Analyse

Walters Ex: Der "übermächtige" VfB?

46 Siege, 22 Unentschieden, 46 Niederlagen. Das ist die ausgeglichene Bilanz des Traditionsduells des Hamburger SV gegen den VfB Stuttgart. Dieses ehemals auf Augenhöhe…

Walters Ex: Der "übermächtige" VfB?

46 Siege, 22 Unentschieden, 46 Niederlagen. Das ist die ausgeglichene Bilanz des Traditionsduells des Hamburger SV gegen den VfB Stuttgart. Dieses ehemals auf Augenhöhe ausgetragene Match gleicht heute jedoch eher einem David gegen Goliath Szenario, zumindest wenn man sich im Netz umschaut. Doch ist der Bundesligist wirklich so übermächtig, wie dies von Expert:innen und User:innen behauptet wird? Oder täuscht der auf dem Papier deutlich teurere, auf fast jeder Position individuell stärker besetzte Kader?

Die Wahrheit liegt - wie fast immer - in der Mitte. Ja, der VfB ist dem hSV fußballerisch überlegen. Die Offensiv-Power der Schwaben um Silas, Führich, Tomas oder Guirassy wird die Hamburger Abwehr (gerade die rechte Seite um Moritz Heyer) fordern wie bisher noch nie in dieser Spielzeit. Die bärenstarken Außenverteidiger um Ex-Hamburger Vagnoman und Kroatiens Nationalspieler Sosa verleihen dem VfB-Spiel zusätzliche Wucht über de Flügel. Die VfB-Offensive spielte die TSG Hoffenheim zwischenzeitlich regelrecht an die Wand, scheiterte jedoch an der eignen schlechten Chancenverwertung. Sonst wären die Bad Cannstätter auch gar nicht in der Relegation gelandet. Nur darauf zu hoffen, dass die Stuttgarter gegen den HSV wieder reihenweise Tormöglichkeiten vergeben, wäre aber töricht. Dies weiß auch Tim Walter, der gestern erneut betonte, dass eigene Spiel durchziehen zu wollen. “Wir sind gut im Ballbesitz und das wollen wir auch in Stuttgart zeigen. Wir wollen aktiv mit dem Ball spielen und aktiv verteidigen. Es wird ein tolles Spiel”, so Walter. Ein tolles Spiel für den neutralen Zuschauer dürfte es definitiv werden. Toll für den HSV hingegen wäre das Spiel jedoch nur, wenn es wild wird und der HSV dem VfB in Helm-Peters Worten einen ‘Tango’ aufzwingen kann. Dann könnten nämlich trotz der qualitativen Diskrepanz der beiden Mannschaftskader die VfB-Schwächen offengelegt werden: Die Abwehr.

Gerade nach ruhenden Bällen war das Team von Sebastian Hoeneß zuletzt verwundbar. Dieser habe laut Walter die VfB-Defensive zwar stabilisiert, die Standardverteidigung sei aber weiterhin eine Möglichkeit, für HSV-Tore zu sorgen. Auch wenn Hoeneß noch nicht das Verteidigen perfektioniert hat, so hat er dennoch die Fans und die Mannschaft vereint. Geschlossenheit - so häufig beim HSV gepredigt und gelobt - gibt es auch in Stuttgart. Deutlich wurde dies besonders an Hoeneß Reaktion, welcher unmittelbar nach Abpfiff der Partie gegen Hoffenheim trotz der Relegations-Ernüchterung den Applaus der Massen erntete. Stellt sich nun die Frage, wer es mehr will, so könnte man hier aber vielleicht einen HSV-Vorteil erkennen. Denn: Dieser Stuttgarter Kader hätte zwingend den Klassenerhalt vorzeitig klarmachen müssen. Gleiches gilt zwar auch für den HSV und den Bundesliga-Aufstieg, trotzdem glaube ich, dass das Saisonfinale mit all seiner Dramatik sowie die Relegations-Niederlage gegen Hertha vergangenes Jahr die Gier nach Bundesliga-Fußball beim HSV noch größer gemacht hat. “Die Jungs haben viel über die vergangenen Relegationsspiele gesprochen, das wollen wir nicht noch einmal erleben”, betonte Walter.

Die Gier dürfte vor allem bei Tim Walter persönlich größer sein als bei jedem anderen. Nicht nur aufgrund des Scheiterns im vergangenen Jahr, sondern auch, weil es gegen seinen Ex-Klub geht. Gestern auf der PK lobte Walter den VfB als einen tollen Verein, der HSV sei jedoch ein “großer Verein”. Eine Spitze gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber, welcher Tim Walter im Dezember 2019 auf dem dritten Tabellenplatz aufgrund dessen riskanter Spielweise freigestellt hatte. In Hamburg hat Walters Spielidee von Sportvorstand Jonas Boldt stets das maximale Vertrauen erfahren. Hoffentlich zahlt sich dieses tiefe Vertrauen nun aus. Nicht nur dem HSV, sondern auch Tim Walter persönlich ist in dieser besonderen Konstellation der Erfolg besonders zu gönnen.

Mut macht, dass in Relegationsspielen nicht zwangsläufig die Qualität, sondern Tagesform, Wille und Spielglück über den Aufstieg entscheiden. Das mentale Momentum liegt dabei eher auf Seite des HSV. “Stuttgart hatte die Chance, die Relegation aus eigener Kraft zu vermeiden, dass haben sie nicht geschafft”, erklärte Walter und schob so dem VfB den Druck wie auch die Favoritenrolle zu. Eine Mannschaft, die es über die gesamte Saison nicht schafft, zwei Ligaspiele in Folge zu gewinnen, strotzt nicht wirklich vor Selbstvertrauen. Mut macht auch der phänomenale Auswärtssupport - über vier Tausend HSVer werden in den Süden der Republik reisen und 90 Minuten lang singen. Der HSV muss geschlossen auftreten und bereit sein, über die Schmerzgrenze hinaus zu gehen. Dass die Mannschaft das kann und auch will, hat sie in dieser Saison bereits bewiesen. Lasst uns unsere kleine Chance nutzen, denn ein übermächtiger Gegner ist der VfB Stuttgart trotz der Kadertiefe und diversen Einzelkünstlern dennoch nicht.

Euch einen schönen Abend,

Euer Cornelius


Anbei unser Gastbeitrag aus dem Gegner-Lager. In diesem Fall ein Text von Noah Platschko:

„Das hätte ich niemals gedacht“ oder „Die bittere Gewissheit“

Liebe HSV-Fans, 

was ein Drama! Mit dem 3:2 des 1. FC Heidenheim in Regensburg lösten sich eure Hoffnungen auf den direkten Aufstieg schlagartig in Luft auf. Selbst als VfB-Fan tat es mir fast schon ein wenig weh, die jubelnden HSVer im Hardtwaldstadion zu sehen – im Glauben, nach fünf Jahren Zweitklassigkeit endlich den Sprung zurück ins Fußball-Oberhaus geschafft zu haben. Bei aller Bitterkeit gilt es aber auch dem Konkurrenten aus Heidenheim zum verdienten Aufstieg zu gratulieren. Was Frank Schmidt an der Ostalb seit gut 16 Jahren abreißt, dem gebührt meine höchste Anerkennung. Ich wünsche ihm und dem Klub alles Gute für das Abenteuer Bundesliga. 

Für uns und euch heißt es nun: Relegation. Mal wieder. In den vergangenen zehn Jahren erwischt es nun zum fünften Mal einen von uns. 2014 und 2015 kamt ihr gegen Fürth und den KSC dank der Auswärtstorregelung noch gerade so mit dem Schrecken davon, ehe es 2018 direkt runter ging. Der VfB darf sich auf die Fahne schreiben, den beeindruckenden Erfolg des 1. FC Union in der Bundesliga erst ermöglicht zu haben. Schließlich waren wir 2019 der einzige Bundesliga-Klub in den letzten zehn Jahren, der es nicht vollbrachte, in der Relegation gegen den Zweitligisten die Oberhand zu behalten. Und bei euch ist die bittere Erinnerung an die Duelle mit der Berliner Hertha ebenfalls noch sehr frisch. 

Die Angst ist präsent

Dieses Erlebnis, gepaart mit den jüngsten dramatischen Ereignissen von Sandhausen, dürfte eure Hoffnungen auf die Rückkehr in die Bundesliga vermutlich nicht gerade erhöht haben. Als VfB-Fan kann ich euch aber sagen: Mir geht es nicht großartig anders. Wie sagte es Jürgen Klopp einst: Die Angst vorm Verlieren darf nicht größer sein als die Lust aufs Gewinnen. Aber ich habe Angst. Dass es nach 2017 und 2019 wieder in die zweite Liga geht. Ein einfacher Heimsieg gegen Hoffenheim hätte gereicht, um sich diese Endspiele zu ersparen. So heißt es nun also Nachsitzen.

Dabei weiß ich auch, dass mein VfB als Favorit in diese Duelle geht. Der Kaderwert des VfB ist logischerweise deutlich höher, auf dem Papier haben wir wohl auch die bessere Mannschaft, sind auf den einzelnen Mannschaftsteilen positionell besser besetzt. Und dennoch sehe ich auch Punkte, die für den HSV sprechen. Das Volksparkstadion wird am kommenden Montag zum Hexenkessel. Ich selbst durfte mich vergangene Saison von der großartigen Stimmung überzeugen, die sich nun hoffentlich nicht gewinnbringend auf die Mannschaft übertragen wird. Ich muss hoffen und positiv in die Duelle gehen. Was bleibt einem auch anderes übrig? 

Sehr gut möglich, dass VfB-Trainer Sebastian Hoeneß dabei auf die gleiche Startelf setzt wie gegen Hoffenheim. Die einzig (sportlich) offene Frage wird wohl sein, ob Chris Führich oder Tiago Tomas beginnen wird. Die Fünferkette um Borna Sosa, Hiroki Ito, Waldemar Anton, Konstantinos Mavropanos und Ex-HSV-Spieler Josha Vagnoman dürfte genauso unverändert bleiben wie die Doppelsechs aus Atakan Karazor und Wataru Endo. Und im Sturm liegen die Hoffnungen auf Elf-Tore-Mann Serhou Guirassy.

Müller für Bredlow?

Zwei Personalien waren zuletzt zudem angeschlagen: Dan Axel-Zagadou wird nach seiner Fußschwellung gegen den HSV zumindest wieder zurück in den Kader rücken, er konnte wieder voll mittrainieren. Bei Keeper Fabian Bredlow wird es etwas knapper, er laboriert immer noch an den Folgen einer Innenbandzerrung. Fällt er aus, würde die einstige Nummer 1 Florian Müller im Tor stehen. 

Für den neutralen Fußballfan werden diese Spiele ein Fest. Zwei absolute Traditionsvereine kämpfen um den letzten verbliebenen Platz in der Bundesliga. Ich erinnere mich dabei an etliche Duelle der jüngeren Vergangenheit mit dem HSV, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben sind. 

Da wäre das 3:2 im Mai 2020, als wir einen 0:2-Pausenrückstand mit der wohl letzten Aktion des Spiels noch zu einem Sieg drehten. Es war einer der wichtigsten Siege im Kampf um den Aufstieg. Bis heute bin ich aber der Überzeugung, dass wir in diesem Jahr nicht aus eigener Stärke aufgestiegen sind – sondern ihr den Aufstieg leichtfertig aus der Hand gegeben habt. Mit 58 Punkten haben wir damals Platz 2 erreicht. 58! Ihr hattet diese Saison acht Zähler mehr. 

Bitte nicht gegen Walter

Ich erinnere mich aber auch an die desaströse Hinspielpleite im Volksparkstadion, als wir, damals noch mit Trainer Tim Walter, mit 2:6 bei euch untergingen – nur um wenige Tage später im DFB-Pokal an selber Stelle doch wieder einen dramatischen Erfolg einfahren zu können.

Bei einer Sache sind wir uns wohl einig: Dass das Duell VfB gegen den HSV eigentlich eines für die Bundesliga ist. Und schon bevor die Relegation 2023 gespielt wurde, haben wir die bittere Gewissheit, dass dieses Szenario in der Spielzeit 2023/2024 keinesfalls eintreten wird. 

Ich bin ehrlich: Sollte ausgerechnet Tim Walter meinen geliebten VfB in die 2. Liga schießen, würde mich das auf besondere Art und Weise brechen. Es wäre ein besonders schwer zu ertragender Tiefschlag, auch wenn die 2. Liga in der kommenden Saison ein äußerst attraktives Tableau an Mannschaften aufzubieten hat. 

Das hätte ich niemals gedacht

Und trotzdem weiß ich auch: Wie sehr mich mein eigener Verein in den vergangenen Jahren auch an Nerven gekostet hat, ist das, was der HSV durchmacht, noch auf einem anderen Level. Als ihr euch 2018 trotz eines Sieges gegen Borussia Mönchengladbach aus dem Oberhaus verabschieden musstet, hätte ich niemals gedacht, dass fünf Jahre der Zweitklassigkeit folgen würden. 

Dieses denkbar knappe Scheitern, Jahr für Jahr, muss aus HSV-Sicht unerträglich gewesen sein. Das Jahr unter Ex-VfB-Trainer Wolf, als man nach dem 4:0-Derbysieg auf St. Pauli gar nichts mehr auf Kette bekam (ich bin übrigens bis heute der Überzeugung, dass ihr mit Christian Titz aufgestiegen wärt). Die Saison unter Hecking mit dem Tiefschlag am 33. Spieltag in Heidenheim, der gleichzeitig den quasi sicheren Aufstieg des VfB bedeutet hatte. Oder auch das Jahr unter Daniel Thioune. Mir ist bis heute unerklärlich, wie ihr den 3:0-Vorsprung in Hannover noch verspielen konntet. 

Ihr merkt: Ich habe den HSV in den vergangenen Jahren intensiv verfolgt. Auch, weil sich die Wege mit dem VfB Stuttgart immer wieder gekreuzt haben. Und so ist es auch dieses Mal wieder. 

Liebe HSVer, ihr werdet es mir sicher nicht verübeln können, dass ich mir nichts sehnlicher Wünsche als einen Klassenerhalt des VfB Stuttgart – wohlwissend, dass das ein sechstes Jahr Zweitklassigkeit an der Elbe bedeuten würde. Lasst uns zwei tolle, packende Spiele erleben. Möge der bessere gewinnen – und Tim Walter weiterhin nur mit zwei Verteidigern spielen. Chris Führich und Silas Katompa Mvumpa würden es ihm danken. 

Auf geht’s Stuttgart kämpfen und siegen. 

Euer Noah

DAS IST UNSER GASTAUTOR:

Mein Name ist Noah Platschko, ich bin 28 und Sportredakteur bei t-online. Nach diversen Praktika bei 11Freunde, Hertha BSC, Amazon Music und dem DFB bin ich seit Januar 2019 als Redakteur für t-online tätig. 2019 war ich bei der Frauenfußball-Weltmeisterschaft in Frankreich unterwegs. Seit 2020 betreue ich die Nationalmannschaft der Herren und berichtete als Reporter von der EM 2021 sowie der WM 2022 in Katar.

Geboren bin ich allerdings im tiefen Nordschwarzwald, entspreche also dem Klischee des nach Berlin gezogenen Schwaben und bin entsprechend leidenschaflicher VfB-Fan. Und auch als Exil-Schwabe kennt man Social Media. Also folgt mir doch gerne, wenn ihr mögt, bei Twitter.  (@platschinho ist mein Handle. Ihr findet mich aber auch unter @magier94 bei Instagram)

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