Was für ein geiles Saisonfinale für den HSV!
Teil 1 ist schon einmal genau so gekommen, wie es nicht besser hätte kommen können. Denn ich glaube, dass es gegen die charakterstarken, homogener wirkenden Stuttgarter…

Teil 1 ist schon einmal genau so gekommen, wie es nicht besser hätte kommen können. Denn ich glaube, dass es gegen die charakterstarken, homogener wirkenden Stuttgarter deutlich schwerer noch geworden wäre, als es gegen die Hertha aus Berlin eh schon wird. Und wenn man den Verlauf des heutigen Showdowns noch dazurechnet, dann war das noch einmal ein richtig übler Nackenschlag für die arg gebeutelten Berliner, bei denen ich unweigerlich Parallelen zum Verlauf des HSV-Absturzes 2018 sehe. Denn auch in Berlin hat man sich großen Träumen und dementsprechend großen Geldern hingegeben - und ist bitter daran gescheitert. Inzwischen wirken fast alle Beteiligten – von Manager Fredi Bobic über die sehr teuren Spieler bis hin zu Felix Magath – so, als würden sie Dienst nach Vorschrift machen und dabei nullkommanull Pathos für Hertha BSC an sich in sich tragen. Und so eine Konstellation muss auf Dauer scheitern. Von daher ist das im Hinblick auf die Relegation ein weiterer, großer Hoffnungsschimmer. Für Werder Bremen…
Und im Ernst: Egal wer am Ende Relegation spielt, die Chance gegen Hertha ist trotz deren nominell sportlich zweifellos höheren Leistungsfähigkeit vorhanden. Mit Teamgeist, Pathos und dem Zusammenspiel Fans/Mannschaft ist da was zu erreichen, was gegen Stuttgart aus meiner Sicht nahezu unmöglich gewesen wäre. Nominell ist jeder Zweitligist, der in die Relegation, deutlich unterlegen. Aber gegen Hertha im Gegensatz zum VfB Stuttgart eben auch „nur“ noch nominell. Womit wir zum Spiel des HSV in Rostock kommen.
Die Lage bei den drei Aufstiegsaspiranten vor dem letzten Spieltag:
WERDER BREMEN (2. Platz, 60 Punkte, 63:43 /+20 Tore)
Alles spricht für Werder. Die Bremer haben die beste Ausgangslage, den vermeintlich leichtesten Gegner und können in Bestbesetzung antreten. Sogar Kapitän Ömer Toprak hat seine Wadenprobleme auskuriert und steht gegen Jahn Regensburg zur Verfügung. Im Umfeld ist die Euphorie riesig. Für Montag ist eine große Aufstiegsparty geplant, wenn es mit der direkten Rückkehr in die 1. Liga klappt.
Trainer Ole Werner will sich damit aber noch nicht beschäftigen. Sein Fokus ist auf das letzte Saisonspiel gerichtet. Dass bereits ein Punkt zum Aufstieg reicht, soll keine Rolle spielen. «Wir werden nichts an unserer Spielweise im Vergleich zu den bisherigen Spielen ändern», sagte Werner. Angetrieben vom Sturmduo Marvin Ducksch und Niclas Füllkrug soll auf Sieg gespielt werden. In der Woche schottete sich Werder etwas ab, trainierte fast ausschließlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Alle Konzentration ist auf Sonntag gerichtet, erst danach soll die große Sause an der Weser steigen.
HSV (3. Platz, 57 Punkte, 64:33 / +31 Tore)
Tim Walter und Co. wollen nichts von Druck wissen. „Wenn man solche Spiele hat, dann macht so was das Leben auch ein Stück weit aus“, sagte Coach Tim Walter vor der Entscheidungspartie in Rostock. „Wir sind voller Vorfreude und Energie.“ Was soll er auch sonst sagen? Immerhin versucht er so, die zweifellos vorhandene Unruhe und Nervosität auszublenden. Die schwere Verletzung von Top-Talent Anssi Suhonen (Wadenbeinbruch) sieht der Trainer nicht als Rückschlag (ich schon!). Stattdessen stärkt der Trainer seine gesunden Spieler – was absolut richtig und gut ist. Walter: „Wir haben genug Optionen.“
Wobei die Frage, wie er den Ausfall des Finnen personell auffangen will, interessant ist. Zieht er Moritz Heyer ins Mittelfeld und spielt mit Miro Muheim und Vagnoman auf den Außenbahnen der Viererkette? Ich glaube es irgendwie nicht. Denn die Viererkette zu verändern, ist immer auch ein Stück weit riskant. Zuletzt hat die Abwehr gut gestanden – und da verändern Trainer ungern etwas. Und ich würde es auch nicht machen.
Ich würde eher überlegen, Sonny Kittel im Mittelfeldzentrum alle Freiheiten einzuräumen und mit Ludovit Reis auf der Acht vor Jonas Meffert als Sechser zu agieren. Oder eben mit Maximilian Rohr einen 1:1-Wechsel vorzunehmen. Also: Suhonen raus – Rohr rein und den Rest wie zuletzt spielen lassen. Ich muss an dieser Stelle aber auch noch einmal zugeben, wie sehr es mich ärgert, dass ein David Kinsombi mit seinen fußballerischen Fähigkeiten so gar keine Alternative mehr ist. Zumindest für mich nicht. Denn dessen Potenzial ist ebenso unbestritten wie nie beim HSV zum Vorschein gekommen. Jetzt hätte man den guten Kinsombi bestens gebrauchen können...
Der HSV jedenfalls sieht sich gerüstet, die Serie von vier auf dann fünf Siege zu verlängern. Der HSV will wie immer „bei sich bleiben“ wie Walter die Selbstbesinnung nennt. Und auch hier geht Walter unbeirrt den Weg weiter, den er seit Saisonbeginn eingeschlagen hat. An der Konsequenz im Handeln des Trainers dürfte es also nicht scheitern. Sehr wohl aber wird der Kopf der Spieler in diesem einen Spiel auf eine ganz harte Probe gestellt. Denn der HSCV hat etwas zu verlieren. ABER: Er hat auch sehr viel zu gewonnen.
Bis hin zu einem möglichen direkten Aufstieg ist morgen noch alles drin. Und allein diese Aussicht würde mir als Spieler reichen, um mit dem maximal gesunden Adrenalinpegel in so ein Spiel zu gehen und alles abzureißen. Ich hoffe ganz stark darauf, dass der HSV den Rostockern deren letzte Motivation raubt, in diesem Spiel noch einmal alles zu geben. Und das gelingt nur, wenn man den Rostockern von der ersten Sekunde an deutlich macht, dass Widerstand wehtut. Und damit meine ich nicht allein körperliche Härte, die dazugehört: Ich meine vor allem ein derartiges Höchstmaß an Laufbereitschaft innerhalb des HSV, die die Rostocker in diesem Spiel, in dem es für sie um nichts mehr geht, schlicht nicht mehr bereit sind, aufzubringen.
DARMSTADT 98 (4. Platz, 57 Punkte, 68:46 / +22 Tore)
Darmstadt 98 hat im Aufstiegsfinale nur eine Außenseiterchance, die allerdings wollen die Hessen nutzen. „Im Gegensatz zu den absoluten Aufstiegsfavoriten Werder und HSV verspüren wir keinen Druck“, sagte Coach Torsten Lieberknecht und sprach von einer „Lust auf Sensation»“. Der Trainer hatte mit seiner Mannschaft im Endspurt der Saison noch eine Achterbahnfahrt erlebt: mit einem 2:5 beim FC Schalke 04, einem 2:1 beim FC St. Paul, einem 6:0 gegen Erzgebirge Aue und einer schmerzlichen 1:2-Niederlage in Düsseldorf. Nach der Pleite bei der Fortuna fielen die Darmstädter vom zweiten auf den vierten Platz zurück und müssen nun hoffen, dass die vor ihnen liegenden Bremer und Hamburger patzen.
Aber Lieberknechts Ausführungen sind letztlich nicht mehr als der legitime Versuch, die Konkurrenz unter Druck zu setzen und selbigen von seinem Team zu nehmen. Dabei ist allen Beteiligten klar, dass man in dieser Saison eine historische Chance vergeben hätte, wenn es letztlich nicht zum Aufstieg bzw. mindestens zur Relegation reicht. Und auch das übt eine Form von mentalem Druck aus. Ganz sicher. Zudem treffen die Darmstädter nun ausgerechnet auf das auswärtsstärkste Team der Liga und müssen punkten, um noch eine Chance zu haben. Zudem ist Schützenhilfe erforderlich.
Ich habe jedenfalls richtig Bock auf dieses Saisonfinale. Bei mir herrscht nichts anderes als tatenfreudige Vorfreude - und ich hoffe ganz stark, dass es den Spielern genau so geht wie mir. Lieber nicht so, wie ganz vielen Menschen in meinem direkten Umfeld, die seit Tagen nichts anderes mehr machen, als dieses Saisonfinale durchzuplanen. Grillen, Trikots abgleichen, Getränke und sogar vorsorglich eingereichter Urlaub für den Montag sind dabei schon der Regelfall. Und alle sprechen von einer Aufregung und Nervosität, wie sie sie lange nicht verspürt haben. Meine Frau geht hier übrigens ganz weit vorneweg…
Bei mir ist das noch etwas anders. Nervosität verspüre ich nicht, denn der HSV hat es in der Hand, morgen mit einer letztmals hundertprozentigen Fokussierung die Saison erfolgreich zu beenden. Und Trainer Tim Walter hat es mit seiner Mannschaft immer wieder geschafft, sich aus schwierigen Situationen (in die man sich zweifellos selbst und unnötig manövrierte) wieder herauszuretten. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass man das auch in Rostock schaffen kann, wo es zweifellos ein richtig harter Gang wird. Ob das dann gleichbedeutend mit dem Saisonende ist oder eine Relegation nach sich zieht, hat man nicht allein in der Hand. Hierbei ist man von anderen abhängig. Von daher ist das aus meiner Sicht erst einmal komplett zweitrangig. Entscheidend ist, dass dieser HSV seine Saison so beendet, wie sie zu werten ist aus meiner Sicht: Mit einem extrem mutigen und intensiven Auftritt.
In diesem Sinne: Bis morgen!
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