Aktuell

Vor Darmstadt: Hoffnung, Hilfe und harte Entscheidungen beim HSV

Wenn es mit den Punkten nicht klappt, dann zumindest mit den guten Taten: Zum Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg trugen die HSV-Profis ein besonderes Trikot: Es wurde von…

Vor Darmstadt: Hoffnung, Hilfe und harte Entscheidungen beim HSV

Wenn es mit den Punkten nicht klappt, dann zumindest mit den guten Taten: Zum Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg trugen die HSV-Profis ein besonderes Trikot: Es wurde von jungen Fans anlässlich des Weltmädchentages gestaltet. Gemeinsam mit Trikotsponsor Helm AG überreichte der Verein nun Spendenschecks in Höhe von insgesamt 45.000 Euro an die Kinderrechtsorganisation Plan International. Mit der Summe sollen weltweit Projekte gefördert werden, die sich für die Rechte und den Schutz von Mädchen einsetzen. HSV-Vorstand Eric Huwer übergab einen Scheck über 30.000 Euro – ein Teil davon stammt aus den Verkaufserlösen der Sondertrikots.

Sportlich dominiert derzeit allerdings ein anderes Thema: der Aufstiegskampf. Nach der Niederlage gegen Karlsruhe (1:2) wächst die Nervosität. Eigentlich sollten Trainer Merlin Polzin und Assistent Loïc Favé die sportliche Wende einleiten – doch auch andere sind jetzt gefordert. So sieht es zumindest Norbert Hadeler, Präsident des Fanclubs „Hermann’s treue Riege“. Er sagt gegenüber der „Bild“: „Die Ausgangslage in Liga zwei war für uns selten so gut. Ich setze auf Kuntz. Er hat alles erlebt und kann mit seiner Erfahrung dem jungen Trainerteam helfen.“ Tatsächlich könnte Sportvorstand Stefan Kuntz nun eine entscheidende Rolle spielen – auch wenn er sich bislang im Hintergrund hielt.
Aber: Mit Reden allein wird es nicht funktionieren. Und dass sich Kuntz wie ein Papa zu seinen Kids auf die Bank setzt, um ihnen zu helfen – ausgeschlossen! Es wäre gleichbedeutend mit dem Aus von Polzin als Chefcoach, und das sehen beim HSV neben Kuntz viele andere als noch längst nicht erreicht. Im Gegenteil! Insbesondere Kuntz hob zuletzt noch einmal die Analyse-Arbeit seines jungen Trainerteams hervor und bezeichnete die Aufarbeitung der jüngsten Misserfolge als herausragend. Wobei sich mir die Frage stellt, wie genau denn diese Aufarbeitung aussieht …

Unser Blogfreund und Psychologe Dr. Olaf Ringelband hat sich dem Thema mal angenommen und liefert eine Erklärung:
Anbei dazu ein Beitrag unseres Blog-Psychologen Dr. Olaf Ringelband, der sich mit diesen Ängsten auseinandergesetzt hat und sie uns erklärt:

Wenn der Kopf blockiert: Der HSV und das Phänomen „Yips“
Wer die letzten Spiele des HSV gesehen hat, dem ist eines klar: Die Leichtigkeit aus der Anfangszeit unter Trainer Polzin ist verflogen. Psychologisch betrachtet ist das ein spannendes Phänomen, das man nicht nur aus dem Sport kennt.
Leistungssportler sind meist erfolgshungrig und stark leistungsorientiert. Die Aussicht auf Erfolg ist ein mächtiger Antrieb – in der Psychologie spricht man von „Erfolgsmotivation“. Es gibt jedoch eine zweite, ihr sehr ähnliche Form der Motivation: die „Misserfolgsvermeidungsmotivation“.
Den Unterschied kennen viele noch aus der Schulzeit. Manche lernen viel, um gute Noten zu bekommen. Andere hingegen lernen aus Angst vor schlechten Noten – sie haben nach der Klausur oft das Gefühl, versagt zu haben, obwohl das Ergebnis letztlich doch gut ist. Beide Motivationen können leistungsfördernd sein: einmal strebt man aktiv nach Erfolg, das andere Mal arbeitet man hart, um Misserfolg zu verhindern.
Problematisch wird es, wenn die Motivation zur Misserfolgsvermeidung zu einem überhöhten Erregungsniveau im Gehirn führt. Das ist an sich nicht schlecht – ein gewisses Maß an Anspannung steigert die Leistungsfähigkeit. Doch ab einem bestimmten Punkt kehrt sich dieser Effekt um: Übererregung hemmt die Leistung. Wer sich zu viele Gedanken macht oder überkonzentriert ist, verliert die Leichtigkeit.
Besonders gut untersucht ist dieses Phänomen im Golfsport – dort nennt man es „Yips“. Damit ist gemeint, dass Spieler beim „Putten“, also kurz vor dem Einlochen, motorisch blockieren. In extremen Fällen gelingt es ihnen nicht einmal mehr, den Schläger richtig zu halten. Interessanterweise tritt „Yips“ genau dann auf, wenn das Ziel – das Loch – zum Greifen nah ist.
Beim HSV zeigt sich ein ähnliches Muster. Natürlich gibt es keine physischen Ausfälle wie beim Golf, aber mental scheint etwas Ähnliches zu passieren. Jetzt, da der Aufstieg zum Greifen nah ist, steigt die Anspannung. Die Angst vor dem Scheitern hemmt die Automatismen. Selbst einstudierte Abläufe wie Ballannahme und Spielzüge funktionieren nicht mehr zuverlässig.
Was kann man dagegen tun? Leider gibt es kein einfaches Gegenmittel gegen „Yips“. Psychologische Verfahren, die ursprünglich aus der Traumatherapie stammen – etwa EMDR –, haben in manchen Fällen positive Effekte gezeigt. Auch Techniken der kognitiven Verhaltensmodifikation können hilfreich sein.
Was hingegen selten hilft, sind wohlmeinende Ratschläge wie „einfach mal locker bleiben“ oder Aussagen wie die von Dirk Schuster heute in der BILD, man müsse „versuchen, den Profis Selbstvertrauen einzuimpfen“.

Dr. Olaf Ringelband

Das, was andere oft platt als „Eier haben“ bezeichnen, ist jetzt wichtig: eine Herangehensweise, die nicht die Beine blockiert. Einer, der für mich in diese Kerbe schlagen könnte, ist Lukasz Poreba. Zumindest gewesen. Denn nachdem er zuletzt im Mittelfeldzentrum gute Partien absolvierte und dennoch wieder rausgenommen wurde, dürfte auch er seinen Wert erkannt haben. Der Pole, fest vom RC Lens verpflichtet, stand zuletzt sogar kaum noch im Kader. Nach einem schwachen Spiel gegen Braunschweig (2:4) rutschte er wieder aus dem Team. Trainer Polzin lobte ihn zwar, doch die Konkurrenz scheint zu groß. Im Training war Poreba zuletzt häufig nur Ergänzungsspieler – teilweise sogar als Verteidiger eingesetzt.
Bereits in der Hinrunde hatte er Wechselgedanken, auch ein Wechsel in die MLS nach Vancouver stand im Raum. Der HSV lehnte ab, doch Spielpraxis erhielt er kaum. Zur Saisonanalyse dürfte sein Name erneut auf dem Tisch landen – auch von ihm ausgehend. Von daher ist es sehr fraglich, ob Poreba aktuell unvorbelastet und dementsprechend unbeschwert in so ein Spiel gehen kann. Zumindest werden Polzin und Co. hier genau hinsehen und hineinhorchen müssen, ob der Mittelfeldspieler eine Hilfe für das aktuelle „Kopf-Problem“ ist.

Übrigens: Auch beim SV Darmstadt 98 könnte es im Sommer einen prominenten Abgang geben. Kapitän Clemens Riedel besitzt laut „Sky“ eine Ausstiegsklausel über zwei Millionen Euro. Der 21-Jährige weckt Interesse bei mehreren Bundesligisten. Riedel gilt als eines der größten Talente im deutschen Fußball und könnte den Tabellenzwölften ein Jahr vor Vertragsende verlassen.

Unterdessen laufen beim HSV die Vorbereitungen auf das wichtige Spiel gegen Darmstadt. Hoffnung macht – auch mir – vor allem die Rückkehr von Miro Muheim. Auch Sebastian Schonlau steht nach überstandenen Rückenproblemen wieder als Option für die Innenverteidigung zur Verfügung. Beide mischten im Mannschaftstraining wieder voll mit. Muheim dürfte sogar sofort wieder ein Startelfkandidat sein – er war auf jeden Fall beim Trainingsspiel gleich Teil der vermeintlich ersten Elf. Der Linksverteidiger war zuletzt schmerzlich vermisst worden: Ohne ihn gelang dem HSV in drei Spielen kein Sieg. Trainer Polzin betonte bereits, wie wichtig Muheim sei. Der Schweizer könnte mit seiner Rückkehr der Schlüssel zur Wende sein. Stammkeeper Daniel Heuer Fernandes pausierte derweil mit Fußproblemen und absolvierte nur eine individuelle Einheit. Aber auch er soll einsatzbereit sein.

Trotz des sportlichen Zitterns plant der Hamburger Senat bereits die große Aufstiegsparty. Am 19. Mai – dem letzten Zweitligaspieltag – könnte es im Rathaus und auf dem Rathausmarkt eine Doppel-Feier für beide HSV-Teams geben. Auch die HSV-Frauen stehen kurz vor dem Aufstieg. Offiziell will der Senat sich noch nicht festlegen. Aber Sprecher Marcel Schweitzer erklärte: „Ein Doppelaufstieg wäre eine besondere sportliche Leistung. Wie diese gewürdigt wird, wird mit dem HSV abgestimmt.“ Noch sei es dafür zu früh – doch intern wird offenbar bereits vorbereitet.

Fakt ist: Der Zeitpunkt für eine sportliche Trendwende ist jetzt. Und zumindest die Statistik spricht schon mal dafür: Der HSV hat noch nie ein Pflichtspiel in Darmstadt verloren – zehnmal trat man dort an, sechs Siege und vier Remis stehen zu Buche. Besonders Robert Glatzel liebt das Böllenfalltor – sechs Tore in acht Spielen, vier davon bei einem 5:0 im Februar 2022.

Auch im Team gibt es trotz des Drucks Kampfansagen. Daniel Elfadli sagte dem NDR: „Wir sind überzeugt von uns. Jetzt negativ zu werden, wäre falsch. Wir gehen mit Vollgas ins Training und ins Spiel.“ Die Voraussetzungen dafür sind da. Jetzt braucht es aber endlich auch wieder Leistung zu den Ankündigungen.

In diesem Sinne, Euch allen noch einen schönen Mittwoch!

Scholle

Anzeige · Partner

Zeig deine Farben

Unsere Freunde von HANDS OF GOD setzen ikonografischen Momenten und Legenden der Vereinsgeschichte ein künstlerisches Denkmal.

Alle Hamburg-Motive bei HANDS OF GOD

Wir sind Partner von HANDS OF GOD und bekommen eine Provision, wenn du über diese Links kaufst — für dich ändert sich am Preis nichts. Gezeigt werden nur Motive, die wir selbst aufhängen würden.

Diskussion

0 Kommentare

Diskutier mit!

Registriere dich kostenlos — dann kannst du unter den Beiträgen mitdiskutieren, antworten und liken.

Jetzt kostenlos registrierenAnmelden
DU
Bleib fair — wir moderieren mit Augenmaß.
Noch keine Kommentare — sei der/die Erste.
Lies weiter Meinung HSV-Blamage- Die Taktik war das geringste Problem Ein Tag nach der Pleite sitzt der Frust tief. Neben taktischen Mängeln fehlte vor allem eins: die Bewegung und der Wille, den Ball zu fordern. Das Problem war viel tiefer als die reine Herangehensweise Weiterlesen