Analyse

Was jeder - auch der HSV - von Barcelonas Xavi lernen kann

Erfahrung sagen, nicht alle Fußballer können das, was Barcelonas Idol Xavi hier sehr anschaulich darstellt, auch umsetzen. Viele müssten das erst lernen, einige wenige werden…

Was jeder - auch der HSV - von Barcelonas Xavi lernen kann

Wie angekündigt, habe ich seit einigen Tagen einen aus Fußballersicht extrem interessanten Artikel von unserem Blog-Freund Dr. Olaf Ringelband für Euch, den ich Euch heute gern einstellen will. Es dreht sich diesmal weniger um die psychologischen Aspekte denn um Handlungsweisen, die jeden einzelnen Spieler schnell besser machen können. Aber, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen, nicht alle Fußballer können das, was Barcelonas Idol Xavi hier sehr anschaulich darstellt, auch umsetzen. Viele müssten das erst lernen, einige wenige werden auch das nicht können. Fakt aber ist, dass der immer wieder zu hörende Satz von Trainern "Ihr müsst mehr auf den Ball schauen, Ihr müsst mehr auf den Ball achten" im Fußball nur sehr bedingt richtig ist, wenn man Spieler wirklich besser machen will. Und das gilt nicht nur für kleine Kinder, Jugendliche und andere Amateure - das gilt auch für die HSV-Profis. Warum das so ist? Viel Spaß beim Lesen! Und: Vielen Dank für diesen sehr interessanten Artikel, lieber Olaf!!

Spielverständnis und „Scannen“ im Fußball

Liebe HSV-Freunde, heute gibt es mal nichts Aktuelles über den HSV – weder über Leistungskultur oder Gewinnermentalität noch über die richtige oder falsche Einstellung der Spieler. Von daher können diejenigen, die sich nicht so für Psychologie im Fußball allgemein interessieren, ruhig gleich nach unten zu den Kommentaren springen. 

Ich möchte heute etwas über interessante Erkenntnisse der Sportpsychologie berichten, die nicht nur deshalb bedeutsam sind, weil sie helfen, die Fähigkeiten mancher genialer Fußballspieler zu verstehen, sondern auch, weil man diese Fähigkeiten trainieren und erlernen kann! Kurz gesagt, es geht darum, dass Fußballspieler sich generell im Spiel zu stark auf den Ball konzentrieren – egal ob sie gerade im Ballbesitz sind oder nicht.  Exzellente Spieler hingegen fokussieren sich eher auf das Spiel als auf den Ball.

Spiel ohne Ball

Das kann man sehen, wenn man Spieler während des Spiels mit hochauflösenden Kameras beobachtet: alle Spieler lassen ihren Blick immer wieder zwischen der Fokussierung auf den Ball und einem kurzen Scan der gesamten Umgebung (also des Spielfelds, der Position und Bewegungen von Mitspielern und Gegnern) hin und her wandern. Wenn man die Daten analysiert, stellt man fest, dass die Quote erfolgreicher Pässe (das sind Pässe, die beim eigenen Spieler ankommen sowie auch Pässe, die Torgelegenheiten zur Folge haben) davon abhängig ist, wie häufig jemand im Spiel die Umgebung scannt. Auch wenn dieses „Scannen“ natürlich alle Spieler hin und wieder machen, ist es für Mittelfeldspieler besonders wichtig und deshalb haben Mittelfeldspieler im Schnitt eine höhere Rate von „Scans“. Aber auch bei Abwehrspielern zeigt sich ein Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von „Scans“ und der Anzahl abgefangener Pässe.

Xavi Hernández als „Super-Scanner“

Einige der besten Fußballspieler zeigen außergewöhnliche Fähigkeiten darin, die gesamte Umgebung schnell und immer wieder zu beobachten; der Beste in dieser Hinsicht war Xavi Hernández (der neue Trainer von Barça), der als aktiver Spieler im Schnitt in den 10 Sekunden bevor er den Ball erhielt, alle 0,83 Sekunden die Umgebung scannte. Xavi selbst berichtet, dass das schon immer eine Angewohnheit von ihm gewesen sei: Sobald er in einen Raum komme, nehme er sofort wahr, wie die Tische stehen, wo wer sitzt, wo die Türen sind... Er selbst sagt, das sei ein „Reflex“ von ihm, den er sich früh angewöhnt habe. Er ist aber auch davon überzeugt, dass Spieler diese Fähigkeit lernen können: So beklagt er in einem Interview (Xavi: "Clearing the ball is an intellectual defeat !" - FC Barcelone, Espagne, Xavi, Lionel Messi / 1 mars 2018 / SOFOOT.com ), dass das Training im Profi-Fußball zu 60% körperliches und 40% technisches Training sei, aber der Geist kaum geschult werde. Er kritisiert, dass „Spielverständnis“ zu wenig geübt wird und sagt (frei übersetzt von mir): „Usain Bolt ist der schnellste Sprinter der Welt – aber er wird nie ein guter Fußballspieler sein (…), weil man mangelnde geistige Flexibilität und Spielverständnis nicht mit überlegener Körperlichkeit und Geschwindigkeit kompensieren kann.“ Er spricht sich auch gegen das sinnlose Trainieren automatisierter Abläufe aus: „Im Training sollen manche Spieler lernen, nach einem Pass zehn Meter nach vorne zu sprinten. Aber wo sollen sie hinlaufen? Laufen ist gut, aber in die richtige Position zu laufen ist besser.“ Und: „Die wirklich großen Spieler wie Dani Alves oder Verratti, die spielen nicht mit den Füßen, die spielen mit ihrem Hirn.“

Dieses Scannen der Umgebung geht sehr schnell, meistens dauert ein Scan weniger als 0,7 Sekunden und selten wird dabei ein bestimmtes Objekt (Spieler oder Ball) fixiert. Die Scans finden immer dann statt, wenn kein Spieler (egal ob Mit- oder Gegenspieler) den Ball am Fuß hat – denn wenn gerade kein Spieler den Ball berührt, kann der Ball seine Richtung nicht ändern, also muss man auch nicht auf den Ball blicken. Auch wenn der Ball zwischen Spielern hin- und hergeschoben wird, scannen gute Fußballspieler das Umfeld.

Doch „Situationsbewusstheit“ alleine reicht natürlich nicht aus, Spieler müssen auch in der Lage sein, diese Situationsbewusstheit in entsprechende Aktionen (Freilaufen, Spielverlagerung, Deckungslücken füllen) umzusetzen. Das beschreibt Xavi wie folgt in dem erwähnten Interview: „Fußball ist ein Spiel mit  Raum  und der Zeit (…), wenn ich den Ball habe, suche ich nach freien Räumen ohne darüber nachzudenken. Wenn ich den Ball nicht habe, mache ich dem Gegner die Räume eng, erlaube ihm nicht, Lösungen zu finden (…) dazu muss ich mich immer so stellen, dass ich das ganze Spielfeld sehen kann und auf alle Details achten (…) so muss ich nicht mehr nachdenken, wenn ich den Ball bekomme.“

„Scannen“ kann man trainieren

Glücklicherweise kann das Scannen der Umgebung trainiert werden, das haben Studien gezeigt. Zumindest die Frequenz des Scannens kann man relativ schnell durch Übung erhöhen. Schwieriger ist es, aus der Wahrnehmung der Spielsituation die richtigen Schlüsse zu ziehen und diese dann in Handlung, d.h. Bewegung umzusetzen. Diese Umsetzung der Erkenntnisse in Aktionen ist zwar etwas schwieriger zu lernen, aber auch das kann trainiert werden – und zwar umso besser, je früher man damit anfängt. 

Damit bin ich wieder bei einem meiner Lieblingsthemen – der Nachwuchsleistungszentren und der psychologischen Betreuung in diesen Zentren. Denn genau so, wie man Kindern beibringt, im Verkehr nicht nur auf die eigenen Füße oder den Fahrradlenker zu gucken, sondern auch auf die Umgebung bzw. den Verkehr, kann man Jugendspielern beibringen, gewohnheitsmäßig im Spiel die Umgebung zu scannen. 

Ich ahne schon die Kommentare, die sagen, „das ist doch alles nichts Neues, das weiß man als Fußballspieler doch schon immer, dass man nicht nur auf den Ball gucken soll. Richtig, das ist keine neue Erkenntnis, schon mein C-Jugend-Trainer ermahnte uns regelmäßig: „Jungs, nicht die ganze Zeit auf den Ball gucken, nehmt zwischendurch mal den Kopf hoch!“. Aber faszinierend finde ich, dass die Wissenschaft nachgewiesen hat, dass die Häufigkeit des Scannens in der Tat mit der Qualität eines Spielers zusammenhängt.

Die Fähigkeit, häufig und automatisch im Spiel die Umgebung zu scannen ist ein wichtiger Teil dessen, was „Spielintelligenz“ ausmacht. Spieler können diese Fähigkeit heute nicht nur im Training verbessern, sondern auch zu Hause mit Hilfe von VR-Technologie. Es gibt einige sehr gute, psychologisch fundierte Apps für 3D-Brillen, die auf Ballsportler zugeschnitten sind. 

Generell zeigen die sportpsychologischen Erkenntnisse und die Äußerungen von einem der besten Mittelfeldspieler der letzten Jahre, dass selbst im Spitzenfußball (Barça!) die psychologischen Aspekte im Training vernachlässigt werden. Oder andersherum formuliert: Vereine, die heute diese neuen Erkenntnisse nutzen, können einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den Vereinen haben, die dies nicht tun.

Vielen Dank noch einmal, lieber Olaf! Und Euch allen heute einen schönen Abend, morgen melden wir uns dann wieder mit dem Communitytalk, für den Ihr mir noch bis morgen früh 10 Uhr per Email ([email protected]) oder per Instagram Fragen senden könnt. Bis dahin!

Scholle

Anzeige · Partner

Zeig deine Farben

Unsere Freunde von HANDS OF GOD setzen ikonografischen Momenten und Legenden der Vereinsgeschichte ein künstlerisches Denkmal.

Alle Hamburg-Motive bei HANDS OF GOD

Wir sind Partner von HANDS OF GOD und bekommen eine Provision, wenn du über diese Links kaufst — für dich ändert sich am Preis nichts. Gezeigt werden nur Motive, die wir selbst aufhängen würden.

Diskussion

0 Kommentare

Diskutier mit!

Registriere dich kostenlos — dann kannst du unter den Beiträgen mitdiskutieren, antworten und liken.

Jetzt kostenlos registrierenAnmelden
DU
Bleib fair — wir moderieren mit Augenmaß.
Noch keine Kommentare — sei der/die Erste.
Lies weiter Meinung HSV-Blamage- Die Taktik war das geringste Problem Ein Tag nach der Pleite sitzt der Frust tief. Neben taktischen Mängeln fehlte vor allem eins: die Bewegung und der Wille, den Ball zu fordern. Das Problem war viel tiefer als die reine Herangehensweise Weiterlesen