Wer stürmt gegen Elversberg? HSV-Trainer Polzin weiß, wie er schwierige Fragen beantworten muss...
Das Spiel des HSV am Freitagabend gegen die SV Elversberg wird – wie fast immer, aber manchmal eben noch ein wenig mehr – ein Duell der Trainer. Horst Steffen, das muss man so…

Das Spiel des HSV am Freitagabend gegen die SV Elversberg wird – wie fast immer, aber manchmal eben noch ein wenig mehr – ein Duell der Trainer. Horst Steffen, das muss man so anerkennen, hat mit seiner SVE bislang eine sehr starke Saison gespielt. Zu spüren bekommen hat das der HSV im Hinspiel, damals noch unter Steffen Baumgart, dessen Spielweise nicht viel mit der aktuellen unter Merlin Polzin und Co. praktizierten Fußball-Philosophie des HSV gemeinsam hat. Im Gegenteil: Der HSV-Fußball von heute wird zunehmend ausbalancierter. Die Defensive wirkt – auch durch personelle Veränderungen – stabiler, während die Offensive ihre immer vorhandene Qualität beibehalten und noch effektiver geworden ist.
Vor allem aber ist die Mannschaft fitter und läuft nicht nur mehr als unter Baumgart – sondern auch schlauer. Zur Erinnerung: Nach der 2:4-Niederlage in Elversberg wurde beim HSV die Charakterfrage aufgeworfen. „Damals hat der HSV gewisse Dinge von seinen Spielern eingefordert“, erinnert sich Polzin zurück, „und das ist das gute Recht des Vereins. Wenn man aber sieht, welche Entwicklung seither genommen wurde, dann sind das Riesenschritte. Wir sind fußballerisch sehr stabil. Rückschläge werfen uns nicht aus der Bahn. Und das ist es, was mir vor diesem Rückspiel am Freitag – und nur darauf liegt unser Fokus – ein gutes Gefühl gibt.“ Man wisse um die Stärke des Gegners und die Herausforderung, „aber unser Fußball hat sich entwickelt“, so Polzin, „weil wir mehr Zeit hatten, die Dinge mit der Mannschaft einzustudieren.“ Vor allem aber – und das halte ich für einen absoluten Keypoint – betont Polzin in diesem Zusammenhang nimmermüde die mannschaftliche Geschlossenheit. „Wir haben eine neue Kaderstärke, die weit über die Elf hinausgeht, die am Wochenende beginnt.“
Selke, Königsdörffer, oder Glatzel - wer beginnt im Angriff?
Und damit spricht Polzin sicher auch eine der vordringlichsten Fragen an, die im Vorfeld des Spiels gegen Elversberg am spannendsten ist: Wer beginnt im Angriff? Zuletzt ersetzte Ransford Königsdörffer den gelbgesperrten Toptorjäger Davie Selke mehr als beeindruckend gegen Magdeburg. Zudem meldete sich der langjährige Toptorjäger Robert Glatzel, dessen Ausfall vor dieser Saison noch als unauffangbar galt, nach fünf Monaten Pause zurück. Eine zweifellos schwierige Entscheidung – aber ein ungleich großer Vorteil, den der HSV seinen Konkurrenten gegenüber hat. Und genau so vermittelt es Polzin mit seinem Trainerteam auch der Mannschaft. Es gäbe eben die Spieler, die beginnen, und die, die das Spiel am Ende auch „finishen“, wie Polzin sagt. Also diejenigen, die den Erfolg vorbereiten, und diejenigen, die den Erfolg absichern. Beide sind gleich wichtig.
Gegen Elversberg gehe ich davon aus, dass Polzin nicht von seiner Leistungskultur abrückt und Selke nach seiner bislang herausragenden Saison wieder beginnen wird. Ebenso klar ist für mich, dass Glatzel auf der Bank Platz nehmen wird. Um zu beurteilen, ob Königsdörffer ebenfalls in der Startelf stehen wird, muss man wissen, wie die SV Elversberg auftreten wird. Und dafür haben wir mit unserem Neuzugang Tom Hartmann einen echten Experten dazugewinnen können. Tom, den ich auch hier noch einmal ganz herzlich begrüßen möchte, berichtet in seinem Video darüber, was auf den HSV zukommt. Und zwar ein Gegner, der Manndeckung über das gesamte Feld spielt – also eine Taktik, wie sie der 1. FC Magdeburg gegen den HSV angewandt hat. Da der HSV diese Taktik aber recht beeindruckend auszuhebeln wusste, darf man davon ausgehen, dass Trainerschlitzohr Steffen sich etwas Neues einfallen lassen wird. Tom glaubt in seiner Gegneranalyse, dass die Gäste sehr viel defensiver beginnen könnten, um dann über schnelle Gegenstöße ihren Erfolg zu suchen. Aber schaut euch das Video gern selbst einmal an. Denn ab sofort werden wir hier jede Woche nicht nur auf den HSV, sondern auch hervorragend auf den nächsten Gegner vorbereitet – dann übrigens auch wieder mit unserem Ex-Profi Stefan Schnoor!
Aber zurück zu Königsdörffer und dem Trainerduell in der Partie des HSV am Freitagabend gegen die SV Elversberg. RYK könnte sicher auf der rechten Außenbahn beginnen. Insbesondere seine starke Physis und seine Konterqualität, die er in Magdeburg bewiesen hat, sprächen dafür. Allerdings sprechen auch zwei Punkte aus meiner Sicht dagegen. Zum einen ist es nicht die Position, auf der Königsdörffer bislang zu überzeugen wusste. Zum anderen ist Emir Sahiti zwar oft noch zu wild und letztlich nicht so effektiv, wie man es sich wünscht. Aber Polzin gilt nicht umsonst als „Bessermacher“ dieser HSV-Profis. Eines seiner Geheimnisse ist eigentlich gar keines: Geduld. Er fördert seine Spieler ebenso, wie er von ihnen Gegenleistung einfordert. Deshalb könnte ich mir gut vorstellen, dass Polzin Sahiti wieder beginnen lässt – ihm aber auch klar macht, dass er langsam Taten von ihm einfordert und dass andere Spieler hinter ihm Druck machen.
Polzin hat seinen Weg beim HSV gefunden - und der passt
So würde er Sahiti gegenüber Vertrauen demonstrieren und diesen (hoffentlich) maximal motivieren. Und: Königsdörffer gegenüber kann man das relativ einfach argumentieren und ihm klarmachen, dass man ihn so einsetzen werde, dass er seinen eigenen Wert am meisten steigert. Entscheidend für die Art und Weise, wie HSV-Coach Merlin Polzin letztlich spielen lässt, ist ohnehin immer auch die Taktik, die er vom Gegner erwartet. Und da ist zu Beginn eher nicht damit zu rechnen, dass sich viele Räume offensiv ergeben. So sieht es auch Tom in seiner Gegneranalyse – aber wie seht ihr es?
Wie Polzin auch entscheidet, Unruhe scheint auszubleiben. „Merlin und sein Trainerteam haben uns als Mannschaft besser gemacht“, lobte Torwart Daniel Heuer Fernandes (32) zuletzt im Interview mit der BILD. Die Nummer eins des HSV weiter: „Merlin nimmt alle jeden Tag mit. Wirklich alle. Dadurch fühlt sich jeder wertgeschätzt. Jeder will in seinem Bereich sein Maximum geben. Das gibt uns ein gutes Gefühl in der Kabine. Dadurch entsteht eine Energie, bei der sich alle angesprochen fühlen.“
Und um auf das Spiel zurückzukommen: Polzins Spielweise hat tatsächlich viel mit seinem eigenen Leben zu tun, wie er selbst verrät. „Das klingt ein wenig philosophisch“, sagt der junge Cheftrainer gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. „Aber die Art und Weise, wie wir Fußball spielen wollen oder was ich von den Jungs einfordere – sowohl im Umgang als auch auf dem Platz –, so möchte ich auch durchs Leben gehen: mutig sein, nach vorn gerichtet und keine Zweifel haben. Das Leben ist zu kurz und zu schön, um es nicht so anzugehen.“ Mit anderen Worten: offensiv denken – und so auch das Leben angehen.
Polzin und seine nicht minder jungen Co-Trainer Loic Fave (32) sowie Richard Krohn (29) haben es hinbekommen, dass die Mannschaft dies verinnerlicht hat. Rein statistisch spricht der Erfolg dafür. In 13 Partien seit der Trennung von Steffen Baumgart Ende November haben sie unter dem vom Co- zum Interims- und letztlich zum Cheftrainer beförderten Polzin acht Siege und vier Unentschieden geholt und nur eine Niederlage kassiert. Acht Spieltage vor dem Saisonende ist der HSV Tabellenführer – und auf einem guten Weg, die so oft zitierte Frühlingskrise endlich mal zu umgehen.
Der Weg ist das Ziel - bis zum Happy-End
Das Beste daran: Polzin selbst ist derjenige, der solche pauschalisierenden Aussagen nicht gelten lässt. Er macht das, was immer so platt klingt, tatsächlich: Er denkt von Spiel zu Spiel. „Wenn wir gegen Elversberg das Heimspiel gewinnen, dann sagt jeder: Jetzt steigen sie auf. Dann verlierst du irgendwann mal wieder, dann heißt es: Jetzt können sie es doch nicht“, weiß der Bramfelder, der sicher ist, dass auch diese Nachricht bei seiner Mannschaft angekommen ist. „Wir sind intern klar, weil wir inhaltlich arbeiten und nicht vom Ende her denken.“
Das wiederum soll ein Happy End werden – die schöne Geschichte vom jungen HSV-Fan aus der Fankurve, der seinen Traum lebt und seinem Lieblingsklub den Erfolg bringt, den viele deutlich höherdekorierte Trainer vor ihm nicht schafften.
In diesem Sinne, bis morgen! Dann wieder mit Blog und Blitzfazit aus dem Stadion!
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