Analyse

Walter fordert Serie - und hat ein ungewohntes Problem

Es ist die Situation, die eigentlich jeder Trainer am liebsten mag – auch wenn sie nicht einfach wird. Zumindest hatte Tim Walter schon lange nicht mehr die Situation, ein…

Walter fordert Serie - und hat ein ungewohntes Problem

Es ist die Situation, die eigentlich jeder Trainer am liebsten mag – auch wenn sie nicht einfach wird. Zumindest hatte Tim Walter schon lange nicht mehr die Situation, ein absolutes Überangebot und mehrere Härtefälle zu haben.  Als er heute auf den Trainingsplatz kam, konnte Walter das erste Mal seit langem wieder mit dem beinahe kompletten Kader trainieren. Also berste personelle Voraussetzungen vor dem Nordduell am Freitag im Volksparkstadion, das aller Voraussicht nach ausverkauft sein wird. Bislang wurden schon 55.000 Tickets abgesetzt. 

Wobei, so ganz stimmt das natürlich nicht, denn gegen Hannover 96 fehlen dem HSV-Trainer weiterhin Kapitän Sebastian Schonlau und Mario Vuskovic. Aber diese beiden Ausfälle sind eigentlich schon eingeplant. Denn während der Kroate auf seine Fortsetzung im Dopingverfahren vor dem CAS wartet, müht sich der Abwehrchef nach seiner Dauer-Wadenverletzung nur ganz langsam wieder heran. „Ich bin froh, dass wir so viele gute Spieler haben. Das ist ein Segen. Ich freue mich über die, die wir haben. Und die sind gut“, sagte Walter heute auf der Pressekonferenz über seine ungewohnt große Auswahl. Er selbst habe in dieser Saison bisher nicht die Situation gehabt, für fast alle Positionen gleich mehrere vielversprechende Optionen zu haben. 

Besonders hart dürfte es für einen der Mittelfeldspieler werden. Dort streiten Laszlo Benes, Ludovit Reis und Immanuel Pherai um zwei Positionen. Ergo: Einer der drei wird zunächst auf der Bank Platz nehmen müssen. Aller Voraussicht nach dürfte das wieder Reis werden, da dieser aus einer längeren Verletzung zurückkehrt und Walter immer wieder betont, ihn nicht „verheizen“ zu wollen. Eine aus meiner Sicht absolut logische und gute Entscheidung, zumal ich aus eigener Erfahrung weiß, wie schwierig komplexe Schulterverletzungen auch nach den dafür notwendigen Operationen sein können.

Es wird für Walter also Härtefälle geben, auch wenn er diesen Begriff negativ belastet sieht. Spieler, die in dieser Saison schon überzeugt haben, könnten sich zwar plötzlich auf der Bank oder sogar auf der Tribüne wiederfinden. Aber Walter sieht die schwierigen Entscheidungen positiv. „Es ist doch schön, wenn man Luxus hat. Das beinhaltet ja auch etwas sehr Schönes“, sagte er. Man merke es auch im Training, wenn fast alle da sind.

Hintergrund: Dann könne gezielter trainiert werden. Ein Hauptaugenmerk dabei sind Zweikämpfe. Dort hat der HSV statistisch starke Werte, aber auch Walter merkte heute an, dass man hier noch besser werden müsse, da man „leider trotz der guten Werte die wichtigen, entscheidenden Zweikämpfe noch zu oft verlieren würde. Walter ist überzeugt: „Wenn alle auf dem Platz sind, dann kann man daran arbeiten. Und das sieht man dann auch.“

Die Voraussetzungen für den HSV sind also gut, um die Serie zu starten, die auch Walter nach dem Auswärtssieg bei Hertha BSC gefordert hat – und die notwendig sein wird, wenn man sich oben auf einem direkten Aufstiegsplatz behaupten will.  Nach dem 2:1 am vergangenen Samstag bei Hertha BSC ist der HSV hinter dem Stadtrivalen FC St. Pauli auf dem zweiten Rang und damit auf einem direkten Aufstiegsplatz.

Ich persönlich freue mich auf das Duell am Freitag echt. Deutlich mehr als auf viele andere Spiele, weil Hannover 96 ein Gegner ist, der viel kann, einen entsprechenden Eigenanspruch hat und dementsprechend nicht nur tief stehen wird. Diesen Eigenanspruch hat Hannover mit zwei Siegen und einem Remis in dieser Rückrunde bislang unterstrichen und hofft, noch einmal an die Aufstiegsplätze heranzukommen.  Dafür muss beim HSV Zählbares herausspringen.

Auf eines werden Walter und sein 96-Kollege Stefan Leitl ihre jeweilige Mannschaft wieder vorbereiten müssen: Auch bei dieser Partie werden etliche Fans gegen den Einstieg eines Investors bei der Deutschen Fußball Liga mit Spruchbändern und dem Werfen von Tennisbällen protestieren. Walter zeigte Verständnis für die Proteste. Doch sein Augenmerk liege in der Situation auf dem Sportlichen, wie er betonte. „Es geht darum, die Spieler rein körperlich auf einem Level zu halten, dass sie erwärmt sind und erwärmt bleiben“, meinte er. Das hätten sie auch in Berlin in der 30-minütigen Zwangspause in den Katakomben gemacht. „Ich hoffe, dass es diesmal nicht so lange Ausfallzeiten gibt“, sagte er. Es bestehe sonst die Gefahr, dass die Spieler sich verletzen könnten. Gerade jetzt, da der HSV-Kader so gut gefüllt ist, wäre das bitter.

Aber die Proteste in Berlin und allen anderen Stadien zeigen Wirkung – bei den Clubs zumindest. Präsident Claus Vogt vom VfB Stuttgart spricht sich für eine Wiederholung der Abstimmung über den Einstieg eines Investors in der Deutschen Fußball Liga aus. „Unser Verständnis von Demokratie - auch im Fußball - sollte sein: Die Mehrheit entscheidet“, schrieb der 54-Jährige am Mittwoch auf der Social-Media-Plattform X - ehemals Twitter. „Kann aber nicht sichergestellt werden, dass ein demokratisch zustande gekommenes Abstimmungsergebnis korrekt ist, sollte man im Sinne der Demokratie und im Sinne unseres Fußballs miteinander diskutieren, ob eine erneute, transparente Abstimmung aller 36 Vereine in der DFL notwendig ist. Ich meine: ja, es ist notwendig!“

Pikanterweise hatte auch Martin Kind, der Mehrheitsgesellschafter vom HSV-Gegner Hannover 96 eine gewichtige Rolle bei der Abstimmung gespielt, die äußerst knapp für die Zulassung von Investoren stimmte. Auch wegen des schlechten Verhältnisses zwischen Kind und dem 96-Stammverein hatte es eine Debatte um das Abstimmungsverhalten des 79-Jährigen gegeben. Kind war vom Verein angewiesen worden, gegen den Einstieg von Investoren zu stimmen. Nach der Abstimmung weigerte sich der 96-Chef zu verraten, ob er mit Ja oder Nein gestimmt hatte. Kind verwies auf die geheime Abstimmung.

Auf Nachfrage meiner Kollegen von der dpa hielt sich Kind zurück und verwies nach dem Vorschlag von Vogt auf die DFL: „Darüber muss das Präsidium und die Geschäftsführung entscheiden. Und das muss sich mit allen Szenarien auseinandersetzen. Ob der Deal kippen könnte, weiß ich nicht.“ Er glaube nicht, dass die Gegner des Deals die Mehrheit in den Stadien ausmachen.

Eine erstaunliche These. Zuletzt hatte es in zahlreichen Stadien Proteste der Fanszene gegeben. Am massivsten wie gesagt beim Spiel Hertha BSC gegen den HSV. Diese Partie stand im Gegensatz zu den anderen Partien wegen der außergewöhnlich lang anhaltenden Proteste sogar kurz vor dem Abbruch. Auch vor diesem Hintergrund erscheint der Vorschlag des VfB-Präsidenten Vogt ebenso spannend - wie wohl unwahrscheinlich. Aber den Protesten der Fans dürfte Vogt neuen Antrieb geliefert haben…

In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Abend. Und: Bleibt gesund!

Scholle

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