgert bei der ganzen Geschichte, ist, dass wir immer dann anfangen, wenn wir merken, es läuft nicht mehr, es geht nichts mehr.“ Man müsse das Ohr immer am Puls der Zeit haben, so Hrubesch, der ein Beispiel aus seiner Zeit beim DFB anführte. Dort habe er sich im Laufe eines Nachwuchslehrganges mal auf dem Zimmer mit seinen Nachwuchskickern unterhalten und sich von ihnen zeigen lassen, wie man online Musik herunterlädt. „Das war die Zeit, wo Handys und Laptops aufkamen. Und ich hatte von beidem keine Ahnung“, so Hrubesch, der hinzufügte: „Man muss mit der Zeit gehen. Wir dürfen nicht nur lehren – sondern wir müssen auch von unserem Nachwuchs lernen.“
Hrubesch bringt 20 Jahre Erfahrung beim DFB mit ein
Und damit spricht Hrubesch mir aus der Seele. Denn es ist beim DFB wie beim HSV: Erst, wenn nichts mehr geht, merken die Dickschädel und Verwalter in den Führungspositionen, dass sie entscheidende, erkennbare Entwicklungen verpasst haben. Läuft es, werden alle gemütlich und sonnen sich im Erfolg. Bis es zu spät ist. Erst dann versuchen alle, das Verpasste binnen Rekordzeit nachzuholen. Vor allem aber wundern sich dann alle, dass das nicht so einfach funktioniert. Beim DFB war das Ende der 90er-Jahre der Fall. 2002/2003 wurden im Zuge der Neukonzeptionen die Nachwuchsleistungszentren bei den Profiklubs installiert, und damit die Nachwuchsarbeit maßgeblich neu aufgestellt. Sehr zum Vorteil für den Deutschen Fußball, wie die erfolgreichen Jahre ab 2006 bei Welt- und Europameisterschaften bewiesen. Eine Zeit, die Hrubesch in Gänze live miterlebte.
Ich erinnere mich da noch sehr gut an ein Spiel bei der EM in Rotterdam. Ich war damals live vor Ort, zusammen mit meinem Vater. Eine Tour, auf die wir uns riesig gefreut hatten, nachdem wir im Losverfahren Glück hatten. Dafür nahmen wir damals nur zu gern in Kauf, dass wir durchmachen und am nächsten Morgen nach Deutschland zurückfahren mussten. Am Ende war es nichts anderes als frustrierend. Denn die DFB-Elf schied gegen Portugal nicht nur sang- und klanglos aus, sondern wurde auch noch gegenwehrlos Tabellenletzter in der Gruppe mit Portugal, Rumänien und England. Da tröstete nicht einmal, dass England auch ausschied.
Ebenfalls trostlos war der Auftritt der Mannschaft nach dem Spiel. Die Spieler grinsten, klatschten mit der B-Elf der Portugiesen ab und verschwand in der Kabine. Ausgepfiffen von den deutschen Fans. Nur einer saß noch lange nach Schlusspfiff auf der Reservebank der Deutschen: Horst Hrubesch. Ihm war anzusehen, dass er sich schämte. Er vergoss sogar eine Träne der Enttäuschung über die Art und Weise des Scheiterns, während ich in der Kurve stand und wenigstens in ihm noch ein Mannschaftsmitglied erkennen konnte, mit dem ich mich identifizieren konnte – und wollte.
Er sei beim DFB gewesen, als um die Jahrtausendwende „der deutsche Fußball am Boden gelegen war“, erinnerte sich Hrubesch an diese Phase heute. 1998/99 sei ein Talentförderprogramm gekommen. Mit spätem Erfolg: „Wir haben Jahre danach gehabt, wo wir top junge Spieler gekriegt haben“, so Hrubesch, der als Beispiele unter anderen 2014-Weltmeister Bastian Schweinsteiger sowie die aktuellen Nationalspieler Serge Gnabry und Leon Goretzka nannte. „Das Entscheidende ist, wenn du Weltmeister wirst, dann musst du mehr tun“, sagte der Europameister von 1980. Es müsse sich immer wieder hinterfragt werden. „Wenn wir dann aber merken, die Jahrgänge sind nicht so gut, es fehlt hier was, es fehlt da was, dann fangen wir wieder von vorn an“, meinte er. Seine Schlussfolgerung daher: „Ich denke, die meisten Fehler machst du immer dann, wenn du ganz oben angekommen bist.“
Hrubesch plädiert für Ruhe beim HSV
Während DFB-Direktor Oliver Bierhoff zuletzt mehrfach den Mangel an deutschen Top-Talenten beklagt hatte, versuchte sich Hrubesch in Lösungen. Er betonte, dass der HSV de facto ein Ausbildungsverein ist und erklärte, wie er sich Nachwuchsarbeit vorstellt. Der Verband hat daher das „Projekt Zukunft“ aufgesetzt. Die viel diskutierte Reform für die Talentförderung ist aber nicht unumstritten. Unter anderem soll die Zentrierung der Toptalente durch Beschränkungen umgesetzt werden. So sollen unter anderem nur noch die Bundesligisten ihren Nachwuchs in einer Liga gegeneinander spielen lassen. Nicht so, wie zuletzt, wo wir beispielsweise als Niendorfer TSV in der B- und der A-Junioren-Bundesliga mitmischten. Aber das ist ein anderes, langes Thema...
Hrubesch selbst hat in Hamburg ebenso ambitionierte, wie langfristig angelegte Ziele. Unter anderem hatte das einstige Kopfballungeheuer zuletzt mal erwähnt, dass er es befürworten würde, wenn der direkte Profiunterbau in der Dritten Liga spielen würde. Heute erklärte er, dass dafür natürlich auch erst einmal die Profis wieder erstklassig und bestenfalls europäisch spielen sollten. Ein weiter Blick in die Zukunft halt. „Für mich ist jeden Tag Zukunft“, sagte Hrubesch dazu.
Hrubeschs Ausführungen heute waren herrlich ehrlich, authentisch und erfrischend klar. „Ich glaube, dass du kontinuierlich die Arbeit vorantreiben musst“, so Hrubesch, der seine Zeit beim HSV sehr eng an Boldt knüpft und als durchaus endlich ansieht. In zwei Jahren wenn sein (und Boldts) Vertrag ausläuft, könne er sich vorstellen, zu übergeben. „Ich hoffe, dass wir die aktuelle Ruhe im Verein beibehalten.“ Und was wie ein Plädoyer für die aktuelle Führung klang, wirkte ehrlich gemeint. Ausschließlich zum Wohle des HSV - was man nicht vielen Führungskräften abnimmt. Und Hrubesch weiß nicht nur durch sein 20 Jahre beim DFB, wie es geht. Er hat auch den HSV in den letzten Jahren begleitet. Immer aus einer sicheren Distanz, weil er das gefühl von Vertrauen braucht. Das hatte er nie. Das hat er jetzt. Und er würde es gern so beibehalten – das wissen wir spätestens seit heute.
Hrubesch hören heißt, von Hrubesch lernen
Man kann nur hoffen, dass möglichst viele im HSV den Worten von Hrubesch folgen. Er hat in 55 Minuten mehr Werte vermittelt, als es ein 100.000 Euro teures Leitbild jemals schaffen wird. Hrubesch ist mehr HSV als alle Leitbilder zusammen. Von mir aus könnte er auch den ersten Vorstand machen. Er vermittelt eine sympathische Richtung und ist damit ein unbezahlbarer Glücksfall für den zuletzt orientierungslosen HSV. Bleibt nur noch die eine Frage: Wenn es eine deutsche Fußball-Ikone wie Hrubesch heute schafft – schaffen es dann die anderen Funktionäre im HSV auch, ihr persönliches Ego zum Wohle des HSV hintenanzustellen und dem HSV so in eine bessere Zukunft zu verhelfen?
Meine Vermutung: Es darf bezweifelt werden. Aber es darf nach heute bzw. nach Hrubesch beim HSV niemand mehr sagen, er hätte es nicht besser gewusst…
In diesem Sinne, bis morgen.
Scholle
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