Meinung

Walter polarisiert - mit Erfolg?

Tim Walter polarisiert. Mit seiner zum einen, die ihn am Rand in nahezu jedem Spiel mit den gegnerischen Trainern aneinandergeraten lässt. Und natürlich mit seiner sehr…

Walter polarisiert - mit Erfolg?

Tim Walter polarisiert. Mit seiner zum einen, die ihn am Rand in nahezu jedem Spiel mit den gegnerischen Trainern aneinandergeraten lässt. Und natürlich mit seiner sehr offensiven, ballbesitzorientierten und erzwungen (und leider zu oft gezwungenen) dominanten Art, Fußball spielen zu lassen. Seitdem Walter in Hamburg ist, hat er sein System verfeinert bzw. die Mannschaft hat sein System besser angenommen. Ergebnis hierbei sind extrem dominante Spiele – aber eben auch zu leichte Punktverluste, wenn der Gegner tief steht und man selbst mal unter Druck gerät. Und ich bleibe bei meinem Eindruck der ersten Stunde: Nur so offensiv und dominant wird es der HSV auf lange Strecke nicht schaffen. Die Frage ist nur, ob Walter sein System überhaupt anpassen kann. Wollen tut er es definitiv nicht.

Ich hatte Euch gestern gefragt, wie Ihr es seht. Und ich teile die 80 Prozent, die in Walters Monosystematik eine Gefahr für den Aufstieg sehen. Zudem habe ich von einem meiner ständigen Spielbegleiter während der HSV-Partien (wir teilen viele Eindrücke per Whattsapp) das erste Mal einen schriftlichen Beitrag bekommen – und auch hier kann ich fast ausnahmslos mitgehen. Aber lest selbst: 

„Ich werde und bin kein Freund des walter‘schen Ballbesitzfußballs. Das ist ein System für Mannschaften, die über Top-Level-Spieler verfügen, die technisch außerordentlich stark sind und Ihre Position perfekt spielen und beherrschen. Solche Mannschaften (Barca, früher Bayern) bekommen in der Regel nur dann Probleme, wenn Sie Ihr Niveau nicht abrufen oder eben nicht Top besetzt sind. Ein weiteres Problem, das System ist wenig variabel. Das liegt daran, dass alle Mannschaftsteile perfekt aufeinander abgestimmt sein müssen: Jeder Spieler in diesem System hat eine bestimmte Aufgabe und ist ein Spezialist auf seiner Position. Eine grundsätzliche Systemumstellung ist daher kaum möglich. Eine weitere Herausforderung, in der Regel fehlt es Ballbesitzmannschaften an körperlicher Robustheit, was logisch ist, da technische Fertigkeiten im Vordergrund stehen. Der Gegner wird durch Passspiel und Ballbesitz bezwungen, nicht im Zweikampf. Der Ballbesitzfußball ist sicherlich das anspruchsvollste System, das eine Mannschaft spielen kann. Es braucht technische Versiertheit, Spezialisten auf allen Positionen, Schnelligkeit, ein sehr gutes Positionsspiel, Spielintelligenz und eine Top-Ersatzbank, um Spieler 1:1 austauschen zu können.

Tim Walter war Jugendtrainer und ist ein Kind der Löw‘schen Trainerära, die Deutschland bis zur Weltmeisterschaft 2014 geführt hat und für Walter sicherlich prägend war.

Es hat einen Grund, warum der DFB nach 15 Jahren gegensteuert und bei der Jugendausbildung wieder mehr Wert auf Kampf und Robustheit, Zweikampfverhalten legt. Bei Walter scheint das Umdenken noch nicht angekommen zu sein. Aus meiner Sicht setzt der HSV auf ein veraltetes Spielsystem, das für Liga 2. gänzlich ungeeignet ist.

Das nötige Niveau ist mit einer 2. Ligamannschaft nicht kontinuierlich erreichbar. Ich kenne nur Champions-League Mannschaften oder Nationalteams (Spanien, Deutschland) die Ballbesitzfußball beherrschen. Bei der letzten Weltmeisterschaft haben nahezu alle Mannschaften den Ballbesitzfußball abgeschafft, vermutlich aus den genannten Gründen, der Aufwand und die benötigen Fertigkeiten sind für die meisten Teams zu anspruchsvoll.“

Mein HSV-Leidensgenosse Tim Br.

Dreht man diese Thematik noch weiter und schaut sich die Nachwuchsspieler von heute an, dann fällt auf, dass beispielsweise Kopfballstärke immer seltener wird. Das verwundert nicht wirklich, da der DFB inzwischen sogar bis zu einem gewissen Alter das Kopfballspiel an sich verboten hat. Zudem fühlten sich alle Trainer, die modern sein wollten, zum Tiki-Taka-Fußball verpflichtet. Je technischer, desto besser. Einziges Problem: Geraten sie mal so unter Druck (ob physisch oder spielerisch), dass sie ihr eigenes Spiel nicht aufziehen können, fehlt die Alternative. Und: Irgendwann hat sich tatsächlich jede Mannschaft auf Deinen Fußball eingestellt, wenn du immer dasselbe System spielst. Es sei denn, Du verfügst über eine derart überbordende Qualität – wie es beim HSV im Ligavergleich sicher nicht der Fall ist. Ergo: Die nicht nur von uns hier geforderte Variabilität ist unumgänglich. Alles andere ist fahrlässig. 

In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Abend!

Scholle

Kurz notiert:

  • Der HSV nutzt die Pause, um seine angeschlagenen Spieler zu schonen. Heute pausierten der am Wochenende verletzt ausgewechselte Miro Muheim, Sebastian Schonlau (Knöchel) und Jonas Meffert (Knieprobleme). Dafür trainierten die Nachwuchskräfte Fabio Mutaro Balde (17) aus der U19 sowie die beiden U17-Spieler Bilal Yalcinkaya (16) und Davis Rath (16) mit.
  • Laut einem Bericht des Hamburger Abendblattes hat Mario Vuskovic eine auf weniger als ein Jahr abgekürzte Sperre abgelehnt. Aber dazu in den nächsten Tagen an dieser Stelle mehr.
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