Analyse

Zumindest der sportliche Bereich lebt das Leistungsprinzip

Es geht weiter in die richtige Richtung. Und das schreibe ich nicht, weil der überaus sympathische Friedhelm Funkel als Dauer-Orakel wieder den HSV lobt. Nein, vielmehr geht…

Zumindest der sportliche Bereich lebt das Leistungsprinzip

Es geht weiter in die richtige Richtung. Und das schreibe ich nicht, weil der überaus sympathische Friedhelm Funkel als Dauer-Orakel wieder den HSV lobt. Nein, vielmehr geht HSV-Trainer Tom Walter weiterhin den Weg über die Jugend. Ein wenig erzwungen – zugegeben. Aber er geht ihn gut. Gestern im Testspiel gegen das dänische Topteam FC Nordsjaelland warf der HSV-Trainer neben Rückkehrer Anssi Suhonen auch Elija Krahn mit rein, der schon seit einiger Zeit immer wieder bei den Profis trainiert. Und Krahn spielte eine saubere Partie. Mit viel Übersicht, einer guten Zweikampfführung und hoher Ballfertigkeit wusste der Youngster, der als A-Jugendlicher schon in der Regionalliga-Mannschaft spielt, zu überzeugen.  Einzig in Sachen Robustheit und Dynamik sehe ich bei Krahn noch Defizite, die aber in Teilen trainierbar sind. Aber: Ein vielversprechendes Talent für die Zweite Liga ist der 19-Jährige allemal.

Mehr als das ist Anssi Suhonen, der gestern gegen die Dänen nach seiner langen Verletzungspause endlich wieder Spielpraxis sammeln konnte. „Das war nicht gut von mir“, war der junge Finne nach Spielschluss unzufrieden, „gar nicht gut.“ Er habe zu viele Ballverluste gehabt, sich zu oft falsch entschieden und noch zu oft zu lange am Ball gebraucht. „Aber ich hoffe, dass das jetzt alles ganz langsam wieder kommt. Ich brauche einfach Spiele. Viele Spiele“, so Suhonen, obwohl er das 1:2 vorbereitet und das 2:2 mit einem sehr schönen direkt verwandelten Freistoß selbst erzielt hatte.

Und so hart Suhonen mit sich selbst ins Gericht ging, so voll des Lobes war sein Trainer. „„Bei Anssi merkst du einfach, da er lange verletzt war, dass er noch nicht bei 100 Prozent ist“, so der Coach, ehe er betonte, dass er das auch nicht erwartet habe: „Mir geht es darum, dass sich alle auf dem Platz zerreißen. Und das haben sie gemacht. Auch Anssi, der das erste Tor verschuldet und das unbedingt wieder gutmachen wollte.“ So unbedingt übrigens, dass er dem älteren Miro Muheim in der 89. Minute den direkten Freistoß „klaute“. „Ich habe ihm gesagt, dass ich schlecht gespielt habe und das wiedergutmachen will. Dann hat er mich gelassen.“

Mit Erfolg. Denn der Freistoß war nicht nur drin, sondern sah auch so gekonnt aus, dass ich Suhonen per sofort in die engere Auswahl neben Kittel, Vuskovic und Muheim als feste Freistoßschützen nehmen würde. Ob er das extra trainiert, wollten wir von Suhonen wissen. Seine Antwort: „Nach dem Training immer wieder. Wir üben solche Sachen immer wieder.“ Und mit wir meint Suhonen vor allem sich und die Trainier, die auf sein Bitten mit ihm Sonderschichten schieben.

Apropos Sonderschichten: Das trifft auch auf einen Spieler zu, der gestern das erste Mal im Profiteam mitspielen durfte und dann auch gleich traf: Tom Sanne. Der junge Angreifer war in der zweiten Halbzeit erst eingewechselt worden und ackerte genauso, wie es sich Tim Walter erhofft hatte („Das hat der Junge richtig gut gemacht“). Und er traf mit seinen gerade einmal 1,70 Meter Körpergröße sehenswert zum 1:2 per Kopf.  Wichtiger aber fand ich, wieso Walter auf ihn dazu berief. „Tom hat es am Dienstag in unserem Talentspiel gut gemacht“, so Walter, der ihn diesem Zusammenhang davon sprach, dass sich der junge Angreifer die Nominierung „verdient“ habe. Ein Wort, das in den letzten Jahren viele Trainer immer wieder benutzten, dabei aber zu oft junge Spieler zu früh hochzogen oder gar übereifrig (oft auch als Quotenspieler aus der Region) mit Profiverträgen ausstatteten. Ashton Götz, Jonas Behounek, Tolcay Cigerci, Ronny Marcos und Co. lassen grüßen.

Von daher freut es mich, dass endlich wieder ein Trainer beim HSV agiert, der das Leistungsprinzip lebt. Und das kommt an. Es spricht sich herum, dass Leistung belohnt wird. Es gibt Beispiele wie Faride Alidou, Suhonen, Krahn oder jetzt eben Tom Sanne, die das immer wieder belegen. Und das trägt sich bis ganz tief runter in den Nachwuchsleistungsbereich. Tausendmal nachhaltiger als mit irgendwelchen großen Ankündigungen.

Wobei ich sagen muss, dass das bei Sanne auch absolut verdient ist. Völlig unabhängig davon, ob Sanne den Sprung in den Profifußball schafft oder nicht – er hat sich die Chance dazu redlich verdient. Nicht, weil er in drei U19-Bundesligaspielen drei Tor erzielte und für die Regionalliga bei zwei Einsätzen einmal erfolgreich war. Das kommt on top. Vielmehr aber ist Sanne der Typ Fußballer, der immer an sich arbeitet. Er ist sicher kein Sonny Kittel am Ball – aber er macht die Wege, die Kittel immer mal wieder vernachlässigt. Und genau diese Spieler braucht eine erfolgreiche Mannschaft für die richtige Mischung.

Und ebenso wie bei Suhonen kommt diese Entwicklung auch hier nicht von ungefähr. Denn Sanne arbeitet seit vielen Jahren neben dem normalen Mannschaftstraining mit einem persönlichen Trainer. Schon als er bei uns in Niendorf spielte war Mo Nasrallah als erfolgreicher Jugendtrainer immer an seiner Seite. Nasrallah baute seinen Schützling dabei altersgerecht körperlich auf (damit hatte Sanne eigentlich nie Probleme) und förderte den Angreifer, wo er nur konnte. Selbst als es coronabedingte Lockdowns gab, baute Nasrallah auf Parkplätzen und anderen freien Flächen Trainings-Parcours für Sanne auf – und der trainierte bis zum Umfallen.  Schon deshalb freue ich mich für Sanne und seinen großartigen Einstand bei den Profis.

Kämpft um jeden Zentimeter - und um seine Chance, bei den Profis spielen zu dürfen: Tom Sanne (r.) Foto: WITTERS

Freuen dürfen wir uns auch weiterhin auf EM-Spiele 2024 in Hamburg. Sagt zumindest HSV-Vorstand Thomas Wüstefeld. „Nach dem jetzigen Kenntnisstand und wie wir uns mit unseren Partnern austauschen, bin ich sehr zuversichtlich, dass die EM 2024 in Hamburg stattfinden wird“, so der 53-Jährige, der gestern vor dem Haushaltsausschuss der Hamburger Bürgerschaft eine Abfuhr in Sachen Bürgschaft erhalten hatte. Und während Wüstefeld die Zweifel an seinen Titeln „Professor“ und „Doktor“ per Vorlage der jeweiligen Urkunden intern angeblich nachgewiesen hat, steht sein Versprechen, die Stadionsanierung finanziert zu bekommen, weiter auf wackeligen Füßen.  „Ich hoffe nicht, dass es noch Dinge gibt, die ich nicht kenne und die uns überraschen“, räumt auch Wüstefeld ein, um dann wieder in gewohnt optimistischer Manier zu formulieren: „Aber nach der jetzigen Ausgangslage bin ich sehr, sehr zuversichtlich.“

Na dann. Warten wir mal ab, wie sich die Vorstandsdebatte entwickelt, nachdem der HSV offenbar schon finanziellen Schaden genommen hat. So soll nach Abendblatt-Informationen mit der Telekom ein Großsponsor (1,5 Millionen Euro im Jahr) wegen der entstandenen Unruhen abspringen wollen. Und ich weiß von mindestens einem größeren Partner des HSV, dass aus selbem Grund betriebsintern der Ausstieg beim HSV diskutiert wird.

Ein bitterer Vorgang, sofern sich die Vorwürfe gegen Wüstefeld weiterhin nicht bestätigen sollten. Aber auch ein Vorgang, den Wüstefeld sowie der Aufsichtsrat, dessen erste Aufgabe die Kontrolle der Geschäfte des HSV ist, längst hätten vermeiden können. Nein: Hätten vermeiden müssen. Und allein deshalb halte ich weder Wüstefeld noch den Aufsichtsrat in seiner aktuellen Konstellation für ansatzweise tragfähig. Ich behaupte sogar, dass beide von sich aus erkennen müssen, dass sie dem HSV aktuell mehr schaden als helfen können.

In diesem Sinne, das Wochenende haben die Spieler ebenso wie heute frei. Ich melde mich spätestens am Montag wieder bei Euch. Bis dahin!

Scholle 

P.S.: Der HSV wird in der langen Winterpause in die USA reisen. Die Meldung könnt Ihr HIER lesen.

Anzeige · Partner

Zeig deine Farben

Unsere Freunde von HANDS OF GOD setzen ikonografischen Momenten und Legenden der Vereinsgeschichte ein künstlerisches Denkmal.

Alle Hamburg-Motive bei HANDS OF GOD

Wir sind Partner von HANDS OF GOD und bekommen eine Provision, wenn du über diese Links kaufst — für dich ändert sich am Preis nichts. Gezeigt werden nur Motive, die wir selbst aufhängen würden.

Diskussion

0 Kommentare

Diskutier mit!

Registriere dich kostenlos — dann kannst du unter den Beiträgen mitdiskutieren, antworten und liken.

Jetzt kostenlos registrierenAnmelden
DU
Bleib fair — wir moderieren mit Augenmaß.
Noch keine Kommentare — sei der/die Erste.
Lies weiter Meinung HSV-Blamage- Die Taktik war das geringste Problem Ein Tag nach der Pleite sitzt der Frust tief. Neben taktischen Mängeln fehlte vor allem eins: die Bewegung und der Wille, den Ball zu fordern. Das Problem war viel tiefer als die reine Herangehensweise Weiterlesen