Wenn nicht jetzt, wann dann...?!
Zwei Einheiten standen heute an. Zweimal die Möglichkeit, sich so auszupowern, dass die Niederlage gegen den FC St. Pauli am Montag aus den Köpfen verschwindet. Denn die wiegt…

Zwei Einheiten standen heute an. Zweimal die Möglichkeit, sich so auszupowern, dass die Niederlage gegen den FC St. Pauli am Montag aus den Köpfen verschwindet. Denn die wiegt schwer. Mental, und leider auch tabellarisch. Viele vermuten jetzt wieder ein tiefer liegendes mentales Problem. Auch ich bin gestern aufgeschreckt, als plötzlich das Gerücht aufkam, HSV-Sportvorstand Jonas Boldt stünde bei Eintracht Frankfurt als Nachfolger des abwanderungswilligen Fredi Bobic auf dem Zettel. Zwei Niederlagen am Stück, Platz vier, Stadtderby verloren – es ist schlicht eine Meldung zur Unzeit – dachte ich. Denn sollte dieses Thema aktuell Unruhe erzeugen beim HSV, müsste Boldt handeln und klare Kante zeigen.
Und bei dieser Meinung bleibe ich. Denn ansonsten werden wir in den nächsten Tagen und Wochen Meldungen wie diese sprießen: „Ich würde gerne noch eine weitere große Aufgabe übernehmen. Gerne auch bei einem großen Traditionsverein, aber nicht unbedingt in der dritten oder vierten Liga“, sagte Rangnick am Mittwoch im ARD-„Sportschau Club“. Konkrete Namen hat er schon im Kopf: „Berlin, Hamburg und Schalke sind alle drei Vereine, die von der Fanbase, von der Größe der Stadien, von der Strahlkraft her das Potential haben, ganz weit vorne in der Bundesliga zu stehen.“
Rangnick kann sich HSV vorstellen - aber darf kein Thema sein
Aber, um das klarzustellen: Solange es intern keine Unruhe gibt und dort alle wissen, woran sie sind, ist das okay. Dann muss sich auch Boldt nicht hinstellen und irgendwas erklären, was andere in die Welt gesetzt haben. Ich habe heute mit dem einen oder anderen HSV-Mitarbeiter geschrieben und gesprochen (auch mit Boldt selbst), und ich muss zugeben, dass hier nichts darauf hindeutet, dass intern Unruhe durch die gestrige Meldung entstanden ist. Vor allem glaube ich, dass Boldt selbst es ähnlich sieht. Er würde entsprechend handeln, bevor eine Diskussion über ihn zum Stolperstein wird. Vor allem aber glaube ich, dass Boldt trotz der zweifellosen Attraktivität Eintracht Frankfurts beim HSV bleiben will. Zumindest heute. Und darum geht es ja.
Apropos, eigentlich sollte es heute schon wieder deutlich mehr um das gehen, was unten auf dem Rasen passiert. Und da ist Aufbau nötig. Gefühlt ist auch der Trainer ein weni9g lädiert, was ihm nach den letzten Spielen auch absolut zugestanden werden muss. Auch er muss mal enttäuscht sein können, ohne sofort wieder in Lösungen zu sprechen. Diese Emotionen gehören einfach dazu und müssen mal ausgelebt werden können – auch wenn sie natürlich schnell dem Tagesgeschäft weichen (müssen). Denn am Montag steht ein schwieriges Spiel an.
Und wenn wir schon beim Thema Emotionalität sind, dann gleich noch ein, zwei Worte zu Holstein Kiel: Ich habe heute mit einem hochrangigen Mitarbeiter des nächsten HSV Gegners gesprochen, der wirklich eher zur ruhigeren Gattung Mensch gehört. Was ich meine ist: Er ist selten zu emotional, eher sehr gefasst. In den guten Phasen wie in den schwachen seines Klubs. Er sagt lieber mal nichts, bevor er ein Wort zu viel verliert. Heute aber plauderte er wie ein Wasserfall. Teilweise sogar mal so, wie ich es von heimischen Diskussionen kenne: also ohne mich zu Wort kommen zu lassen. Er war euphorisiert – auch wenn er es nicht zugeben wollte. Vor allem aber weiß ich jetzt, dass der nächste Gegner extrem selbstbewusst nach Hamburg kommt. Und dem muss der HSV etwas entgegensetzen.
Die Frage ist nur, was genau?
Sicher ist, dass der HSV wieder stabiler auftreten muss. Also vor allem mit einer klaren Aufgabe, einem Plan – und mit Spielern, die sich nicht verstecken, sondern in jeder Sekunde des Spiels ausstrahlen, dass für sie nur der Sieg zählt. David Kinsombi hatte ich nach den Ausfällen als einen meiner Hoffnungsträger ausgemacht. Ich hatte gesagt, dass er vorangehen können, weil er der Typ dafür sei. Und ich befürchte, ich habe ihm unrecht getan. Ich glaube, ich muss meine eigenen Behauptungen fressen.
Anders jedenfalls ist schwer zu erklären, dass Kinsombi genau in der Phase abtaucht, wo er am meisten gebraucht wird. In Würzburg hat er sich tatsächlich mehr versteckt als angeboten. Beim Stadtderby war es (er) nicht besser. Da fiel der torgefährliche Ex-Kieler sogar körperlich ab. Und obwohl alles danach klingt, als wäre ein Bankplatz für ihn am Montag richtig, habe ich eine anderen Ansatz.
Ich glaube, dass man einfach realistisch anerkennen muss, dass Kinsombi vielleicht gerade das nicht ist. Er ist eben kein Anführer – sondern vielmehr ein Spieler, der auf dem Platz sportlich den Unterschied ausmachen kann, wenn er ohne diese Bürde aufläuft. Dass er Kapitän in Kiel war, ist in diesem Fall auch kein Gegenargument. Wenn eine Mannschaft an sich stabil ist, dann n kann auch ein Spieler, der in Sachen Einstellung, Qualität und/oder Beliebtheit im Kader weiter vorn ist, Kapitän werden. Am Ende geht es bei einer Mannschaft immer nur darum, dass sie auf dem Platz alle Zutaten hat, um stabil ihre Spiele zu gewinnen. Und diese Mischung sucht Thioune gerade. Leider.
Thioune auf der Suche nach Stabilität
Denn der HSV hatte sie schon im Ansatz gefunden. Mit Toni Leistner, dessen Ausfall meine These stützt. Denn du musst nicht der beste Sprinter, nicht der beste Techniker, nicht der Torschütze und auch sonst nicht zwingend der geilste Kicker sein, um der wichtigste Spieler für die Mannschaft zu sein. Du musst „einfach nur“ dem Rest der Mannschaft Sicherheit geben, gut delegieren und deine Nebenleute besser machen. So, wie Leistner Ambrosius stärker gemacht hat. Zusammen haben sie der Mannschaft defensiv ein sichereres Gefühl verliehen. Und genau das fehlt jetzt.
Dass Thioune umbauen muss am Montag ergibt sich schon aus der Sperre für Tim Leibold. Aber er wird auch sehr genau sortieren müssen, wie er am Montag Stabilität auf den Platz bekommt. Denn die schaffen Mannschaften nie allein über spielerische, individuelle Qualität. Dafür braucht man den „Sortierer“, wie ich Kinsombi gefühlt vor einer Woche an selber Stelle bezeichnet hatte. Fälschlich, wie sich ehrausgestellt hat. Und trotzdem heißt das nicht, dass Kinsombi raus muss, sondern nur, dass er nicht der Leader auf dem Platz ist.
Ebenso wenig wie Jung, Kittel, Jatta, Vagnoman, Gyamerah, Onana, Wintzheimer, Narey, Wood., den Youngstern und auch nicht von Dudziak. Einzig Simon Terodde hat die Fähigkeit, seinen Spielern Sicherheit zu vermitteln, weil er regelmäßig trifft. Aber auch das bleibt aktuell aus. Und genau das macht es für den Trainer so schwierig. Oder?
Genau für diese Momente ist Hunt noch beim HSV!
Ich sage: Genau jetzt kann Aaron Hunt demonstrieren, weshalb er sein Gehalt beim HSV wert ist. Oder besser: Er muss. Dass er die Qualitäten hat, einer Mannschaft Sicherheit zu geben, ist unbestritten. Das Problem bei ihm war vielmehr die fehlende Konstanz. Der ehemalige Kapitän hat es lange nicht mehr geschafft, zwei Spiele am Stück stark zu spielen. Letztes Beispiel Fürth. Gegen die Fürther legte Hunt als Ersatz für den verletzten Dudziak ein bärenstarkes Spiel hin und demonstrierte genau das, was ich gehofft hatte: Dass er als Backup für die wichtigen Momente zu gebrauchen ist. Eine Woche später in Würzburg demonstrierte er leider auch, was man eben nicht mehr erwarten kann: Zwei Topspiele am Stück. Umso besser, dass Hunt gegen Pauli ausgesetzt hat…
Daher würde ich heute so aufstellen: Ulreich (mit der Maßgabe, nicht Fußball spielen zu MÜSSEN, es aber zu dürfen) – Vagnoman, Ambrosius, Heyer, Gyamerah – Hunt, Onana – Jatta (mit der Maßgabe, jeden Angriff im Sprint zu nehmen, bis er raus muss – und dann wird er im Gegensatz zum Stadtderby auch wirklich ausgewechselt!), Dudziak (mach, was Du willst, aber mach es nach vorne!), Kittel – Terodde.
Und Ihr? Wie würdet Ihr aufstellen?
Hunt ist für mich keine Dauerlösung (mehr), aber für den Moment ist er nicht nur geeignet, dieser Mannschaft (und im Speziellen seinem Nebenmann Onana) Sicherheit zu verleihen. Und er ist einer der ganz wenigen Spieler im Team, von denen man das erwarten darf und erwarten kann. Zumal er jetzt vor genau der Aufgabe steht, die man ihm zu Saisonbeginn angetragen hat: Er muss nicht mehr so viel arbeiten wie andere – aber dafür muss er in den wenigen wichtigen Momenten, in denen er gefordert ist und für die er sich ausruhen durfte, voll da sein. So, wie jetzt.
In diesem Sinne, bis morgen!
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