Analyse

Vorstandsstreit erreicht Sport - jetzt wird's gefährlich

Ich war am Sonnabend nach Spielschluss zufrieden. Zufrieden mit diesem Spiel gegen den FC Heidenheim, weil es verdient gewonnen wurde. Nicht weniger – aber auch nicht viel mehr…

Vorstandsstreit erreicht Sport - jetzt wird's gefährlich

Ich war am Sonnabend nach Spielschluss zufrieden. Zufrieden mit diesem Spiel gegen den FC Heidenheim, weil es verdient gewonnen wurde. Nicht weniger – aber auch nicht viel mehr „Gegen eine wirklich sehr, sehr gute Mannschaft haben wir sehr gut Fußball gespielt“, resümierte Trainer Walter zufrieden und gab seinem Team zur Belohnung am Sonntag frei. „Das haben wir überragend gemacht“, bewertete der 46-Jährige das Defensivverhalten seiner Akteure, die nach der Pause in der Abwehr stärker gefordert waren und immerhin 15 Heidenheimer Eckbälle zu entschärfen hatten. Zum Vergleich: Der HSV hatte nur zwei Ecken. Kapitän Sebastian Schonlau meinte erfreut: „Wir waren richtig gut, vor allem gegen den Ball.“

Und so sehr ich mich über selbstbewusste HSV-Spieler freue, und so sehr mich Schonlaus deutlich verbesserte Form auch erfreut: „Sehr gut“ habe ich am Wochenende nur den Spielausgang bewertet. Alle anderen und alles andere war gut, okay oder ausbaufähig. Letzteres galt vor allem auch dem Offensivspiel des HSV, der nach einer dominanten ersten Halbzeit eine zu lethargische zweite Hälfte gespielt hat.

Walter rückt ein Stück weit von seiner klaren Linie ab

Vor allem wundert es mich sehr bei Trainer Tim Walter, dass er so fulminant lobt. Das ist so absolut nicht seine Art. Im Gegenteil: Bislang ist der HSV-Trainer für mich immer mit einem sehr realistischen Blick auf die Dinge aufgefallen. Und dem wäre aufgefallen, dass der HSV in der zweiten Halbzeit das Zepter aus der Hand gab und nur mit viel Einsatz und etwas Glück nicht den Ausgleichstreffer kassiert hat, anstatt das zweite Tor nachzulegen – was auch drin gewesen wäre. Bleibt also die Frage, weshalb Walter das so sagt. Und die Antwort ist relativ simpel: Weil es schon genug Kritiker gibt.

Und damit sind nicht die Fans gemeint. Auch nicht die Medien, die über den HSV berichten.   Stattdessen hat sich der interne Streit innerhalb des Vorstandes und des Aufsichtsrates weiter ausgedehnt. Dass auch die Mannschaft Bescheid wisse, hatte Walter jüngst zugegeben und damit die Alarmglocken so laut schrillen lassen, dass sich der Aufsichtsrat schon sehr viel Mühe geben muss, um das Thema noch immer nicht abschließend beurteilen zu wollen. Oder anders formuliert: Es ist dramatisch, wie ignorant die Kontrolleure hier agieren und ihr Mandat missachten. Aber das hatten wir ja schon…

Nein, Walter weiß, dass er in einem Boot mit Vorstand Jonas Boldt sitzt. Läuft der Sport gut, festigt das sowohl seine als auch die Position von Boldt innerhalb des Klubs. Bislang jedenfalls gilt eine Abberufung Boldts als nahezu ausgeschlossen, weil mit Walter und Nachwuchschef Horst Hrubesch nahezu der gesamte sportliche Apparat gehen würde. Das kann sich der HSV schlichtweg gar nicht erlauben. Und so perfide es klingt, so ist es derzeit: Sportlicher Erfolg hilft Boldt und Co. – Misserfolg seinem Widersacher Dr. Thomas Wüstefeld und Co. Wobei ich damit absolut nicht sagen will, dass Wüstefeld auf Misserfolg hofft. Aber es erklärt zumindest, weshalb jetzt schon ordentliche Spiele wie der Sieg gegen Heidenheim zu „sehr guten“ Spielen hochstilisiert werden. Und das kann gefährlich werden, sobald es verklärt... 

Der Aufsichtsrat schläft weiterhin

Mich nervt das Ganze nur noch. Ehrlich gesagt habe ich aktuell nur noch Lust, wenn es um Fußball geht. So, wie am Sonnabend gegen Heidenheim. Alles andere ist einfach nur noch peinlich, weil es das immer wiederkehrende Muster ist: Jeder arbeitet für sich. Nach außen wird auf Zusammenhalt gemacht, intern wird geschossen. Und auf diesem Gebiet geben sie sich beim HSV derzeit alle nichts. Alle machen Fehler und zeigen dann auf den jeweils anderen. Von daher werde ich an dieser Stelle einen Teufel tun, und einseitig Partei ergreifen. Das Einzige, was für mich unumgänglich und längst fällig ist, ist eine klare Entscheidung des Aufsichtsrates. Entweder in der Sache – oder eben zum kollektiven Rücktritt ob eigener Unfähigkeit, das Amt auszufüllen.

Dass in solchen Phasen immer auch wieder alte Namen gespielt werden – logisch. Einer, der in solchen Momenten immer ganz weit vorn ist, ist Felix Magath. Mal bringt er sich selbst ins Spiel, mal wird er ins Spiel gebracht. So, wie diesmal von Hasan Salihamidzic bei „Sky90“. „Als Hamburger SV würde ich immer auf die Kompetenzen von Felix Magath zurückgreifen“, sagte der frühere HSV-Profi und heutige Bayern-München-Sportdirektor: „Er kennt die Stadt, die Führung, das Umfeld. Das ist, glaube ich, eine Herzensangelegenheit für Felix, das würde ich gerne sehen.“

Magath selbst scheint nicht abgeneigt zu sein, nach seiner geglückten Rettungs-Mission bei Hertha BSC wieder einen Job im Profifußball zu übernehmen. „Aber wenn man keine Funktion hat, kann man nur zusehen und die Daumen drücken - mehr kann man nicht machen“, sagte er. Eine Anfrage seitens des HSV habe es noch nicht gegeben. Aber, so fügte Magath schmunzelnd an: „Ich bin am Mittwoch wieder in Hamburg.“ Dann findet im Volksparkstadion die Trauerfeier für die am 21. Juli gestorbene HSV-Legende Uwe Seeler statt.

Euch allen trotzdem einen schönen Abend.

Scholle

P.S.: Die BILD berichtet, dass sich die Familie Seeler für die Trauerfeier eine Rede von Boldt wünscht. Das wird Wüstefeld nicht gefallen…

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