Analyse

Vor dem Duell mit dem Tabellenzweiten: Was sich der HSV vom SSV Jahn Regensburg abschauen sollte

der gestrigen Pressekonferenz, die hier im Blogforum die größten Wellen schlugen. Sie wurden von dem einen sehr wörtlich auseinandergenommen und via Statistik belegt, dass in…

Vor dem Duell mit dem Tabellenzweiten: Was sich der HSV vom SSV Jahn Regensburg abschauen sollte

„Regensburg spielt so und nur leicht verändert schon drei Jahre zusammen“ und „es ist nicht wichtig, wie viele Punkte es werden, sondern wie sich die Mannschaft präsentiert und entwickelt“ waren sinngemäß die zwei Aussagen von Tim Walter auf der gestrigen Pressekonferenz, die hier im Blogforum die größten Wellen schlugen. Sie wurden von dem einen sehr wörtlich auseinandergenommen und via Statistik belegt, dass in der letzten Startelf der Regensburger nur ein Spieler länger als drei Jahre im Verein ist. Kann man natürlich so machen. Ich versuche aber eher die Kernaussage zu nehmen und sie zu bewerten. Und die soll heißen, dass Regensburg über ein eingespieltes Team im Ganzen verfügt – und das stimmt. Dafür reicht es im heutigen Fußball ja schon, wenn mehr als sechs, sieben Spieler mal mehr als 12 Monate konstant zusammen spielen. Zumindest waren in den letzten Jahren sehr oft die Teams am stärksten, die ihre Startelf der Rückrunde zur neuen Saison weitgehend auch in der darauf folgenden Saison aufrechterhalten konnten. Ich erinnere da an Paderborn, Bochum, und jetzt auch der FC St. Pauli.

Vor allem aber gibt es eine Konstante beim nächsten HSV-Gegner, die ich besonders spannend find: Nämlich den Trainer. Denn der ist seit 2006 Angestellter des Vereins. Zuerst bis 2012 als Spieler, ehe er direkt nach dem Ende seiner Profikarriere als Cotrainer von Regensburg II anheuerte. Vier Jahre lang lernte er dort das Handwerk des Trainers, ehe er 2016 die U19 des Klubs als Cheftrainer übernahm. Parallel dazu wurde er neuer Nachwuchsleiter des Klubs. Zumindest ein Jahr lang, denn 2017 ging es die nächste Stufe empor: Selimbegovic wurde Cotrainer der ersten Mannschaft, die als Tabellenfünfter in der Zweiten Liga unter dem Cheftrainer Achim Beierlorzer positiv überraschte. Nach einer guten Saison 2018/2019 verließ Beierlorzer den Jahn in Richtung 1. FC Köln – und Selimbegovic beerbte ihn. Mit anderen Worten: Der SSV Jahn hat sich seinen heutigen Cheftrainer über viele Jahre selbst entwickelt.

Nicht ganz unwesentlich hierbei ist zu erwähnen, dass Selimbegovic in den ersten beiden Jahren die Mannschaft vom achten Tabellenplatz auf den 12. Rang (2019/2020) und dann sogar nahe an den Abstieg auf Rang 14 (2020/21) führte – und trotzdem ist er heute noch Cheftrainer. Weil die Regensburger ruhig geblieben und ihrer Überzeugung gefolgt sind. Inzwischen fahren sie erste Erfolge ein – wobei ich noch nicht über die Brücke gehe, zu behaupten, der Jahn sei inzwischen so sattelfest im oberen Drittel angesiedelt, dass man daraus eine Erwartung ableiten kann. Im Gegenteil: Erfolge zu bestätigen ist zumeist viel schwerer, als zu überraschen.

https://soundcloud.com/user-36211795/fr201121-walter-warnt-alidou-fans-den-hsv-und-vuskovic-will-durchstarten?si=de41fd713b5a4daa8162483ef25120c3

Und auch beim Jahn hat sich personell elementar etwas verändert. Denn mit Christian Keller hatten sie einen unumstrittenen starken Mann an der Spitze, der seinerseits den Weg von unten aus der Bayernliga (damals sogar nahe der Insolvenz) bis heute mitgegangen war. Wie Selimbegovic ist auch er mit dem Verein zusammen gewachsen. Und ich wähle hierbei die Vergangenheitsform wähle ich hierbei weil er inzwischen eine freiwillige Pause eingelegt hat – und seinen Nachfolger auch noch selbst gescoutet hat. Es geht also alles auch im beschaulich-vernünftigen Rahmen ohne große Streitigkeiten, Entlassungen und Abfindungen… 

Wer die ganze Geschichte hören möchte, dem sei an dieser Stelle der Podcast des Abendblattes (HSV – wir müssen reden) ans Herz gelegt!

Allein in diesem Bereich ist der nächste HSV-Gegner für mich ein gutes Beispiel für die  Zukunft hier beim HSV. Denn er beinhaltet alles, was ich mir von Spielern ebenso wie vom Trainer und den Verantwortlichen hier in Hamburg erhoffe: Einen Plan. Ich glaube zudem weiter fest daran, dass die Bindung der Verantwortlichen zum Verein ein ganz wesentlicher Katalysator sein kann. Nicht muss! Aber er kann es sein! Zumal, wenn es gut läuft. Denn dann redet man nicht mehr nur über den Identifikationsfaktor, sondern lebt es von Vereinsseite auch vor. Das hätte in so vielen Bereichen eine Wirkung, wie sie dem HSV von jetzt gerade fehlt… 

Aber wer jetzt wissen will, was ich mit dieser Identifikation meine, der braucht morgen nur mal den Trainer am Rand zu beobachten, wie der immer abgeht. Wobei ich auch gern zugebe, dass Walter am Rand nicht viel weniger emotional unterwegs ist. Aber er kann eben einfach die Bindung zum HSV mit all seinen Eigenschaften noch gar nicht so haben, wie sie ein Selimbegovic in Regensburg oder auch das personifizierte Paradebeispiel Christian Streich beim SC Freiburg haben. Denen nehme ich das zu 100 Prozent ab.

https://open.spotify.com/episode/1OzLa2pjnQO7eiYD8ROy7M?si=4ca01824cf984548

Aber genau dieses Merkmal muss bei jedem Trainer, den der HSV aussucht, meiner Meinung nach das Ziel sein. Man sollte immer versuchen, den Trainer zu holen, mit dem man theoretisch die nächsten zehn, 15 oder mehr Jahre zusammenarbeitet. Und wenn ich mir die Frage stelle, ob Walter das Potenzial dafür hat, möchte ich an dieser Stelle die Antwort noch nicht geben. Ich will es nicht ausschließen – aber das möge dann doch bitte jeder für sich entscheiden.

Ich persönlich glaube zumindest nicht, dass Sportvorstand Jonas Boldt und Sportdirektor Michael Mutzel davon ausgegangen sind, dass Walter hier zehn oder mehr Jahre Trainer bleibt. Dafür ist Walter in seiner Art zu krass und zu eindimensional. Ich glaube vielmehr, dass Boldt und Mutzel jemanden gesucht haben, der schnell neue Effekte hervorruft, denn das tut Walter zweifellos. Und auch sehr viele sehr positive, wie zum Beispiel das mutige Einbinden von jungen Spielern. Womit ich zum Eingangszitat zurückkomme. Denn dort sagte Walter, dass die Punkte nicht entscheidend seien. Aber ich glaube, er formulierte es nur falsch und meinte das Richtige.

Ich glaube zumindest, er wollte sagen, dass die Entwicklung noch wichtiger ist als der kurzfristige Erfolg. Den wolle er sicher parallel auch. Auch in Form von Siegen, die er von seiner Mannschaft erwartet. Aber das sei eben nicht der erste Maßstab für ihn, ob die Mannschaft es gut oder nicht so gut mache. Problem hierbei: Im HSV und drumherum gibt es dafür in aller Regel zu wenig Geduld. Siehe auch hier im Blog. Anders als unter Keller in Regensburg, die ruhig geblieben sind, obgleich es sportlich unter Selimbegovic zunächst einmal im Ergebnis schwächer wurde.

Nein, Regensburg ist nicht Hamburg, und der Jahn nicht der HSV. Hier denken – das hatten wir im Blog ja in den letzten Tagen zur Genüge – immer noch sehr viele, dass dieser HSV große Ansprüche haben MUSS, weil es eben der HSV ist. Und genau deshalb ist ein echter Neuanfang hier seit Jahren auch weder wirklich gewollt noch wirklich versucht worden. Weil alle Schiss vor dem Druck von außen hatten. Und das teilweise auch immer noch haben.

Aber bevor ich mich wiederhole und bevor ich diesen stark verspäteten Blog beende, noch schnell ein paar Worte  zum Spiel, das ich morgen Im Volksparkstadion live und vor Ort mit wahrscheinlich nur vergleichsweise wenigen Fans verfolgen werde: Ich freue mich darauf! Weil ich glaube, dass der HSV maximal gefordert wird. Weil ich glaube, dass der HSV es mit dem bisherigen „All-in“-Fußball von Walter nicht gewinnen kann und der Trainer schon deshalb umdenken MUSS.

Und ich freue mich auf Mario Vuskovic, dessen erstes Spiel ich deutlich besser gesehen habe als der allergrößte Teil hier. Zumindest hat der Kroate Ansätze gezeigt, die mich darauf schließen ließen, dass der eine echte Verstärkung sein kann. Wenn Walter ihn denn spielen lässt. Heute sind zumindest keine neuen Verletzten dazugekommen, lediglich Faride Alidou wurde geschont, soll aber problemlos einsetzbar sein. Jonas Meffert trainierte mit und soll auch gegen Regensburg wieder im zentral-defensiven Mittelfeld agieren. 

Entschuldigt bitte das späte Erscheinen heute.  Es ließ sich leider nicht anders machen. Morgen bin ich dafür früher dran. Dann auch wieder mit dem Blitzfazit nach dem Heimspiel, das erneut ohne die Unterstützung der Ultras auskommen muss, wie die Mopo berichtet. 

Bis morgen!

Scholle

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