Walter formt ein Kollektiv, das ungeahnte Kräfte freisetzt
Der HSV hat sich eine gute Ausgangsposition verschafft. Nicht mehr – und auch nicht weniger. Dementsprechend bleibt die Mannschaft, die sich in dieser Saison stets sehr…

Der HSV hat sich eine gute Ausgangsposition verschafft. Nicht mehr – und auch nicht weniger. Dementsprechend bleibt die Mannschaft, die sich in dieser Saison stets sehr bodenständig präsentiert hat, entsprechend zurückhaltend. So warnte HSV-Kapitän Sebastian Schonlau trotz des 1:0-Erfolgs der Norddeutschen im ersten Relegationsspiel beim Erstliga-16. Hertha BSC, sich vor dem zweiten Duell am Montag im heimischen Volksparkstadion zu sicher zu fühlen. „Kiel sollte Warnung genug sein“, sagte der HSV-Abwehrchef und erinnerte an die Relegation des Nordrivalen Holstein vor einem Jahr.
Damals schafften die Kieler im Hinspiel beim 1. FC Köln ebenfalls ein 1:0. Im Rückspiel war der Zweitligist gegen die Kölner chancenlos und verlor 1:5. Holstein blieb in der 2., der 1. FC Köln in der 1. Bundesliga. „Am Montag geht es wieder von vorne los. Dann müssen wir mindestens die gleiche Leistung, wenn nicht mehr auf den Platz bringen“, betonte der 27-jährige Schonlau. „Wir freuen uns, dass wir gewonnen haben, aber es ist nichts erreicht.“ Was nicht ganz stimmt. Denn immerhin geht man mit 1:0 in die Halbzeitpause und hat am Montag das eigene Stadion bzw. noch mal mehr Fans als schon in Berlin hinter sich.
Der HSV weiß, was man aufbieten muss, um zu gewinnen
Vor allem aber hat der HSV in Berlin alles erkennen können, was es bedarf, um auch am Montag zu bestehen. Die Mannschaft darf jetzt wissen, wie man diese lethargisch wirkenden Berliner, die schon allein ob ihrer Mentalität mitnichten mit den homogen wirkenden Kölnern vor einem Jahr zu vergleichen sind, in der Relegation bezwingen kann. Die Mannschaft hat gesehen, wie sie mit Geschlossenheit im Kollektiv das vermeintliche individuelle Qualitäts-Plus der Berliner bezwingen kann.
Es gab an diesem Abend so viele kleine Dinge, die mich hoffen lassen, dass der HSV auch nach dem zweiten Relegationsspiel als Sieger hervorgeht. Vor dem Spiel die Interviews mit den sportlich Verantwortlichen. Während HSV-Trainer Tim Walter in der ihm eigenen, einfachen Art keine Zweifel daran aufkommen ließ, dass er an sich und seine Mannschaft glaube, waren auf der anderen Seite Magath’sche Durchhalteparolen und vom Sportchef Fredi Bobic einfach mal gar nichts positives zu hören. Im Gegenteil: Bobic hatte in dem 10 Minuten dauernden Interview bei Sky genau eine Minute lang leuchtende Augen und wirkte begeistert. Und zwar in der Minute, in der er auf die Frage nach seinem Ex-Klub und Europa-League-Sieger Eintracht Frankfurt antwortete.
Es war gefühlt die Konfrontation von Wille und Kraftlosigkeit. Walter stürmte nach dem 1:0 seines HSV energiegeladen über den Rasen, um seine Jungs zu herzen, während sein Gegenüber Felix Magath, der einst gefürchtete Schleifer, mit gebückter Haltung auf dem Podium saß. Während Walter unmittelbar nach dem Schlusspfiff wie immer die Spieler im Kreis um sich scharte und seine Mannen mit flackerndem Blick und geballter Faust auf das Rückspiel einschwor, schien Magath mit seinem Latein am Ende. Sein Team hatte nicht den Eindruck vermittelt, ein verschworener Haufen zu sein, der zu einer Energieleistung fähig ist. Dass die Hertha-Spieler mit Ausnahme des scheidenden Niklas Stark nicht zu den treuen Fans in die Ostkurve gingen, „wundert mich ein bisschen“, sagte Magath. Er selbst verschwand nach dem Schlusspfiff wie immer als erster in den Katakomben.
Der Schulterschluss beim HSV ist vorhanden
Die HSV-Profis indes präsentierten sich in Mannschaftsstärke ihren skandierenden Fans und bedankten sich für den Support. „Ich wusste zwischenzeitlich nicht, ob wir nicht doch in Hamburg spielen“, meinte Kapitän Sebastian Schonlau angesichts der unfassbaren HSV-Fans. Rund 30.000 HSV-Fans, die (siehe dazu auch unseren VLOG von Louis!) über das gesamte Stadion verteilt standen und saßen, machten eineunfassbare Stimmung.
Dennoch passierte, was beim HSV in dieser Saison immer wieder proklamiert wird – und was endlich auch konsequent durchgezogen wird: Walter blieb, bei sich. „Wir gehen von unserem Spielstil nicht ab. Wir gehen unseren Weg so weiter. Wir wollen solche Spiele haben. Darum war es heute schön, aber am Montag wird es genauso schön», versprach Walter, der damit aber nicht den nächsten Sieg voraussagte, sondern die Spielfreude, den Kampfgeist, den Mut seiner Jungs meinte. Denn das unterscheidet die Mannschaft heute deutlich von jenen Teams in den drei Vorjahren, die regelmäßig eingeknickt waren auf der Zielgeraden, bei denen Mut und Leidenschaft mehrere Spieltage vor Saisonende stets verschüttgegangen waren.
Dieser HSV hat sich endlich mit dem arrangiert, was er imstande ist, zu leisten – und er holt das Maximum heraus. Zumindest sportlich. Es wird nicht gesagt, was angeblich vom ach so fordernden Umfeld gehört werden will. Verbal ist man vom „wir allein entscheiden, wer das Spiel gewinnt“-Geblubber weggekommen und schafft erst einmal Tatsachen, bevor vollmundig gesabbelt wird. Auch nach diesem 1:0 in Berlin. „Wir haben noch nichts erreicht. Es ist erst Halbzeit“, warnte der Coach, der seinen Mannen in der Halbzeitpause nochmals ins Gewissen geredet und damit zu einer Leistungssteigerung getrieben hatte. Seine Ansprache sei „nicht so viel leiser“ als im letzten Punktspiel bei Hansa Rostock gewesen, berichtete Jonas Meffert. Damals gewann die Mannschaft nach 0:1-Halbzeitstand mit 3:2.
Mit anderen Worten: Beim HSV kommt niemand in die Versuchung, schon zu früh zu zufrieden zu sein. Weil Walter es nicht zulässt. Und geht man diese positive Entwicklung weiter auf den Grund, kommt man unweigerlich auch beim Sportvorstand Jonas Boldt an, der hier von vielen sehr kritisch beäugt wird. Zurecht in Teilen – zu Unrecht in anderen Teilen. Denn bei allen Fehlern, die zweifellos in den letzten Jahren dabei waren, hat Boldt gelernt, worauf es ankommt. Seine stoische Art, Walter den Rücken zu stärken, hat vereinsintern Gegner auf den Plan gerufen. Aber die sind inzwischen lieber ruhig. Weil der Zusammenhalt auf Ebene Trainer/Vorstand ein Wir-Gefühl geschaffen hat, von dem dieser HSV maximal profitiert. Im sportlichen Erfolg – aber auch in der Wahrnehmung nach außen. Denn dieser HSV hat wieder ein Gesicht. Der „Walter-Fußball“ ist bundesweit ein Begriff geworden, die mutige Art des jungen HSV-Teams begeistert. Und wenn am Montag dazu noch der Aufstieg geschafft werden sollte, würde das dem Ganzen die Krone aufsetzen.
Einzelne Gewinner gibt es nur, weil das Kollektiv funktioniert
Die BILD hat heute Jonas Boldt zum Gewinner beim HSV erklärt. Und ich würde dem nicht widersprechen. Abgesehen davon, dass Boldt es nicht allein ist. Denn ich würde alle dazuzählen. Denn erst dieses neu geschaffene Kollektiv lässt den HSV überhaupt wieder gewinnen… Auch deshalb habe ich gestern darauf verzichtet, die Spieler unterschiedlich und individuell zu benoten.
In diesem Sinne, bis morgen. Ich freue mich jetzt, Euch Louis vorstellen zu dürfen. Louis baut gerade sein Abitur und hat mir angeboten, einen Vlog (ein Videotagebuch) zu drehen über seinen Trip zum Relegationsspiel in Berlin. Ein sehr gelungener Vlog wie ich finde. Aber seht selbst:
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Bis morgen!
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