Vorbereitungen aufs Derby - an einem traurigen Tag
Es ist nicht leicht, das ernst zu nehmen, was hier im Fußball stattfindet, wenn man parallel mitbekommt, was sich in der Ukraine abspielt. Fußball in einem solchen Moment auch…

Es ist nicht leicht, das ernst zu nehmen, was hier im Fußball stattfindet, wenn man parallel mitbekommt, was sich in der Ukraine abspielt. Fußball in einem solchen Moment auch nur annähernd auf feindschaftliche Ebene zu heben, ist noch falscher als sonst. Es funktioniert da nicht einmal bei einem anstehenden Nordderby des HSV gegen Werder Bremen am Sonntag im Volksparkstadion. Das Gute daran: Wir von MoinVolkspark brauchen und wollen auch gar keine künstlichen Spannungen. Aber dass Werder Bremen am Sonntag im Volksparkstadion gewinnt, das wollen wir auch nicht. Und wir glauben auch nicht daran, ganz im Gegenteil zu unserem Kompagnon auf Bremer Seite, Giuseppe Cotrofu.
Mit meinem Blogger-Gegenstück aus Bremen spreche ich heute über die Sichtwiesen der beiden Fanlager auf den jeweils anderen Klub. Wir analysieren die Stärken und sprechen über das, was wir von dem Nordderby am Sonntag erwarten. Aber seht und hört selbst:
Sollte er ausfallen, wäre das ein wirklich harter Schlag für den HSV. Und nachdem man am Vormittag noch leise Hoffnungen hatte, dass er am Nachmittag zumindest wieder dabei sein könne, fehlte HSV-Kapitän Sebastian Schonlau auch hier. Die Corona-Tests seien bislang alle negativ geblieben und „Unwohlsein“ wurde als Grund fürs Fehlen angegeben. Allein ob er am Sonntag spielen kann, ist weiter offen. Sollte er ausfallen, müsste sich HSV-Trainer Tim Walter aber etwas einfallen lassen. Zumal es am Sonntag gegen die meiner Meinung nach besten Offensivspieler (nach Robert Glatzel selbstredend) geht: Niclas Füllkrug und Marvin Ducksch.
Jonas David wäre die erste Alternative, sollte man meinen. Er wäre positionell ein 1:1-Ersatz. Und damit müsste Walter nicht zu viel umbauen, da die zweite Alternative gleich eine weitere Umstellung bedingen würde – für mich aber einen Gedanken wert ist: Moritz Heyer. Ich habe gerade erst geschrieben, dass Heyer als Rechtsverteidiger im Moment maximal wertvoll ist. Aber, und das unterstreicht meine hohe Meinung von dem Ex-Osnabrücker: Auch in der Innenverteidigung kann er ein Stützpfeiler sein. Gerade jetzt, wo Kapitän und Organisator Schonlau auszufallen droht, wäre das wichtig.
Andererseits kennen wir alle Tim Walter und sein Credo: Mutig sein! Er selbst lebt es vor. Schon seit Saisonbeginn, wo er beispielsweise mit der Personalie Jonas David Mut bewies – und dafür belohnt wurde. Denn David wurde von Spiel zu Spiel stärker und sicherer – bis er verletzungsbedingt ausfiel und Mario Vuskovic seine Chance auf der Innenverteidigerposition eindrucksvoll nutzte. So eindrucksvoll, dass der Kroate aus der Stammelf nicht mehr wegzudenken war und David vom Trainer gesagt bekam, dass er sich ihn auch auf der Sechs vorstellen könne.
Mutig wäre es sicherlich, David nach dessen langer Pause und den wenigen Spielminuten in 2022 für Schonlau neben Vuskovic zu stellen. Aber es würde zu Walters Art passen, denn es wäre konsequent. Und aus dieser Konsequenz hat die Mannschaft in den letzten Monaten eine Stärke entwickelt. Nämlich die, auch die vermeintlich schwerwiegendsten Ausfälle im Kollektiv kompensieren zu können. Zur Erinnerung: Zuletzt war es die fünfte Gelbe Karte, die den unersetzbaren Sonny Kittel das Spiel in Darmstadt kostete. Mit dem Ergebnis, dass der HSV beim damaligen Tabellenführer mit 5:0 gewann. Von daher bin und bleibe ich auch bei einem etwaigen Ausfall des Kapitäns optimistisch, dass der Trainer eine Idee hat, wie man diesen Ausfall kompensieren kann. Wer, wenn nicht Walter…?
Die Zahlen bestätigen den Walter-Kurs. Als einzige Mannschaft der beiden Top-Ligen hat der HSV nur zwei Saison-Niederlagen. Keiner hat weniger Gegentore (21) als der HSV. Aber: Auch keiner hat mehr Unentschieden als der Zweitliga-Zweite aus Hamburg (11). Walter als Andersmacher - als er kam und mit ulkigen Strafmaßnahmen den Trainingsbetrieb aufmischte, kam im Volkspark neues Leben in die Bude. Die Verlierermannschaft im Training musste machen, was sich Coach oder Siegerteam mit diebischer Freude ausdachten: die Sieger huckepack in die Kabine tragen, mit der Nase über die Grasnarbe krauchen, sich den Ball auf den Allerwertesten dreschen lassen. „Verlieren muss wehtun“, sagt Tim Walter, der selbst beim Mensch-ärger-dich-nicht-Spiel mit seinen Kindern partout nicht verlieren kann. „Ich spiele nie, um zu spielen. Ich spiele, um zu gewinnen“, verrät er.
Dieser unbedingte Siegeswille in jeder Situation ist für Walter ein Charaktermerkmal. Und der Nebeneffekt der Strafeinheiten hatte es in sich: die Stimmung wurde ausgelassener, der Zusammenhalt immer größer. Mit der guten Laune wuchs der Teamgeist. Auch der, sich für den Nebenmann in jeder Situation und immer den Allerwertesten aufzureißen. Soll heißen: Am Sonntag dann eben auch für Schonlau, David, Vuskovic oder Heyer – oder wer auch immer gegen Werder in der Innenverteidigung auflaufen wird…
In diesem Sinne, im Nachgang noch ein paar Worte zu dem, was uns alle heute erreicht hat. Und Ihr wisst, ich werde an dieser Stelle so gut wie nie politisch. Aus Prinzip. Aber an diesem Tag, von dem ich schon als Schüler im Geschichtsunterricht gehofft hatte, ihn nie erleben zu müssen, komme ich nicht drumherum. Zuhause läuft der TV nonstop, meine Frau hat Angst – und wir sind erschüttert, dass sowas in unserer heutigen Welt noch passiert. Als Despot einen falschen Genozid an Landsleuten vorgeben, die Bekämpfung von Neonazis vorgaukeln, weil sich ein ehemals russisches Land inzwischen demokratisch etabliert hat und im selben Atemzug dieses Land von allen Seiten militärisch anzugreifen – schlimmer kann es nicht kommen.
Wie erwähnt, ich will und werde das hier nicht zur politischen Plattform werden lassen. Das mache ich zuhause mit meiner Frau, mit Freunden und vielen Bekannten. Hier schließe mich dafür aber den Statements von Giorgie Chakvetadze an, der sich mit den Ukrainern solidarisiert. Ich finde es gut, dass Schalke die Gazprom-Werbung vom Trikot verbannt. Und ich schließe mich den Statements der norddeutschen Sportklubs an. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine fordern diese ein sofortiges Ende der Kampfhandlungen. „Krieg ist keine Lösung. An keinem Ort. Zu keiner Zeit. Wir als HSV stehen für Frieden und eine freiheitliche Grundordnung. Unser Mitgefühl und unsere Gedanken sind bei allen betroffenen, leidenden Menschen“, twitterte am Donnerstag der HSV. Auch Stadtrivale FC St. Pauli brachte sein Unverständnis für die Auseinandersetzungen zum Ausdruck. „Es herrscht Krieg mitten in Europa. Der Angriff Russlands auf die Ukraine erschüttert uns und macht uns fassungslos. Unsere Solidarität und unser Mitgefühl gelten den Menschen in der Ukraine“, teilte der Kiezclub mit. „Unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind bei den Menschen in der #Ukraine. Die aktuellen Ereignisse machen uns betroffen und fassungslos“, kommentierte Nordrivale Holstein Kiel. Und betonte: „Für eine Welt ohne Krieg!“
Auch die schleswig-holsteinischen Handball-Bundesligisten zeigten sich geschockt. „Es gibt nur einen Weg: Frieden“, twitterte die SG Flensburg-Handewitt, die am Abend noch im Champions-League-Einsatz war. „Uns fällt es schwer, zur Tagesordnung überzugehen“, fügte der Verein hinzu. „Wir stehen als THW Kiel für Frieden und Freiheit - die Menschen in der Ukraine und alle, die um das Leben ihrer Familien, Bekannten und Freude in der Ukraine bangen, haben unser Mitgefühl und unsere Solidarität“, twitterte der deutsche Rekordchampion. „Wir sind erschüttert, dass unser friedvolles Miteinander in Europa durch den russischen Angriff auf die Ukraine mit Füßen getreten wird.“
In diesem Sinne, bis morgen.
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