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Wenn aus Überzeugung Sturheit wird - dieser HSV scheitert weiter an sich selbst

Es ist einfach schön. Dieses Volksparkstadion ist und bleibt eines der schönsten Stadien, die ich kennenlernen durfte – und das waren schon ein paar wenige über die letzten 22…

Wenn aus Überzeugung Sturheit wird - dieser HSV scheitert weiter an sich selbst

Es ist einfach schön. Dieses Volksparkstadion ist und bleibt eines der schönsten Stadien, die ich kennenlernen durfte – und das waren schon ein paar wenige über die letzten 22 Jahre. Aber: Der darin gespielte Fußball muss sich auf lange Sicht wieder angleichen. Wenn das große Stadionfeeling vergangener Tage nicht zu weit in Vergessenheit geraten sollte, muss der HSV deutlich zulegen, um nicht noch mehr Fans zu verlieren. Er muss schneller lernen, seine Fehler nicht ständig zu wiederholen. Jedesmal auf der Pressekonferenz nach verschenkten Punkten davon zu sprechen, dass mehr drin war, und dass man sich nur wieder selbst belohnt hat – das ist zu wenig. Das wirkt stur, ohnmächtig und uninspiriert. Denn so so sehr wir uns auch über Last-Minute-Siege wie gegen Sandhausen, Paderborn, im Elfmeterkrimi in Nürnberg freuen – ein solches selbst erschuldetes 1:1 wie heute erdet alle hart. Weil es einfach immer wieder dieselben Probleme sind, an denen dieser HSV scheitert. 

Dass heute trotz besten Wetters 39.543 Zuschauer zum Nordderby gegen Holstein Kiel gekommen sind, durften die HSV-Profis als Motivation verstehen, den Aufwärtstrend der letzten Wochen weiter auszubauen. Und das tat der HSV auch. Wie immer begann man mit Offensivpressing, das Kiel zu Fehlern zwang und sie in den ersten fünf Minuten gerade einmal in der HSV-Hälfte stattfinden ließ. Ein typischer HSV-Start also, dachten alle -  aber dann knallte es plötzlich. Pichler war bei dem allerersten halbwegs normal vorgetragenen Angriff der Gäste nach einem schönen Ball von Skrzybski links im Strafraum völlig frei, zog auf den kurzen Pfosten und traf diesen, wie zu hören war (7.). Glück für Heuer-Ersatz Marko Johansson, der bis hierhin noch keinen Ballkontakt hatte.

Der HSV beginnt wie immer - und geht früh in Führung

Aber - und auch das ist der HSV: Er kam schnell zurück ins Spiel. Genau genommen sogar nur drei Minuten später. Sonny Kittel steckte den Ball auf den durchstartenden Faride Alidou durch, und der junge Angreifer konnte vom Kieler Korb nur noch mit einem Foul gestoppt worden – klarer Foulelfmeter. Schiri Marco Fritz überlegte zwar kurz, zeigte dann aber auf den Punkt und Kittel verwandelte sicher (10.). das 1:0. Was für ein Start! Vor allem von und mit Faride Alidou, der sich die Bälle teilweise tief abholte und unermüdlich nach vorn trieb. Der Junge machte mächtig Spaß und war an den meisten gefährlichen Aktionen des HSV beteiligt. 

Nette Geste: 1:0-Torschütze Sonny Kittel jubelt mit dem Trikot des verletzten Tim Leibold

Sensationell auch, wie er in der 28. Minute den Ball gleich an zwei Gegner vorbeilegte und letztlich nur noch per Foul 20 Meter vor dem Kieler Tor gestoppt werden konnte. Alidou strotzte vor Selbstvertrauen und agierte so mutig, wie ihn. Der Trainer sehen wollte – und wie es für die Zuschauer ein Genuss war. Oder wie sagte es mein geschätzter Kollege Kai Uwe Hesse neben mir auf der Tribüne: „Gut, dass der schon da ist. So ein Talent könnte sich der HSV heute nicht mehr dazukaufen…“ Stimmt! Aber der HSV kann den Vertrag verlängern – nein: er muss das schnellstmöglich erledigen…

Aber zurück zum Spiel, in dem sich die Kieler bei jedem HSV-Angriff tief in die eigene Hälfte zurückzogen, um auf Konter zu lauern. Einen davon hatten sie dann auch noch in. Der ersten Hälfte, nachdem der bis hierhin wieder sehr starke Jonas David in der Vorwärtsbewegung den Ball verlor und die Kieler plötzlich mit Bartels allein vor Johansson auftauchten. Aber – und das passte zum heutigen Spiel, der Schwede parierte sensationell und feierte diesen gewonnenen Ball völlig zurecht. Er bewahrte damit seinem Team zudem die (verdiente) Halbzeitführung.

Der HSV verpennt zweite Halbzeit - Kaufmann vergibt

Verdient hatten sich alle elf HSV-Akteure, dass Walter sie weiter auf dem Platz ließ. Unverändert kamen beide Teams aus der Kabine  - und der HSV pennte mal wieder. Gerade 50 Sekunden waren gespielt, da klingelte es. Bartels wurde nach einem schönen Diagonalball nicht angegriffen, sieht den im Zentrum frei stehenden Pichler, der den Ball dem herausgelaufenen Johansson mit Dampf durch die Beine zum 1:1 einnetzt (siehe Artikelfoto). Was für ein Stellungsfehler der HSV-Defensive, was für ein Scheiß-Start. Zum dritten Mal in Folge kassiert der HSV den Ausgleich, bevor er seine 1:0-Führung ausbauen kann – auch das ist eine Konstante derzeit. Es ist die Kehrseite im Walter-System. „Wir hatten im zweiten Durchgang nicht die Durchschlagskraft. Es ist bitter, dass wir direkt nach der Pause das Gegentor kassieren. Wir müssen mit dem Punkt leben, weil wir nicht mehr genug für das Spiel getan haben“, befand Glatzel ehrlich.

Unfassbar war für mich die Einwechslung von Mikkel Kaufmann (55.), der aus meiner Sicht gegen Nürnberg ganz schwach gespielt hatte. Und das dann auch noch für Jatta, den ich definitiv draufgelassen hätte. Der HSV stellte auf 4-4-2 mit Mittelfeldraute um, war aber zunächst einmal raus aus dem Spiel. Kaufmann hätte mich zwar sofort Lügen strafen dürfen – aber er vergab freistehend vor Kiels Keeper Dähne nach schönem Zuspiel vor Reis (60.). Das hätte die Führung sein müssen - war es aber nicht. 

Und so entwickelte sich leider wieder ein Spiel, bei dem man Schlimmes befürchten musste. Zumal der HSV offensiv zu oft in Schönheit starb. Kaufmann machte, was man erwarten durfte (und was nicht reicht), während insbesondere Glatzel heute viel zu kompliziert spielte. „Wenn sie zwei Spiele in einer Woche haben, über 120 Minuten gehen und alles geben, was geht, dann hat hier am Ende ein bisschen die Kraft gefehlt. Das ist logisch. Der Kopf ist dann auch aufgebraucht und müde.“

Es war jetzt genau das Spiel, das ich immer wieder kritisiere, weil der HSV einfach zu offen stand. Aus meiner Sicht ist das Risiko hier einfach noch immer deutlich höher als der daraus erzielte Ertrag. Gerade heute, nachdem alle Konkurrenten dem HSV in die Karten gespielt hatten, musste einfach mehr geholt werden als nur das fünfte Remis im sechsten Heimspiel. Dass man letztlich sogar Glück hatte gegen diese verunsicherten Kieler, als der inzwischen eingewechselte Fiete Arp an dem bis hierhin gut aufgelegten Johansson, der stark parierte, scheiterte – es muss alle beim HSV in Alarmstellung versetzen. Denn langsam aber sicher verwandelt sich die Walter’sche Überzeugung in Sachen System zu einer fatalen Sturheit, die dem HSV schon früh alle Aufstiegshoffnungen nehmen könnte.

Dem HSV fehlt Abgeklärtheit - und eine stabile Struktur

Passend: Walter versuchte es mit weiteren, frischen Offensivspielern und brachte Doyle fürs Mittelfeld sowie Wintzheimer und später noch Meißner (Alidou, Meffert und Glatzel gingen) für den Angriff. Aber seine Wechsel verpufften. Sie zerstörten heute auch den letzten Spielfluss und brachten keinen neuen Schwung. Allein Kaufmann… Aber lassen wir das. Fakt ist: Dieses ständige „All in“ funktioniert eben auf lange Strecke nicht. Wenn ich über weite Strecken aller Spiele vorn die Durchschlagskraft vermissen lasse, dann habe ich sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht. Wenn ich bei Ballverlusten in Unterzahl oder maximal Mann gegen Mann defensiv stehe, bin ich zu offen. Dann kassiere ich Gegentore, die bei einer gestaffelteren Spielweise vermeidbar wären. Oder etwas deutlicher formuliert: So verspielt der HSV schon allein in den Heimspielen den Aufstieg. Vorzeitig.

Zumal er heute diese Partie hätte verlieren können – oder gar müssen? Zumindest hatten die Kieler die klareren Chancen. Glück für den HSV: In der Nachspielzeit war es Ex-HSVer Holtby, der im Sechzehner noch einmal frei zum Schuss kam und verzog.

„Wir haben einige Aktionen nicht sauber zu Ende gespielt, waren in einigen Szenen nicht wach genug. Die Fans sind wie ich über das Ergebnis enttäuscht, aber sie honorieren, dass sich die Mannschaft zerreißt“, sagte Walter, nachdem die Fans den Abpfiff bzw. die vorigen 90 Minuten des HSV erneut mit einem Pfeifkonzert quittierten. Sie waren zurecht sauer, dass der HSV dieses Spiel so hergeschenkt hatte, während sich der HSV meiner Meinung nach mit seinem ewigen „wir haben uns nur nicht belohnt“-Erklärungen in die Tasche lügt. „Ich mache den Jungs keinen Vorwurf in Sachen Einsatz, aber wir müssen lernen, uns in den guten Phasen zu belohnen. Wir waren nicht abgezockt genug, den Sieg zu holen, befand Walter. Und das ist meiner Meinung nach nicht mal die halbe Wahrheit. Denn dieses System könnten nur alles überragende Teams wie vielleicht der FC Bayern in der Bundesliga spielen (und selbst die spielen es nicht so) – nicht aber ein junges HSV-Team im Aufbau.

Verkannte Realität - HSV droht spektakulär zu scheitern

Leider hat man mit diesen verschenkten Punkten die Steilvorlage der Konkurrenz nicht genutzt und den Abstand nach oben nicht verkürzen können. Es war letztlich ein verschenkter Sieg, ein verschenkter Abend – weil der HSV an seinen alten Problemen und dadurch mal wieder an sich selbst gescheitert ist. Und wenn man weiter die Realität verklärt und nur darauf wartet, dass irgendwann der Knoten platzt, bis man alle mit spektakulärem Offensivfußball überrennt – dann scheitert man ebenso spektakulär. Inzwischen muss man schon sagen: Das dann sogar sehenden Auges.  Aber dabei belasse ich es erst einmal.

Bis morgen. Gute Nacht!

Scholle

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