Analyse

Was der Fall Lasogga mit Simon Terodde zu tun hat

Fußball ist Emotion. Für mich eh, sogar schon mein ganzes Leben lang. Und das will ich mir auch unbedingt beibehalten. Aber es gibt immer auch Phasen, in denen Emotionen über…

Was der Fall Lasogga mit Simon Terodde zu tun hat

 Fußball ist Emotion. Für mich eh, sogar schon mein ganzes Leben lang. Und das will ich mir auch unbedingt beibehalten. Aber es gibt immer auch Phasen, in denen Emotionen über Inhalte hinwegtäuschen. In beide Richtungen wohlgemerkt. Denn so schön sich Euphorie auch anfühlt, in Entscheidungsprozessen sollte man sie ausblenden. Zumal dann, wenn viel Geld im Spiel ist. Wie sowas schieflaufen kann, haben wir in Hamburg nicht zuletzt bei Vertragsverlängerungen mitbekommen. Bobby Wood ist hier ein Name, aber auch nur einer von sehr vielen in den letzten Jahren, bei denen der HSV zu hoch ins Regal griff. Etwas, was man aktuell offenbar zu vermeiden versteht. Stichwort: Simon Terodde. Oder auch: Aaron Hunt. Bei beiden Spielern laufen die Verträge aus, beide Akteure sind vom Alter her sicher nicht als Investitionen in die Zukunft anzusiedeln. Beide sind aktuell wichtig fürs Team.

Bislang hat sich der HSV bei beiden noch nicht in die Karten schauen lassen. Nach Teroddes HSV-Zukunft wird quasi seit der Hinrunde nach dessen HSV-Zukunft gefragt. Und die HSV-Verantwortlichen umgehen die Antworten zwar noch sehr geschickt, sie machen damit aber auch deutlich, dass man bei beiden keine schnellen Entscheidungen treffen will. Und das ist gut so. Denn ebenso wie bei Terodde natürlich immer wieder die Frage gestellt wird, warum er nicht auch im Falle eines Aufstieges für den HSV zum Torjäger werden sollte, wird bei Hunt nach den zuletzt (zugegeben) guten Leistungen plötzlich wieder davon gesprochen, dass vielleicht auch er noch ein weiteres Jahr dem HSV helfen könnte. Aber das zum Glück nur von dem/der einen oder anderen HSV-Fan. Die Offiziellen sprechen schon seit einigen Wochen mit Hunt und dessen Berater – genauso übrigens immer wieder auch mit Simon Terodde. Und der HSV lässt beide Themen komplett unaufgeregt wirken. Und auch das ist gut.

Vergangenheit muss der Erwartung untergeordnet werden

Besser noch wäre es aus meiner Sicht, wenn der HSV für seine zukünftigen Kaderplanungen das Kriterium „Verdienst“ im Bezug auf vergangene Leistungen weniger schwer gewichtet, als bei den zu erwartenden. Denn gerade in Sachen Kaderplanung muss Rationalität alles andere schlagen. Was ich meine? Ein Beispiel: Pierre Michel Lasogga ist in seinem ersten Jahr beim HSV mit 13 Treffern aus 20 Ligaspielen (damals noch erste Liga) schnell zum Publikumsliebling aufgestiegen und urplötzlich gab es andere Interessenten. Kurzum: Anstatt über den Dingen zu stehen befand sich Der HSV befand sich unter Zugzwang, weil die Fans ihren Helden in Hamburg behalten wollten. Das Problem: Lasoggas Gehaltsvorstellungen bewegten sich jenseits des vom HSV finanzierbaren. Aktuell würde ich wetten, wäre dieses Thema an dieser Stelle erst einmal beendet. Damals allerdings war es anders.

Ein Vertragsabschluss, der so gut wie alle Fehler beinhaltet, die man machen kann, war tatsächlich der von Pierre Michel Lasogga 2014. Da spielte Lasoggas Beliebtheit eine (zu große) Rolle und man hatte offenbar einen Mangel an Alternativen auf der Liste. Zu allem Überfluss meldete sich damals Klaus Michael Kühne zu Wort und machte sich für den Verbleib Lasoggas stark. Wozu man wissen muss, dass der Mäzen dem HSV damals Gelder zugesagt hatte, auf die gewartet wurde. Gerade in der Phase der Kaderplanung wären die angekündigten Millionen wichtig gewesen, was man Kühne deutlich gemacht hatte. Der aber zögerte weiter und ließ sich nicht dazu überreden, einen festen Zeitpunkt für seinen Zuschuss zuzusagen. Das wiederum hätte der HSV gebraucht, um bei Lasogga ins Risiko zu gehen. 

Die Folge war, dass die HSV-Verantwortlichen damals dem Mäzen deutlich machten, dass sie so alternativ versuchen müssten, Geld für den Lasogga-Vertrag zu beschaffen. Dieser Weg – so teilte man es Kühne mit – beinhaltete den Verkauf von Hakan Calhanoglou (deswegen komme ich heute übrigens auch auf diese Thema). Also den Verkauf eines Spielers, den Kühne unbedingt in Hamburg halten wollte. Beides aber , so machte man es Kühne deutlich, ginge nicht ohne das seinerseits zugesagte Geld. Und so entstand ein Standoff. Beide Seiten (Kühne hier – die HSV-Verantwortlichen auf der anderen Seite) machten auf stur und warteten darauf, dass sich der andere bewegte – was nicht passierte.

Lasoggas Vertrag beinhaltete alles, was man falsch machen kann

Das Ergebnis war ein zu teurer Lasogga-Vertrag und ein verkaufter Calhanoglou. Es war von der damaligen HSV-Führungen der Wink in Richtung Kühne, dass man autark entscheiden würde und auch dann Mittel und Wege fände, wenn dieser seine Zusagen nicht einhalte. Oder anders formuliert: Neben der vernünftigen Abwägung aller Pros und Contras gab es hier viele verschiedene, viel zu oft und deutlich zu stark emotionalisierte Einflüsse, die die Entscheidung negativ beeinflussten. Zu allem finanziellen Schaden entstand damals auch noch eine Erwartungshaltung an Lasogga, an der dieser scheiterte.

Ich kann mir vorstellen, dass 90 Prozent aller HSV-Anhänger der Meinung sind, der HSV solle mit Terodde verlängern. Auch ich würde das unter Umständen machen. Und mit Umständen meine ich eben jene Abwägungen, die nichts damit zu tun haben, dass ich aktuell der Meinung bin, dass Terodde der vielleicht beste Griff der HSV-Verantwortlichen in den letzten zehn Jahren war. Für diese Situation. Und ja, ich gebe nur zu gern zu, dass ich ein großer Fan von der Art bin, mit der Terodde diese Mannschaft stärker macht. Menschlich wie sportlich! Aber eines ist klar, und jetzt komme ich zu dem rationalen Part: Auch ein Terodde kann unter Umständen ein Fehler für die Kaderplanung sein.

Ich kann mir vorstellen, dass 90 Prozent aller HSV-Anhänger der Meinung sind, der HSV solle mit Terodde verlängern. Auch ich würde das unter Umständen machen. Und mit Umständen meine ich eben jene Abwägungen, die nichts damit zu tun haben, dass ich aktuell der Meinung bin, dass Terodde der vielleicht beste Griff der HSV-Verantwortlichen in den letzten zehn Jahren war. Für diese Situation. Und ja, ich gebe nur zu gern zu, dass ich ein großer Fan von der Art bin, mit der Terodde diese Mannschaft stärker macht. Menschlich wie sportlich! Aber eines ist klar, und jetzt komme ich zu dem rationalen Part: Auch ein Terodde kann unter Umständen ein Fehler für die Kaderplanung sein.

Zum Beispiel im Falle des Aufstieges. Denn in der ersten Bundesliga hat Terodde seinen Nachweis noch nicht erbracht, einer Mannschaft wie dem HSV helfen zu können. Mit seiner Art wohlgemerkt immer – hier ist der Torjäger ein tadelloses Vorbild für jung wie alt im Team. Aber in diesem Fall muss das Sportliche entscheiden. Und hier gibt es Fakten: Dass der 33-Jährige in  den nächsten Jahren noch fitter wird, ist zum Beispiel eher unwahrscheinlich. Dass er in den nächsten Jahren plötzlich zum Sprinter (Konterspieler) wird, ist sogar nahezu ausgeschlossen. Überhaupt nicht ausgeschlossen ist, dass Terodde ein Knipser bleibt für eine Mannschaft, die ihre Sturmspitze möglichst intensiv im gegnerischen Sechzehner anzuspielen vermag. So, wie es vom HSV als Favorit in der zweiten Liga macht - aber eben auch so, wie es der HSV als Aufsteiger gegen die arrivierten Erstligisten wahrscheinlich eher selten wäre.

Terodde Verbleib ist nicht in jedem Fall richtig

Ergo: Auch bei einem so tollen Sportsmann wie Terodde, den ich als Mitspieler wie auch als HSV-Fan immer gern dabei haben würde, muss sich der HSV eine klare, rationale Kosten-Nutzen-Frage stellen. Ohne Emotion. Und die wird beim Klassenerhalt sicher für Terodde ausfallen – bei einem Aufstieg eher nicht. Gleiches Vorgehen gilt übrigens für alle anderen, also auch für den Fall Aaron Hunt, der morgen an dieser Stelle noch mal kurz ein Thema sein wird und aus meiner Sicht noch einfacher zu beurteilen ist als die Causa Terodde.

Aber okay, für heute soll es das gewesen sein. Ich habe mir einen ordentlichen Hexenschuss eingefangen, der längeres Sitzen leider unmöglich macht. Diesen Blog habe ich auch in mehreren, kurzen Sitzungen verfasst. Ich hoffe, dass sich das alles schnellstmöglich legt und ich am Freitag ganz normal wieder ins Stadion kann, wenn der HSV gegen Darmstadt 98 die Punkte zurückholen muss, die er in Hannover liegengelassen hat. Bis dahin wünsche ich Euch allen einen schönen Abend mit Zweitliga- und Champions-League-Fußball.

Scholle

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