Wenn Walter sein Spiel weiterentwickelt, kann es noch mal spannend werden
So schnell kann's gehen. Der HSV ist wieder dran an den Aufstiegsplätzen zur Ersten Liga. Nach dem 4:2 bei Jahn Regensburg beträgt der Rückstand zum Relegationsplatz drei…

So schnell kann's gehen. Der HSV ist wieder dran an den Aufstiegsplätzen zur Ersten Liga. Nach dem 4:2 bei Jahn Regensburg beträgt der Rückstand zum Relegationsplatz drei Punkte. Wobei, eigentlich sind es nur 2,5, weil der HSV das beste Torverhältnis aller Konkurrenten hat. Zum direkten Aufstiegsplatz fehlen fünf Punkte. „Darüber will ich überhaupt keinen Gedanken verlieren“, sagte Trainer Tim Walter und würgte alle Fragen ab. Der Horizont soll immer nur bis zum nächsten Spiel reichen. Und damit macht der Trainer alles richtig, glaube ich. Denn wie das Regensburg-Spiel wieder offengelegt hat, gibt es vordringlichere Themen.
Ich habe es im gestrigen Blog und Blitzfazit schon gesagt: Es gibt keine bessere Situation, als bei einem Sieg ganz viele Dinge, die im Argen liegende, aufgezeigt zu bekommen. Denn das bedeutet normalerweise: Drei Punkte mehr und dazu noch ein Stück schlauer. Die Entwicklung ist nämlich nicht ergebnisabhängig. Weder machen Siege alles gut – noch machen Niederlagen alles schlecht. Und genauso, wie ich vom Trainer erwarte, dass er aus seinem riskanten Aufbauspiel und der notwendigen Sicherheit die Balance findet, so gilt das auch für uns in der Kritik. Dass mir tatsächlich jemand gestern in einer Email dauerhaftes „Trainer-Bashing“ unterstellt hat, zeugt mir nur, dass einige offenbar nicht verstehen, worum es bei einer echten Entwicklung geht. Zumal ich mir sicher bin, dass Walter selbst deutlich weniger Probleme mit dem Gesagten hat als der/die User.
Trainerbashing bringt nichts - konstruktive Kritik sehr wohl
Denn für mich bleibt es dabei, dass Tim Walter hier in Hamburg sehr vieles gut macht. Aber eben längst nicht alles. Und dazu zähle ich seit Saisonbeginn in fast jedem Blitzfazit das aus meiner Sicht unnötig riskante Aufbauspiel immer wieder dazu. Ich erinnere mich noch an das erste Rückrundenspiel 2022, als ich gehofft hatte, dass Walter über den Winter seiner Mannschaft erlaubt hätte, den Ball auch einfach mal lang zu schlagen, wenn man vom Gegner mit Pressing bearbeitet wird. Spätestens nach dem Dresden-Spiel, wo die Sachsen den HSV in den ersten Minuten mit frühem, hohen Attackieren mächtig in Bedrängnis gebracht hatten, hätte ich diese Schlussfolgerung erwartet.
Aber gestern wurde es noch mal besonders deutlich, wie ich finde. Denn in einer Phase, in der nahezu kein Team in der Liga den Fokus auf Attraktivität setzt, versucht der HSV sein riskantes Aufbauspiel selbst dann noch durchzuziehen, wo er gemerkt hat, dass er anfällig wird. Warum diese Mannschaft in solchen Momenten nicht eine alternative Taktik parat hat, erschließt sich mir einfach nicht. Hier sehe ich in der so oft proklamierten „Entwicklung“ einfach noch keinen Fortschritt. Das mögen einige als „Trainer-Bashing“ empfinden – aber das ist mir egal. Mir geht es dabei nicht um einzelne Personen. Im Gegenteil: Ich behaupte, dass hier auch einzelne Meinungen und einzelne Personen nicht über den Gesamterfolg stellen dürfen. Und dieses Kleinklein hinten raus geht gegen Gegner, die nicht gut pressen können. Aber eben nicht immer, was absolut keine Schwäche ist. Im Gegenteil: So ein riskantes Fußballspiel hält nicht einmal der FC Bayern München dauerhaft durch.
Ich glaube sogar, dass man hieraus eine richtige Stärke machen kann. Denn Walters Sturheit ist ligaweit bekannt. Ebenso, dass Pressing den HSV vor Probleme stellt. Sollte Walter seinen Männern jetzt aber den langen Ball über die erste Reihe hinaus als taktisches Stilmittel in Pressingphasen des Gegners erlauben, man könnte den Gegner damit überraschen. Vor allem aber würde man damit dem Gegner schneller den Glauben nehmen können, dass gegen den HSV etwas geht. Denn bei aller Wertschätzung für den SSV Jahn Regensburg gestern: Der HSV hat in allen Bereichen klare Vorteile gegenüber dem SSV. Normalerweise.
Einfaches, klares Spiel wird wichtig sein
In der Rückrunde hat der HSV aktuell 2 Punkte weniger geholt als der SV Sandhausen. Das klingt erst einmal nicht gut, ist es nämlich auch nicht. Aber auch das ist relativ. Denn der Diekmeier-Klub ist nach dem 4:2-Sieg heute beim 1.FC Nürnberg in der Rückrundentabelle Dritter. Gegen die Topteams Werder, Darmstadt, St. Pauli, HSV und Nürnberg sind sie ungeschlagen und treffen am kommenden Freitag auf den FC Schalke. Am selben Abend treffen Nürnberg und der FC St. Pauli am Millerntor aufeinander. Dass Werder in Kiel antritt, erwähne ich nur am Rande. Denn ich bin mir relativ sicher, dass die Bremer als erstes Team durch sein werden. Aber: Den Druck, den man hier in Hamburg verspürt, den verspüren alle Teams da oben. Davon ist niemand befreit. Und gerade deswegen wird es in dieser Schlussphase (wie eigentlich in allen Schlussphasen) umso wichtiger sein, klar zu spielen. Die Spieler sollten jetzt nichts dazulernen müssen, sondern sich sicher fühlen und sicher sein, in dem, was von ihnen gefordert wird. Wer in solchen Phasen zu kompliziert wird, der verliert in der Regel. Auch den so oft zitierten Kampf gegen den Druck.
Um es noch mal klar zu sagen: Sätze wie „wir bleiben bei uns“ und „wir gehen unseren Weg weiter“ sind richtig und gut. Die unterstütze ich zu 100 Prozent, weil eben genau das in den letzten Jahren falsch gemacht wurde. Es wurde immer etwas begonnen und dann vorzeitig abgebrochen, um etwas Neues mit Neuen zu probieren. Aber dieser „eigene Weg“ darf kein Dogma sein. Der HSV muss sich von Woche zu Woche auch auf die Gegner einstellen. Der HSV muss wissen, was auf ihn zukommt und dementsprechend vorbereitet sein. Besser als in den letzten Partien, wo eben immer wieder einfaches Pressing den Gegnern reichte, um den HSV ins Schwimmen zu bringen.
Und Achtung! Spoiler für meine Kritiker: Sollte der HSV in den nächsten Spielen wieder durch frühes Pressing zu unnötigen Ballverlusten beim Kleinklein hintenraus gezwungen werden, werde ich das auch im nächsten Blitzfazit ansprechen und dem Trainer anlasten. Aber ich hoffe, dass Walter hier gute Berater um sich herum und in seinem Trainerteam hat, die ihm klarmachen, dass es keine Schwäche ist, wenn man seinen eigenen Weg nachjustiert und partiell auch mal verändert. Im Gegenteil: Ich bin mir sicher, dass die Verantwortlichen Walter das als positive Entwicklung auslegen würden. Denn genau diese Flexibilität im Rahmen einer klaren, erkennbaren Spielidee unterscheidet gute Trainer von weniger guten Trainern. Und niemand hier hat je behauptet, dass nicht auch Walter sich entwickeln darf und soll.
In diesem Sinne, bis morgen. Da melde ich mich früh mit dem MorningCall bei Euch und werde Euch schnellstmöglich den kompletten Überblick über das geben, was über den HSV sonst noch berichtet wird. Das nächste Training ist übrigens für Dienstag angesetzt, also morgen haben die Profis noch frei.
Bis dahin! Euch allen einen schönen Abend und morgen einen guten Start in die Woche! Bleibt gesund,
Scholle
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