Zahlen statt Emotionen: Die datenbasierte Transferanalyse von HSV-Kandidat Oliver Christensen
Der neue HSV-Trainer Tim Walter hat seine erste Spieltags-Pressekonferenz hinter sich – und das erste Spiel vor sich. Und Tim Walter empfindet „totale Vorfreude. Wir alle…

Der neue HSV-Trainer Tim Walter hat seine erste Spieltags-Pressekonferenz hinter sich – und das erste Spiel vor sich. Und Tim Walter empfindet „totale Vorfreude. Wir alle freuen uns unglaublich, dass es endlich wieder losgeht. Es ist mein erstes Pflichtspiel auf Schalke - und dann noch vor Zuschauern“, sagte der 45 Jahre alte Coach zwei Tage vor dem Saisoneröffnungsspiel am Freitag (20.30 Uhr) beim FC Schalke 04. Er ergänzte mit Blick auf den Absteiger aus Gelsenkirchen: „Wir wissen, was auf uns zukommt. Schalke wird in der Liga ein gewichtiges Wort mitreden. Wenn es nach der Papierform geht, sind Schalke und Werder Bremen die Favoriten.“
Mehr als fraglich sind nach Angaben des Trainers Jungstürmer Robin Meißner, bei dem nach einem Tritt in den Rasen noch eine MRT-Untersuchung aussteht, sowie Sonny Kittel. Der Offensivmann hat drei Wochen wegen eines leichten Haarrisses heute das erste Mal wieder mit der Mannschaft trainiert, wird aber für Freitag eher noch nicht in Frage kommen. „Da müssen wir abwarten, ob es bis Freitag schon reicht“, sagte Walter.
Walter ließ durchblicken, dass jene Akteure, die am Sonnabend bei der Generalprobe den FC Basel mit 1:0 besiegt hatten, gute Chancen auf einen Platz in der Startelf haben. Neben David, der in den vergangenen beiden Spielzeiten keine Rolle gespielt hatte, wird in der Abwehrzentrale der neue Kapitän Sebastian Schonlau zum Zuge kommen – vor dem weiterhin als Nummer eins gehandelten Daniel Heuer Fernandes. Dass hier ein neuer Keeper im Anflug ist, sei von vornherein bekannt gewesen, so Walter, der sich nach eigener Aussage in diesem Thema auch intensiv mit Heuer Fernandes austauscht.
Geheimnisse gibt es also nicht – aber sehr bald wohl einen neuen Torwart: Oliver Christensen soll es werden. Und in den letzten Zagen haben wir hier die interne Wirkung thematisiert – heute wollen wir mal sehen, wie es rein faktisch und losgelöst von Emotionen um den jungen Dänen bestellt ist. Dafür haben wir einen Gastblog angeboten bekommen, über den ich mich sehr freue. Aber lest selbst:
Liebe HSVer,
mein Name ist Mats Beckmann, ich bin Gründer und Football Data Analyst bei CREATEFOOTBALL, einer Fußball-Consultancy, die mit ihrem Know-How im Bereich Datenscouting national wie international professionelle Fußballclubs strategisch und ganzheitlich in der Kaderplanung berät und zudem mit Berateragenturen sowie Medienanstalten kooperiert.
In diesem Gastartikel widme ich mich einer datenbasierten Einschätzung zum Transfergerücht von Oliver Christensen, der kurz vor einem Wechsel zum HSV stehen soll. Der 22-jährige stammt aus der Jugend von Odense BK und war in den vergangenen zwei Saisons Stammkeeper. Torhüter unterteilen wir datenbasiert in drei Kategorien: Line Keeper, Ball Playing Keeper und Sweeper Keeper.

Line Keeper
Christensen bedient das Profil des klassischen Line Keepers, insbesondere seine starke Quote gehaltener Schüsse von 74.3% sticht hierbei positiv ins Auge. Zum Vergleich: In der zweiten Bundesliga kam 20/21 kein einziger Torwart mit mindestens 10 Einsätzen auf einen solchen Wert. Auch in Bezug auf Schüsse aus kurzer Distanz beweist der Rechtsfuß seine starken Reflexe: 71% der Schüsse aus maximal 10 Metern konnte Christensen parieren, nur Jesper Hansen (Aarhus) war noch stärker.
Dennoch: Der Wert der verhinderten Gegentore (Prevented Goals), die statistisch errechnet werden, weist bei ihm nur ein leichtes Plus auf. Mit 0.6 liegt er auf die ganze Saison gerechnet auf Rang 8 der 12 Keeper. In der Spielzeit zuvor lag er gar bei -2.2, hat also mehr Tore hinnehmen müssen als nach dem expected goals-Modell vorgesehen. Dies zeigt allerdings auch die Entwicklung von Christensen, der sich in diesem Punkt steigern konnte, was auch für die Save rate gilt, die 19/20 noch bei ebenfalls starken 70.4% lag und nun nochmals gesteigert wurde.

Ball Playing Keeper
Spielerisch stehen dem allerdings einige dürftige Parameter gegenüber. So spielte Christensen in der abgelaufenen Saison nur die viertwenigsten Pässe aller Torhüter (12 mit min. 18 Einsätzen) der dänischen Superliga und auch seine Passquote von 79.4% ist kein Qualitätsmerkmal. Rund die Hälfte seiner Pässe waren lange Bälle, ob Christensen für das von Tim Walter bevorzugte Kurzpassspiel geeignet ist, müsste sich demnach erst zeigen. Zumindest eine Anpassungszeit wird hier vonnöten sein.
Sweeper Keeper
Auch im Bezug auf die Strafraumbeherrschung lassen die Daten Raum für Zweifel zu. Der Rechtsfuß führt die mit Abstand wenigsten Luftzweikämpfe aller Torhüter der Liga und gewinnt nur 75% davon, was für einen Torwart ein geringer Wert ist. Auch bei den abgefangenen Pässen und Flanken schneidet der 1.90 Meter große Keeper unterdurchschnittlich ab. Auch die im modernen Torwartspiel wichtigen „Exits“, also Ballaktionen außerhalb des Strafraums, um einen Angriff des Gegners frühzeitig zu unterbinden, gehören nicht zu Christensens Kernkompetenzen. Nur zwei Keeper der dänischen Superliga weisen hierbei eine geringere Anzahl auf.

Fazit: Als Line Keeper ist Oliver Christensen eine gute Wahl, einen Impulsgeber im Spielaufbau respektive einen mitspielenden Torhüter, der Situationen frühzeitig erkennt und durch sein gutes Timing bereinigt, darf man eher nicht erwarten.
Eine Alternative stellt aus Datensicht der 23-jährige Keeper von Nordsjaelland Peter Vindahl dar. Dieser zeigte sich in allen Bereichen extrem stark und ist mit einem Marktwert von 800.000 € bei einem Vertrag der 2022 ausläuft vermutlich gar die kostengünstigere Alternative. Vindahl ist sehr mutig bei hohen Bällen, führt die meisten Luftzweikämpfe aller Torhüter und ist darüber hinaus deutlich mehr ins Passspiel eingebunden. Ihm stehen pro Spiel rund 12 Pässe mehr zu Buche bei einer um 5% besseren Passquote als bei Christensen. Seine Quote gehaltener Schüsse lag bei 71.8% und somit leicht unter dem Wert von Christensen, jedoch mit dem Output von 6.3 verhinderten Gegentoren für Nordsjaelland. Noch dazu ist Vindahl ein mitspielender Torwart und verlässt seinen Strafraum 2.4-mal pro 90 Minuten, erneut die Benchmark der Liga. In Bezug auf die Spielphilosophie von Tim Walter würde der HSV mit ihm einen Keeper bekommen, der wesentlich aktiver mit und gegen den Ball agiert und somit besser ins System passt.
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