Walter, Doyle und Co. - die Hinrundenanalyse, Teil 2:
Der zweite Teil der Halbzeitanalyse steht an – und er ist nicht so positiv wie der Erste. Aber auch in diesem Fazit lassen sich die Ansätze erklären und erkennen, weshalb…

Der zweite Teil der Halbzeitanalyse steht an – und er ist nicht so positiv wie der Erste. Aber auch in diesem Fazit lassen sich die Ansätze erklären und erkennen, weshalb dieser HSV in der Rückrunde 2022 darauf hoffen darf, dass es diesmal keinen Einbruch gibt, sondern eine Steigerung. Dafür bedarf es noch vieler Nachjustierungen und Verbesserungen. Selbst personell gilt es, im Winter fleißig zu sein. Gespräche führen, Analysen herbeiziehen und schnell gute Entscheidungen treffen. Denn nur weil es aktuell tendenziell besser wird, heißt das nicht, dass man nichts verändern muss. Im Gegenteil: Der Entwicklungsprozess des HSV hat vor allem einen Antrieb, der funktioniert: Mut.
Und der ging im Sommer vom Vorstand aus, der Tim Walter wider alle Bedenken holte und mit ihm den Mut im Verein implantierte, endlich die Rolle anzunehmen, die dieser HSV annehmen muss. Man ist nicht mehr die große Nummer in der kleineren Liga. Aber Walter erarbeitet dem HSV den Ruf, ein gutes Sprungbrett für tolle Talente zu sein – und allein das ist schon extrem wertvoll, solange man parallel sportlich eine Mannschaft stellt, die wie die aktuelle oben mitspielen kann und von der Konkurrenz als große Nummer in der Liga gesehen wird. Denn nur diese Betrachtung hat eine Berechtigung – die Selbstbeweihräucherung und die Arroganz vergangener Tage indes gehört aussortiert. Nur so kann man etwas aufbauen. Interessant ist, dass nach „Konzepttrainer“ Hannes Wolf, dem Intellektuellen Ansatz mit Daniel Thioune und dem erfahrenen, alten Hasen Dieter Hecking ausgerechnet der vergleichsweise einfach rüberkommende Walter hier binnen sechs Monaten etwas in Gang gesetzt hat, worüber seine Vorgänger nur geredet haben. Aber legen wir los, die große Hinrundenanalyse Teil zwei:
Thomas Doyle
(Manchester City U23 / Leihe bis Juni 2022 / Marktwert 1 Million Euro)
Für mich eine Enttäuschung. Der junge Engländer hat fußballerisch alles, was es braucht – und schafft es physisch nicht. Wer nach sechs Monaten immer noch nicht die Robustheit hat, um in der Zweiten Liga zu bestehen, der will es nicht – oder der kann es tatsächlich nicht. In anderen Mannschaften mit ihm als freien Mann auf der Zehn könnte Doyle sicher eine Bereicherung sein. Aber beim HSV gab es hierfür zwei Hindernisse: Erstens, diese Position gibt derartig körperlos beim HSV nicht. Zweitens hat er auf dieser Position den aktuell uneinholbaren Sonny Kittel vor sich. Als intelligenter Fußballer hätte das normalerweise dafür sorgen müssen, dass Doyle sich im Mittelfeld umorientiert und beispielsweise auf der Acht mit erkennbaren Lerneffekten und Fortschritten im Training anbietet – tat er aber nicht. Leider. Die Kurzauftritte gegen Ich hätte nämlich sehr gern sehr viel mehr von dem Mann gesehen, der vielleicht über die beste Schusstechnik im Team verfügt. Aber ich gehe in diesem Fall tatsächlich konform mit dem Trainer und dessen Entscheidung.
Gesamtnote: 5, weil Doyle noch immer noch genau so auftritt wie der Doyle, der im Sommer von ManCity nach Hamburg kam. Und dass das so nicht reicht bei Trainer Tim Walter, das weiß Doyle. Ergo: Er will nicht so, wie der HSV es will. Schon deshalb halte ich eine vorzeitige Trennung für das sinnvollste. Auch wenn es sehr schade wäre, Doyles Qualitäten somit hier nie in Gänze zu sehen zu bekommen.
Mikkel Kaufmann
(FC Kopenhagen / Leihe bis Juni 2022 / Marktwert 800.000 Euro)
Er will. Immer. Im Training, bei den Kurzauftritten und bei den längeren Einsätzen. Kaufmann gilt als Mentalitätsspieler. Aber bis auf seine noch viel zu rohe Gewalt bringt der junge Däne bislang noch nicht viel zustande, was darauf setzen lässt, dass der HSV ihn im Sommer aus der Leihe heraus verpflichtet. Kaufmann ist fußballerisch zu limitiert, als dass er das System Walter auch nur ansatzweise so spielen könnte wie Robert Glatzel. Deshalb ist er hinter dem Toptorjäger des HSV auch als Nummer zwei fürs Zentrum relativ wenig auf dem Platz. Nicht in der Anzahl der Einsätze, das waren immerhin 14 Spiele – aber eben auch 14 Einwechslungen. Davon nur sieben Spiele mit mehr als zehn Minuten Einsatzzeit. Auch die insgesamt 151 Einsatzminuten können nicht zufriedenstellen. Ich hätte mir häufiger gewünscht, dass Kaufmann im Sturmzentrum auftritt – im 4-3-3 ebenso wie im 4-4-2-System. Das ist leider zu selten passiert. Denn Kaufmann ist ein Stürmertyp, der wühlt, der sich körperlich durchsetzt und der im Strafraum den Ball weniger elegant als wuchtig agiert. Ähnlich wie bei Doyle wird das aktuell nicht von Trainer Walter präferiert. Anders als bei Doyle aber zieht Kaufmann weiter durch und ich behaupte – bei allem Respekt vor seinem Können –, dass Kaufmann sich dem System des HSV nicht ansatzweise so anpassen kann, wie es Doyle könnte. Dafür fehlen ihm technisch einfach zu viele Aspekte. Hier muss man genau hinschauen, inwieweit eine Zusammenarbeit wirklich sinnvoll ist.
Gesamtnote: 5. Einfach noch ohne Wirkung. Das hätte zwar das letztlich wieder aberkannte Tor gegen Rostock auch nicht verändert, aber ich glaube bei Kaufmann daran, dass ihm ein solches Erfolgserlebnis in Hamburg deutlich mutiger auftreten ließe. Auf diesen Moment kann man hoffen – sofern die Verantwortlichen weiter von einer erfolgreichen Zusammenarbeit überzeugt sind.
Robert Glatzel
(Cardiff City / Ablösesumme 1 Mio. Euro / Vertrag bis 2024 / Marktwert 2,5 Mio. Euro)
Ich mag ihn. Als Spieler wohlgemerkt. Als Typ kenne ich ihn zu wenig, aber er kommt in der Mannschaft so gut an, dass er der vorderste Part der Mittelachse Heuer-Fernandes/Johansson – Schonlau – Meffert – Kittel zu sein scheint. Beim Trainer ist er ebenfalls hoch angesehen, auch weil er immer vorbildlich arbeitet. Glatzel ist sich für keinen Weg zu schade und will sich nicht allein als Goalgetter feiern lassen, sondern bewegt sich immer auch auf weit vor dem gegnerischen Sechzehner bis hin zur Mittellinie , um Bälle zu sichern, sie prallen zu lassen oder einfach zurückzuerobern. Glatzel gewinnt Kopfballduelle offensiv wie bei Defensivstandards. Die Diskussion, ob Glatzel sich deutlich mehr in der Gefahrenzone aufhalten sollte, führte zu einer kleinen Nachjustierung seitens der Trainer – und zu bis heute schon 9 Treffern des Mittelstürmers. Glatzel hätte zweifelsfrei noch fünf oder mehr Tore mehr schießen können bzw. müssen. Aber mir reicht seine Gesamtwirkung aktuell zum einen. Zum anderen lassen mich die Vielzahl von Torchancen und Torabschlüssen Glatzels darauf hoffen, dass das sogar noch besser wird. Ich hoffe bei dem Torjäger auf noch mal 9 Treffer und traue ihm diese auch realistisch zu. Und das wiederum wäre eine sehr gute Bilanz.
Gesamtnote bis hierhin: 2-, da Glatzel dem HSV vorn die Möglichkeit eröffnet hat, den großen Verlust von Simon Terodde über das Kollektiv auszugleichen. Vom Spielertyp her könnte das kein anderer im Team. Wenn er jetzt noch zwei von drei seiner Hundertprozentigen macht, werden wir – weiterhin - sehr viel Freude an ihm haben. Und das würde die Gesamtnote auch noch weiter anheben.
Tim Walter (vorher vereinslos / Vertrag bis 2023)
Der Trainer kam nach Hamburg und hatte den vielleicht schlechtesten Ruf seit Bert van Marwijk. Er sei ein Eigenbrödler, sei extrem stur, beratungsresistent und aufbrausend. So hieß es. Und vieles davon mag auch stimmen. Er hat sein unausgewogenes System gegen alle Widerstände bis zu dem Zeitpunkt durchgezogen, wo er auf zahlreiche Verletzungen in der Defensive reagieren und das System nachjustieren musste. Seither steht der HSV defensiv stabiler und holt mehr Punkte. Alles Punkte, die Walter nicht verschweigt sondern zur Kenntnis genommen hat – womit wir zum positiven Teil bei Walter kommen: Denn der HSV-Trainer entwickelt sich mit. So eigenbrödlerisch, so stur und so beratungsresistent er bei seinen vorigen Stationen den Schilderungen nach auch war, beim HSV lockert sich diese Sturheit. Walter wirkt oft so, als müsse er sich ein wenig zwingen, nett zu sein. Aber er macht es. Er scheint erkannt zu haben, dass sein Wirken deutlich erfolgsversprechender ist, wenn er auf Einflüsse von außen reagiert, anstatt alles abzublocken.
Walter hat es geschafft, beim HSV mejr zu verändern als die letzten HSV-Trainer zusammen. Er hat junge Spieler eingebaut und sie nicht nur aktionistisch auf den Platz gestellt, sondern sie gewinnbringend integriert. Jonas David hat sich bis zu seiner Verletzung von Spiel zu Spiel weiterentwickelt, Ludovit Reis wir d immer stärker und Mario Vuskovic ist aktuell aus der Innenverteidigung nicht mehr wegzudenken. Dazu kommen junge Spieler wie Anssi Suhonen, der auch mehrfach beweisen durfte und so auch in seiner Selbstwarnehmung kein reines Talent mehr ist. Suhonen blüht auf und neben dem Platz auf! Zudem hat Walter im Alleingang einen „schwierigen“ Spielertypen wie Faride Alidou nicht nur eingebaut, sondern zur Verstärkung gemacht. Dass dieser seinen Vertrag nicht vor der ersten Nominierung verlängert hatte – ein Fehler aller Beteiligten, wobei den Trainer hier noch die geringste Schuld trifft. Walter hat sich beim HSV den Ruf erarbeitet, der Trauner zu sein, bei dem man es als Nachwuchsspieler so schnell schaffen kann, wie bei keinem zuvor. Weshalb Walter hier einen Robin Meißner so ausgrenzt wie bisher – ich weiß es nicht. Walter begründet es auch nicht, sondern lobt Meißner. Dennoch halte ich es auch für einen Fehler.
Insgesamt hat Walter mit seinem Spielstil inklusive der Nachjustierung und dem Einbau der vielen jungen Spieler diesen HSV in die Richtung getrieben, von der man in den letzten Jahren nur gesprochen hatte. Er hat den Mut, den er immer wieder einfordert, eindrucksvoll vorgelebt. Dieser HSV hat in den ersten 18 Spielen genau zwei Spiele gehabt, in denen er phasenweise deutlich unterlegen war: Gegen Pauli, in der zweiten Hälfte des Rückspiels gegen Schalke und in weniger und kürzeren Phasen auch gegen Karlsruhe. Ansonsten hat der HSV alle Spiele weitgehend dominiert bzw. war zumindest das aktivere Team, das dem Sieg näher als der Gegner war.
Zudem schafft es Walter, auch arrivierte Spieler besser zu machen. Bestes Beispiel hierbei ist sicherlich Sonny Kittel, der das erste Mal (dreimal auf Holz geklopft!!!) seit seinem Wechsel zum HSV konstant und dazu noch als Spielmacher funktioniert. Kittel sei unter ihm „erwachsen“ geworden, sagt Walter zurecht. Denn Kittel übernimmt endlich auf und neben dem Platz Verantwortung. Irgendwie scheint Walter hier die richtige Basis gefunden zu haben, um aus dem ewigen Talent einen sportlichen Leader zu formen. Zumindest hat Kittel diese Rolle zuletzt eingenommen.
Walter hat also junge Spieler herangeführt und entwickelt sie. Er hat arrivierte Spieler dazu gebracht, auf dem Platz zu führen. Walter hat es mit seiner gefühlt einfachen Art geschafft, die Mannschaft allergrößtenteils zu erreichen. Und er hat eine Mannschaft, die in der Kabine wie auf dem Platz zusammenhält. Selbst Faride Alidou wollte bis zuletzt unbedingt die Rückrunde beim HSV spielen – wegen des Teamgeists und des Trainers. Vieles spricht dafür, dass diese Mannschaft in dieser Konstellation, zu der auch noch das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Vorstand, Sportdirektor und Trainerteam zu zählen ist, in der Rückrunde 2022 das erste Mal seit dem Abstieg nicht zusammenbricht, sondern sogar noch besser werden kann.
Gesamtnote: 2- , da zwar schon vieles gut aussieht, aber doch noch einiges besser werden muss. Die Entwicklung hin zu einem HSV, der seine eigenen Spieler entwickelt und trotzdem in der Liga oben mitspielen kann, ist ihm bis hierhin größtenteils gelungen. Seine eigene Entwicklung ist ebenso erfreulich und lässt darauf hoffen, dass es am Saisonende eine noch bessere Note gibt.
In diesem Sinne, bis morgen! Anbei noch der Hinweis, dass Ihr mir wieder via Email ([email protected]) und ab sofort per Instagram Fragen für den letzten Communitytalk des Jahres 2021 stellen könnt. Dieser wird eine Art Zusammenfassung der bis hierhin gespielten Saison und des bisher auch hier im Blog veranstalteten sein. Alles mit einem Ausblick auf das, was 2022 auf uns wartet. iM Stadion wie auch hier im Blog! Von daher: Keine falschen Hemmungen...
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