Analyse

Wer im Misserfolg Kritik akzeptiert, hat im Erfolg auch das Lob verdient

Die ernst zu nehmenden Komplimente kommen immer von außen. Und gestern suchte Mersad Selimbegovic erst gar keinerlei Ausflüchte. „Das war eine verdiente Niederlage, da brauchen…

Wer im Misserfolg Kritik akzeptiert, hat im Erfolg auch das Lob verdient

Die ernst zu nehmenden Komplimente kommen immer von außen. Und gestern suchte Mersad Selimbegovic erst gar keinerlei Ausflüchte. „Das war eine verdiente Niederlage, da brauchen wir nicht lange drum herumzureden», sagte der Trainer des SSV Jahn Regensburg nach dem 1:4 . der HSV sei mit seiner Angriffswucht einfach zu stark für seine Mannschaft gewesen, die trotz der Niederlage in der Spitzengruppe der 2. Fußball-Bundesliga weiter vor dem HSV ist. „Der HSV war wirklich gut, sehr variabel, sehr schnell im Spiel mit dem Ball. Wir sind oft nur hinterhergerannt“, befand Selimbegovic. „Hamburg war die bessere Mannschaft, wir haben leider sehr selten Zugriff auf das Spiel bekommen“, kommentierte Abwehr-Routinier Sebastian Nachreiner, ehe sein Trainer sehr schnell einen Haken hinter die Niederlage zu machen wusste, indem er aus meiner Sicht dem HSV das größte Kompliment des Tages machte: „Das ist eine Niederlage, die nicht ganz so weh tut.“

Denn dafür war der HSV an diesem Sonnabend gegen den Tabellenzweiten einfach zu gut, als dass sich Selimbegovic lange ärgern wollte. Und damit hat er Recht. Auch ich habe seit sehr langer Zeit kein Spiel des HSV gesehen, dass so konstant stark von der ersten bis zur 90. Minute gespielt wurde. Klar gab es immer wieder Spiele, in denen der HSV eine Halbzeit lang oder manchmal auch etwas länger, derart dominant auftrat und sich derart viele Chancen herausspielte. Aber das 4:1 gegen Regensburg lieferte einen ganz kleinen, aber sehr entscheidenden Unterschied: Der HSV spielte in einer ausbalancierten Art einen Offensivfußball, wie ihn Walter immer wieder fordert – und diesmal auch erfolgreich über die gesamten 90 Minuten. Dass darin auch etwas schwächere fünf Minuten zwischen Ausgleichstreffer und dem 2:1 lagen, das lässt sich nie ausschließen. Entscheidend hierbei war, wie der HSV zurückkam und weitermachte.

Die HSV-Achse war stabil - die Balance stimmte

Ebenfalls sehr entscheidend in diesem Spiel war, dass der HSV eine richtig stark agierende Mittelachse hatte. Johansson, Schonlau (mit Vuskovic im Verbund), Meffert und der alle überragende Sonny Kittel funktionierten spielerisch und in Sachen Führung auf dem Platz so gut, dass alle Spieler daneben aufzublühen wusste. Wer sich mal angesehen hat, wie oft Kittel seine Mitspieler (insbesondere Alidou) gestellt und angewiesen hat (beispielhaft vor dem Pass zum 2:1 von Aidou), der wird genau erkennen und wissen, was ich meine. „Man merkt, wie sehr Sonny gereift ist, wie er Verantwortung für das Team übernimmt und dass er in dieser Rolle unglaublich wichtig für die Mannschaft ist“, freute sich Trainer Tim Walter nach Spielschluss. Zurecht, wie ich finde. Denn wer wie er im Misserfolg (oder bei Teilerfolgen) immer wieder Kritik hinnehmen musste, der hat auch Komplimente im Erfolgsfall verdient. Und die bekommt der Trainer von mir heute - mit Freude.

https://soundcloud.com/user-36211795/mo221121-bestes-saisonspiel-lasst-trainer-walter-singen-kittel-erstklassig-und-verlangert-alidou?si=27de65d85b6d48feaadf5245fdedef42

Denn nicht nur Kittel, Alidou oder sonst ein Feldspieler waren entscheidend – diesmal passte auch sehr viel von dem, was Tim Walter seit Wochen von seiner Mannschaft sehen will. Die Balance stimmte. Sicherlich auch, weil Regensburg nicht gut ins Spiel kam – das aber lag zum größten Teil daran, dass der HSV es gar nicht zuließ. Vorne ackerte Robert Glatzel für drei – vergaß darüber hinaus nur leider wieder das Toreschießen. Denn gestern hatte er mindesten zwei Hundertprozentige, die er liegen ließ. Im Mittelfeldzentrum organisierte Meffert alles und hinten schienen mit Schonlau und Vuskovic zwei starke Innenverteidiger unüberwindbar zu sein, während rechts Heyer mit einer vergleichsweise durchschnittlichen Leistung ebenso alles im Griff hatte, wie auf der anderen Seite der immer besser werdende Miro Muheim, den ich gern häufiger so geil aggressiv sehen würde wie gestern.

Kurzum: Es passte nach hinten – und nach vorn hatte der HSV mit Jatta und Alidou über außen zwei ständige Unruheherde und mit Kittel den überragenden Mann auf dem Platz, der denn Regensburgern schon Schweiß auf die Stirn trieb, wenn er sich nur in der Nähe des Balles aufhielt. Und das zurecht. Drei Tore bereitete er vor, darunter auch sein eigenes per rausgeholten Foulelfmeter. Mehr geht kaum. Und ich behaupte an dieser Stelle gern noch einmal: Bislang haben noch alle Trainer behauptet, Kittel sei ein Leader auf dem Platz. Ihn wirklich dazu gebracht, diese Rolle auch so anzunehmen und vor allem auch auszufüllen, das hatte bislang noch kein Trainer geschafft. Bis auf Walter jetzt offenbar.

Das 4:1 war auch ein Sieg von und für Tim Walter

Insgesamt kann man das gestrige Spiel auch als Walter-Sieg bezeichnen. Denn es wurde gewonnen. „Dass uns mit so vielen jungen Spielern solch eine beeindruckende Leistung gelungen ist, das macht mich schon stolz auf unsere Mannschaft“, hatte Sonny Kittel nach Spielschluss gesagt und damit deutlich gemacht, dass die Mannschaft bereit ist, den neuen Weg zu gehen. Es wird nicht darüber gejammert, wer alles fehlt, sondern es wird angenommen und gemacht.

https://open.spotify.com/episode/6SzA8nIc55zNnSB1YOVKKo?si=8759b5c4bdb24e09

Machen statt reden ist das Walter-Motto. Verantwortung übernehmen wie im Fall Kittel – und das mit vielen jungen Spielern, die ihre beste Zeit noch vor sich haben. Der Trainer lebt es vor. Und er verändert vieles. Einiges so, dass ich es kritisiere. Aber er verändert mit Mut und Überzeugung. Von daher: Ebenso wie er dafür in den letzten Wochen zurecht auf den Deckel bekommen hat, darf er nach diesem sehr starken HSV-Spiel die Komplimente für selbiges auch zu einem ganz großen Teil auf sich beziehen. Behaupte ich. 

Entscheidend bei allem aber ist, dass man sich schon am Tag nach der Jubelarie auf die nächste Aufgabe fokussiert und analysiert, was man beibehalten muss – und was besser werden muss. Denn auch davon bot das gestrige Spiel noch einiges. Es passt nur heute noch nicht rein. Heute darf man sich noch einmal mit viel Freude das gestrige Spiel anschauen, das ich für das bislang beste in dieser Saison halte. Viel Spaß dabei: 

In diesem Sinne, bis morgen! Das soll es für diesen trainingsfreien Sonntag (Montag ist auch och frei) gewesen sein. Ich melde mich morgen wieder um 7.30 Uhr mit dem MorningCall. Bis dahin, bleibt gesund!

Scholle  

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