Analyse

Wille vor Potenzial - Hrubesch baut für Abschiedsspiel um

Horst Hrubesch mit schlechter Laune zu erleben ist selten. Die lebende Legende des HSV hat in seiner Karriere schon so einiges erlebt und ist schwer zu erschüttern. Dennoch,…

Wille vor Potenzial - Hrubesch baut für Abschiedsspiel um

Horst Hrubesch mit schlechter Laune zu erlebe, das ist selten. Die lebende Legende des HSV hat in seiner Karriere schon so einiges erlebt und ist schwer zu erschüttern. Dennoch,  nach dem Spiel zuletzt in Osnabrück erinnerte ich mich sofort wieder an die EM in Rotterdam. Damals schied die DFB-Auswahl sang- und klanglos gegen Portugal aus und Cotrainer Hrubesch saß noch lange nach Schlusspfiff erschüttert allein auf der Reservebank. Ähnlich muss er sich nach dem willenlosen 2:3 in Osnabrück vor einer Woche gefühlt haben. „Es war enttäuschend“, sagte Hrubesch heute noch mal, „wir wussten, was uns erwartet. Wir haben nur versucht, Fußball zu spielen. Und das funktioniert einfach nicht. Dass wir nicht 100 Prozent abgerufen haben, obwohl es eine kleine Chance für uns gab, das kann ich nicht verstehen. Und da nehme ich keinen aus. Das war einfach enttäuschend.“ 

Während Hrubesch vor dem Osnabrück-Spiel hoffnungsvoll von einer tollen Trainingswoche und davon gesprochen hatte, dass die Mannschaft die Kurve gekriegt habe, musste er nach der Partie konstatieren, dass dem nicht so war. „Wir haben versagt, das muss man so klar sagen“, wurde Hrubesch heute noch einmal sehr deutlich und forderte gegen Braunschweig von seiner Mannschaft einen halbwegs versöhnlichen  Saisonabschluss. „Es geht um drei Punkte. Und zum anderen, dass man die Saison sauber und ehrlich zu Ende bringt“, sagte der 70 Jahre alte Interimstrainer kurz vor dem letzten Saisonspiel im Volksparkstadion am Sonntag gegen den Tabellenvorletzten Eintracht Braunschweig. „Ich denke, für die Braunschweiger geht es noch um vieles, in erster Linie um den Klassenerhalt. Andersherum denke ich, haben wir eine Pflicht gegenüber Osnabrück, dass wir 100 Prozent geben.“ 

Im letzten Spiel seiner letztlich erfolglosen Kurz-Mission muss Hrubesch auf einige Stammkräfte verzichten. Stephan Ambrosius (Kreuzbandriss) und Aaron Hunt (Muskelfaserriss) sind in jedem Fall nicht dabei, Jeremy Dudziak fehlt aus disziplinarischen Gründen. Fraglich ist zudem noch das Mitwirken von U21-Nationalspieler Josha Vagnoman (Oberschenkelzerrung) sowie von Gideon Jung (Knieprobleme), Jan Gyamerah und Amadou Onana (beide Adduktorenprobleme). Sicher aber ist, was ich zuletzt schon vermutet habe: Hrubesch wird keine Rücksicht auf Potenziale nehmen, sondern nach Bauchgefühl die wählen, die bereit sind, 100 Prozent zu geben. Hrubeschs passende Ansage: „Willst du besser sein als andere, musst du mehr trainieren. Und dabei bleibe ich, da müssen wir ansetzen.“

Insbesondere die jüngeren, zuletzt nicht so oft berücksichtigten Spieler, dürfen auf ihre Einsätze hoffen. Jonas David, Ogechika Heil, Momo Kwarteng – und auch Rick van Drongelen nannte Hrubesch dabei explizit. Ob sie alle spielen? Möglich! Zumindest hat Hrubesch nach dem letzten Sonntag in Osnabrück alle Freiheiten, da sich so gar niemand anzubieten wusste. „Wir werden einiges verändern“, kündigte Hrubesch heute an. „Wir haben versucht, über viele Gespräche wieder dahin zu kommen, wo wir gegen Nürnberg waren. Und ich bin überzeugt, dass alle wissen, worauf es ankommt. Ich bin überzeugt, dass wir dann mit 100 Prozent ins Spiel gehen.“ Und allein darüber freue ich mich schon. Denn die Jungen werden sich zerreißen. Hoffe ich zumindest…

Hrubesch freut sich übrigens auch. Vor allem darauf, dass sein Job als Cheftrainer bald vorbei ist. Er hatte Anfang Mai das Traineramt von Daniel Thioune bis zum Saisonende übernommen. Letztlich wurden es nur drei Spiele. Er wird nach dem Spiel wieder auf seinen Posten als Direktor der HSV-Nachwuchsakademie zurückkehren. „Und darauf freue ich mich“, so Hrubesch, dem anzusehen und anzumerken ist, wie sehr ihm die lasche Haltung einiger Profis gegenüber ihrem Job beim HSV auf den Sack geht. „Manchmal guckst du dir die Leute an und fragst Dich: Wer hat dich eigentlich gezwungen, Fußball zu spielen?“, so Hrubesch mit Unverständnis. Und ich kann ihn nur zu gut verstehen. Vor allem, dass er sich darauf freut, wenn es vorbei ist als Trainer dieser Mannschaft. Sein Fazit: „Gelernt habe ich auch einiges. Es bestätigt sich immer wieder, dass man sich auf nichts verlassen kann. Mich ärgert, dass wir dieses Jahr eine Möglichkeit hatten, das Jahr erfolgreich zu gehen. Wir haben die Chance einfach nicht genutzt. Jetzt müssen wir gucken, was wir ändern müssen – und wie. Wir haben auch nächstes Jahr eine Chance. Wir müssen zusehen, eine Saison durchzuspielen – nicht nur eine halbe. Da müssen sich alle hinterfragen.“

Vor allem aber dürften gerade seine Erfahrungen als Cheftrainer (Hrubesch: „Das ist doch noch einmal ein anderer Blickwinkel, da hast du noch mal mehr Input“) bei der Wahl des neuen Personals wichtig werden.  Hrubesch's bodenständige, werthaltige Anforderungen an seine Spieler sind das, was dem HSV abgeht. Seit Jahren. Hier muss angesetzt werden. Hier muss gelten, was für Hrubeschs letztes Spiel als Cheftrainer zu gelten scheint: Der Wille und die Bereitschaft, alles für den HSV zu geben, muss gewichtiger werden.

Apropos: Jeremy Dudziak bleibt zwar für das eine Spiel von Hrubesch suspendiert – die Tür für ihn aber bleibt offen. „Dass jeder mal Fehler macht, passiert. Und wir reden hier noch von einem jungen Spieler. Ich hatte ihm klipp und klar erklärt, was ich von ihm erwarte. Er muss dann auch diese Geschichte akzeptieren, sie verantworten. Jeremy ist ein begnadeter Fußballer, der zu seinen Fehlern stehen muss. Aber es ist kein Welt-Untergang. Wir reden von einem noch jungen Spieler. Und für mich ist das damit dann auch getan. Aber jetzt ist die Geschichte vorbei. Natürlich kann ich mir vorstellen, dass er beim HSV eine Zukunft hat.“  Manchmal sind die Geläuterten ja anschließend die Zuverlässigsten…

In diesem Sinne, ich hoffe, dass am Sonntag ausschließlich die heißesten, willigsten und ausschließlich geläuterte Spieler auf dem Platz stehen. Denn dann habe ich Spaß. Manchmal sogar komplett unabhängig vom Endergebnis. Der Weg ist inzwischen das Ziel…

Scholle

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