Analyse

Was Zusammenhalt bewirken kann...

Ich hatte es gestern Abend schon mitbekommen und überlegt, den Blog noch einmal zu ergänzen. Denn es ist tatsächlich nicht alltäglich, dass ein Trainer öffentlich zugibt, sich…

Was Zusammenhalt bewirken kann...

Ich hatte es gestern Abend schon mitbekommen und überlegt, den Blog noch einmal zu ergänzen. Denn es ist tatsächlich nicht alltäglich, dass ein Trainer öffentlich zugibt, sich in Sachen Aufstellung Mitspielern beraten zu haben. Zumindest nicht so wie in diesem Fall. Denn vor dem Spiel gegen Heidenheim hatte sich HSV-Trainer Daniel Thioune bei Kapitän Tim Leibold und bei Topstürmer Simon Terodde versichert, inwieweit die Leistungsträger  ihrem US-amerikanischen Kollegen einen Startelfplatz gegen den 1. FC Heidenheim zutrauen würden. Und nur, um das hier klarzustellen: Der Vorgang an sich ist nicht bemerkenswert. Bemerkenswert ist in diesem Fall nur, dass sich der Trainer nicht ´zu fein war, dass auch zuzugeben.

Nahezu alle Trainer holen sich immer wieder die Meinung ihrer Spieler ein. Mal mehr, mal weniger – aber der Vorgang an sich ist nur logisch, da die Trainer natürlich nicht immer mitbekommen, wie es mental um ihre Spieler bestellt ist. Selbst ich habe einmal mitbekommen, wie vor einem Spiel von uns beim bevorstehenden Gegner einer der Führungsspieler dafür sorgte, dass ein Spieler nicht von beginn an spielte. Wie? Ganz einfach: Er „verriet“ dem Trainer, dass der besagte Spieler gerade mit dem Kopf bei seinen Uni-Prüfungen sei und nicht zu 100 Prozent beim Spiel.  Stimmte so nicht – erfüllte aber für den Führungsspieler den Zweck, seinen Trainer so von der besagten Aufstellung abzubringen. Ergebnis: Nach dem 3:2 im Hinspiel gewannen wir mit 4:1.

Die Mannschaft trägt die Schwächen einzelner mit

Aber so hinterrücks es hier lief, so positiv ist auch das Beispiel Wood für den Zusammenhalt beim HSV. Denn in diesem Fall machten sich sowohl Leibold als auch der in Quarantäne festsitzende Simon Terodde  für den vom Trainer angefragten Spieler stark. „Bobby hat alles reingeworfen, was er konnte“, lobte Leibold im Anschluss und bedauerte, dass sich der Angreifer für diesen Fleiß nicht mit einem Tor belohnt habe. Und das meinte er auch so – denn neben dem Konkurrenzkampf um Startelfplätze hat diese Mannschaft auch ein soziales Miteinander entwickelt, das ich zumindest zuletzt unter Frank Pagelsdorf mit Typen wie Roy Präger, Thomas Gravesen, Niko Kovac und Co. erlebt habe.

Denn eines ist – bei allem Respekt vor Bobby Wood – klar: Auch seine Mannschaftskollegen wissen, dass er nicht der Knipser ist, den man eigentlich braucht. Aber, und genau DAS macht diese Aktion so wertvoll: Die Mannschaft ist bereit, einen Spieler mitzutragen, wenn sie merken, dass dieser darauf brennt, der Mannschaft zu helfen. Mit den lobenden Worten „mit allem, was er hatte“, umschrieb Leibold im Anschluss geschickt, dass Wood eben nicht wirklich viel Torgefahr versprühte, dafür aber fleißig und bemüht war. Und schon das zeigt mir, dass diese Mannschaft inzwischen neben großen Zielen auch Werte hat, die sie pflegt. Bei allem Druck, den der erwartete Aufstieg auch auf sie im Ganzen ausübt, wird der Teamgeist hier gelebt.

Was ich meine? Ganz einfach: Meine leider viel zu früh verstorbene Mutter hatte früher nie den Draht zum rein leistungsorientierten Sport. Ganz anders mein Vater. Und während mein Bruder meistens in den eher kameradschaftlich-orientierten Teams unterwegs war, durfte ich mich in der Jugend  sehr lange mit den Besten meines Jahrganges messen. Im Fußball wie beim Tennis. Dazu gehörte natürlich auch, dass neben den normalen Trainingseinheiten Sondertraining dazu kam. Beim Verband und beim Klub. Mit anderen Worten: Ich hatte viel mehr Trainingsmöglichkeiten als beispielsweise mein Bruder. Und meine Mutter fand das unfair.

Der Sieg gegen Heidenheim bietet mehr als die drei Punkte

Ich weiß nur, dass wir unendlich oft über die Sinnhaftigkeit dieser Ungleichmäßigkeit diskutiert haben und meine Mutter die Diskussionen immer mit dem Satz beendete: „Es kann nicht immer nur ums Gewinnen und Besser sein gehen. Du musst auch lernen, mit Hindernissen klarzukommen.“ Und da gerade der Mannschaftssport ´prädestiniert dafür sei, sozialen Umgang zu lernen, würde sie die Leistung meines Bruders, der als 12-Jährigher sogar ein Mädchen in seiner Mannschaft hatte und damit klarkam, deutlich höher einstufen als den Hamburger Meistertitel meiner Mannschaft, in der sehr viele sehr gute ;Kicker spielten.

Heute weiß ich, was sie meint. Und sie hatte ganz sicher auch recht. Und obwohl ich nicht mitgehe, das man so genannte „menschliche Handicaps“ in ein Team stecken MUSS, so muss jede Mannschaft mit dem klarkommen, was sie zu bieten hat. Wir hatten damals einen Matthias M., der so gut wie nie spielte, aber ein netter Kerl war. Rückblickend ärgere ich mich, dass wir als Mannschaft damals eher über ihn schmunzelten, als seine Beharrlichkeit anzuerkennen und seinen Einsatz zu fordern. Denn das hätte jeden einzelnen Sieg noch wertvoller gemacht.

So, wie es diesen HSV-Sieg aus meiner Sicht auch wertvoller macht. Nicht, weil Wood so blind ist und er von den anderen komplett mitgetragen werden musste. Nein, Wood fällt sicher nicht so ab wie mein früherer Kollege. Aber er hat es nur einfach lange nicht mehr zeigen können und hat sich den Zuspruch seiner Kollegen (sportlich wie menschlich) ganz offenbar mit Einsatz und Willen verdient. Mit anderen Worten: Es gibt nicht nur endlich wieder ein Leistungsprinzip – sondern hierbei zählt auch der Faktor Teamgeist. Endlich wieder.

In den letzten Wochen habe ich hier nimmermüde von der internen Stabilität gesprochen. Und diese bezog ich zu größten teilen auf die Art, wie Trainer Daniel Thioune die Mannschaft führt. Inzwischen erweitere ich diese Ansicht um die Erkenntnis, dass die Mannschaft die Message des Trainers verstanden hat. Sie hält zusammen. Siehe das Spiel gegen Heidenheim. Und genau das ist ein ganz wesentlicher Faktor, weshalb man am Ende im engen Kampf um den Aufstieg den einen Punkt mehr macht als die Gegner. 

In diesem Sinne, Euch und uns allen viel Spaß mit dem Spiel der Fortuna Düsseldorf gegen den VfL Bochum. Mein Tipp: Ein ganz enges 2:1 für die Rheinländer. Es würde diesen Spieltag abtrunden…

Bis morgen!

Scholle

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