Analyse

Warum kommt Levin Öztunali beim HSV nicht in Fahrt?

Der HSV hat weiter personell zu knabbern. Gegen Wehen Wiesbaden am kommenden Sonnabend fällt Kapitän Sebastian Schonlau erneut aus. Heute gesellten sich auch Ludovit Reis und…

Warum kommt Levin Öztunali beim HSV nicht in Fahrt?

Der HSV hat weiter personell zu knabbern. Gegen Wehen Wiesbaden am kommenden Sonnabend fällt Kapitän Sebastian Schonlau erneut aus. Heute gesellten sich auch Ludovit Reis und Jean-Luc Dompé zum Lazarett. Zeit also für die zweite Reihe, sich zu zeigen. Also auch für Levin Öztunali? Eher nicht. Denn der Sommerzugang von Union Berlin ist absolut noch nicht im Wettkampfmodus angekommen. Wie Ihr erinnert, war ich zu Saisonbeginn in den ersten Blogs sehr skeptisch, inwieweit die schöne Geschichte mit der Rückkehr von Uwe Seelers Enkel Levin Öztunali auch sportlich ein solch schönes Happy End haben würde. Denn der junge Außenstürmer hatte zuvor leidliche Erstligajahre hinter sich gebracht und wenig bis keine Spielpraxis mitgebracht. Wie man Statistiken dennoch falsch bzw. nur so auslegt, wie man sie gerade braucht, wurde im Anschluss unter Beweis gestellt, als ihm „Champions-League-Erfahrung“ attestiert wurde.

Dass hierbei der Eindruck entstand, Öztunali sei besser als Zweite Liga – es wurde billigend in Kauf genommen. Ergebnis: Öztunali enttäuschte. Und damit meine ich nicht, dass er wegen der Schlagzeilen zuvor zu viel Druck hatte. Im Gegenteil: Das muss er abkönnen. Aber ähnlich wie bei Jahrhunderttalent Fiete Arp wurde hier eine viel zu hoch gestochene Geschichte verbreitet, die sich nicht im Ansatz bewahrheiten konnte.  Denn Öztunali kam als Spieler, der sportlich gebrochen scheint. Der Seeler-Enkel, wie er immer nur genannt wird, wird auch in Zukunft die hohen Ansprüche von Champions League etc. nicht bedienen können. Warum auch? Er konnte es zumindest bis heute nirgendwo.

Ich bleibe dabei, dass man bei dem Rechtsfuß die Messlatte deutlich niedriger hängen muss. Beim HSV ist er nun da, wo er aktuell wohl steht: Eine Option von der Bank – die allerdings absolut noch nicht funktioniert. Von ihm zu erwarten, dass er das HSV-Spiel sofort verbessert, erscheint zu optimistisch. Wobei er ganz klar und aus meiner Sicht auch offensichtlich jede Menge Zutaten hat, die dem HSV sehr helfen können. Ich glaube, das ist unbestritten, wie auch die untenstehende Transferanalyse von unseren Analysten von Createfootball.com zeigt. Aber das galt zuvor auch schon für viele andere. Beispielsweise auch für Arp, der heute seinerseits  bei Holstein Kiel nur noch Ergänzungsspieler ist und öffentlich an sich selbst zweifelt.

Was also tun? 

Am wichtigsten ist, dass man sich ein paar Fragen ehrlich beantwortet. Zum Beispiel: Bekommt man Öztunali zum vollwertigen Stammspieler gepusht, oder wird das eh nichts? Und natürlich: Wo steht Öztunali heute – wie bekommen wir den Anspruch an ihn mit der Realität in Einklang? Denn alles andere führt nur zu Enttäuschungen, Druck, falsche Erwartungen. Das hilft niemandem. Ergo: Man muss Öztunali aus meiner Sicht tatsächlich einmal wieder von Null an aufbauen. Er muss sich seiner Situation klar sein und diese annehmen. Tut er das nicht, wird er es hier nicht schaffen. Vor allem ist der HSV auch aus psychologischer Sicht jetzt gefragt. Denn sollte man Öztunali dem Druck aussetzen, einem Champions-League- oder wenigstens einem Erstligakicker zu entsprechen, wird er scheitern. Stück für Stück. Und in etwa so, wie es aktuell der Fall zu sein scheint.

Der HSV muss es schaffen, sowohl nach außen als auch für ihn nach innen den Erwartungsdruck realistisch anzupassen. Alles ohne Freibrief, denn auch hier gilt: Der Spieler selbst ist für sich verantwortlich – und Fußball ist sein Job. Er muss also täglich so hart wie möglich an sich selbst arbeiten und zusehen, die eigenen Mängel abzustellen und Qualitäten auszubauen. Parallel hierzu wäre die PR-Abteilung des HSV gut beraten, Öztunali öffentlich so zu positionieren, wie es aktuell ist.

Und ja, jetzt werden hier viele wieder anfangen, über „Fehleinkauf“ und anderen Begrifflichkeiten zu philosophieren. Der Sportvorstand sowie seine Scoutingabteilung werden in Frage gestellt und am Ende heißt es wieder: „Warum scheitern alle Spieler beim HSV und funktionieren woanders?“ Ich glaube, dass ich meine Antwort in diesem Fall für Oztunali gefunden habe. Er kann werden, was man ihm zu Saisonbeginn nachgesagt hat – aber er ist es längst nicht mehr. Vielmehr ist er ein Projekt, dass der HSV-Trainerstab jetzt schnellstmöglich aufsetzen und entwickeln muss.

Anbei findet Ihr die Transferanalyse Levin Öztunalis von Createfootball.com – und das so, wie die Kollegen ihn vor der Saison unmittelbar nach seiner Verpflichtung gesehen haben:

Transferanalyse

Levin Öztunali

Von create football.com

Stärken

  • Vielseitigkeit
  • Vertikalspiel
  • Chancenkreation

Schwächen

  • Entscheidungsfindung
  • Passgenauigkeit
  • Effizienz

Spielstil – Winger

Levin Öztunali kehrte nach zehn Jahren und 190 Bundesligaspielen zum HSV zurück. In den letzten zwei Spielzeiten kam er bei Union nur auf knapp 600 Spielminuten, war zuvor aber jahrelang Leistungsträger bei Mainz 05, für die er zwischen 2016 und 2021 123 Bundesliga- Einsätze absolvierte. Der gebürtigeHamburger ist zwar im rechten Mittelfeld zuhause, kann aber sehr vielseitig eingesetzt werden, kam bei Mainz und Union des Öfteren als zentraler oder zentral offensiver Mittelfeldspieler zum Einsatz. Die Spielweise des gebürtigen Hamburgers ist geprägt durch seine vertikale Ausrichtung.

Mit seinem hohen Tempo sucht er häufig den direkten Weg nach vorne, entweder als progressivem Lauf mit dem Ball oder per Pass. Öztunali spielt überdurchschnittlich viele progressive Pässe, 4.5 pro 90 Minuten mit einer Präzision von 76%, sucht häufig nach dem ersten Kontakt den Weg in die Tiefe und sorgt so für hohen Raumgewinn im Spiel seiner Mannschaft. Chancen kreiert er, indem er mit progressiven Läufen Gegner auf sich zieht und dann im richtigen Moment einen Steckpass ins letzte Drittel oder einen präzisen Querpass zum freien Mitspieler spielt.

Gegen tiefstehende Gegner nutzt er häufig auch Flanken, um den Ball in den Strafraum zu bringen. Diese Spielintelligenz macht ihn im Offensivspiel durchaus wertvoll, seine risikoreiche Ausrichtung birgt jedoch auch Risiken. So ist der 1.84m große Rechtsfuß im Dribbling viel zu ineffizient und obwohl er aktiv das Duell mit dem Gegenspieler sucht, gewinnt er gerade einmal 40% seiner 1v1-Duelle. Ähnlich verhält es sich mit seinem Passspiel, seine direkte Spielweise sorgt zwar für viel Torgefahr, jedoch ist der Großteil seiner Pässe deutlich zu unpräzise, wodurch er viele Bälle verliert und eigenes Angriffspotenzial verschenkt wird.

An seiner Entscheidungsfindung muss der 27-Jährige also eindeutig arbeiten. Er selbst sucht eher selten den Abschluss, 1.3 Abschlüsse pro 90 Minuten sind ebenso wie nur zwei Ballaktionen im Strafraum für einen Flügelspieler der Bundesliga deutlich unterdurchschnittlich. Gegen den Ball präsentiert sich der Enkel von HSV-Ikone Uwe Seeler als fleißiger Arbeiter, gewinnt die deutliche Mehrheit seiner sechs Defensivduelle pro 90 Minuten. Hier besticht der ehemalige U21-Nationalspieler mit aggressiver Zweikampfführung, gutem Timing und seinem energischen Nachsetzen. Nach erfolgtem Ballgewinn schaltet er dann jeweils schnellum und sucht den Weg nach vorne.

Benchmarking der relevanten Daten

 Levin Öztunali *Avg.Bundesliga OM 22/23 **
Offensivzweikämpfe(%gewonnen)10.8 (32%)9.1 (41%) 
Defensivzweikämpfe(%gewonnen)5.9 (57%)4.4 (56%) 
Luftduelle (% gewonnen)2.9 (34%)6.6 (37%) 
Balleroberungen4.54.3 
Pressingaktionen5.36.6 
Pässe (% angekommen)22.4 (70%)29.4 (76%) 
Pässe in den Strafraum2.42.7 
Torschussvorlagen1.01.3 
Dribblings (% erfolgreich)5.4 (40%)4.0 (53%) 
Erhaltene Pässe14.121.7 
Strafraumaktionen2.02.8 
Schüsse1.31.9 
Durchschnittliche Positionierung von Levin Öztunali während seiner gesamten Karriere. Je rötlicher die Farbe, umso häufiger hielt er sich in diesem Bereich auf (Heatmap)

*Daten für Levin Öztunali pro 90 Minuten aus seiner gesamten Bundesligazeit (2013-2023, 190 Spiele, 9619 Minuten)

**Durchschnittlicher Wert pro 90 Minuten aller offensiven Mittelfeldspieler der Bundesliga mit mehr als 1500 Spielminuten in der Saison 2022/23 (23 Spieler)

Wie gut passt Öztunali zum HSV?

Von Öztunali kann man erwarten, dass er sich als gebürtiger Hamburger schnell wieder beim HSV einleben wird. Der verlorene Sohn“ soll dabei helfen, den HSV zurück in die Bundesliga zu befördern. Dabei darf davon auszugehen sein, dass er zunächst mit einem Bankplatz Vorliebe nehmen wird, aufgrund der fehlenden Spielpraxis der letzten Jahre. Mit seiner Vielseitigkeit und seinem riesigen Erfahrungsschatz wird er aber auf alle Fälle eine sinnvolle Verstärkung der Kadertiefe darstellen. Seine angestammte Position auf dem rechten Flügel ist bereits mit dem schnelleren und deutlich torgefährlicheren Bakery Jatta auf sehr hohem Zweitliganiveau besetzt. Ähnlich verhält es sich auf der Achterposition, wo Reis, Benes und Pherai zunächst die Nase vorn haben dürften. Eine spannende Konstellation könnte sich für Öztunali dadurch auf der Rechtsverteidigerposition ergeben. Hier sucht der HSV noch nach einer neuen, qualitativ besseren Besetzung als dem zuletzt schwachen Moritz Heyer. Mit seiner robusten Physis, seinem hohen Arbeitspensum und vor allem seiner auffällig guten Werte im Defensivzweikampf könnte Öztunali diese Planstelle durchaus bekleiden. Im Spiel nach vorne könnte Öztunali aus dieser Position dann situativ gefährlichen Vertikalbälle auf Jatta oder Glatzel einstreuen und dem HSV so ein zusätzliches Element im Übergangsspiel bieten. Insgesamt wird sich Öztunali jedoch etwas zurückhalten müssen in seiner Risikobereitschaft, da der HSV unter Tim Walter auf einen deutlich geduldigeren, horizontaleren Spielaufbau setzt als Mainz 05 oder Union Berlin.

Die CREATEFOOTBALL GmbH ist eine Fußball-Consultancy, die national wie international Profivereine, Berateragenturen sowie Medienanstalten in den Themenfeldern Datenscouting und -analyse berät.

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