Walter muss Frontenbildung vermeiden - Glatzel fehlt dem HSV
Der Trainer ist genervt. Nachvollziehbar, wie ich finde. Zumindest würde ich auch im Strahl kotzen, wenn ich mir Woche für Woche dieselbe Leier anhören müsste. Aber ich würde…

Der Trainer ist genervt. Nachvollziehbar, wie ich finde. Zumindest würde ich auch im Strahl kotzen, wenn ich mir Woche für Woche dieselbe Leier anhören müsste. Aber ich würde mich selbstverständlich auch fragen, warum ich Woche für Woche dieselbe Leier vorgespielt bekomme. Und so hoch ich Standhaftigkeit bei Fußballtrainern auch in schwierigen Zeiten bewerte, so schmal ist hier nun mal der Grat zu Sturheit. Und die hat im Fußball ganz sicher nichts zu suchen. Im Gegenteil: Sobald diese eintritt, wird es gefährlich. Für den Klub – und damit in aller Regel auch für den Trainer. Und auch das ist heute im neuen Communitytalk natürlich Eurerseits gefragt worden und somit eines von vielen Themen:
Diese mögliche Gefahr sehe ich in diesem Fall allerdings als völlig unnötig und im höchsten Maße vermeidbar an. Gerade Tim Walter sollte sich an die Hinrunde erinnern, wo er nach schwerwiegenden Ausfällen von seinem dauerhaft hoch pressenden Spiel ein Stück weit abwich und defensiver spielen ließ. Auch damals war diese Nachjustierung produktiv und bescherte neben besseren Spielen vor allem auch mehr Punkte. Oder anders formuliert: Walter wurde schon einmal zu etwas gedanklicher Flexibilität gezwungen – und es hat sich bewährt. Weshalb Walter also gerade jetzt so gereizt reagiert, kann ich nicht nachvollziehen.
Labbadia hat gezeigt, wie unnötig gefährlich Sturheit wird
Fußballtrainer sind eine ganz eigene Spezies. Und Sturheit ist gerade in Hamburg nicht selten eine Begleiterscheinung bei Trainern gewesen. So geschehen damals bei Bruno Labbadia, als er seine erste HSV-Amtszeit hatte. Unmittelbar nachdem er seinen Vertrag beim HSV auf Basis der Gespräche mit dem damaligen Vorstand Dietmar Beiersdorfer unterschrieben hatte, musste dieser gehen. Labbadias Bezugsperson auf Vorstandsebene fehlte. Wirklich Vertrauen knüpfen musste Labbadia also erst noch zu den anderen Verantwortlichen. Aber das funktionierte überhaupt nicht.
Im Gegenteil: Labbadia war misstrauisch und fühlte sich irgendwann von allen Seiten bedrängt. Viele hatten es sicher gutgemeint und wollten helfen. Aber es gab damals eben auch einige, die Labbadia nicht wollte. Hier zu unterscheiden – das war schwer. So schwer, dass Labbadia letztlich daran scheiterte. Von einer produktiven Analyse mit Fachleuten war nichts geblieben – stattdessen fühlte sich Labbadia in der Situation, seine Idee verteidigen zu müssen. Denn je mehr Einfluss Außenstehende auf ihn und seinen Fußball nehmen wollten, desto mehr versperrte er sich diesen Ratschlägen und Tippgebern. Aus dem notwendigen „Wir“ wurde ein Labbadia gegen den Rest. Mit dem Ergebnis, dass ein aus meiner Sicht guter Trainer vorzeitig gehen musste. Damals sogar zurecht, wie ich ob seiner Sturheit befand.
Daher hoffe ich ganz stark, dass Walters gestrige Reaktion nicht der Beginn einer Frontenentwicklung ist. Denn da hatte er gereizt reagiert auf die Nachfrage, weshalb sein Spiel keinen Plan B habe. „Es ist mir total egal, was gesagt wird. Ich gehe mit dem Verein meinen Weg. Und das versuchen wir durchzuziehen. Wir sind sehr variabel, aber wenn man nur eines sehen will, dann ist es so. Aber ich sehe halt alles.“ Im Abschluss verrannte er sich meiner Meinung nach noch in einem Vergleich, der ihm nur um die Ohren fliegen kann: „Wo ist Plan B bei ManCity, wo ist Plan B bei Bayern? Sie versuchen Plan A besser auszuführen. Und im Plan A haben sie verschiedene Varianten.“ Denn abgesehen davon, dass die genannten Teams fußballerisch Welten vom HSV entfernt sind, sind gerade Pep Guardiola und Julian Nagelmann für ihre taktische Raffinesse bekannt.
Nein, Tim Walter persönlich anzugreifen will niemand. Ich zumindest nicht. Aber ich werde auch nicht müde, das anzusprechen, was aus meiner Sicht falsch läuft. Und für alle, die meinen, das wäre zu spät: Ich habe das in der Vorbereitung gesagt und seit dem ersten Heimspiel gegen Dynamo Dresden in nahezu jedem Blitzfazit aufs Neue: Diese riskante Spielweise wird immer wieder zu Fehlern führen, die den HSV Punkte kosten (https://youtu.be/Oj5j_SbWMuQ ab Min. 2:36). Und so kam es auch. Ob der spielerisch positiven Gesamtentwicklung kann man sehr viel Positives am Walter-System finden – und das sehe ich auch so. Aber ich bleibe bei meinem Standpunkt vom Saisonbeginn: Zu riskant hinten rauszuspielen wird dauerhaft unnötig viele Misserfolge begünstigen. Und diese würden den HSV leicht erreichbare Ziele verpassen lassen (bewusst im Konjunktiv, da ich immer noch darauf hoffe, dass die Vernunft gegen die Sturheit siegt).
Glatzel fehlt weiterhin - die Chance für Wintzheimer?
Hoffen ist dann auch das Stichwort zur personellen Situation beim HSV. Denn der HSV hofft weiter auf eine schnelle Genesung bei Toptorjäger Robert Glatzel. Der hatte sich gestern und auch heute wegen Unwohlseins abgemeldet – bislang heißt es, er sei Corona-negativ getestet. Nach zweimaliger Corona-Erkrankung wünsche ich es Glatzel auch sehr. Vor allem aber hoffe ich, dass Glatzel nicht in Ingolstadt ausfällt, da er aktuell existenziell wichtig für die HSV-Offensive ist.
Sollte Glatzel aber tatsächlich ausfallen, hoffe ich erneut auf ein Umdenken bei Tim Walter, der zuletzt immer wieder Mikkel Kaufmann gebracht und Manuel Wintzheimer auf der Bank gelassen hatte. Letztgenannter ist eh seit Oktober 2021 nicht mehr von Beginn an dabei gewesen und hat drei der letzten vier Spiele sogar komplett zusehen müssen, während der stets bemühte Däne ran durfte und ohne Wirkung blieb. Gestern gab es die Meldung, dass es eine Wende im Fall Wintzheimer geben könne – heute wurde das Gegenteil behauptet. Und dem schließe ich mich an. Ich bin mir sicher, dass Wintzheimer beim HSV keine Zukunft mehr hat unter Tim Walter. Dennoch hoffe ich, dass Walter sich am Sonnabend im Falle eine s Glatzel-Ausfalles auf Wintzheimer besinnt. Denn bei allem Respekt vor Kaufmann ist Wintzheimer der bei weitem bessere Angreifer. Aber dazu werden wir morgen sicher mehr wissen.
Heute hat sich übrigens Anssi Suhonen den Fragen der Journalisten gestellt. Und er meisterte das auf seine Art. Er wollte nicht euphorisiert wirken, sondern fokussiert. Und das gelang. „Aktuell läuft es sehr gut bei mir. Wenn man mehr Spielzeit bekommt, dann bekommt man auch mehr Torchancen. Ansonsten bin ich aber noch immer der gleiche Anssi.“ Der Anssi übrigens, der sich immer ob seiner kurzen Körpergröße immer wieder gegen höher gewachsen Konkurrenten durchbeißen musste und der nicht nur in seiner Heimat Finnland bei Wind und Wetter trainierte. Denn das macht er heute noch. Sogar so viel, dass er schon aufgefordert wurde, nicht zu übertreiben. Suhonen weiter: „Natürlich freue ich mich über Tore. Ich bin auch sehr stolz darauf, dass ich meinen Vertrag verlängern durfte und in der finnischen Nationalmannschaft meinen Weg gehe. Es geht aber immer darum, weiterzumachen und sich nicht auf kleinen Erfolge auszuruhen.“ Und das klingt nicht nur gut – Suhonen ist auch so.
In diesem Sinne, am Sonnabend in Ingolstadt wird Suhonen nach seinen letzten starken Spielen mit Sicherheit wieder spielen, Und darauf bzw. darüber freue ich mich sehr. Wer noch in der Startelf stehen wird, dazu dann morgen nach der Pressekonferenz und Freitag genaueres. Bis dahin, bleibt gesund!
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