Walter trifft den richtigen Ton und macht den HSV zur Einheit
Ehre, wem Ehre gebührt: Tim Walter war für mich der entscheidende Faktor am vergangenen Sonnabend. Nicht nur, dass er die Torschützen Robert Glatzel und Bakery Jatta trotz…

Ehre, wem Ehre gebührt: Tim Walter war für mich der entscheidende Faktor am vergangenen Sonnabend. Nicht nur, dass er die Torschützen Robert Glatzel und Bakery Jatta trotz wahrlich durchwachsender Leistungen auf dem Platz ließ (während ich sie schon längst ausgewechselt hätte) – er wechselte zudem den Ausgleich ein. Denn alle Einwechselspieler (auch Sonny Kittel!) machten den HSV in Heidenheim in der zweiten Halbzeit besser. „In den letzten Jahren wären wir hier untergegangen“, sagte der Trainer nach dem spektakulären Zweitliga-Spitzenspiel beim 1. FC Heidenheim. Und er fügte einen nicht ganz unwesentlichen Satz hinzu: „Das ist der neue HSV!“
Große Worte nach einem Spiel, das sicherlich von der furiosen Aufholjagd geprägt war, das aber eben auch eine erste Halbzeit und erste 15 Minuten der zweiten Hälfte hatte, über die gesprochen werden muss. Denn bis hierhin hätte Heidenheim das Spiel schon mehrfach vorentscheiden können. Nein: Vorentscheidung müssen. Aus FCH-Sicht muss man an dieser Stelle von einem „verschenkten Sieg“ sprechen. Und im Umkehrschluss muss Walter sich neben aller Freude über die letzten 30 Minuten mit intakter Moral darüber Gedanken machen, wie es zu solchen 60 Minuten kommen kann. Und das wird er auch machen.
Ganz sicher wird er intern wieder klare Worte finden und am kommenden Sonntag gegen Bielefeld personell sicher auch auf die schwache Defensive reagieren. Sofern Jonas David bis dahin wieder fit ist, dürfte er wieder für den schwachen Montero ins Team rücken. Aber nach außen ist Walter eben der Verteidiger seines Teams. Was auffällt: Walter verteidigt seine Mannschaft nach außen besser als diese sich gegen gegnerische Angriffe im Moment. Walter baut eine Art Wagenburg.
Da passt dieses 3:3 nach dem 0:3 zur Halbzeit sehr gut ins Gesamtbild. Dass zudem die Machtkämpfe auf den Gesellschafter- und Führungsebenen die Mannschaft nicht erreichen, zeigt die Widerstandsfähigkeit dieser Mannschaft. Selbst den Dopingfall von Mario Vuskovic hat der HSV vor dem Frankfurter Sportgericht so gedreht, dass mehr über die Schwächen des Anti-Doping-Systems an sich geredet wird als über die Frage, ob der HSV-Verteidiger wirklich gedopt hat oder nicht.
Oder anders formuliert: Der Vorstand, das Trainerteam um Tim Walter und seine Mannschaft sind im Moment eine absolute Einheit. Walter stellte Jean-Luc Dompé in die Startelf, obwohl dieser jüngst durch seine Unfallflucht aufgefallen war. Dass er ihn zur Halbzeit vom Platz nahm, war sportlich mehr als gerechtfertigt. Aber zu sehen, wie der Coach den Franzosen nach Schlusspfiff umarmte und ihm ganz offenbar sehr nette (oder zumindest aufbauende) Worte sagte. Wer sich Walter anhört, ihn im Umgang mit der Mannschaft sieht, der kann aktuell nur zu dem Schluss kommen, dass hier außergewöhnlich viel passt.
„Er weiß, dass er einen Fehler gemacht hat. Den hat er auch eingestanden – in der Öffentlichkeit und vor allem bei uns in der Kabine“, sagte Walter über Dompé. In der Rückkehr auf den Platz sehe er auch eine Art „Therapie“ für den Franzosen – wobei man das durchaus diskutieren kann. Der FCH-Vorstandsboss Holger Sanwald sagte das ungewöhnlich deutlich: „Bei uns beim 1. FC Heidenheim geht es etwas anders zu. Für uns würde ich ausschließen, dass solche Jungs nochmal für uns Fußball spielen“, so der Vorstand im Sky-Interview.
Dass sich Walter und Sportvorstand Jonas Boldt so vor Dompé, Mikelbrencis und Vuskovic stellen, ist als Signal an den Rest der Mannschaft zu verstehen. Es ist eine Art „Wir gegen den Rest der Welt“-Mentalität, die hier geschaffen wird. Und solange diese funktioniert, macht es eine Mannschaft auch stärker. Das haben die letzten Jahre beim HSV eindrucksvoll bewiesen – da dort genau das Gegenteil der Fall war und das den HSV immer an sich selbst scheitern ließ. Oder wie Walter es formuliert: „Wir glauben immer an uns. Wir geben nie auf. Das zeigt, welche Mentalität wir haben.“
Aber: Walter bleibt bei aller Euphorie immer auch realistisch. Auf die Frage, ob er diesen Punktgewinn in Heidenheim feiern würde, antwortete er, dass er dafür keinen Grund sehe. Denn man habe das Spiel nicht gewonnen, sondern letztlich eben doch nur einen Punkt geholt. Und zu dieser Geschichte gehören die auffälliger werdenden Schwächen im Defensivverhalten auch dazu. Oder wie Walter es sehr passend formulierte: „Wir haben Mentalität und die ganze Stadt hinter uns. Diese Wucht ist nur schwer aufzuhalten“, so der Coach, der hinterherschob: „Aber über die ersten 60 Minuten muss man auch reden.“
Stimmt. Denn oft geht sowas nicht so glimpflich aus wie in Heidenheim. Hinzu kommt, dass der Tabellenführer Darmstadt 98 einen ähnlich guten, wenn nicht sogar noch besseren Lauf hat. Was ich meine: Dieser HSV darf sich über solche Spiele wie in Heidenheim sicher kurz freuen und als positive Nachricht mitnehmen. Man darf sich darüber freuen, dass man eine Einheit darstellt, die aktuell schwer zu bezwingen ist und dass man selbst so schwache Spiele Leistungen wie die ersten 60 Minuten in Heidenheim mit der intakten Moral noch drehen kann. Nicht selten entwickelt sich daraus auch ein sehr positives, stabiles Selbstverständnis. ABER: Es funktioniert alles auch nur, solange die klaren, kritischen Worte das Ganze nicht nur in den nächsten Tagen, sondern bis zum Saisonende begleiten.
Fortsetzung folgt…
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