Spielbericht

Walters Entwicklungsschritt.Walters Entwicklungsschritt?

Robert Glatzel hatte auch nach seinen zwei Toren und seinen zwei Assists noch lange nicht genug. Selbst in den Interviews nach dem 5:3-Auftaktsieg gegen Schalke 04 legte der…

Walters Entwicklungsschritt.Walters Entwicklungsschritt?

Robert Glatzel hatte auch nach seinen zwei Toren und seinen zwei Assists noch lange nicht genug. Selbst in den Interviews nach dem 5:3-Auftaktsieg gegen Schalke 04 legte der Topstürmer des HSV einen Volltreffer nach dem anderen nach. „Das war natürlich ein super Spiel, ganz klar“, sagte der Torjäger, der trotz des erneut verpassten Aufstiegs in die Bundesliga seinen Vertrag im Sommer bis 2027 verlängert hatte. Aber er fügte auch gleich hinzu: „Drei Gegentore zuhause gehen gar nicht. Da müssen wir uns weiter verbessern.“ Und damit hatte der Matchwinner auch nach dem Spiel alles geliefert, was es zu liefern gab.

Gesamtnote 1 für Glatzel – viel mehr ist kaum zu erwarten.

Und auch HSV-Trainer Tim Walter war nach der Partie, der er zweieinhalb freie Trainingstage für sein Team folgen ließ, voll des Lobes. Insbesondere was die Vorbereitung seines Angreifers betraf: „Er hat ein bisschen Ladehemmung in den Vorbereitungsspielen gehabt“, sagte er zwar, fügte aber gleich hinzu, wie hart Glatzel gearbeitet habe. „Von daher hat er es sich sehr verdient“, so der HSV-Coach, der auch mit der Gesamtleistung seiner Mannschaft sehr zufrieden war.

Zurecht! Denn der HSV eröffnete die Saison mit einer so nicht zu erwartenden Energieleistung gegen den selbst ernannten Aufstiegsfavoriten von Schalke 04. Die Gelsenkirchener, die ihrerseits defensiv Probleme haben, wurden eiskalt erwischt – auch, weil Trainer Tim Walter endlich seine Taktik verfeinerte. Ob es allein daran gelegen hat, dass er mit Ramos und Ambrosius hinten zwei Innenverteidiger aufbieten musste, die sicher über den Zweikampf aber ebenso sicherlich nicht über die fußballerischen Fähigkeiten kommen? Keine Ahnung. Aber letztlich spielt das auch keine Rolle, denn Walter bereitete sein Team zusammen mit seinen Trainerkollegen optimal auf den Gegner vor. Er überraschte seinen Konterpart Thomas Reis mit vielen langen Bällen in Situationen, in denen man in der letzten Saison noch verbohrt spielerisch zu lösen versucht hätte. 

Walter ändert seine Taktik - und es läuft!

Zwei Jahre lang habe ich mich hier immer wieder sehr kritisch über die Walter-Taktik geäußert, die ebenso spektakulären wie letztlich zu riskanten Fußball bot. Deshalb muss heute auch mal Lob erlaubt sein! Denn Walter hat seine Spielweise angepasst und den Gegner damit kaltgestellt. „Wir haben immer wieder Tiefe angerissen“, sagte Walter und Interimskapitän Jonas Meffert lobte seinen Coach: „Wir wurden optimal vorbereitet.“ Meffert lobte zudem die Wirksamkeit des neuen „Walter-Matchplans“. „Wir wussten, dass Schalke viel im Eins-gegen-Eins verteidigt, daher wussten wir auch um die Räume, die sich vorn auftun würden.“ 

Räume, die man aufmachte, indem man seine Gegenspieler mit sich gen eigene Hälfte zog und diese dann hoch stehende, letzte S04-Reihe mit einem langen Ball überspielte. Häufig war es Ramos, dessen Kopfballstärke mir gefiel, der diagonal lange Bälle schlug. Aber noch häufiger war es Torhüter Daniel Heuer-Fernandes. Und nein! Das wiederum ist jetzt keine bahnbrechende Walter-Erfindung, so zu spielen. Diese Taktik hat wahrlich nichts Innovatives. Aber das muss auch gar nicht sein! Im Gegenteil: Entscheidend an den verschiedenen Taktiken ist, WANN man sie spielt. Und gegen den FC Schalke, der einen anderen HSV erwartet hatte, war es der perfekte Moment, den Walter für sein Umdenken wählte. Und sollte das tatsächlich keine Eintagsfliege bleiben, sondern zur Regel werde, es wäre tatsächlich eine Art Entwicklung, die auch Walter nimmt bzw. nehmen muss.

Dass er gegen den Karlsruher SC wahrscheinlich schon einen tiefer stehenden und weniger offensiv verteidigenden Gegner haben wird – es ist zu erwarten. Aber allein die Tatsache, dass Walter nach langer Zeit eine taktische Veränderung in seinem „Walter-Fußball“ zuließ, lässt mich hoffen, dass er es beibehält und des so dieses Jahr deutlich besser wird.

Und damit bleibe ich auch erst einmal bei den Dingen, die mir gefallen haben. Wie zum Beispiel das Zusammenspiel offensiv, insbesondere das von Glatzel und Neuzugang Immanuel Pherai. Beide harmonierten sichtlich und könnten in dieser Form ein ganz wichtiger, neuer Erfolgsfaktor werden.  „Er ist ein super Kicker, ein geiler Zehner, auch mit viel Tempo“, sagte Glatzel über den ehemaligen Braunschweiger, den sich der HSV dem Vernehmen nach 750.000 Euro kosten ließ. Wobei ich vorweggeschickt hatte und das gern an dieser Stelle noch einmal wiederhole: Davon ist kein Cent zu viel!!

Und Pherai bewies mit klugen Pässen und seinem Offensivdrang, warum ihn der HSV unbedingt haben wollte. Das vertraut wirkende Zusammenspiel überraschte den offensiven Mittelfeldspieler selbst nicht. Er sagte nach dem Spiel nur trocken: Wir haben schon vier Wochen hinter uns. Ich hatte nicht wirklich das Gefühl, dass es so neu war.“

Offensiv gefiel mir auch der nächste Neue sehr gut: Levin Öztunali. Der Enkel von HSV-Legende Uwe Seeler brachte mit seinem Tempo in Kombination mit Ballsicherheit eine Komponente ein, die der HSV gut gebrauchen kann. Dass er defensiv – vielleicht wollte er nach seiner frühen Gelben Karte auch nichts riskieren – mehr hätte machen müssen (insbesondere vor dem Gegentor zum 1:1), das wird er wissen.  Der Fehlpass vor dem 3:3 bedarf keiner weiteren Worte und gehört auch nicht zu Öztunalis normalem Spiel. Von daher darf sich der HSV hier über die Außenbahn weiterer Flexibilität erfreuen. Vor allem aber hat Öztunali schon mal klargemacht, dass er nach seiner Rückkehr an alte Wirkungsstätte mehr sein will als nur eine romantische Fußballgeschichte.

Offensive aufstiegsreif - Defensive bliebt eine Baustelle

Mit am auffälligsten auf dem Platz fand ich aber bei allem Offensiv-Feuerwerk einen Defensivspieler: Ignace van der Brempt! Der junge Leihspieler aus Salzburg lief mit seinem hohen Sprinttempo immer wieder tiefe Bälle der Schalker ab und bewies überdies auch fußballerische Qualitäten. Dass er diese vornehmlich defensiv einsetzte, war völlig okay, zumal seine wenigen Vorstöße gut waren und Lust auf mehr machten. Für mich war der junge Belgier auf jeden Fall neben Glatzel und Pherai sowie der Walter-Taktik der Gewinner des Spiels. Wobei ich mich ärgerte, als er ausgewechselt wurde, um kurz darauf anerkennen zu müssen, dass auch ein Miro Muheim, der fast die komplette Vorbereitung verletzt gefehlt hatte, sofort stark im Spiel war…

Womit ich zur Problemzone komme, die der HSV noch nicht abstellen konnte: Die Abwehr. Denn bei aller Freude über die fünf Gegentore muss man sich hier Glatzels mahnenden Worten („Drei Tore zu Hause zu kassieren, geht gar nicht“) anschließen. Die Gegentore fielen mal wieder viel zu einfach. Kapitän Sebastian Schonlau und Neuzugang Dennis Hadzikadunic fehlten in der geplanten, neuen Innenverteidigung verletzungsbedingt: Und so musste Walter umstellen. Er brachte den vor der Saison eigentlich schon aussortierten Stephan Ambrosius und den Portugiesen Guilherme Ramos, der von Arminia Bielefeld gekommen war. Beide kommen über die Physis, über den direkten Zweikampf. Sind sie am Mann dran, sind sie schwer zu umkurven. Aber hat der Gegenspieler etwas Raum, sind sie eben auch zu steif und zu leicht zu umkurven.  Und so wirkten sie bei allen drei Gegentreffern nicht glücklich, während sie die Zuschauer mit der einen oder andere rustikalen Verteidigungs-Aktion schnell hinter sich wussten.

Apropos Wissen: Genau darum wird es gehen. Tim Walter muss wissen, wann er seine Taktik etwas anpassen muss. Die Mannschaft muss wissen, wie die verschiedenen Spielsystem gespielt werden. Und die HSV-Führung muss/wird wissen, dass es defensiv so noch nicht reicht. Während man offensiv so stark aufgestellt ist, dass der Aufstiegswunsch realistisch ist, muss man defensiv genau beobachten, ob es so reicht. Auf den Außenbahnen sehe ich hier dank van der Brempt tatsächlich schon ausreichend Potenzial. Natürlich würde noch ein Backup für Muheim (wobei Heyer – Note 3,5 von mir – zumindest endlich wieder aufsteigende Form beweist!) guttun. Die Außenbahnen erscheinen mir nicht mehr ganz so wichtig wie die Besetzung der Innenverteidigung. Denn die muss funktionieren, wenn man nach oben will.  Sie ist die letzte große Baustelle, die der HSV klären muss.

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle auch noch etwas über die Attraktivität dieser Zweiten Liga schreiben. Die Live-Übertragung bei Sat.1 sahen im Durchschnitt 3,5 Millionen Menschen. Das entsprach nach Angaben des Senders einem Marktanteil von 15,0 Prozent. Außerdem zeigte der Pay-TV-Sender Sky das Spiel. Die Zuschauerzahl bei Sat.1 lag sogar über der des Supercups vor einem Jahr. Damals sahen 3,4 Millionen das Spiel von RB Leipzig gegen den FC Bayern München. Aber alles dieses liegt mir zu nahe an der berechtigten Kritik des ehemaligen HSV-Stars Felix Magath, der vor Kurzem einen sehr guten, sehr wichtigen Satz sagte: „Natürlich sind die Fans ein Pfund des HSV. Aber mich erschreckt, dass inzwischen alles gefeiert wird. Es wirkt fast so, als seien in Hamburg alle inzwischen fein mit der Zweiten Liga.“

Deshalb sollten wir feiern, was es zu feiern gibt – wie die Offensivleistung und die Stimmung auf den Rängen (nicht nur!) gegen Schalke. Aber wir dürfen dabei auch nie vergessen: Diese Zweite Liga ist nicht das Ziel, sondern ein Zustand, den es zu ändern gilt.

In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Start in die Woche!

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