Zu wenig neue Profis - der HSV-Nachwuchs ist eine Großbaustelle
„Wir müssen dahinkommen, jedes Jahr Spieler für die Top-5-Ligen Europas auszubilden“ das sagt niemand geringeres als der neue Direktor Nachwuchsfußball beim HSV, Loic Favé. Der…

„Wir müssen dahinkommen, jedes Jahr Spieler für die Top-5-Ligen Europas auszubilden“ das sagt niemand geringeres als der neue Direktor Nachwuchsfußball beim HSV, Loic Favé. Der ehemalige Cotrainer von Steffen Baumgart ist seit dieser Saison verantwortlich für den operativen Bereich im Nachwuchs, zusammen mit Horst Hrubesch. Ein Bereich, der seit viele Jahren vom HSV finanziell mit großem Aufwand bespielt wird, der aber bis auf wenige Ausnahmen zu wenig Output liefert. Zumindest sieht auch Favé das so.
Nach monatelangen Praktika und Besuchen quer durch Europas führende Fußballschulen und Nachwuchsleistungszentren sollte er beim HSV im Januar 2024 als sportlicher Leiter im Jugendbereich anfangen, wurde aber durch den Trainerwechsel von Tim Walter zu Steffen Baumgart schon im Februar auf den Cotrainerposten der Profis hochgezogen. Seit Sommer 2024 ist er zurück auf der ursprünglichen Position und hier operativ federführend für die Umstellungen verantwortlich. Sowohl trainingsinhaltlich wie auch personell wurden Umstell8ngen und Nachjustierungen vorgenommen, die am Ende in das eingangs erwähnte Ziel münden sollen, Jahr für Jahr Spieler für die Top-Ligen Europas auszubilden. Denn das gelingt dem HSV deutlich zu selten.
Im Nachwuchs geht es nicht um die Mannschaft, sondern um den Einzelnen
Dass jetzt, wo ich diesen überfälligen Artikel verfasse, einige HSV-Youngster bei Nationalmannschaften erfolgreich unterwegs sind, passt. Fabio Baldé konnte in seinem erst zweiten Länderspiel beim 5:0-Sieg der Deutschen U20-Auswahö gegen Ghana mit einem Assist glänzen. Ein schöner Anfang auf einem noch sehr weiten Weg für den HSV, seinen Nachwuchs wieder erstklassig werden zu lassen. Denn was Favé selbstverständlich nicht sagt, ist, dass der HSV-Nachwuchs aktuell vor einem akuten Qualitätsproblem steht.
Wobei man hier zwingend unterscheiden muss, wenn man die Nachwuchsarbeit generell bewertet. Denn mannschaftlicher Misserfolg ist nicht zwangsläufig ein Indiz dafür, dass im Nachwuchs schlecht gearbeitet wird. Denn die Nachwuchsmannschaften sind selten so konzipiert, dass sie über Geschlossenheit auffallen sollen. Vielmehr geht es darum, möglichst viele Spieler individuell auf das Niveau zu hieven, Profifußballer zu werden. Und das war noch nie anders.
Schon zu meinen Jugendfußballzeiten waren die HSV-Leistungsmannschaften oft auf allen 11 Positionen individuell besser aufgestellt als wir vom vergleichsweise mittellosen Niendorfer TSV. Trotzdem haben wir erstaunlich oft gewinnen, weil die HSV-Spieler oft zu eigensinnig agierten – und das unter dem Applaus der Trainer. deren Messlatte war weniger die Tabellenplatzierung als die Anzahl der Spieler, die es zu den höherklassigen Mannschaften schafften. Für Trainer, die weiterkommen wollen, oft ein zweischneidiges Schwert. Im besten Fall – und diesen Anspruch müssen eigentlich alle Nachwuchsmannschaften der Profiklubs haben – kollaborieren individuelle Qualitäten mit mannschaftlichem Erfolg. Zumal auch die Abstimmungsfähigkeiten der Spieler eine Qualität darstellen, die „oben“ gefordert wird. Aber eben nicht primär.
Der HSV stellt seinen Nachwuchs neu auf - mit Loic Favé
Wie überall gilt aber auch im HSV-Nachwuchs, dass man Geduld braucht. Neue Konzepte, wie sie beispielsweise Bernhard Peters seinerzeit oder eben jetzt auch Favé aufsetzen, lassen den Erfolg nicht von jetzt auf gleich erwachsen. Umstellungen und personelle Veränderungen werden vorgenommen, die Zeit brauchen, sich zu akklimatisieren. Zudem werden neue Trainingskonzepte angeordnet, und auch diese müssen von den Trainern erst einmal angenommen, verstanden und umgesetzt werden.
Ich kenne Loic schon aus Jugendzeiten beim ETV. Dort hat er als One-Man-Show den gesamten Jugendbereich umgestaltet und es so als einiger der wenigen Amateurclubs Deutschlands geschafft, seine Topteams bis in die Jugend-Bundesligen zu führen. Nicht von jetzt auf gleich – sondern über einige Jahre. Beim HSV hat er zweifellos andere finanzielle und infrastrukturelle Umstände als beim ETV. Und dementsprechend wird der Erfolg hier auch schneller erwartet. Und die Frage, wie viel Zeit man ihm dafür gewähren muss, ist nicht klar zu beantworten. Wichtig ist aber, dass man hier nicht immer wieder alles einreißt, neu besetzt und neu aufbaut, bevor das andere eine echte Chance hatte. Wobei ich bis heute nicht verstanden habe, weshalb man den Nachwuchsbereich beim HSV nicht schon seit vielen Jahren in den Fokus gerückt hat. Wo sonst hat der HSV denn heute noch die Chance, einen echten Topspieler zu bekommen?
Ich bleibe auch dabei, dass die vielen Millionen Euro für den Profifußball gut sind, um die hohen Ziele zu erreichen. Ich bleibe aber auch dabei, dass sich eine Million Euro mehr für den Nachwuchs schnell rechnen kann, wenn man es richtig macht. So, wie es andere Klubs machen, die immer wieder versuchen, die besten Spieler der entscheidenden Jahrgänge zu sich zu lotsen. Oft mit Geldaufwand, über den sich viele mokieren. Gern genommenes Beispiel: RB Leipzig. Die Leipziger gelten als das Hassobjekt der Fußballtraditionalisten. Moralisch kann ich da auch einiges nachvollziehen. Aber inhaltlich machen diese Klubs trotzdem sehr vieles besser als andere, was sich schon darin äußert, dass sie viele andere seit Jahren zunehmend überflügeln.
Das Geld ist im Nachwuchs gut angelegt, wenn...
„Die zahlen ihren Jugendlichen teilweise 7.000 Euro im Monat, das ist doch Wahnsinn“, habe ich letzte Woche von einem Elternteil gehört, dessen Sohn von RB angesprochen worden war. Und ja, für einen 14- oder 15-Jährgen diese Summe zu zahlen klingt absolut unmoralisch. Aus Vereinssicht ist es aber oft sehr sinnvoll investiertes Geld, wenn dieser Spieler in zwei oder drei Jahren ins Profiteam aufrückt und im besten Fall nach ein paar Jahren noch teuer verkauft wird. Und so ehrlich muss man dann selbst als Traditionalist wie ich sein: Der sportliche Erfolg im Big-Business Profifußball ist immer auch unmittelbar an den wirtschaftlichen Erfolg geknüpft. Diese Uhr lässt sich einfach nicht mehr zurückdrehen.
Was ich damit sagen will: Der HSV täte gut daran, seinen Leistungsbereich in der Jugend so aufzurüsten, dass ein ganzheitliches Konzept erarbeitet wird, nach dem man sich in den nächsten zehn Jahren richtet. Leistungsbezogen, pädagogisch auf höchstem Niveau und sehr eng an die Voraussetzungen des Profifußballs gekoppelt. Der HSV macht das, indem er seine jungen Spieler Workshops durchlaufen lässt, in denen sie auf das spätere Leben als Fußballer vorbereitet werden sollen. Aber auch hier gilt, wie beim HSV an sich: Solange ich kein erkennbares, gutes Bild nach außen trage, was diesen HSV einzigartig wirken lässt, wird es schwer. Oder weiß jemand von Euch heute noch, was in dem einst teuer erarbeiteten HSV-Leitbild steht? Eher nicht…
Ich finde ehrlich gesagt, dass der Profibereich durch den geschlossenen Umgang bei den Problemen mit Jatta und auch Vuskovic zuletzt extrem viel Profil gewonnen hat. Der HSV steht wieder für Zusammenhalt und ein hohes Maß an Loyalität. Wer zum HSV kommt, darf sich der unbedingten Unterstützung der Vereinsoberen sicher sein, solange er sich hier gut verhält. Das ist top und spricht sich auch unter den Spielern herum. Aber im Nachwuchs sehe ich diese Message nicht. Hier gibt es viele Mannschaften mit hohen Ansprüchen, die alle ihre eigenen Geschichten erzählen. Aber diese eine übergeordnete, allgemein gültige und beschreibende Überschrift bzw. die so oft geforderte klare HSV-DNA, die fehlt.
Dem HSV fehlt im Nachwuchs das Alleinstellungsmerkmal
Und damit will ich hier gar nichts verwissenschaftlichen, denn Fußball ist nicht immer kompliziert. Aber der HSV muss eben auch wissen, was er bieten kann – und wo er anderen unterlegen ist. Der HSV muss im Nachwuchs einen Weg gehen, der für die besten Nachwuchsspieler zielführend ist, Profi werden zu können. Und die Chance, als junger Spieler in der Zweiten Liga eingesetzt zu werden, ist deutlich höher als beispielsweise bei Champions-League-Teams wie Leipzig, Dortmund, Bayern und Co. Wenn man sich eingesteht, unter den aktuellen Umständen ein Ausbildungsverein zu sein, kann das sehr gut funktionieren. Wenn man sich im Ansehen aber noch immer mit den CL-Teams gleichsetzt, wird man weiterhin scheitern.
Vor allem im Nachwuchs muss man seine Position sehr genau erkennen und akzeptieren, wenn man besser werden will. Der HSV muss seine Vorzüge erkennen und ausbauen, anstatt zu versuchen, heute mit den ganz großen (und dementsprechend finanziell deutlich potenteren) Teams mitstinken zu wollen. Ich würde den jungen Spielern, die alle vom Profifußball träumen, aufzeigen, dass sie beim HSV trainingstechnisch die besten Voraussetzungen vorfinden und dass es ihnen auch sonst an nichts Notwendigem mangelt. Ein Beispiel: Beim HSV wurde in den letzten Jahren genauso viel Trainingszeit angesetzt wie bei anderen, renommierteren Jugendakademien. Aber: Die Zeit, die der einzelne Spieler am Ball hatte, war deutlich geringer. Ein Umstand, der sich messen lässt und der direkte Auswirkungen auf die Ausbildung des Spielers hat.
Aber das ist sicher nur eines von mehreren Beispielen sportlicher Natur. Den finanziellen Anreiz, den viele Berater über die Entwicklung ihrer Talente stellen und die andere Clubs dem HSV voraushaben, würde ich versuchen, mit der Perspektive auf Einsätze bei den Profis zu kompensieren. Immer vorausgesetzt, die Jungs gehen ihre Entwicklungsschritte wie erhofft gehen. Es muss sich herumsprechen, welchen Mehrwert dieser HSV den Toptalenten liefern kann. Und DAS ist aktuell leider nicht der Fall. Der HSV ist trotz seiner infrastrukturellen Top-Bedingungen keine Top-Adresse im Jugendbereich.
Der Nachwuchs ist die größte Chance für den HSV, sich zu rehabilitieren
Und um auch das klar zu sagen: Nichts ist bessere Werbung als Ergebnisse. In diesem Fall sind es die Spieler, die es nach oben schaffen, die das Renommee einer Jugendabteilung bilden. Favé nennt in dem Interview davon einige, die schon gar nicht mehr mit dem HSV in Verbindung gebracht werden. Auch, weil es beim HSV insgesamt sehr übersichtlich ist. Aber diese Beispiele muss der HSV deutlich vermehrt hervorbringen, wenn er den Ruf als Top-Adresse im Nachwuchs für sich beansprucht. Ein Baldé, ein Otto Stange, ein Bilal Yalcinkaya sind hier sicher ein zarter Anfang. Aber auch noch nicht mehr, denn danach kommt eben auch eine ganze Weile sehr wenig nach.
Viel Arbeit für Favé und Co. Und obwohl klar ist, dass für Baumgart und Stefan Kuntz aktuell nichts wichtiger ist als der Aufstieg, hoffe ich, dass die Verantwortlichen dem Nachwuchs endlich die Aufmerksamkeit und die Unterstützung zukommen lassen, die er braucht, um erfolgreich zu funktionieren. Denn auch davon ist der HSV noch sehr weit entfernt.
Mein Fazit: Ich würde erst den Nachwuchsbereich auf lange Sicht planen und dann die dafür notwendigen Mittel errechnen. Die Umsetzung dieses Nachwuchskonzeptes darf auch dann nicht unterbrochen werden, wenn sich Verantwortlichkeiten personell ändern. Und diesem Konzept hänge ich ein realistisches Preisschild um und gehe bei den Freunden, Förderern und Mäzenen des HSV auf Werbetour. Denn der Nachwuchs ist die aktuell größte Hoffnung aller HSVer, irgendwann eine satte Rendite einzufahren und den sportlichen Erfolg der Profis nachhaltig zu sichern bzw. in großen Teilen auch zu finanzieren.
Morgen dreht sich hier dann alles um das Spiel am Sonntag, bei dem der HSV leider verletzungsbedingt auf den frisch operierten Robert Glatzel verzichten muss. Für ihn wird wenig überraschend Davie Selke einspringen müssen, während Ransford Königsdörffer den zweiten Angreifer geben dürfte. Das deutete Trainer Baumgart schon unter der Woche an.
In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Tag!
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