Analyse

WM offenbart Systemtrend - auch für HSV-Coach Walter?

Die WM ist beendet. Aber heute steht die Weltmeisterschaft ausnahmsweise noch einmal kurz vor dem HSV (s. Text letztes Drittel). Denn diese WM wurde mit einem Finale beendet,…

WM offenbart Systemtrend - auch für HSV-Coach Walter?

Die WM ist beendet. Aber heute steht die Weltmeisterschaft ausnahmsweise noch einmal kurz vor dem HSV (s. Text letztes Drittel). Denn diese WM wurde mit einem Finale beendet, das nach vergleichsweise langweiligem Beginn sowie eher mäßig spannenden 80 Minuten am Ende noch mal mächtig Fahrt aufnahm und am Ende sogar spektakulär wurde. Und obgleich es fußballerisch sicher nicht das beste Finale aller Zeiten war, war es eines der spektakulärsten. Mit drei Mbappé-Treffern gegenüber zweien von Lionel Messi, der seine eh schon unüberschaubar erfolgreiche Karriere krönte. Es sei ihm gegönnt. So sieht es auch unser Blogfreund Wolfgang Stephan in seinem letzten Beitrag für uns aus Katar. Dazu habe ich Euch im Nachgang eine Auswahl von Pressestimmen eingestellt. Aber lest selbst: 

Letzte Kolumne „Mein KaTAG 31“

Von Wolfgang Stephan

„Ewige Herrlichkeit, Messi. Die Welt ist heute ein gerechterer Ort. Ehre sei Gott, Ehre sei Messi.“  Na ja, ganz so hoch wie „Olé“ in Buenos Aires müssen wir den WM-Gewinn nicht hängen, wenngleich ich Argentinien den Sieg in diesem grandiosen Finale von Herzen gegönnt habe. „Messis Argentinien berührt den Himmel in Katar“, - dieser Satz beschreibt, was sich in der Nacht in Doha abgespielt hat. Wer es erleben durfte, muss keine Zweifel am Fußball als ein verbindendes Element in dieser Welt habe. Selbst die Franzosen feierten mit den Argentiniern, die Inder, Pakistani, Nepalesen, Afrikaner und die Katarer sowieso. Dabei gewesen zu sein und ein wenig mitgefeiert zu haben, war für mich der würdige Abschluss einer WM, zu der ich mit gemischten Gefühlen vor viereinhalb Wochen gestartet war.  34 Tage mit der schönsten Arbeit der Welt in einem Land, das ich sehr differenziert betrachte, was ich auch ausgiebig geschrieben habe.

„Was war für Dich der größte Moment in Katar?“ – ich weiß, dass mir die Frage oft gestellt werden wird. Noch ist mir ein Moment nicht bewusst. Aber ich weiß, was mich am meisten beeindruckt hat: Die Freundlichkeit der Menschen, die in diesem Land leben. 2,7 Millionen Migranten machen Katar aus. Nicht die reichen Katarer, von denen ich auch einige kennengelernt habe und die mir sehr höflich begegnet sind. Mein Katar waren die Taxifahrer, die Busfahrer, die Volunteers in den Stadien, die Verkäuferinnen im Supermarkt, die sofort erkannt haben, wenn der Europäer ein Problem haben könnte. Deswegen hatte ich keine Probleme, weil mir immer sofort eine Lösung geboten wurde. Alles immer mit einer Nettigkeit behaftet, die ich so noch nie erlebt habe. Als ich mich am zweiten Tag nach einem Einkauf verlaufen hatte, haben mich gleich drei Männer so lange durch das Viertel kutschiert, bis ich meine Ferienwohnung fand. Bezahlung? „Bitte beschämen Sie uns nicht.“ Ich fand die Antwort auf meine Überlegung beschämend, ob ich einen suchenden Araber in meiner Heimatstadt im Auto mitnehmen würde.

Was bleibt? Ein unvergessliches Erlebnis, das auf einer Stufe mit Brasilien 2014 steht.
„Die Realität ist vielfältiger als die Schlagzeilen“, dieser Erkenntnis folgend, habe ich versucht, das Land, die Menschen, den Weltcup zu beschreiben.
Ich hoffe, dass mir dies in Teilen gelungen ist. Es war mir eine Ehre, diese Kolumne zu schreiben.

Und während ich mich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bei Wolfgang für die stete, spannende Berichterstattung inklusive seiner Videos von der WM in Katar bedanken möchte, anbei noch die Presstimmen zum WM-Finale 2022: 

Aus Frankreich:

RMC Sport: „Messi und die Albiceleste auf dem Dach der Welt trotz heldenhafter Franzosen und eines Dreierpacks von Mbappé.“

Le Parisien: „Die Blauen sind nah dran am Wunder, Messi und die Albiceleste Weltmeister. Die Mannschaft von Didier Deschamps war so nah dran, doch der dritte Stern blieb ihr verwehrt.“

Le Figaro: „Besiegt durch die Albiceleste von Lionel Messi lassen die Blauen ihren WM-Titel entwischen.“

L'Équipe: „Verhängnisvolle Tränen. Nach einem Finale mit surrealem Szenario, vielleicht dem schönsten der Geschichte, gewann Argentinien die Weltmeisterschaft, indem es die französische Mannschaft im Elfmeterschießen besiegte.“

Argentinien:

La Nación: „Weltmeister! Messis Argentinien berührt den Himmel in Katar. (...) Argentinien Weltmeister. Argentinien Weltmeister. Wir müssen es wiederholen, um es zu verinnerlichen. Argentinien Weltmeister. Argentinien Weltmeister. Sie haben es geschafft. Sie haben es geschafft. 36 Jahre haben wir gewartet. Drei Generationen. Jetzt wurde das Ziel erreicht.“

Olé: „Ewige Herrlichkeit, Messi. Argentinien ist Weltmeister mit Messi als prägender Figur. Die Welt ist heute ein gerechterer Ort. Ehre sei Gott, Ehre sei Messi. Das Schicksal, das so oft so grausam mit ihm umzugehen schien, hatte die beste Rache für ihn auf Lager, den erträumten Tag, die erträumte Weltmeisterschaft, die Weihe, die ewig sein wird. Heute ist Messi in die Ewigkeit eingegangen. Heute ist er für diejenigen, die ihn von Anfang an unterstützt haben, und für diejenigen, die sich ihm später angeschlossen haben, für immer zum Helden geworden. Heute wird Messi der beste Spieler der Geschichte - sorry Diego.“

Clarín: „Die Freude eines Landes: Argentinien ist Weltmeister! Nach 36 Jahren ist die Nationalmannschaft wieder glorreich, und Messi ist jetzt eine Legende. Messi musste leiden. Argentinien musste leiden. Aber das Leiden ist vorbei. Es ist vorbei. Einfach geil. Argentinien ist Weltmeister. Ja, es ist kein Traum. Messi ist Weltmeister. Und das ist Gerechtigkeit.“

La Voz del Interior: „Der Fußball war gerecht mit Lionel Messi, die 10, die in niemands Schatten mehr steht. Mit 35 Jahren hat der Crack aus Rosario seine beste Weltmeisterschaft gespielt. Er war das Genie und die Schlüsselfigur und der Anführer einer Mannschaft, die Geschichte geschrieben hat.“

La Capital: „Danke, Jungs: Argentinien ist Weltmeister! Und eines Tages wurde der Traum wahr. 36 Jahre Sehnsüchte, Hoffnungen, Ärger und Wut. Aber Lionel Messi hat diesen Kampf nicht aufgegeben und auf der letzten Station seiner bemerkenswerten Fußballkarriere das erreicht, was das argentinische Volk und Millionen Menschen auf der ganzen Welt sehnsüchtig herausschreien wollten: Weltmeister!“

Großbritannien:

The Sun: „DAS beste Finale, das es jemals gegeben hat. Das beste Fußballspiel, das es jemals gegeben hat, sicherlich. Der leicht verwirrte FIFA-Chef Gianni Infantino behauptete gestern, dass es die beste WM aller Zeit gewesen sei und nach diesem nervenaufreibendem, verblüffendem und absolut atemberaubendem Fußballspiel hat er jetzt vermutlich recht.“

Daily Mail: „Argentinien im Traumland! Lionel Messi versetzt das Lusail Stadion in Verzückung, als er endlich seinen Traum realisiert, die WM zu gewinnen, und führt Argentinien in einem nervenaufreibendem Elfmeterschießen gegen Frankreich in einem der besten Finals der Geschichte zu Ruhm.“

Guardian: „Lionel Messi hat seine Siegermedaille und die Last der Welt wird sichtlich von seinen Schultern genommen. Er lächelt, strahlt wie ein kleiner Junge, einfach ein glücklicher Kerl. Was eine Vorstellung! Was eine Karriere! Was ein Finale.“

Schweiz:

Blick: „Ein Endspiel für die Ewigkeit. Argentinien gewinnt einen Final für die Geschichtsbücher hochdramatisch im Penaltyschiessen und ist zum dritten Mal Weltmeister.“

Italien:

Gazzetta dello Sport: „Argentinien ist Weltmeister, Messi wie Maradona. Frankreich geht im Elfmeterschießen k.o.“

Corriere della Sera: „Argentinien ist Weltmeister. Es ist die WM von Leo, aber Ehre für Mbappé.“

La Repubblica: „Der Fußball hat Messi geweiht, ihn zur ewigen Legende gemacht.“

Spanien:

Marca: „Messi, jetzt hast du deinen Pokal. Du hast ihn verdient.“

Mundo Deportivo: „Messi und Argentinien haben ihren WM-Titel. In einem historischen Finale holte sich Argentinien nach einem Sieg im Elfmeterschießen gegen eine großartige französische Mannschaft den dritten Stern. Leo war mit zwei Toren gegen einen kämpferischen Mbappé, der einen Hattrick erzielte, entscheidend für den Erfolg.“

As: „Die Weltmeisterschaft in Katar war Messis Weltmeisterschaft. Ohne Wenn und Aber hat sich die Gestalt des Argentiniers in der Geschichte des Fußballs verewigt. Die weltweite Anerkennung seiner Karriere, brillant im Finale gegen Frankreich gekrönt, macht ihn zum Besten aller Zeiten nach Titeln.“

El País: „Das spannendste Finale der Geschichte hat Messi und sein Gefolge gekrönt. Die Welt liegt dem (Fußballer) aus Rosario zu Füßen nach einem spannungsreichen, emotionalen Spiel, das für jeden etwas zu bieten hatte. Es war ein Finale für die Ewigkeit, bei dem das Frankreich dieses Donners namens Mbappé im Roulette der Elfmeter unterging.“

USA:

Los Angeles Times: „Als siebenmaliger Weltfußballer hat Messi praktisch alles gewonnen, was es im internationalen Fußball zu gewinnen gibt und hat trotzdem für den größten Teil seiner Karriere im Schatten von Diego Maradona gespielt, der Argentinien zu jenem letzten WM-Titel 1986 geführt hat. Der Sieg am Sonntag nimmt diesen Schatten weg.“

Washington Post: „Es wirkte unfair, dass im Anschluss an diese Wellen pulsierenden und imperfekten Fußballs, der das großartigste Final-Spiel-Theater das es jemals zu sehen gab produzierte, ein Elfmeterschießen den Gewinner bestimmen würde.“

New York Times: „Lionel Messi musste warten, und warten und warten. Er musste warten, bis er den Sonnenuntergang seiner glitzernd, glorreichen Karriere erreichte. Er musste warten, bis er den Stich eine Niederlage im WM-Finale schon kannte. Er musste warten, sogar nachdem er das argentinische Fußballteam dazu inspiriert hatte, Frankreich im Finale am Sonntag zu besiegen, erst in der regulären Spielzeit und dann in der Verlängerung. Er musste warten, nachdem er zwei Tore geschossen hatte - aber Frankreichs Kylian Mbappé, sein offenkundiger Erbe auf der Weltbühne, traf dreimal und wurde der erste Mann mit einem Hattrick in einem WM-Finale seit mehr als einem halben Jahrhundert. Die reguläre Spielzeit endete 2:2, die Verlängerung 3:3 und dann gab es die Elfmeter, Argentinien gewann, 4:2, und das war die letzte Wendung in diesem außergewöhnlichsten Finale in der langen Geschichte dieses Turniers.“

Zum HSV:

Während einige Konkurrenten schon wieder fleißig testen und trainieren, weilt die HSV-Mannschaft im Urlaub, die Verträge für Sportvorstand Jonas Boldt und dementsprechend bzw. nachfolgend auch von Trainer Tim Walter samt Trainerteam sind in der Mache, und die Kaderplanungen werden wieder konkret. Dass weiterhin nach einem Ersatz für den des Dopings überführten Mario Vuskovic gesucht wird bzw. gesucht werden muss, ist klar. Allein die Art der Verpflichtung ist noch offen. Und so logisch ein Leihgeschäft angesichts der angespannten Finanzsituation auch wäre, so gut finde ich, dass Walter das intern abgelehnt zu haben scheint. Der Trainer will kein reines Leihgeschäft, sondern eine Verpflichtung mit Perspektive auch über den Sommer hinaus. Top!

Und wenn wir schon beim Trainer sind, dann noch ein Wort zu den Lehren, die man aus dieser WM ziehen kann. Denn eines wurde offensichtlich: Rein offensiv ausgelegten Hurrafußball spielte keine der 32 Mannschaften. Im Gegenteil: Am erfolgreichsten waren die Mannschaften, die defensiv kompakt standen und am schnellsten umschalteten. Besonders auffällig fand ich das tatsächlich bei den beiden Finalisten. Insbesondere im Halbfinale der Argentinier gegen Kroatien spielten die Argentinier das System nahe der Perfektion.

Und obgleich der Trend eigentlich keine neue Spielweise ist, sondern dem HSV in den allermeisten Zweitligaduellen vom Gegner entgegengesetzt wird, wird Walter deshalb sein System nicht verändern. Dass der HSV-Coach plötzlich umdenkt, ist (zu 99,9%) auszuschließen. Es wäre auch angesichts der Hinrunde ziemlich sinnfrei, jetzt alles umzustellen. Dennoch bleibe ich wie schon seit dem ersten Walter-Spiel dabei, dass diese Mannschaft noch eine Klasse stärker wäre, wenn sie beide Systeme verinnerlicht hätte.

Denn dann wäre sie nicht mehr annähernd so aufrechenbar, wie sie es aktuell ist. Vor allem würde man den Druck, in jedem Spiel die Initiative über 90 Minuten hochhalten und dominant sein zu müssen, ein Stück weit abgeben können. Man könnte nach einer Führung einfach mal kompakt stehen und den Gegner auskontern. Gut gespielt spart das sogar ein paar Kräfte.

Aber okay, wichtiger als das System ist jetzt tatsächlich erst einmal, dass die Mannschaft an den entscheidenden Punkten verbessert wird. Ein Innenverteidiger mit Stammplatz-Potenzial, ein Backup für Robert Glatzel. Und aus meiner Sicht auch noch ein rechter Verteidiger sind wichtig. Wobei ich Position zwei und drei gleichermaßen wichtig sehe - hinter dem neuen Innenverteidiger. Mehr zum Thema Transfers für den HSV gibt es übrigens morgen hier. Dazu gibts die Tage noch ein paar Gedanken zum Thema Nationalmannschaft und HSV bzw. die Sichtweise auf beide Mannschaften seitens der Fans. 

Bis dahin Euch allen einen schönen Start in die letzte Woche vor Weihnachten!

Scholle 

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