Vorstand, Trainer, Transferphase: Der HSV steht vor einem entscheidenden Winter
Der HSV steht nach 14 Spieltagen mit 15 Punkten da – und man muss ehrlich sagen: Das ist mehr, als dieser Kader nominell hergibt. Im Vergleich zur Bundesliga ist dieser Kader…

Der HSV steht nach 14 Spieltagen mit 15 Punkten da – und man muss ehrlich sagen: Das ist mehr, als dieser Kader nominell hergibt. Im Vergleich zur Bundesliga ist dieser Kader in seiner reinen Papierform eher im Bereich Platz 15 bis 18 anzusiedeln. Und man sollte sich von Marktwerten, die teils deutlich sinken – wie etwa bei Vieira –, nicht blenden lassen. Der HSV hat sich über Mentalität und Geschlossenheit ein kleines Polster erarbeitet, das so nicht selbstverständlich war. Dazu kommt das definitiv auch Volksparkstadion, das in engen Spielen wirklich noch einmal ein paar Prozentpunkte gibt. Trotzdem bleibt klar: Wenn im Winter nicht auf zwei oder drei Positionen gezielt und handfest nachgebessert wird, wird der Abstiegskampf brutal eng. Und das, obwohl das Trainerteam bei aller berechtigter Kritik schon jetzt sehr viel aus dieser Mannschaft herauspresst.
Ein gutes Beispiel dafür, wie man bei der Bewertung vorsichtig sein muss, ist auch Fabio Vieira. Er kam nicht als strategische Wunschlösung, sondern wurde dem HSV quasi „mit angeboten“, als man an Lokonga arbeitete. Das gehört auch dazu - sagen die Einen. Und das mag stimmen. Und natürlich ist Vieira ein nominell hochkarätiger Spieler. Niemand bestreitet, dass er Anlagen für europäische Klasse besitzt. Nur: In den letzten Jahren konnte er diese internationale Qualität zu selten zeigen. Das schmälert seine grundsätzlichen Fähigkeiten nicht, erklärt aber, warum ein Spieler dieses Profils am Ende bei einem Erstligaaufsteiger wie dem HSV landet. Es ist eben selten so wie damals bei Rafael van der Vaart, der aus familiären Gründen wechseln wollte und den der HSV monatelang intensiv umworben hat. Solche Ausnahmestorys darf man nicht als Maßstab nehmen.
Remberg und Vuskovic sind Volltreffer - aber es ist auch viel Durchschnitt dabei
Remberg ist dagegen ein starker Zugang mit viel Potenzial, und auch Vuskovic sowie der verletzte Omari gehören klar in den Bereich „echte Verstärkung“. Capaldo und Gocholeishvili heben die Mannschaft kämpferisch auf ein höheres Niveau. während der langsam stabiler werdende Torunarigha und Soumahoro eher unterdurchschnittlich performt haben. Offensiv findet der HSV quasi nicht statt. Glatzel ist verletzt, Selke weg und Königsdörffer ist alles, aber kein Torjäger. Der seinerzeit viel umjubelte Transfer von Yusuf Poulsen ist zumindest diskutabel zu diskutieren im Bezug auf seinen sportlichen Impact. Denn körperlich ist der Däne nicht stabil genug. Und der knapp drei Millionen Euro teure Alexander Rössing-Lelesit bringt eine fußballerisch überdurchscnittliche Anlage mit, es fehlt aber die Robustheit für den Erwachsenenfußball. Der Rest – die Torhüter mal ausgenommen – ist weiterhin eher Zweitliganiveau.
Vor diesem Hintergrund muss man 15 Punkte nach 14 Spielen klar als Erfolg werten. Und zwar unmissverständlich: wegen des Trainerteams, nicht trotz. Das Ergebnis wurde trotz einer Transferphase erreicht, die sportlich schlicht nicht gut umgesetzt wurde. Umso erstaunlicher ist es, dass sich nun Stimmen melden, die ausgerechnet diejenigen Verantwortlichen langfristig binden wollen, die für die sportliche Zusammenstellung verantwortlich sind und sich erst in der kommenden Winterphase beweisen müssen. Das ist das alte HSV-Muster: Nicht Leistung, nicht Analyse, nicht Qualität bestimmen die Diskussion, sondern Populismus und Netzwerke. Ein Aufsichtsrat, der sportlich kaum Expertise besitzt, wird immer dann aktiv, wenn Ruhe und Sachlichkeit wichtiger wären als Aktionismus. Und bezeichnend: Nach dem 1:4 in Hoffenheim spricht plötzlich niemand über eine Vertragsverlängerung mit Kuntz. Das wird aber reflexartig wieder sehr laut, sollte der HSV gegen Frankfurt gewinnen können. Wollen wir wetten?
Der HSV steht nach den 2 Bundesliga-Siegen in Folge mittlerweile auf Platz 13 der Bundesliga. Mit 15 Punkten aus 13 Spielen hat man für einen Aufsteiger eine gute Anzahl an Punkten geholt. Dabei holte man 13 der 15 Punkte allerdings zu Hause. Auswärts war man bisher nicht so erfolgreich. Lediglich 2 Punkte und 2 Tore sprechen Bände. Lediglich in Gladbach und in Berlin bei Union konnte man ein Unentschieden holen. Auch unabhängig von der Auswärtsfahrt in Sinsheim können sich die Spieler dabei auf den Support der HSV-Fans verlassen. Durchschnittlich fahren ca. 6750 HSV-Fans zu den Auswärtsspielen der Hamburger.
Das Traumtor von Luka Vuskovic als Weihnachtsgeschenk?

Bei Kuntz droht man das Leistungsprinzip auszuhebeln
Meine ganz klare Meinung ist: Es gibt derzeit keinen sachlichen Grund für eine vorzeitige Verlängerung. Kuntz hat einen laufenden Vertrag, der sich bei Klassenerhalt automatisch verlängert. Diesen Passus hat man m it Bedacht eingebaut. Und das war top! Genau so muss es sein. Dass man dieses vernünftige Vertragskonstrukt ausgerechnet jetzt, vor einer der wichtigsten Transferphasen der letzten Jahre, wieder kassieren und auflösen will, versteht kein Mensch, der nüchtern auf die Fakten schaut. Ja, Kuntz tritt kommunikativ stark auf und gibt dem HSV nach außen ein Gesicht. Aber sportlich schuldet er den Beweis, dass er einen Bundesliga-Kader zusammenstellen kann, der sich in dieser Liga behauptet. Die bisherige Verstärkung ist in Summe bestenfalls durchschnittlich. Und die Mär, er habe Polzin bewusst als Cheftrainer für die neue Saison vorgesehen, ist längst widerlegt. Er wollte einen anderen, einen erfahreneren Trainer – er bekam ihn schlichtweg nicht.
Warum also nicht abwarten? Warum nicht offen und fair bewerten, wie die Wintertransferphase verläuft? Warum vorher schon Verträge anpassen, die ohnehin klare Mechanismen enthalten? Steigt der HSV ab, wird niemand Kuntz im Amt halten, das weiß jeder. Bleibt der HSV drin, verlängert sich der Vertrag automatisch. „Zeichen für Kontinuität“ sind in diesem Kontext nichts weiter als populistisches Gerede. Und andere Klubs, die um Kuntz buhlen, gibt es ebenso wenig wie die zeitliche Notwendigkeit, hier dem eigentlichen Vertrag vorzugreifen. Ganz abgesehen davon, dass man einhergehend auch noch mal das Gehalt steigern würde...
Der HSV muss im Winter besser sein als im Sommertransferfenster
Zur Wahrheit gehört auch: Dieser HSV-Kader hält die Klasse nicht einfach so. Es gibt viel Abstimmungsbedarf, strukturelle Lücken, fehlende Rollenprofile. Von einem Trainer, der seine erste Saison in der Bundesliga bestreitet, kann man nicht erwarten, jede schwierige Phase mit der Routine eines Altmeisters zu lösen. Aber Polzin gleicht fehlende Erfahrung durch Klarheit, Intensität und Nähe zur Mannschaft aus. Und genau das hat man in engen Spielen deutlich gesehen – gegen Stuttgart, gegen Dortmund, in Gladbach. Er ist ein Grund, warum der HSV heute noch gut im Rennen ist.
Was ich meine, der HSV hatte – und hat – eigentlich nur zwei Wege, um die Klasse zu halten: Entweder man stellt einen sportlich so starken Kader zusammen, dass ein erfahrener Trainer daraus verlässlich das Maximum herausholen kann. Oder – und das ist der zweite Weg – man akzeptiert, dass der Kader nicht auf diesem Niveau ist, investiert gezielt in Perspektive, auf Spieler im Leistungstief und auf Entwicklung. Dafür bedarf es nicht den Altmeister, der das Moderieren von Qualität beherrscht. Das bedarf eines Trainers, der selbst noch Schritte gehen und junge Spieler mitnimmt, ihnen Vertrauen gibt und gemeinsam mit ihnen wächst. Genau diesen Weg sehe ich derzeit beim HSV: ein junger Trainer, eine Mannschaft voller Entwicklungsspieler, eine klare Idee von Zusammenhalt und Mentalität. Das man hier noch Fehler einkalkulieren muss, die erfahrene Trainer nicht machen - logisch! Und eines darf man bei aller Sympathie und aller Anerkennung auch nicht übersehen: Die Zeichen der letzten Monate zeigen deutlich, dass der HSV offensiv nicht besser wird und hier zwingend nachbessern muss.
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HSV läuft elf Kilometer weniger als Hoffenheim - so funktioniert das nicht!
Und so sehr man dem HSV zugestehen muss, dass Mentalität und Zusammenhalt in dieser Saison vieles kompensieren: Es bleibt ein entscheidender Punkt, der nicht länger übersehen werden darf. Läuferisch ist der HSV im Ligavergleich schlicht zu schwach. Das Spiel in Hoffenheim hat es gnadenlos offengelegt – ein Laufdefizit von 11 Kilometern. Elf Kilometer! Das entspricht mal eben einem kompletten, sehr lauffreudigen Spieler, der gefehlt hat. Bedeutet: Hoffenheim war über 90 Minuten rechnerisch mit einem Mann mehr auf dem Platz. Katastrophale Bilanz in diesem Punkt: Der HSV ist statistisch das läuferisch schwächste Team der gesamten Liga!
Und diesen Punkt muss sich auch das junge Trainerteam gefallen lassen. Hier muss der HSV nachbessern. Man kann nicht dauerhaft darauf verweisen, dass man defensiv kompakt steht und deswegen nicht die großen Räume belaufen müsse. Siege rechtfertigen solche Statistiken mal. Dann wird von taktisch schlauem Fußball gesprochen. Aber sowas funktioniert eben nicht dauerhaft. Zumal ich es für ausgeschlossen erachte, dass der HSV als Aufsteiger weniger investieren muss, als die Topteams....
Populismus hilft auch hier niemandem. Und das bedeutet, im Winter gezielt die Qualität zu holen, die dem Kader offensiv schlicht fehlt. Dass das schwieriger ist als im Sommer, ist wohl allen klar.
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