Was man sich vom HSV zu Weihnachten wünschen sollte...
Dass Merlin Polzin als Trainerlösung diskutiert würde, war allen klar. Die Entscheidung für den jungen Bramfelder ist schließlich ebenso mutig, wie offenbar auch aus der…

Dass Merlin Polzin als Trainerlösung diskutiert würde, war allen klar. Die Entscheidung für den jungen Bramfelder ist schließlich ebenso mutig, wie offenbar auch aus der Alternativlosigkeit heraus entstanden. Lukas Kwasniok durfte nicht kommen, weil er beim SC Paderborn keine Freigabe dafür erhielt. Bei anderen Kandidaten wird es ähnlich gewesen sein, während Bruno Labbadia gekommen wäre, aber ob der Reaktionen im Vorfeld schon von HSV-Sportvorstand Stefan Kuntz abgelehnt wurde. Ein Vorgang, der mich bis heute an Kuntz‘ Entscheidungsfähigkeit zweifeln lässt. Denn solche Entscheidungen sollten nie von der Reaktion des Umfeldes, sondern ausschließlich von der eigenen Entscheidung getroffen werden.
Kurzum: Ich glaube Kuntz und Co. nicht, dass sie sich bewusst gegen andere Kandidaten entschieden haben, weil sie Polzin für die beste Lösung gehalten haben. Aber: Das müssen sie auch nicht. Ich hatte es gestern schon geschrieben, dass die Sorgfalt in diesem Job es bedarf, sich immer parallel über die Lösungen B und C – am besten auch noch D, E und F zurechtzulegen. Das mag vielen hier unehrlich vorkommen, es ist aber im Profifußball völlig normal. Alle, die sich in diesem Business bewegen, kennen das und wissen sich darauf einzustellen.
Dass Polzin nicht erste Wahl war, ist nicht entscheidend...
Aber dieses Problem von Kuntz ist nicht neu. Es ist nicht neu, dass Führungskräfte beim HSV taktieren bei ihren Personalentscheidungen. Denn abgesehen von vielen Stakeholdern, die sich sowieso überall einmischen und mitreden, bietet dieser HSV einfach zu viel Selbstbedienungsfläche. Leider hat das für viele immer wieder auch funktioniert. Sie blieben, weil sie auf einflussreiche Stakeholder hörten, sich absprachen und auch mal gegen ihre eigene Überzeugung entschieden. Ergebnis: Schwache Entscheidungen und gesicherte Arbeitsplätze für die, die diese schwachen Entscheidungen trafen. Oder anders formuliert: Die so oft zitierte Wohlfühloase wird oben und im mittleren Management immer wieder in vollen Zügen genossen. Man braucht einfach nur die „richtigen“ Freunde an der Seite. Leistungskultur ist hier nur ein Wort, das aber längst nicht alle als Basis ihres Handelns haben. Dementsprechend darf es auch niemanden wundern, wenn die pure Leistungskultur bei den Spielern nicht ankommt.
Warum ich die Entscheidung pro Polzin trotzdem als die richtige erachte? Ganz einfach: Weil sie ein anderer Weg ist als der normale, den der HSV immer (erfolglos) gegangen ist. Natürlich hätte man jetzt einen Kwasniok hinsetzen können und von diesem deutlich mehr Erfahrung erwarten dürfen. Deshalb hat Kuntz hier auch viel probiert. Man hätte damit zumindest nominell das Risiko minimiert, auf der Trainerposition zu schwach aufgestellt zu sein. Aber darum geht es hier in Hamburg schon lange nicht mehr. Der Trainer ist doch gar nicht entscheidend! Wenn ein Verein seine Trainersuche von Reaktionen aus den sozialen Netzwerken beeinflussen lässt, ist er schwach. Und alles, was darunter kommt, wird davon beeinflusst. „Der Fisch stinkt vom Kopf her“ heißt es – und beim HSV weiß man nicht einmal mehr genau, wer denn dieser Kopf ist.
...wenn der HSV ihn bedingungslos stärkt!
Deshalb hoffe ich, dass der HSV mit dem hoch veranlagten Jungtrainer Polzin die nächsten sechs Monate neue Wege ansteuert. Ob Polzin über die Saison hinaus bleibt oder nicht, ist hierbei erst einmal völlig nebensächlich. Der übergeordnete Plan muss von oben kommen, von dem Sportvorstand. Kuntz muss beweisen, dass er eine Idee hat, wie er den HSV langfristig erfolgreich aufstellen will. Und dafür wird er in- wie extern definitiv unpopuläre Entscheidungen treffen müssen. Fr Kuntz würde das sehr ungemütlich, weil zu viele Underperformer hier noch zu viel Mitspracherecht haben. Aber: Gemütlich verliert beim HSV früher oder später immer.…
Polzin auf die Chefposition zu hieven war nicht gemütlich. Okay, vielleicht alternativlos. Dennoch muss der HSV jetzt aus dieser Not eine Tugend machen. Und damit hatten Kuntz, Costa und Co. gestern schon begonnen, als sie erklärten, Polzins Verbleib schon seit dem Ulm-Spiel entschieden zu haben. Sie wollten hier eine tiefe Überzeugung zum Ausdruck bringen, was angesichts der Kwasniok-Geschichte sicher kein allzu schlauer Move war. Aber auch hier gilt: Das Ergebnis frisst die Vorarbeit. Die nächsten Wochen und Monate mit Polzin werden zeigen, wie gut Kuntz und die restliche HSV-Führung ist. Der HSV muss sportlich funktionieren und die Führung parallel dazu den langfristigen Plan aufstellen.
Kuntz muss sein langfristiges Erfolgskonzept erstellen
Sechs Monate hat Kuntz hiervon schon unnötig verloren, weil er sich wider eigene Überzeugung zu einem Verbleib von Baumgart überreden ließ. Aber: Kompromissentscheidungen für essenzielle Positionen funktionieren einfach nicht. Und diese Wahrheit holte Kuntz schon früh ein. Wäre ich an Kuntz‘ Stelle, würde ich zusehen, die Schwachstellen im HSV-Konstrukt herauszufiltern. Damit würde er zum Unternehmensberater im Change-Prozess, was ihn erstmal nicht beliebter macht bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Aber bis er beim kleinen Geschäftsstellen-Mitarbeitenden ankommt, muss er eh auf oberster Preis-Segment-Ebene beginnen – bei den Profis bzw. bei der Person, die das HSV-Konzept umsetzt: Bei dem Trainer. Und der heißt jetzt Polzin.
Die Inszenierung von Polzin als Wunschlösung ist wiederum einfach dämlich gewesen. Da Kuntz hier offenbar andere Pläne hatte und durch den wenig souveränen Umgang mit der Absage Kwasnioks nicht den Eindruck hinterlässt, diese Entscheidung mit 100-prozentiger Überzeugung zu treffen, bleibe ich dabei: Er ist beschädigt - nicht Polzin. Kuntz muss im Umkehrschluss jetzt Polzin vom ersten Moment an bedingungslos stärken und parallel hierzu jetzt einen Plan vorlegen, wie er sich den langfristigen Aufbau vorstellt. Detailliert, nachvollziehbar – und umsetzbar. Kuntz muss für den HSV eine Lösung darstellen. Die Frage ist nur: Wem präsentiert er das? Wer segnet diesen Plan ab bzw. wer lehnt ihn ggf. ab? Aktuell ist es nämlich sogar so, dass sich beim HSV auf oberster Ebene im Vorstand zwei Personen den sportlichen und den wirtschaftlichen Bereich so teilen, dass der eine dem anderen nicht reinredet. Das Problem hierbei: Die Kontrolle im Tagesgeschäft fehlt.
Der HSV ist auf Führungsebene nahezu unkontrolliert
Wer also beurteilt einen potenziellen Plan Kuntz‘ auf Umsetzbarkeit? Der Aufsichtsrat? Sicher nicht. Da fehlt nach dem Jansen-Aus auch die letzte sportliche Expertise. Schon deshalb ist diese Expertise ZWINGEND NOTWENDIG! Denn viel mehr bleibt ja gar nicht. Einen CEO hat man bislang konsequent vermeiden können, eine Technischen Direktor hat man erst angekündigt, dann aber doch verworfen. Ergo: Kuntz kann sich beim HSV nur mit seinen eigenen Leuten abstimmen. Und wer glaubt, dass sowas maximal kritisch vonstatten geht, der glaubt auch an den Weihnachtsmann!
Nein, hier sind die meisten nur so lange und so weit kritisch, wie es sein selbst nicht gefährdet. Hier geht es – und das ist menschlich sogar nachvollziehbar - mehr um Joberhalt, denn um die Entwicklung des großen Ganzen. Und das macht man ihnen auch sehr leicht…
Aber noch mal zurück zu Polzin, der für diesen ganzen Widersinn nichts kann und der jetzt sportlich aus meiner Sicht der wichtigste Mann für das Tagesgeschäft ist. Er hat sich intern über Jahre einen guten Namen gemacht. Mit guter Arbeit offensichtlich! Denn sein Ruf trägt ihn auch über verschiedene Entscheidungsträger hinweg. So, dass man ihn jetzt sogar ganz ranlässt. Jetzt bekommt er die große Chance. Deshalb ist es völlig unabhängig vom Zustandekommen jetzt entscheidend, dass Polzin die bedingungslose Unterstützung erfährt. Meine jedenfalls haben Polzin, Loic Favé und alle anderen aus dem Trainerteam erst einmal sicher. Ich freue mich schon allein deshalb über diese Lösung, weil der HSV auf diese Weise mal nicht den gewohnten Weg á la Labbadia, Kwasniok und Co. geht, dessen Ausgang schon vor der Unterschrift absehbar ist.
Polzin hat als Hamburger Jung aus meiner Sicht das Potenzial eine ganz tolle Geschichte beim HSV zu schreiben. Aber das ist zweitrangig. Mein Maßstab wird bei aller Sympathie für dieses junge Trainerteam weiterhin die sportliche Entwicklung sein. Passt diese, wird es so benannt! Passt sie nicht, wird auch das klar benannt. Polzin ist sich der Chance und des Risikos bewusst! Ebenso klar ist, dass hier das Leistungsprinzip angesetzt werden muss, was auch sonst? Wobei ich es auch deutlich leichter habe als der von Gremien und anderen Interessenvertretern zersetzte HSV.
Polzin weiß um die Größe von Chance und Risiko dieser Beförderung
Im Ergebnis heißt das: Schafft Polzin die sportliche Kehrtwende zum Guten, wird er bleiben dürfen. Dann könnte das alles hier zu einer richtig schönen Geschichte mit Happy End werden. Schafft Polzin das jedoch nicht, dürfte er auch für die zweite Reihe verbrannt sein. Gleiches gilt für Kuntz, dem für den Fall des Misserfolges unter Polzin nur die Option bliebe, einen so klaren, nachvollziehbaren Plan für die Zukunft zu haben, dass alle den mitgehen wollen. Wobei, ich wiederhole mich an dieser Stelle: Wer sind denn diese „alle“ eigentlich? Solange der HSV hier keine Instanz in Form eines übergeordneten CEO oder ausreichend sportliche Kompetenz im AR schafft, werden diese wichtigen Entscheider fehlen. DAS meinte ich eben in den letzten Monaten mit „der HSV muss sich auf allen Ebenen neu erfinden“…
Aber diese Tage sind nicht dafür gemacht, sich zu ärgern. Jetzt heißt es auch mal abschalten, denn die Weihnachtstage stehen vor der Tür und die sollten wir alle auf unsere eigenen Arten und weisen so gut genießen, wie nur irgendwie möglich.
Früher gab es zu dieser Jahreszeit immer ein sehr schönes, meist sehr langes Gedicht von meinem Blog-Urvater Dieter Matz. Dieter besaß/besitzt das große Talent, solche Gedichte extrem schön aufschreiben zu können. Und er verpackte seine eigenen Wünsche und die vieler Fans auf sehr unterhaltsame Weise in diesen Gedichten. Aber: Ich bin eben nicht Dieter Matz und ich werde mich auch niemals aufschwingen, mit dem Besten auf diesem Gebiet konkurrieren zu wollen...
Frohe Weihnachtsfeiertage!

Vor allem habe mir schon sehr lange abgewöhnt, mir vom HSV etwas zu wünschen. In Erfüllung gegangen ist das das letzte Mal 1987 – deshalb lasse ich es hier auch heute. Ich wünsche mir nur etwas für diesen Blog! Und wie jedes Jahr sind es auch in diesem ein paar kleinere und größere Dinge. Zum Beispiel, dass die Gemeinschaft bei aller Kontroversität genau so erhalten bleibt! Denn die ist großartig. Mit Ausrutschern nach oben ebenso wie nach unten. Absolut! Aber das lässt sich leider nie ganz verhindern. Das muss man ertragen. Zumal das Gute an unserer Blog-Community ist, dass sich 99 Prozent an die hiesigen Regeln halten und die 1% entsprechend ignorieren oder direkt ansprechen.
Hier wird der HSV in der Sache diskutiert und hier wird jedem seine Meinung zugestanden. Herausgekommen ist dabei ein sehr lebhaftes Miteinander, das einen ersten Eindruck dessen vermittelt, was dieser HSV bei seinen Fans noch auszulösen vermag. Wobei ich mir angesichts vieler HSV-Gremien nicht ganz sicher bin, ob denen bewusst ist, dass sie hier bis heute noch von dem Erbe ihrer Vorgänger zehren. Aber das ist ein anderes Thema…
Ich für meinen Teil habe Euren Wunsch nach dem MorningCall sehr genau mitbekommen und strebe derzeit eine umsetzbare Lösung dafür an. Zudem haben sich in den letzten Wochen immer wieder auch Userinnen und User genmeldet, die den Blog selbstlos unterstützen wollen. Dafür vielen Dank im Voraus!!
Apropos: An dieser Stelle möchte ich noch einmal meinen beiden Mitstreitern hier ganz herzlich danken! Janik und Joscha, Ihr zwei seid sehr wichtig für mich und für diesen Blog! Eure Hilfe ist Gold wert und ich kann mich dafür nicht ausreichend bedanken! Danke! Danke! Danke…!!!
So, und ebenso wie Janik und Joscha wünsche ich natürlich auch Euch und uns jetzt erst einmal ein paar ruhige, erholsame, richtig schöne und feierliche Festtage! Genießt die Ruhe und vor allem: Bleibt gesund!
Frohe Weihnachten, liebe alle hier!
Scholle
PS: Wer nicht nur dem HSV etwas wünscht, sondern noch ein echtes Geschenk für den Fußballverrückten in der Familie braucht — drüben gibt es handverlesene Geschenkideen für Fußballfans.
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HSV-Blamage- Die Taktik war das geringste Problem
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