Analyse

Wir dürfen Entwicklung nicht nur fordern - wir müssen sie auch zulassen

Mittwoch ist CommunityTalk-Tag. So auch heute. Und anhand der Fragen bekommt man eigentlich immer ein ganz gutes Gefühl dafür, was die Leute am HSV am meisten interessiert.…

Wir dürfen Entwicklung nicht nur  fordern - wir müssen sie auch zulassen

Mittwoch ist CommunityTalk-Tag. So auch heute. Und anhand der Fragen bekommt man eigentlich immer ein ganz gutes Gefühl dafür, was die Leute am HSV am meisten interessiert. Heute war es neben dem Nordderby und seinen Ausuferungen vor allem die Frage: Wann spielen die beiden letzten Neuen, Mario Vuskovic und Tommy Doyle, endlich? Sind sie schon für das Nordderby bei Werder Bremen eine Alternative? Fragen, die sich recht schnell beantworten lassen: Spielen könnten sie sofort – sie werden es aber noch nicht. Und das auch zurecht, wie ich finde.

Selbst ich, der in den letzten Wochen und Monaten immer wieder unzufrieden war mit David Kinsombi im Mittelfeld, muss sagen: Dort hat der HSV aktuell kein akutes Problem. Gegen Sandhausen haben sowohl Kinsombi als auch seine Mitstreiter Jonas Meffert und ganz sicher auch Moritz Heyer ein gutes Spiel gemacht und Chancen im Minutentakt erspielt. Dass man vorn nicht treffsicher genug war, um dem ganzen Spiel schon schnell jegliche Spannung zu nehmen, es lag ganz sicher nicht an den dreien. Jetzt aber einen von ihnen draußen zu lassen für Youngster Tommy Doyle – es würde nicht nur die Spieler verunsichern.

Gleiches gilt für die Viererkette, in der Jonas David sich seit Saisonbeginn neben Sebastian Schonlau um die Innenverteidigung kümmert. Ich weiß, dass es hier viele gibt, die David als Unsicherheitsfaktor sehen und seine Auswechslung fordern. Aber mal ganz abgesehen von dem Fakt, dass hier keiner weiß, wie schnell und wie gut sich letztlich Vuskovic einfügen würde – der Zeitpunkt für einen solchen Wechsel könnte kaum schlechter sein. Denn David mag noch nicht als Optimalbesetzung durchgehen, aber er entwickelt sich. Vor allem entwickelt er durch das in ihn gesetzte Vertrauen des Trainers Selbstvertrauen und dadurch eine Sicherheit, wie wir sie sonst immer im Zusammenhang mit „Geduld für den eigenen Nachwuchs“ einfordern.

David macht noch immer kleinere und größere Fehler, wie sie junge Profis machen. Aber er hat es sich meiner Meinung nach verdient, dass man ihm weiterhin vertraut. Ihm dahingehend vertraut, dass er sich mit jeder Spielminute weiterentwickelt und auf Sicht zu einer verlässlichen Größe wird. Würde Trainer Walter – was ich nahezu ausschließe – dem Youngster jetzt vor dem wichtigen Nordderby plötzlich das Vertrauen entziehen, es würde Davids Entwicklung um Monate zurückwerfen.

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Nein, David ist ein gutes Beispiel für die immer wieder auffällige Diskrepanz zwischen dem geforderten und dem letztlich Geduldeten. Zwischen der Forderung von außen, auf die eigenen Talente zu setzen, und der eigenen Ungeduld, wenn diese jungen Spieler dann fehler machen. Denn auch wenn viele immer wieder sagen, dass sie bereit wären, den langen Weg der Entwicklung mit allen Höhen und Tiefen mitzugehen – die Praxis beweist leider zu oft das Gegenteil. Auch deshalb stoße ich übrigens bei den Verantwortlichen immer wieder auf ein verständnisloses, müdes Lächeln, wenn ich behaupte, dass man das Umfeld auf dem langen Entwicklungsweg mitnehmen kann. Die Antwort von Jonas Boldt, Michael Mutzel, sowie von Tim Walter und seinen Vorgängern war und ist immer dieselbe:

„Im Fußball wird nur in Ergebnissen gemessen.“

Von daher setze ich in diesem Fall mal auf etwas, was ich sonst für kontraproduktiv erachte: Sturheit beim Trainer. Denn Walter ist vom ersten Trainingstag an nie müde geworden, Jonas David zu loben und ihm Potenzial zum Leistungsträger nachzusagen. Dass er das noch nicht ist – darüber müssen wir nicht reden. Aber das war auch nicht zu erwarten. Zu erwarten war nur, dass man eine Entwicklung sieht. Und die sehe ich. Langsam – aber sie ist da.

Ich glaube tatsächlich, dass in diesem Bereich Geduld angebracht ist. Für mich ist diese Saison der Aufstieg zweifellos möglich – aber ich erwarte ihn nicht. Dafür ist mir das gesamte Konstrukt noch zu wackelig, das Spielsystem zu instabil und die Qualität bei anderen Mannschaften noch größer. Meine größte Hoffnung für diese Saison liegt darin, dass der HSV die vorhandenen Spieler wie beispielsweise David, Reis, Vuskovic, Meißner, Rohr und Suhonen so weiterentwickelt, wie zuletzt Amadou Onana, der dem HSV nicht nur sieben Millionen Euro Ablösesumme zuzüglich Sonderprämien einbrachte, sondern der am Dienstag für den OSC Lille auch sein Champions-League-Debüt feierte. 

Normalerweise würde hier auch Doyle in die Aufzählung gehören, aber bei dem jungen Engländer gehe ich nicht von einem langen Verbleib aus. Dass ihn so viele so schnell sehen wollen – ich ja im Grunde auch – ist reine Neugier. Neugier darauf, ob man mit ihm vielleicht mal wieder einen neuen Hoffnungsträger im Team hat. Er ist einer der wenigen, die noch nicht gezeigt haben, wo ihr Potenzial endet.

Wir sollten endlich mit der Vergangenheit abschließen

Womit ich zu einer Frage komme, die ich mal in den Raum stellen will: Warum sollte man Doyle auch nur ein einziges Mal einem eigenen Talent vorziehen? Meine Antwort: Nur, wenn der junge Engländer der Beste auf seiner Position ist. Und das kann er nach den paar Trainingstagen noch nicht sein. Aber das kann ja noch werden…

Apropos: Heute wurde dafür zweimal trainiert. Morgen wird dann erneut unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert. Zudem melde ich mich wie immer morgen früh um 7.30 Uhr wieder pünktlich mit dem MorningCall bei Euch, um Euch über alles ins Bild zu setzen, was über den HSV sonst noch geschrieben und berichtet wird. Verzeiht mir bitte, dass ich an dieser Stelle dieses Jahr darauf verzichte, mit ehemaligen Größen darüber zu sinnieren, wie traurig es doch ist, dass dieses Nordderby jetzt in der Zweiten Liga stattfindet. Ich habe einfach keinen Bock mehr auf das Schwelgen in der besseren Vergangenheit, solange die Gefahr besteht, dass sich zu viele HSV-Anhänger und -Verantwortlichen gedanklich noch in selbiger aufhalten…

In diesem Sinne, bis morgen! Ich wünsche Euch allen einen schönen Champions-League-Abend!

Scholle

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