Wer keinen Bock hat, soll gehen - Dudziak suspendiert
Der Tag danach ist immer ätzend. Meistens noch schlimmer als der Tag der Entscheidung selbst. Vor allem dann, wenn man Fehler eingestehen muss. Denn Fakt ist: Die wurden…

Der Tag danach ist immer ätzend. Meistens noch schlimmer als der Tag der Entscheidung selbst. Vor allem dann, wenn man Fehler eingestehen muss. Denn Fakt ist: Die wurden gemacht. Hier habe ich mich leider lange Zeit blenden lassen und von einer Stabilität in der Mannschaft gesprochen, die diese Mannschaft in den letzten Spielen komplett hat vermissen lassen. Und auf HSV-Seite müssen sich die Verantwortlichen die Frage gefallen lassen, warum das am Ende wieder so war. Wieso ist dieser HSV wieder in sich kollabiert, hat einen Trainer gekostet und letztlich trotz der in den letzten Jahren immer wieder erkennbaren Probleme gab es selbige erneut zu sehen.
Das Spiel in Osnabrück ist nicht Schuld am Nichtaufstieg. Zumindest nicht allein. Es dient lediglich als Beispiel für sehr viele Spiele und Momente, in denen sich der HSV mal wieder nicht aufstiegswürdig präsentiert hat. Und wie Dr. Olaf Ringelband hier schon geschrieben hat, steckt der Fehler im System. Denn was nicht vorgelebt wird, wird unten nicht übernommen. Dabei muss der Vorstand als höchsten operatives Organ immer auch die unten von der Mannschaft letztlich gezeigten Leistungen als Spiegelbild des eigenen Wirkens heranziehen und analysieren.
Leistung auf dem Platz als Spiegelbild des Vereins?
Aktuell liefert das ein verheerendes Bild. Aber umso dringender ist es, dass Sportvorstand Jonas Boldt zusammen mit Finanzvorstand Frank Wettstein die schädlichen Strukturfehler aufspürt und sie abstellt. Sollte es am Ende zu dem Ergebnis führen, dass der Vorstand selbst ein wesentlicher Teil des Problems ist, muss der Aufsichtsrat – und da beginnt das neue Problem – tätig werden. Denn eines ist auch klar: Der auf inzwischen fünf Personen minimierte Aufsichtsrat scheint so weit weg vom Tagesgeschäft, dass eine inhaltlich valide Fehler-Analyse von den Kontrolleuren derzeit nicht zu erwarten ist.
Umso besser, dass wenigstens Horst Hrubesch nach dem desillusionierenden Spiel in Osnabrück klare Worte gefunden hat. „Osnabrück hat uns gezeigt, wie man so ein Spiel angehen muss. Ich habe keine Erklärung. Ich war auch ein bisschen erschrocken“, so der 70-Jährige. Und auch wenn er es nicht wörtlich aussprach, er benannte das Problem: Charakter. Denn davon hapert es im HSV-Team an allen Ecken. Läuft es gut, schwingen sich alle auf und machen „gut“ oft sogar ein „richtig gut“. Aaron Hunt hat, Jeremy Dudziak, Sonny Kittel, selbst Simon Terodde waren da, als es gut lief.
Aber jetzt, wo sie allesamt gebraucht worden sind, waren sie nicht da. Teilweise verletzt, zumeist aber auf dem Platz ohne jeden Führungsanspruch. „Wir machen das 2:2, dann sind wir endlich wieder dran. Dann musst du das Spiel wollen. Das ist das, was mir fehlt. Ich habe das ein Leben lang gemacht“, so Hrubesch deutlich, „es muss sich jeder hinterfragen, ob das alles ist, was wir hier gemacht haben.“ Und mit „jeder“ ist wirklich JEDER gemeint.
Es sind jetzt noch sieben elendig lange Tage, bis diese Saison beendet wird. Am kommenden Sonntag geht es dann im letzten Heimspiel gegen Eintracht Braunschweig noch darum, den Abstiegskampf nicht unsportlich zu beeinflussen und einen ordentlichen, letzten Auftritt hinzulegen. Mir würde das Zitat des Eintracht-Präsidenten schon reichen, um da besonders motiviert zu sein. Aber ehrlich gesagt hätte ich selbst das nicht gebraucht.
Gestern nach dem Spiel sind mir sehr viele Gedanken durch den Kopf gegangen. Und ich habe im oben eingebauten Blitzfazit auch recht viel davon ausgesprochen. Und so schwer es mir menschlich auch bei dem einen oder anderen HSV-Spieler auch fällt – es muss jetzt hier losgelöst von Wünschen und Hoffnungen gearbeitet werden. Dabei hatte ich gestern auch Gideon Jung erwähnt – und ich möchte noch einmal betonen: Er ist nur einer von vielen, die den HSV halt nicht mehr funktionieren lassen. Wobei es bei Jung noch der besondere Fall ist, dass er einer der Spieler ist, die von Vereinsseite auch komplett bloßgestellt worden sind, weil seine sportlichen Leistungen nicht ausreichten.
Dudziak wird auffällig, spielt - und fliegt jetzt doch raus
Und genau deshalb war ich gestern so erschüttert, dass Jung in dieses wichtige Spiel reingeworfen wurde. Dass er im Spiel selbst dann bocklos wirkte – menschlich ist das schon fast nachvollziehbar. Es war sogar zu erwarten. Und genau diese Kategorie Fußballer bzw. Mitarbeiter im Generellen muss der HSV jetzt aussortieren. Also zum einen die, die es nicht können – und zum anderen die, die es nicht (mehr) wollen. Klingt einfach – und bedarf einfach nur mutigen Entscheidungen.
Passend dazu teilte der HSV heute mit, dass Hrubesch den Mittelfeldspieler Jeremy Dudziak suspendiert hat. Der Linksfuß war schon in den ersten zwei Wochen unter Hrubesch auffällig gewesen und soll teilweise vom Training ausgeschlossen worden sein. Begründet wurde seine Abwesenheit seinerzeit mit Krankheit. Heute nun folgte, was sich intern aufgestaut hatte. Und das wiederum verwundert m ich noch mehr. Denn Dudziak war gestern in Osnabrück ebenso wie Jung in der zweiten Halbzeit eingewechselt worden – und spielte ähnlich lustlos. Sofern meine Informationen stimmen, stellt sich unweigerlich die Frage: Warum durfte er dann überhaupt ran? Ich verstehe es nicht…
Es wird in den nächsten Wochen wieder eine Richtungsdiskussion geben beim HSV. Schon allein, weil Gremien neu gewählt bzw. nachbesetzt werden müssen. Aber diese Diskussion ist notwendig, um dem HSV das komplette Abschmieren zu ersparen. Denn die Gefahr, dass man sich von diesem erneuten Rückschlag nicht erholt, ist riesengroß. In der kommenden Saison nicht aufzusteigen ist angesichts der Konkurrenz sehr wahrscheinlich. Es wird auf jeden Fall eine Saison, in der der HSV nicht als Topfavorit startet. Wobei das ja auch mal hilfreich sein kann. Aber darauf werde ich im Laufe der nächsten Tage und Wochen noch mehrfach eingehen. Ebenso wie auf die Trainerfrage, die weiter offen ist.
Wobei ich weiter davon überzeugt bin, dass Daniel Thioune nicht der Hauptgrund des Scheiterns war. Ebenso wenig wie Hrubesch. Dennoch sind die beiden für die neue Saison nicht mehr vorgesehen. Aber auf dieses Thema werde ich in den nächsten Tagen noch mehr als genug eingehen (müssen).
In diesem Sinne – ich bin ein wenig HSV-müde. Dass sich der aus meiner Sicht größte HSV-Fan aus meinem Freundeskreis per Voicemail meldete und mir gestand, das Spiel gegen Osnabrück nur am Rand verfolgt zu haben, hatte mir mächtig zu denken gegeben. Warum lässt mich der ganze Scheiß nicht einfach mal unberührt? Warum kann ich nicht einfach mit meinen Kindern spielen, anstatt mich über Dudziak und Co. zu ärgern?
Ich weiß es nicht. Ich hatte sogar kurz in Erwägung gezogen, zum letzten Spiel gegen Braunschweig nicht ins Stadion zu gehen, sondern mir die Partie gemütlich von der heimischen Couch aus mit meiner Familie anzusehen. Aber letztlich habe ich meine Akkreditierungsunterlagen doch wieder rechtzeitig an den HSV geschickt. Irgendwie muss es ja weitergehen. Und auch wenn es sich in diesem Moment gerade anders anfühlt – am Ende steckt auch in dieser neuerlichen Enttäuschung eine Chance zur Verbesserung, um nicht Gesundung zu schreiben....
In diesem Sinne, bis morgen.
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