Zeitenwende beim HSV: Köncke ist neuer Präsident
Am 22. Juni 2025 ist beim HSV eine historische Kehrtwende vollzogen worden. Was sich in den letzten Jahren leise andeutete, wurde bei der Mitgliederversammlung zur Gewissheit:…

Am 22. Juni 2025 ist beim HSV eine historische Kehrtwende vollzogen worden. Was sich in den letzten Jahren leise andeutete, wurde bei der Mitgliederversammlung zur Gewissheit: Die Macht im HSV hat sich verschoben - zurück zu den Mitgliedern, zu den Fans und hier insbesondere hin zu den Supporters. Die Wahl von Henrik Köncke zum neuen Präsidenten des HSV e.V. markiert nichts Geringeres als einen U-Turn in der Vereinsgeschichte - eine späte, aber klare Korrektur der schlecht umgesetzten Ausgliederung von 2014.
Mit 65,71 Prozent der Stimmen setzte sich der 34-jährige Köncke gegen Frank Ockens und Kai Esselsgroth durch. Und dass der langjährige Vorsänger von der Nordtribüne nun an der Spitze eines der größten Sportvereine Deutschlands steht, ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses: Köncke, tief verwurzelt in der Fanszene, steht sinnbildlich für diese neue Ära, in der die Kurve die Geschicke im Klub leitet. Jetzt auch beim HSV.
Was vor über einem Jahrzehnt als „Professionalisierung“ durch die Ausgliederung der Profiabteilung begann wurde nun gestoppt. Mit dem neu beschlossenen Supporters Trust, einem Genossenschaftsmodell zur Finanzierung von Infrastrukturprojekten, sichern sich die Fans zudem nicht nur Mitsprache, sondern auch echte Teilhabe an der Zukunft ihres Clubs. Es ist die mächtigste Form der Einflussnahme, die ein e.V. bieten kann – und in diesem Fall auch demokratisch, solidarisch, wertebasiert.
Die Debatte um die Nichtzulassung von Felix Magath als Präsidentschaftskandidat verpuffte auf der Mitgliederversammlung nahezu wirkungslos. Die große Mehrheit der Anwesenden entschied sich klar für eine neue Generation - und gegen die Überprüfumg der Vorgänge rund um die Nichtzulasung Magaths. Realistisch betrachtet hätte Magath wohl auch mit einer zugelassenen Kandidatur kaum eine Chance gegen Henrik Köncke gehabt. Zu geschlossen, zu kraftvoll trat das Lager der Supporters auf - sie sind zweifellos die mächtigste Kraft innerhalb des HSV geworden. Aber darum geht es auch nicht. Denn so eindeutig das Wahlergebnis auch war, bleibt ein bitterer Nachgeschmack: Viele Mitglieder empfinden das Veto des Beirates gegen Magath als schmerzhaften Bruch mit den demokratischen Grundprinzipien des Vereins. Ein Makel, der auch in dem Moment nicht übersehen werden darf, in dem sich die Supporters mit der Führung des HSV-Hauptanteileigners die zentrale Stellschraube des HSV gesichert haben.
Wobei Köncke immer wieder betont, dass er kein Präsident der Ultras ist. Die Sorge mancher Mitglieder, die aktive Fanszene könne nun durchregieren, begegnet er mit dem klaren Versprechen, Brücken zu bauen. In seiner Antrittsrede distanzierte er sich deutlich von Gewalt und extremen Aktionen aus der Kurve. Vielmehr will er verbinden, zuhören, modernisieren - und den HSV in der Stadt wieder sichtbarer machen. Er kündigte ein Jugendgremium an, neue Anlaufpunkte in den Stadtteilen und gesellschaftliche Initiativen, die Haltung zeigen: Blutspendeaktionen, Flohmärkte, soziale Projekte. Der HSV soll mehr sein als ein Fußballverein. Und er soll vor allem wieder bei sich selbst ankommen.
Dazu braucht es Zeit. Köncke steht am Beginn einer Aufgabe, die größer kaum sein könnte. Vom Vorsänger zum Präsidenten - dieser Weg ist nicht nur ungewöhnlich, sondern auch mutig. Köncke weiß, dass er nicht alles sofort verändern kann. Er bittet um Geduld, und er verdient sie auch wie jeder andere. Wer 20 Jahre auf der Tribüne stand, hunderte Nächte in Turnhallen für Choreos geschuftet hat, wer als Logistikmanager bei Hapag-Lloyd nun auf Teilzeit gehen will, um sich ganz dem HSV zu widmen – der handelt aus Überzeugung. Über seine Eignung als Präsident sagt das natürlich nichts aus. Das wird er jetzt beweisen müssen.
Mit Laura Ludwig als neuer Vizepräsidentin, der ersten Frau im HSV-Präsidium, steht ihm dabei eine Persönlichkeit mit großer Strahlkraft zur Seite. Die Olympiasiegerin bringt nicht nur sportliche Expertise, sondern auch neue Perspektiven in die Vereinsführung. Auch sie will zuhören, lernen und gestalten. Ein riesengroßer Gewinn für den HSV e.V., wie ich finde. Dass zudem der wiedergewählte Michael Papenfuß dem Präsidentschafts-Trio angehört, bringt etwas Kontinuität mit sich. Papenfuß wird als Schatzmeister seine Erfahrung der letzten Amtsperiode einbringen können und kennt Köncke schon aus der geneinsamen Zeit im Aufsichtsrat. Apropos: Gespannt bin ich, ob sich Köncke auch als Vorsitzender im Aufsichtsrat sieht und dort eben jenen Papenfuß ablöst….
Finanziell wurde dieser historische Tag vergoldet: Der HSV ist schuldenfrei. Zum ersten Mal in der dokumentierten Vereinsgeschichte. Vorstand Eric Huwer verkündete diese Nachricht und sprach von einem Versprechen für die Zukunft. Und mit dem Supporters Trust als Kapitalquelle ist klar: Künftig sollen Investitionen nicht mehr auf Pump getätigt werden, sondern aus der Mitte der Mitgliedschaft heraus. Damit öffnet sich ein neuer Weg für Fans, sich finanziell an der HSV Fußball AG zu beteiligen – allerdings nicht im Sinne klassischer Investoren, sondern als wertebasiertes Beteiligungsmodell mit demokratischer Kontrolle.
Ein dreiköpfiger Vorstand aus Vertretern des e.V., des Supporters Clubs und des Aufsichtsrats soll die Geschäfte der Genossenschaft führen. Die Mitglieder des Vereins haben künftig die Möglichkeit, Anteile zu kaufen. Ziel ist es, über mehrere Jahre bis zu 100 Millionen Euro zu generieren – zweckgebunden vor allem für die Instandhaltung und Modernisierung des Volksparkstadions, nicht für Spielerkäufe. Erste Investitionen könnten bereits im Herbst 2025 erfolgen.
Vorbild für das Projekt sind Fan-Initiativen anderer Clubs, etwa bei den Glasgow Rangers oder dem FC St. Pauli. Während dort Euphorie herrscht, zeigt das Beispiel Schalke, wie stark die sportliche Lage die Investitionsbereitschaft beeinflussen kann.
Die HSV-Führung, allen voran Vorstand Eric Huwer, unterstützt das Projekt ausdrücklich. Nach Jahren mit Schuldenlast ist der Club inzwischen schuldenfrei – ein Erfolg, der durch gezielte Umschuldung, Anleiherückzahlung und Umwandlung von Darlehen in Anteile möglich wurde. Die solide Finanzlage, steigende Einnahmen aus Ticketing, Merchandising und Sponsoring sowie der Aufstieg in die Bundesliga sollen nun genutzt werden, um nachhaltig zu wachsen.
Der Supporters Trust gilt dabei als nächste Etappe in Richtung finanzieller Unabhängigkeit und Fan-Einbindung. „Nicht mehr reagieren, sondern selbst gestalten“ lautet das Motto – mit dem Ziel, den HSV dauerhaft zu stabilisieren und die Fans dabei mitzunehmen.
Fazit: Die Wahl Henrik Könckes ist mehr als ein personeller Wechsel. Sie ist ein Systemwechsel, eine Zeitenwende. Der Verein geht einen anderen Weg, zurück zu seinen Wurzeln. Die Ausgliederung von 2014 mag auf dem Papier bestehen bleiben. Doch ihre ideelle Kraft wurde an diesem Tag gebrochen. Die HSV-Basis hat sich den HSV genommen, zum ersten Mal ist die Basis jetzt auch operativ entscheidend. Und Köncke hat es in der Hand, zu beweisen, dass die Supporters auch führen können. Wobei ich mir in einem sicher in: Ich bin mir sicher, dass diese Veränderungen schon sehr bald erkennbar werden und dass hier schon sehr bald viele sehr kontroverse Diskussionen entstehen werden.
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