Walter muss einen Weg finden, die "Kleinen" zu bespielen
„Bis Freitag benötigen wir positive Energie. Wir müssen Mut hereinbringen.“ Könnte vom HSV kommen, dieser Satz. Aber er kommt aus der Ecke des nächsten Gegners, dessen Trainer…

„Bis Freitag benötigen wir positive Energie. Wir müssen Mut hereinbringen.“ Könnte vom HSV kommen, dieser Satz. Aber er kommt aus der Ecke des nächsten Gegners, dessen Trainer und Ex-HSV-Cotrainer Tobias Schweinsteiger nach dem 0:7 bei Hannover 96 sichtlich geknickt wirkte. „Wir müssen den Arsch hochkriegen“, forderte derweil VfL Osnabrücks Abwehrspieler Florian Kleinshansl. Und Osnabrücks Keeper Lennart Grill fragte: „Ganz ehrlich: Was haben wir zu verlieren? Wir haben in Hannover sieben Dinger kassiert.“ Was das für den HSV bedeutet, der seinerseits mit dem 1:2 in Elversberg einen herben Rückschlag erlitt? Viel schlimmer hätte es im Vorfeld des Duells an der stets stimmungsvollen Bremer Brücke nicht laufen können!
Die Einstellung der höchsten Zweitliga-Niederlage der Club-Geschichte nach dem 0:7 im November 1979 bei Fortuna Köln wollen beim nächsten HSV-Gegner alle schnellstmöglich vergessen machen. Und das würde mit einem Heimsieg gegen den schwächelnden HSV funktionieren. Ob der große Favorit aus Hamburg gerade richtig kommt? „Ob der HSV der richtige Gegner ist? Wir müssen aufpassen, wie wir in unserer Lage den Gegner einschätzen“, so Schweinsteiger, der 2019 ein Jahr lang Assistent von Dieter Hecking beim HSV war.
Und auch beim HSV wird man sich nach dem erschreckend schwachen Auftritt in Elversberg so seine Gedanken machen. Weniger darüber, dass Osnabrück zuletzt ein schweres Pflaster war. Immerhin scheiterte der HSV im Aufstiegsfinale 2021 in Osnabrück und verpasste durch die 2:3-Niederlage mal wieder die Bundesliga-Rückkehr. Vielmehr muss sich HSV-Trainer Tim Walter fragen, wie es zu einem derart blutleeren, uninspirierten Auftritt wie dem in Elversberg kommen konnte – und: Warum er es im Verlaufe des Spiels nicht schaffte, das eigene Spiel den veränderten Umständen anzupassen.
Denn das fehlte komplett. Anstatt sich taktisch auf die tief stehenden Elversberger einzustellen und das eigene Spiel über Eins-gegen-Eins-Situationen oder über permanente Flanke in den (dann besetzten) Sechzehner zu verändern, liefen Sebastian Schonlau und Co. immer wieder gegen Elversbergs Abwehrbollwerk an und fingen sich Konter. Wie in alten Tagen war man in Sachen Ballbesitz und Zweikämpfe hoch dominant – aber verlor am Ende. Und wenn wir ehrlich bleiben, dann war das sogar völlig zurecht so.
Denn der HSV hat es bis heute nicht verstanden, sein Spiel auf tief stehende Gegner einzustellen. Dabei hat man dieses Problem seit dem Abstieg 2018 immer wieder. Bis Elversberg hatte der HSV Gegner, die den Anspruch an sich selbst hatten, mitzuspielen – RW Essen im DFB-Pokal mal ausgenommen. Da konnte der HSV mit seiner – endlich – stabileren Defensive und der immer gefährlichen Offensive brillieren. Aber die „Reifeprüfung“, wie das Spiel in Elversberg vorher genannt wurde, hat dieser HSV nicht bestanden. Im Gegenteil.
Dass am Freitag in Osnabrück ein fast identisch eingestellter Gegner auf den HSV wartet, macht es nicht einfacher. Vor allem nicht für den Trainer, dem taktische Veränderungen seit jeher schwer zu fallen scheinen. Zuletzt beließ es Walter bei der tiefer stehenden Viererkette – weil es funktionierte. Jetzt wird es Zeit, dass der HSV endlich sein spielerisches Portfolio aufstiegsreif gestaltet und auch solche Spiele zu spielen versteht.
Wie das geht? Mit Geduld, mit Ruhe – und selbstverständlich nur dann, wenn Aussetzer, wie der von Denis Hadzikadunic vermieden werden können. Wobei, auch hier sei gesagt: Wäre Daniel Heuer Fernandes nicht vor dem Ballführenden, sondern im Kasten geblieben, hätte er eine realistische Chance gehabt, das 1:1 für sich zu entscheiden. Fakt ist, dass der HSV über eine Offensive verfügt, die in jedem Spiel bislang getroffen hat – u d das entspricht auch der Qualität der Mannschaft. Wenn dazu hinten die Null gehalten werden kann, entspricht das – welch hohe Mathematik – einem Sieg. So einfach kann es sein. Oder wie Otto Rehhagel sagte: Kontrollierte Offensive.
Das größte Problem hierbei: Es ist eben nicht spektakulär. Und wenn es nach mir geht, muss es das auch nichts ein. Mir reicht es, wenn es erfolgreich ist. So langweilig das Spiel gegen Hansa Rostock auch gewesen ist, genau so spielt ein Aufsteiger. Und nicht anders.
In diesem Sinne, Euch allen Gute Nacht!
Scholle
P.S.: Glück im Unglück hatte offenbar Miro Muheim. Der 25-Jährige hat sich eine schwere Bänderzerrung sowie eine Kapselverletzung im rechten Sprunggelenk zugezogen. Ist schmerzhaft, aber glücklicherweise nicht so langwierig, wie befürchtet.
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