Analyse

Walters Wagenburg-Mentalität macht den HSV stärker, aber...

Es war die Geste des Spiels am Sonnabend im Volksparkstadion. Als Jean-Luc Dompé nach seinem Freistoßtor zum 1:0 beim 3:0-Sieg gegen den 1. FC Nürnberg an die Seitenlinie lief,…

Walters Wagenburg-Mentalität macht den HSV stärker, aber...

Es war die Geste des Spiels am Sonnabend im Volksparkstadion. Als Jean-Luc Dompé nach seinem Freistoßtor zum 1:0 beim 3:0-Sieg gegen den 1. FC Nürnberg an die Seitenlinie lief, sich das Trikot mit der Nummer 44 schnappte und es dem Kollegen Mario Vuskovic zu Ehren in die Höhe hielt. Ein von der gesamten Mannschaft zuvor besprochenes Zeichen der Solidarität an den Kroaten, der auf der Tribüne als einer von 57.000 Zuschauern im ausverkauften Volksparkstadion das Spiel verfolgte. „Wir wollten Mario einen schönen Moment schenken“, sagte Kapitän Sebastian Schonlau nach dem Spiel über die zuvor abgesprochene Aktion. „Das war eine gelungene Szene.“ 

Stimmt. Zumindest, wenn es darum geht, den Mannschaftskreis eng geschlossen zu halten und interne Stärke zu demonstrieren. Denn das wurde nicht erst durch diese Szene noch einmal nachdrücklich bewiesen. Und auch Trainer Tim Walter stimmte voll mit ein. „Ich wünsche mir einfach, dass der Junge bald wieder in unserem Kreis ist“, sagte Walter. Die Aktion sei „Balsam für seine Seele“ und sie „ging einem unter die Haut“. Walter fühlte mit dem 21-jährigen Vuskovic, der an diesem Freitag erneut vor dem Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) erscheinen muss und sich gegen den Vorwurf des Dopings mit körperfremdem Erythropoetin (Epo) verteidigen will.

Und noch mal: Aus Sicht der Mannschaft und des HSV ist das alles ein sehr gutes Zeichen. Hier stehen sie zusammen, auch wenn es mal ganz übel aussieht. Dompé durfte spielen, nachdem er Fahrerflucht begangen hatte und sich dafür vor der Mannschaft entschuldigte. Das fand nicht jeder moralisch gut – aber intern dürfte diese Nachsicht des Trainers das Band zwischen dem Chef und seinen Spielern noch einmal verstärkt haben. Wobei dieses Band seit der Causa Jatta, bei der innerhalb des HSV alle zu 100 Prozent zu dem Angreifer gestanden hatten, eh schon stark ist.

Auch Vuskovic selbst meldete sich am Sonntagnachmittag auf seinem Instagram-Profil zu Wort. „Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um meinen Teamkollegen, dem Verein, den unglaublichen Fans und allen zu danken, die mich unterstützt und mir in diesen schwierigen Zeiten zur Seite gestanden haben“, schrieb der Kroate: „Ich werde bis zum Ende für meine Unschuld kämpfen. Ich hoffe, wir sehen uns bald auf dem Feld.“ Und ich würde gern hinzufügen, dass ich hoffe, dass wirklich berechtigte Zweifel dazu führen, dass Vuskovic wieder auf den Platz zurückkehren darf. Denn den Weg, sein Vergehen zuzugeben und so eine verkürzte Strafe abzusitzen, den gibt es aus meiner Sicht nicht mehr.

Und damit komme ich zu dem Teil, der mir Sorgen bereitet. Denn inzwischen ist die Causa Vuskovic ein Kampf der Paragrafen geworden. Dass die NADA in irgendeiner Form als Interessenvertreter dargestellt und Befangenheiten angeklagt werden, ist aus HSV-Sicht sicherlich ein juristisch schlauer Zug – aber es ist aus rein sport-ethischer Sicht allemal grenzwertig. Denn die aus meiner Sicht parteiloseste und extrem wichtige Instanz im Weltsport, die NADA, trotz ihrer zertifizierten Prüfungsmethoden so infrage zu stellen würde im Falle eines Freispruchs Vuskovics das Tor für viele andere, bereits verurteilte Dopingsünder öffnen. Das ist kein HSV-Problem, aber es ist das klare Zeichen an die NADA, ihre Abläufe noch einmal klarer zu strukturieren und sich noch einmal besser gegen Zweifel abzuschotten.

Aber noch einmal: Recht ist Recht und bleibt Recht. Wenn Vuskovics HSV-Anwälte es also schaffen, das Prüfverfahren so anzuzählen, dass eine Verurteilung nicht mehr bedenkenlos möglich ist, dann freut es mich für Vuskovic. Und für den HSV. Es wäre ein Urteil, dass alle akzeptieren müssen. Allerdings ebenso gilt es andersrum. Denn andererseits alles andere als einen Freispruch Vuskovics bereits jetzt als eine Art Verschwörung darzustellen, halte ich für falsch. Diese bedingungslose Loyalität zueinander, die ja auch am Sonnabend im Volksparkstadion noch einmal gelebt wurde, ist etwas, was es beim HSV lange Zeit nicht mehr gab. Die daraus resultierende Stärke wird dem HSV helfen. 

Aber für uns hier sollte trotzdem gelten, Recht zu akzeptieren und nicht selbst so integre, wichtige und den Weltsport verbessernde Instanzen wie die NADA in Frage zu stellen. Finde ich zumindest. Denn ich schätze die Arbeit der NADA sehr. Wobei: Umso erstaunlicher war ich darüber, auf welch amateurhaften Wegen die Probe des HSV-Verteidigers im Labor landete…

Aber okay, die eigentliche Nachricht für heute sollte die sein, dass dieser HSV intern so fest zusammensteht, dass man unerschütterlich wirkt. Trotz aller Vorfälle, trotz des wieder einmal grenzwertigen Theaters auf Führungsebene mit Machtkämpfen und diesmal sogar Abwahlanträgen, schaffen es Boldt, Walter und das gesamte Team, so geschlossen wie schon sehr lange nicht mehr aufzutreten. Sie machen aus allen (auch aus den berechtigten) Vorwürfen eine Art umgekehrte Situation. „Walters Wagenburg-Mentalität“, hatte ich vor einiger Zeit mal geschrieben – und ich finde das trifft es auch sehr gut. Mehr noch: Diese Art sehe ich als einen ganz entscheidenden Faktor im aktuellen Aufstiegskampf. Diese Art macht den HSV auch sportlich stärker. Auch wenn sie an einigen Stellen der Vernunft ein Stück weit widerspricht.

So, heute hatten die HSV-Profis frei. Morgen geht es ab 15 Uhr am Volksparkstadion weiter. Bis dahin wünsche ich Euch erst einmal einen schönen Wochenstart, einen schönen Abend, und: bleibt gesund!

Scholle

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