Wie gefährlich ist die Preispolitik des HSV?
Es ist eigentlich immer dasselbe Prinzip: Alles geht so lange gut, bis es etwas Besseres gibt. Oder auf diesen Fall bezogen: Die Nachfrage bestimmt den Preis. Und dieser ist…

Es ist eigentlich immer dasselbe Prinzip: Alles geht so lange gut, bis es etwas Besseres gibt. Oder auf diesen Fall bezogen: Die Nachfrage bestimmt den Preis. Und dieser ist beim HSV so hoch wie nirgendwo sonst. Dass die Fans seit Jahren schon diese Preispolitik kritisieren und dieses Thema intern im Austausch mit den HSV-Offiziellen immer wieder anmerken – es wurde erst jetzt wieder so richtig erkennbar, als vor dem Spiel gegen Hannover die gesamte Nordtribüne vollgepflastert war mit Protest-Bannern. „Schämt Euch“ stand dort ebenso wie „Fußball muss bezahlbar bleiben“. Die HSV-Preise wurden als „obszön“ betitelt – und angesichts von mehr als 100 Euro für ein Sitzplatzticket gegen den FC St. Pauli ist diese Kritik zweifellos berechtigt.
Aber: Der HSV macht es, weil er es kann. Heißt es. Der HSV braucht diese Einnahmen, weil sie noch immer ein Viertel des Gesamtetats ausmachen. Ich befürchte, dass hier das eine das andere bedingt. Aber das ist aus meiner Sicht zu kurz gedacht. Denn wenn der HSV in den letzten Jahren ein Faustpfand hatte, dann die eigenen Anhänger. Und damit meine ich weniger den Kuchenblock als die Nordkurve. Also die, die im Stadion für Choreos und Stimmung sorgen. Sie sind der Grund, weshalb der HSV trotz aller Misserfolge noch immer ein volles Stadion hat.
Diese Fans machen auch langweilige Fußballspiele zu echten Events und verpassen dem Stadionbesuch den Ruf, den er hat: ein echtes Erlebnis zu sein. Und diese Fans vergrault man mit derartigen Preisen auf Sicht. Da bin ich mir sicher. Ein guter Bekannter war gerade in Italien und hat dort mit seinem 14 Jahre jungen Sohn und seiner Frau das Spiel Lazio gegen Juve besucht. Kostenpunkt: 170 Euro – für alle drei. Wohlgemerkt erste italienische Liga. Und hier soll das Spiel zweier Zweitligisten fast doppelt so viel kosten?
Um das ganze Thema mal einzuordnen: Diese Diskussion um überhöhte Ticketpreise hat der HSV nicht exklusiv. Er hat diese Diskussion auch schon seit frühen Hoffmann/Beiersdorfer-Zeiten. Bislang hat sich im Fanverhalten wider alle Ankündigungen nichts verändert. Die Zuschauer kommen in dieser Zweitligasaison sogar mehr denn je. Aber: der HSV dreht das Rad immer weiter. Ohne dadurch Konsequenzen zu erfahren. Dennoch ist diese Situation gefährlich. Denn aktuell lebt alles von der Spannung der Saison. Aber sollte sich diese Zuversicht nicht im Ergebnis bestätigen, kann es gefährlich werden für die scheinbar unerschütterlich wirkende Koalition HSV/Fans. Vielleicht sogar gefährlicher als es die Verantwortlichen gerade wahrhaben wollen.
Gefährlicher wird endlich auch wieder Sonny Kittel – für die Gegner. Nach dem geplatzten Millionen-Wechsel im Winter nach Saudi-Arabien war der ebenso hochbegabte wie sensible Offensiv-Spieler fast drei Monate abgetaucht. „Wir haben ein sehr gutes Gefüge. Jeder hat Verständnis dafür gehabt, was Sonny in den letzten Monaten durchgemacht hat“, meinte Trainer Tim Walter. „Trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass er früher zurückkommt aus der Phase.“
Und so gern ich es glauben würde – noch sehe ich Kittel (noch) nicht als „zurückgekommen“ an. Er hat gut gespielt gegen Hannover, fand ich. Und ich stimme Walter zu, wenn er sagt, „wir sind alle sehr glücklich und freuen uns für ihn, dass er sich da selbst herauskatapultiert hat“. Aber ich befürchte bei zu viel Lob auch einen schnellen Rückfall. Von daher würde ich es so nehmen, wie es ist. Nicht weniger – aber auch nicht mehr. Ich befürchte sogar, dass Kittel selbst mit zu viel Lob gar nicht so gut umgehen kann. Wobei seine Teamkollegen das offenbar anders sehen. Sie halten sich nicht zurück mit Komplimenten: „Ich freue mich riesig für Sonny Kittel. Er ist ein so guter Fußballer, der in dieser Saison viel Pech hatte. Es ist überragend, dass er gerade jetzt wieder da ist, wo es darauf ankommt. Er ist ein unersetzlicher Spieler, ein einzigartiger Spieler für diese Liga.“
Das sagte Topstürmer Robert Glatzel. Und ich hoffe, dass das psychologisch vielleicht doch der bessere Weg ist, um aus Kittel das herauszukitzeln, was zweifellos in ihm steckt. Apropos Psychologie: Auch unser Blogfreund und Psychologie Dr. Olaf Ringelband hat sich ein paar Gedanken zum Spiel gegen Hannover gemacht und sie mir geschickt. Und das möchte ich Euch nicht vorenthalten:
Hallo Scholle!
Ich war am Samstag seit Langem mal wieder im Stadion (Dank der Einladung eines Kunden auf die Haupttribüne). Natürlich war es schön, sechs (plus 1) Tore zu sehen, aber mir sind auch ein paar kritische Punkte aufgefallen:
Die ersten 30 Minuten waren katastrophal. Die Mannschaft wirkte verunsichert und niemand traute sich etwas zu. Da war ganz deutlich zu spüren, was in der Psychologie „Misserfolgs-Vermeidungs-Motivation“ heißt. In Fußballdeutsch: man wollte nicht unbedingt gewinnen, sondern bloß nicht verlieren, also möglichst keinen Fehler machen. Verständlich, nach der sieglosen Serie - aber gefährlich.
Dazu zwei Beispiele: der junge David holte sich schon gleich am Anfang nach einem katastrophalen Fehler die Gelbe Karte. Das ist ein bisschen wie bei Kindern, wenn man ihnen sagt, „pass auf, dass Du nichts fallen lässt“, dann ist das „fallen lassen“ im Kopf - und bei David war das „bloß keinen Fehler machen“ im Kopf. Das andere Beispiel sind die vielen Rückpässe am Anfang, denn der Rückpass ist der vermeintlich sichere Weg, nichts falsch zu machen (nur, dass Hannover darauf eingestellt war und zeitweise ein Spieler aus dem Mittelfeld vorrückte, um HF zu attackieren - was zweimal sehr gefährlich wurde).
So sehr ich Trainer Walter und seine psychologische Arbeit schätze - hier muss etwas schiefgelaufen sein, denn die Mannschaft muss mit der Haltung ins Spiel gehen, dass sie die beste Mannschaft der zweiten Liga sind (ich habe schon häufiger geschrieben: der teuerste Etat bedeutet einfach, dass man die besten Spieler hat); wenn dann zum „Können“ noch 100% „Wollen“ dazu kommt, kann man jedes Spiel gewinnen. Das hat man dann in der 2. Halbzeit gesehen - wobei zugegebener Maßen Hannover nur noch wenig Gegenwehr zeigte.
Zugegeben - es ist für Trainer immer schwierig, die Mannschaft so zu motivieren, dass die Mannschaft die richtige Balance aus Selbstvertrauen und Willen zur Anstrengung vermittelt bekommt. Ich hoffe, dass alle aus dem Spiel die richtigen Lehren für das Spiel in Kaiserslautern gezogen haben: mit Mut, Selbstvertrauen und Kampf kann dieser HSV jedes Team schlagen.
Von Dr. Olaf Ringelband
In diesem Sinne, Euch allen jetzt einen schönen, spannenden Champions-League-Abend!
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