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Wüstefeld will mit Boldt weitermachen - und attackiert seinen Vorgänger Wettstein

90 Minuten Gespräch waren es. Und Dr. Thomas Wüstefeld hatte sich viel vorgenommen. Er begann zumindest deutlich forscher als der HSV in den letzten Zweitligaspielen und im…

Wüstefeld will mit Boldt weitermachen - und attackiert seinen Vorgänger Wettstein

90 Minuten Gespräch waren es. Und Dr. Thomas Wüstefeld hatte sich viel vorgenommen. Er begann zumindest deutlich forscher als der HSV in den letzten Zweitligaspielen und im Pokal am Sonnabend in Bayreuth. Wüstefeld nahm in der Runde mit den Journalisten den Zweikampf sofort auf und erklärte in voller Länge, warum es beim HSV aktuell so unruhig ist: Weil Geld fehlt. Nun ist dieser Umstand wahrlich nicht neu. Schon gar nicht beim HSV. In diesem Fall aber geht es um 20 Millionen Euro, die der HSV von der Stadt eigentlich schon bekommen, aber für andere Zwecke als die Stadionsanierung ausgegeben hat. Wüstefeld, der bei der Suche nach der Verantwortung für dieses Misswirtschaften zum verbalen Rundumschlag ausholte, präsentierte uns heute seine Pläne für die nähere Zukunft.

Erst sanieren, dann investieren - so lautet die Kernaussage des 53-Jährigen, der sich zudem eine weitere Zusammenarbeit mit seinem Vorstandskollegen Jonas Boldt durchaus vorstellen kann. „Es gibt kein Zerwürfnis“, sagte Wüstefeld über die Zusammenarbeit mit dem Vorstandskollegen Boldt.

Dass es im Zuge der Personalie Michael Mutzel inzwischen zu einer Lagerbildung gekommen sei, dementierte Wüstefeld. Zumindest er würde sich an solchen nicht beteiligen, sondern „sachlich im Sinne der Sache agieren“. Auf das Thema Mutzel, der angeblich wegen seiner zu großen Nähe zu Wüstefeld von Boldt das Vertrauen entzogen bekam, sagte Wüstefeld heute: „Michael ist Thema Sport, Sport ist Jonas. Ich hoffe auf eine schnelle außergerichtliche Einigung, damit wir schnell wieder in ruhiges Fahrwasser kommen.“ Und dafür hatte Wüstefeld neben vielen anderen Antworten auch eine Ankündigung mitgebracht. So sei er bei der Finanzierung für die notwendige Sanierung des Volksparkstadions, die vor dem operativen Geschäft und eventuellen Spielerverpflichtungen stehe, auf der Zielgeraden. Binnen der nächsten zehn Tage erwarte er, Vollzug vermelden zu können. Noch in dieser Woche soll es die finale Zusage geben. Sowohl das Konzept für die Finanzierung als auch das Bürgschaftskonzept seien vorhanden.

20 Millionen Euro Fremdkapital müsse der HSV dafür aufnehmen. Geld, das zurückgezahlt werden muss. „Aber wir können es drehen und wenden, wie wir wollen: Wir eine Frist bis März 2023, um die Arbeiten umzusetzen. Beginnen müssen wir damit in der WM-Pause. Uns bleibt hier nicht viel Zeit.“ Dennoch glaube er an eine deutliche Entspannung auf allen Ebenen, sofern die Finanzierung wie geplant realisiert werden kann. Vordringlich sind dabei die Erneuerung der Dachmembran sowie die Klimatisierung – womit wir zum zweiten großen Thema des HSV von heute kommen.

Denn Wüstefeld, der parallel zu seiner Vorstandstätigkeit 5,07 Prozent der AG-Anteile hält, beklagte heute unmissverständlich die fehlende Übergabe des alten vom früheren Finanzvorstand Frank Wettstein. Die Übergabe sei „saumies verlaufen“, sagte Wüstefeld und schmunzelte dabei, dass das sogar noch übertrieben positiv dargestellt sei. Er habe beim Kauf der Anteile von Mäzen Klaus-Michael Kühne nicht gewusst, dass das Geld der Stadt zur Sanierung nicht mehr da sei. Wettstein habe ihm erklärt, dass „wirtschaftlich alles berücksichtigt“ sei.

Im Nachgang an die Stadionsanierung solle zudem mit der Kühne Holding über finanzielle Nachbesserungen und auch über eventuelle Regressforderungen an andere Beteiligte nachgedacht werden. Das sei aber Aufgabe des Aufsichtsrates, betonte der Funktionär. „Das, was ich erlebe, ist unfassbar“, umschreibt Wüstefeld die Monate seit seinem Einstieg als Anteilseigner sowie seinen Tätigkeiten als Aufsichtsratsvorsitzender und jetzt im AG-Vorstand. So habe er ebenfalls „nicht gewusst“, dass wegen des Grundstücksverkaufs eine Informationspflicht gegenüber dem Sportausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft besteht.

Das heutige Gespräch war der Versuch Wüstefelds, sich öffentlich reinzuwaschen von den vielen Vorwürfen, die ihn seit der Amtsübernahme begleiten. Er habe mit Popp Feinkost und Admiral Bet beispielsweise Sponsoren zurückgewonnen, die schon gekündigt hatten. Er sei zudem nicht nur für die Finanzen, sondern für alles andere als den Sport in der HSV Fußball AG verantwortlich. Und das, was finanziell schief liegt, habe er zu Beginn seiner Amtszeit nicht wissen können. Die Frage hierbei ist nur: Warum eigentlich nicht? Hätte sich Wüstefeld die Informationen holen können, oder wurden sie ihm – so ist zumindest die heute unmissverständlich geäußerte Auffassung Wüstefelds – vorenthalten? Vielleicht sogar arglistig?

Dinge, die geklärt werden sollen. Nein, Dinge, die aus AG-Sicht geprüft werden müssen, sagt Wüstefeld, der dem Aufsichtsrat einen umfangreichen Bericht erstattet hat, den diese nun prüfen sollen. Im Mittelpunkt hierbei steht der alte Vorstand. Brisant hierbei: Obgleich Wüstefeld immer wieder betonte, dass die Verantwortung für die Finanzen vorher klar ins Ressort von Frank Wettstein zu zählen war, gilt rein rechtlich bei schadhaftem Verhalten die Gesamtschuld des Vorstandes. Und der bestand zu dem beklagten Zeitraum aus Wettstein UND Boldt. Soll heißen: Auch wenn Jonas Boldt nichts mit den Finanzen zu tun hatte, müsste er für etwaige Verfehlungen genauso geradestehen wie Wettstein.  Sol heißen, Wüstefeld hat den Kontrolleuren einen Bericht geliefert, in dem er indirekt auch seinen aktuellen Vorstandskollegen Boldt mit belastet.

Und völlig unabhängig davon, ob dieses Vorgehen nun korrekt ist oder nicht, dürfte das alles andere als harmonisierend auf das eh schon schlechte Verhältnis von Boldt zu Wüstefeld wirken. Auch Wüstefeld gab heute zu, dass die Stimmung in der HSV Fußball AG aktuell „extremst angespannt sei“ „Das Wichtigste ist, dass wir den Volkspark erhalten. Dieses Thema steht wie ein großer Schatten dar. Wenn wir uns von dieser Thematik lösen können, können wir uns auch wieder anderen Themen widmen.“ Dazu gehöre vor allem die Verstärkung des Teams, das am Ende der Saison nach dann fünf Jahren in Liga zwei wieder in die Bundesliga aufsteigen soll. Zuletzt hatte sich nach Boldt auch Trainer Tim Walter sehr offensiv geäußert, neue Spieler zu brauchen. „Es gab eine ‚10+5-Zusage‘, von der wir 10,4 Millionen bislang ausgegeben hatten.“ Die letzten 4,6 Millionen stünden aktuell der Stadionsanierung nach. Wie eigentlich alles aktuell beim HSV.

Trotzdem widmete sich Thomas Wüstefeld zum Abschluss des Gesprächs auf Nachfrage noch mal dem Missverhältnis zu Boldt, das er so gar nicht sehen würde: „Ich kann mir durchaus vorstellen, weiter mit Jonas zusammenarbeiten“, so Wüstefeld, ehe er auf Nachfrage, warum er nicht klar sagt, dass er mit Jonas Boldt zusammenarbeiten will, antwortete: „Ich kann mir das genau vorstellen und ich will dann auch mit Jonas zusammenarbeiten. Das habe ich immer gesagt.“

Na dann. Ich belasse es für heute mal bei dieser Schilderung, die ernüchternd genug ist. Denn alles, was ich bislang von den streitenden Parteien gehört habe, klingt nach alle dem, was man hier beim HSV nach Bernd Hoffmann partout nicht mehr haben wollte. Und ich habe dabei die politisierenden Aufsichtsräte und die Rolle von Klaus Michael Kühne, der sich im Abendblatt mit dem Satz zitieren lässt, dass er hoffe, Wüstefeld sei bald Geschichte, noch gar nicht näher beleuchtet…

Es ist traurig mitanzusehen, wie sich dieser HSV zum x-ten Mal selbst demontiert. 

Scholle

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